Samstag, 2. Juli 2011

Schiffstourismus



Nach einigen Wochen verregnetem Arosa und wenigen ebenso nassen Tagen in Zürich sind wir wieder zurück. Geschneit hat es auch. Doch sogar in diesem Wetter konnten wir uns erholen, auch wenn wir, da weit weg von Zürich, nur wenige Freunde sahen. Trotz Regen und Nebel erholten wir uns und ich hatte an einem Ausnahmetag sogar die Gelegenheit, mir die Nase zu verbrennen. Am Fernseher gab’s fast täglich Tatort, Nachrichten haben wir vorwiegend verschmäht.

Nach unserer Rückkehr holten uns diese ein.

Es ist schon zum Fürchten oder, je nach dem, zum Lachen was auf uns Israelis in den kommenden Monaten alles zukommt. Die Flottille, die Wahlen der Palästinenser, die Abstimmung in der UNO über Palästina etc.

Die famose Flottille westlicher Gazafans scheint sich dieser Tage von selbst aufzulösen – dass Israel natürlich daran Schuld sein soll, liegt in der Natur der Sache. Fanatisierte Araber wie die Hamas müssen naturgemäss für alles einen Sündenbock finden und ihre Adlaten, seien das rot-grüne Juden hassende Ideologen oder gutmenschliche „nützliche Idioten“, von denen, wie ich wiederholt in der Schweiz feststellte, es genügend gibt, Juden und Nichtjuden.

Lassen wir das. Mich nimmt nur wunder, wie viele dieser Schiffchen und Boote Richtung Gaza-Israel überhaupt auslaufen werden. Einige sind kaputt, andere werden von den Griechen festgehalten und von einem wurde sogar der Kapitän verhaftet. Immerhin verzichten die meisten dieser „Seeleute“ nach Gaza Hilfsgüter zu bringen. Denn inzwischen weiss jedes Kind, dass wirkliche materielle Not in Gaza nicht existiert, sondern von den dortigen Behörden für offizielle Besichtigungen künstlich gepflegt wird. Erlogen, wie die gesamte Leidenspropaganda aus palästinensischer Feder und der Feder ihrer oben erwähnten Jünger.

Gelegentlich werde ich von gutmenschlichen Gedankenwellen überrollt und denke, eigentlich sollte Israel diese Gazatouristen doch einfach zu ihrem Paradies zwischen Israel und Ägypten durchfahren lassen. Doch in einer Region, in der Souveränität eine besondere Wichtigkeit zu haben scheint, könnte das fatal werden. Zudem zeigt die Geschichte, dass jedes israelische Zugeständnis an die Palästinenser, die bisher selbst noch nie irgendwelche Konzessionen an Israel gemacht haben, solches von diesen stets als israelische Schwäche gesehen wird.

Noch ist kein Besucherschiff in Gaza oder wenigstens in den israelischen Hoheitsgewässern angekommen. Die Geschichte ist spannend, wird wenigstens für mich zum Thriller, auch wenn ich es nicht mehr fertig bringe, sie allzu ernst zu nehmen. Ich hoffe vor allem, dass es keine Opfer geben wird – alles andere ist mir ziemlich egal.

Noch eine Wahrnehmung: es scheint, dass seit der arabische Frühling ausgebrochen ist und die damit verbundene Zahl der Toten in die Tausende steigt, unter vernünftigen Weltbürgern eine ein klein wenig kritischere Wahrnehmung in der Sicht der arabischen und islamistischen Welt wächst. Zwar ist Israel innert weniger Wochen den Griechen ans Herz gewachsen und die türkische Regierung scheint sich für uns ein wenig zu erwärmen, weil sie von syrischen Flüchtlingen überflutet wird und vorgibt, erst jetzt am Beispiel Syriens zu merken, wie tödlich arabische und islamische Tyrannei ist, ob säkular wie in Syrien oder frömmelnd wie im Iran und Saudi Arabien.

In diesem Zusammenhang, mit der Schuld Israel an allem Bösen, das den Gazaners und überhaupt den Palästinensern und Arabern widerfährt möchte ich abschliessend den letzten Abschnitt aus einem Gespräch mit Henryk M. (Modest) Broder im Cicero vom 2.7.2011 zitieren:

Modest sagt:

"Kritik verhält sich immer nach dem Verhalten des Kritisierten. In dem Fall [Israel und Juden] aber hat die "Kritik" eine ganz andere Struktur. Egal was Israel macht, es macht es falsch. Das ist übrigens auch eine Analogie zum klassischen Antisemitismus. Waren die Juden reich, waren sie Ausbeuter, waren sie arm, waren sie Schmarotzer. Waren sie intelligent, waren sie überheblich. Waren sie dumm, waren sie Parasiten. Das heißt, aus der Sicht des Antisemiten kann der Jude nichts richtig machen. Und aus der Sicht des Antizionisten kann Israel nichts richtig machen. Hält es Gaza besetzt, ist es besetzt. Räumt es Gaza, dann ist es nur ein Trick, um die Besetzung mit anderen Mitteln aufrecht zu erhalten. Deshalb ist der linke Antizionismus eine vollkommen verlogene Geschichte, während der klassische bürgerliche Antisemitismus à la Möllemann und Hohmann doch relativ überschaubar ist. Da funktionieren auch die gesellschaftlichen Mechanismen komischerweise viel schneller, als beim linken Antisemitismus."

Freitag, 20. Mai 2011

Gut für Israel, schlecht für Nethanyahu



„Gut für Israel, schlecht für Nethanyahu“ hörte ich heute Abend auf Fernsehkanal Zwei. Gemeint ist die gestrige Rede von Präsident Obama im amerikanischen Aussenministerium. Dieser Kommentar kommt ganz genau auf den Punkt! Jetzt ist Bibi bei Obama und vertritt, wie er meint, die Interessen aller Israelis, also auch die meinen. Falsch, nur weiss ich nicht, was ich und andere dagegen tun können, ausser auf die nächsten Wahlen zu warten oder vielleicht eine Demonstration auf dem Tel Aviver Rabinplatz zu veranstalten.

Obamas Rede war die beste, die, falls mich mein Erinnerungsvermögen nicht völlig täuscht, je ein amerikanischer Präsident über die Dauerkrise Israel-Palästinenser gehalten hat. Unser gegenwärtiger Ministerpräsident, dem, wie ich schon wiederholt geschrieben habe, ein Frieden mit den Palästinensern gegen seine innerste nationalistische Überzeugung steht, kann nicht über seinen eigenen Schatten springen. Kein bisheriger Friedenplan sieht vor, dass Israel die gesamte Westbank behalten darf. Heute hat sich Nethanyahu wie einst Arafat benommen, der, als dieser in Camp David (im Jahre 2000) die Gelegenheit hatte mit Israel Frieden zu schliessen, dazu nein sagte und die schon vorbereitete Intifada 2 auf Israel losliess. Wie es sich herausstellte, nicht nur, weil er grundsätzlich keinen Frieden wollte, aber auch aus Angst als arabischer Waschlappen dazustehen, der Präsident Bill Clinton in den Hintern kriecht. Genau wie sein Vorgänger, scheint sich heute Mahmud Abbas vor einem ehrlichen Abkommen zu fürchten.

Anscheinend hat Nethanyahu nicht mitbekommen, dass Obama ganz offensichtlich den palästinensischen Politikern nicht traut, ganz besonders seit Abbas sich mit dem Judenhasser-Verein Hamas verbündet hat. Seine Absage an die Billigpreis-Bildung eines palästinensischen Staates via UNO im kommenden September hat viel Unschönes korrigiert, das in den vergangenen zwei Jahren über Obama geschrieben und gesagt worden ist. Seine mutige und erfolgreiche Entscheidung Bin Laden zu entsorgen, hat ihm neben dem Beifall seiner Bürger auch entscheidendes Selbstbewusstsein gegeben, das er nun zu Gunsten Israels ausspielt.

Der beste Beweis für die Qualität von Obamas Rede ist die Tatsache, dass sie von beiden Extremen israelischer Politik und Medienleuten abgelehnt wird. Auf der Linken lehnt Gideon Levy Obamas Erkenntnisse ab und behauptet sogar, diese Rede könnte von Nethanyahu selbst geschrieben worden sein. Auf der anderen Seite, der extremen Rechten, ist es unser Ministerpräsident selbst, der auf einmal die Grüne Linie als Verhandlungsgrundlage für einen Friedensplan ablehnt, obwohl in den letzten Jahren und Monaten kaum von etwas anderem gesprochen worden war. Da ich der Meinung bin, eine Politik der Mitte sei meist die vernünftigste Art Lösungen zu finden, kann Obama nur recht haben.

Sonntag, 15. Mai 2011

Das neue Aegypten etc.



Von den zwei arabischen Ländern, in denen Revoluzzer inzwischen den Präsidenten gestürzt haben (das andere Land ist Tunisien, bei anderen ist noch nichts entschieden), ist Ägypten das wichtigste. Es ist flächenmässig gross, hat eine immense, jährlich um eine Million wachsende Bevölkerung, die einzige arabische Armee, die etwas taugt (so denken Experten), obwohl sich Ägypten seit seiner glorreichen Niederlage im Yom Kippurkrieg nie mehr einem Gegner militärisch stellen musste, es hat eine einzigartige wunderbare antike Geschichte, die Millionen Menschen bis heute verzaubert – es besitzt vieles, nur nicht einen funktionierenden Staat. Wie alle arabischen Staaten herrscht vor allem Korruption, Willkür, religiöser Hass auf andere und wachsender religiöser Fanatismus.

Die vor wenigen Wochen erfolgte ägyptische Revolution, die Mubarak stürzte, hat bisher noch keine klare Änderungen der Politik Ägyptens gebracht. Die Aussichten sind nicht glänzend. Das Militär hat die Macht völlig übernommen, von demokratischerem Verhalten ist wenig zu sehen und zu hören. Die Armee wird sich auch nicht beeilen die noch immer nicht definierten demokratischen Ziele der Revolution zu erreichen. Sie ist, ähnlich wie die Armee Chinas, völlig in der ägyptischen Wirtschaft involviert, ihr und ihren Offizieren gehören grosse Teile davon und das, wie in einem autoritären Staat üblich, ist einer der Gründe, dass sie grundsätzlich an einer wirklichen Demokratisierung nicht interessiert ist. Auf der anderen Seite ist die ägyptische Armee heute die einzige Macht, die den Muslimbrüdern die Stirn bieten kann. Wenn viele Medienkommentatoren versichern, die muslimische Bruderschaft werde sich an demokratische Spielregeln halten, ist das Wunschdenken, denn Islamismus ist demokratischem Handeln diametral entgegengesetzt, ein Oxymoron. Gaza gibt ein wundervolles Muster dafür ab. Erst demokratische Wahlen, dann Wahlgewinn und fertig die Demokratie, stattdessen Christenjagd, Sittenpolizei, Judenhass und Raketen – ausser den Raketen ist von all dem auch im heutigen Ägypten etwas zu finden.

Ich habe Geschehnisse und Entwicklungen der vergangenen Tage gesammelt und gebe einige davon hier wieder:

• Kirchen in Flammen, mindestens 12 Tote und viele Verletzte in Kairo (David D. Kirkpatrick, NYT 8.5.2011).

• Riesige Demonstration und Gottesdienst in der al-Nur Moschee in Kairo zum Andenken an Osama Bin Laden, gepaart mit hysterischen Aufrufen zum Amerikahass und zum Abschlachten aller Juden. (al-Jaseera TV, 6. Mai 2011)

Amr Mussa, Gegner Israels und nicht religiöser unabhängiger Spitzenkandidat für den Job als Mubaraks Nachfolger, erwarte eine Parlamentsmehrheit der Muslimbrüder, zusammen mit noch radikaleren muslimischen Organisationen.

• Amr Moussa, wird, so ist aus seinen Aussagen herauszulesen, mit den muslimischen „Parteien“, die wie er meint, den grössten Block im Parlament einnehmen werden, zusammenzuarbeiten und mit ihnen Kompromisse eingehen.

• Moussas grundsätzliches Argument gegen den bestehenden Friedensvertrag mit Israel ist, dass Ägypten nichts von diesem Frieden gewonnen habe. Ich meine, Ägypten habe den Sinai, die Ölfelder und den Suezkanal zurückerhalten. Dass sich die Gelegenheit Handel und Tourismus zwischen den beiden Ländern und ein Senken des ägyptischen Militärbudgets nicht realisiert hat, hat sich Ägypten selbst zuzuschreiben. Israel, dessen Vertreter von Wirtschaft und Kultur mit grosser Energie versucht hatten Handel und kulturelle Kontakte zu fördern ist da völlig schuldlos. Es scheiterte stets am dröhnenden Hass ägyptischer Gewerkschaften, Berufsverbände und Kulturschaffenden und deren Funktionäre.

• Die muslimische Brüderschaft Ägyptens wird ihren Israel- und Judenhass nicht selbst aktivieren müssen. Es genügt, wenn sie ihrer Filiale in Gaza, der Hamas, den Auftrag geben Israel wieder mit Terror und Raketen auf Zivilisten einzudecken. Ohne Mubarak wird sie die neue ägyptische Regierung, so wie es sich heute darbietet, nicht daran hindern.

• Al Jazeera berichtet über eine riesige Demonstration (siehe Bild), in der unter anderem ein Marsch nach Gaza zur Unterstützung von Hamas geplant wurde. Noch verweigert die ägyptische Regierung die Unterstützung dieses Marsches, doch sollte sich der vorausgesagte Machtzuwachs der Muslimbrüder und anderer Extremisten bei den Septemberwahlen bestätigen, sollte islamistischer Einfluss auf die ägyptische Politik weiter steigen.

• Die Muslimbrüderschaft und die noch extremistischeren Salafis (die sich ganz besonders auf das Morden von Christen spezialisiert haben) stehen in Verhandlungen, um ein Wahlbündnis einzugehen. (Telegraph, 13. Mai 2011)

Mit diesen Gedanken und Hinweisen auf die heutige Situation in Ägypten soll keine Panik ausgelöst werden, etwas das in Israel selbst kaum geschehen wird. Nachdem ich schon einige Kriege (1967 und 1973 aktiv, 2006 und 2009 als zuschauender Pensionär) miterlebt habe, glaube ich das beurteilen zu können. Bedrohungen auf Israel haben meist einen gegenteiligen Effekt: Tausende im Ausland lebende Israels eilen freiwillig nach Israel, um sich ihrer militärischen Einheit anzuschliessen.

Es könnte auch anders kommen, wirklicher Frieden ausbrechen, die grosse Liebe zwischen Ägyptern und Juden zurückkehren, wie sie bis in Anfangs Dreissiger Jahre bestand – aber nur wenige glauben daran.

Übrigens, hat jemand in den letzten paar Wochen von Wael Ghonim, dem Google Direktor aus Kairo gehört? Er wurde als grosser Organisator der ägyptischen Revolution gefeiert und durch die Medien geschleppt. Seit längerer Zeit wird er bestenfalls noch in Rückblicken erwähnt, möglicherweise sitzt er heute in einem Gefängnis, wo er in den ersten Tagen des Aufstandes schon für zehn Tage einsass. Seit Ende Februar 2011 ist kaum noch etwas von ihm zu hören. Ist er vielleicht das erste Opfer des Phänomens „Die Revolution frisst ihre Kinder?“

Das Wall Street Journal stellt den wirtschaftlichen Determinismus, auf den sich die Medien so gerne berufen, in Frage. Er lautet ungefähr so: „Offizielle in den USA und Europa, sehen in der näheren Zukunft keine Gefahr für den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag. Sie meinen, Kairo werde nie und nimmer die Milliarden, die von dort strömen, aufs Spiel setzen“. Diese Sicht der Dinge kann für den Rest der Welt Geltung haben, doch im Mittleren Osten funktioniert das nicht, wie folgende drei Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart beweisen:

• Yassir Arafat wird mit Israel Frieden schliessen, denn er will seinen Staat finanzieren und Entschädigungen erhalten.

• Syrien wird sich mässigen und sich dem Westen zu- und vom Iran abwenden, um Handel und Investitionen zu erhalten.

• Iran wird lieber reich werden, statt die dumme Idee der islamistischen Revolution zu verfolgen.

Alle drei dieser an sich vernünftigen Prognosen, haben sich als völlig falsch erwiesen. Im Mittleren Osten gehen die Uhren halt anders, um den Schweizer Historiker Herbert Lüthy zu bemühen.

Dienstag, 10. Mai 2011

Yom Ha'atzma'uth

Im Gegensatz zum 1. August der Schweiz erscheint vielen Israelis der jährliche Unabhängigkeitstag ein wiederkehrendes Wunder. Aus einem kleinen Völkchen von 800'000 Juden zur Zeit der Staatsgründung in 1948 leben heute über 7,6 Millionen israelische Bürger – davon etwa 1,5 Millionen Araber, Drusen, Christen und andere Nichtjuden. In den dreiundsechzig Jahren seines Bestehens hat sich die Bevölkerung fast verzehnfacht, die Wirtschaft blüht, der allgemeine Wohlstand ist beträchtlich, auch wenn eine Minderheit gottesgläubiger aber arbeitsscheuer Parasiten für ein statistisch relativ niedriges pro Kopf Einkommen sorgt. Die Schulen waren einst unter den weltweit besten, heute sind sie es nicht - doch scheint der Erfindungsreichtum und die unternehmerische Energie des Durchschnittsisraelis trotzdem zu wachsen. Unter dem Strich darf man mit Recht behaupten, Israel sei eine einzigartige Erfolgsstory. Die Erfolgsstory eines Volkes, dem nur wenige Jahre vor dem Entstehen seines eigenen Landes ein runder Drittel abhanden kam, ermordet durch Anhänger eines Judenhasses, der vor über fünfzehnhundert Jahren in die christliche Welt gesetzt und in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts seinen Zenit erreichte. Israel musste sich in zahlreichen Kriegen behaupten und wurde stark und selbstsicher, eine in dieser Region absolut notwendige Eigenschaft zum Überleben.

Fehlendes Vertrauen

Eben diese Region! Seit Israels Gründung versuchen seine Nachbarstaaten zusammen mit der arabischen Welt, es zu vernichten. Der nichtarabische aber inzwischen fatalislamische Iran gehört heute dazu. Ich bin zur Überzeugung gekommen, die vielen Kriege hätten im Laufe der Zeit auch die Friedenskultur der Israelis verändert. Unabhängig von den seit 1977 meist (nicht immer) schlechten, einem übertriebenen Nationalismus frönenden Regierung, den Glauben an einen möglich Frieden mit der arabischen Welt geschwächt. Nicht nur die Kriege, sondern mehr noch die unablässige antisemitische Propaganda aus dieser Welt hat den Glauben der Israelis an die Möglichkeit eines Friedens untergraben. Natürlich haben wir mit Jordanien und Ägypten offiziell Frieden, der besonders mit Ägypten sehr kalt ist. Es kann sein, dass es tatsächliche kleine Friedensmöglichkeiten gibt – doch heute traut der Durchschnittsisraeli der arabischen Friedensbereitschaft nicht. Auch wenn ich behaupte, dass Nethanyahu und der Rest der rechtsextremistischen Regierung an Frieden grundsätzlich nicht interessiert sind, zeigt das Wahlverhalten in Israel, dass grosse Teile des Volkes sich zur Zeit dafür fürchten, die besetzten Gebiete den Palästinenser zu überlassen (von „zurückgeben“ kann nicht gesprochen werden, denn die Westbank war auch früher besetztes Gebiet, wenn auch nicht durch Israel), einer Grundbedingung für einen Friedenschluss. Heute gibt es in Israel zwei Gründe, die einem tatsächlichen Friedenschluss mit den Palästinensern im Wege stehen:

• Die nationalistische Politik der Regierung Nethanyahu und Lieberman. Ihre Ideologie lässt nicht zu, die Westbank zu verlassen, die dortigen Juden abzuziehen und das Land den Palästinensern zu überlassen. Das hat mit Israels Sicherheitsbedürfnissen nichts zu tun, es ist reine Ideologie. Seit Siedlerverbände Israels Politik in grossem Masse mitbestimmen und friedensbereite Kreise in den vergangenen Wahlen ihren Einfluss fast völlig verloren haben, fühlen sich Nationalisten in der Regierung sicher und versuchen ihre ideologischen Prinzipien durchzuziehen.

• Der zweite Grund, das völlig legitime Sicherheitsbedürfnis des israelischen Bürgers. Er traut den Palästinensern ganz einfach nicht. Das war nicht immer so, doch seit dem Versagen von Camp David mit Clinton, hat sich dieser Vertrauensschwund in Israel verbreitet. Viel guter jüdischer Willen ist verschwunden. Selbst friedensbewegte Israelis in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind von Zweifeln erfasst. Sie glauben aus der Geschichte der vergangenen Jahrzehnte gelernt zu haben, in denen israelische Friedensangebote eine blutige Intifada, tausend israelische Opfer durch Selbstmordterror, Raketen aus Gaza und Selbstverweigerung aus der Westbank zur Folge hatten. Gegen Raketen lässt sich etwas unternehmen. Gegen Judenhass als Schulfach und als massgeblichen Teil des muslimischen Lebens in den Moscheen nicht.

Es liegt an den palästinensischen Politikern Israels Bürger zu überzeugen, dass sie es mit Israel ehrlich meinen, dass sie in arabischer Sprache ihrem Volke dasselbe sagen wie in Englisch und Hebräisch der Welt. Aber es liegt auch an Nethanyahu gegenüber den Palästinenser eine Offenheit zu zeigen, die es diesen unmöglich macht, sich vor Verhandlungen zu drücken. Nethanyahu wäre in einer win-win Situation: käme ein Friedensvertrag zustande hätten beide gewonnen. Könnte Nethanyahu beweisen, dass die Palästinenser tatsächlich keinen Frieden mit Israel und offenbar auf ihren eigenen Staat verzichten wollen – dann hätte Israel gewonnen und die Palästinenser wieder einmal verloren. Doch seit Nethanyahu täglich zu beweisen scheint an einem Abkommen genau so wenig Interesse zu haben, wie sein Partner Abbas, verlieren beide und das „Friedensroulette“ geht in die nächste Endlosrunde. Von israelischer Seite kann dieser Zustand nur durch Parlamentswahlen beendet werden, in denen das nationalistische Lager so viele Stimmen verliert, dass der nächste Regierungschef davon unabhängig werden kann. Dazu müssen sich die linken Parteien wie die Arbeitspartei, Meretz und wohl auch Kadima neu erfinden um genügend Sitze zu erobern. Das sind vielleicht Träume, aber auch Träume können wahr werden.

Chag Sameach!

Mittwoch, 4. Mai 2011

Betrachtungen



Bin Laden ist tot. Auf meinen inzwischen gelöschten Trauerbrief erhielt ich eine Menge Zuschriften, bis auf zwei alle positiv und amüsiert. In einem der anderen fand jemand ich müsse Satire als Satire bezeichnen, damit die Leser tatsächlich merken, dass es Satire ist. Sonst nehmen sie es ernst, wie eben der Schreiber jener Zeilen. Ich weigere mich diesen Tatbestand zu kommentieren - er charakterisiert sich selbst.

Damit ist diese Angelegenheit abgeschlossen, ausser vielleicht der Tatsache, dass einige Leute im Nachhinein eine Kopie des gesagten Trauerbriefes verlangten und ihn bekamen. Anfrage per Mail an mich (paul.russak@gmail.com) genügt.

Jetzt aber ernsthaft und nicht satirisch:

Die Endgültigkeit des Ausdemverkehrziehens Bin Ladens macht Freude. Freude, die ich weder beim Ende Eichmanns noch anderen Judenhassers wie Mughnia oder Scheich Yassin verspürte. In muslimischen Gesellschaften werden bei Massenmorden, z.B. 9/11 und dem Massaker an der Familie Fogel, Bonbons verteilt und gefeiert. Bei uns ist es umgekehrt, man freut sich relativ ruhig, wenn es üble Menschen nicht mehr gibt und schämt und entschuldigt sich, wenn es versehentlich Unschuldige trifft. Schurken, wie Bin Laden, müssen nur schon aus hygienischen Gründen entsorgt werden und das geht leider nur mit Gewalt. Sie bedrohen bei weitem nicht nur Israel, sondern die gesamte Welt und haben Abertausende unschuldige Opfer auf dem Gewissen.

Wir müssen uns bewusst sein, dass mit Bin Ladens Ableben islamistischer Terror noch lange nicht besiegt ist. Al-Kaida, Hamas, Hisbollah und weitere bleiben bestehen, nur ein ersetzbarer Kopf wurde chirurgisch entfernt. Terror wird weitergehen, denn wie die Reaktion der muslimischen Welt zeigt, hat der Hass auf den Westen noch immer Millionen von Anhängern, die nun einen weiteren Grund gefunden haben, diesem zu frönen. Aber die Vertreter des islamistischen Terrors haben jetzt gemerkt, dass der Westen sich wehrt und für einmal andere Saiten aufzieht, als sich nur mit zahnloser Höflichkeit in der UNO wortreich zu reagieren. Obama zeigt Zähne, überraschend vielleicht, aber erfolgreich.

Internationaler Terror, Israelkritik und Israelhass (beide moderne Synonyme für Judenhass gepaart mit Hass auf westliche Kultur) wird auch ohne Bin Laden weitergehen, bestenfalls könnte es eine kleine Pause geben, bis Aiman as-Zawahiri, der eigentliche Drahtzieher und Nummer 2 der Al-Kaida, sich arrangiert hat. Er soll, so aus entsprechender Lektüre zu lernen, noch eine Stufe blutdürstiger sein als Bin Laden.

Deprimierend finde ich eine grosse Zahl Kommentare zum Thema in der NZZ, BaZ und Tages-Anzeiger. Dasselbe gilt auch für die israelische Zeitung Haaretz, wo Amerikahasser ihren Unsinn in englischer Sprache publik machen können. Der Hass vieler Schweizer und anderer Europäer auf die USA ist so ungeheuerlich stark, dass sie sogar nach der Entsorgung Bin-Ladens Verschwörungstheorien erfinden und auf verschiedene Arten ihrem Antiamerikanismus Luft machen. Ich wiederhole mich hier, aber es sind und waren in den letzten rund hundert Jahren immer wieder die Amerikaner, die Europa aus dem Dreck zogen, aus dem diese nie selbst herausgefunden hätten. Das war so in den beiden Weltkriegen und in Jugoslawien und jetzt wieder. Nicht nur das, mit dem Marshallplan bauten sie Deutschland und damit den Rest Europas wieder auf, die Synergien davon erreichten auch die Schweiz, deren Banken und Konzerne noch heute davon zehren. Und nun haben sie wieder etwas erreicht, zu dem westliche Länder sich weigerten darauf Energie zu „verschwenden“. Überlegt bitte, dass, falls in den USA konservative Isolationspolitik überhand nehmen und sich aus der Weltpolitik zurückzieht sollte - einer Gefahr die stets besteht - das bedrohte Europa in eine noch bedenklichere Lage kommen würde, als es jetzt schon ist.

Man muss den amerikanischen Lebensstil nicht mögen, den dortigen Raubtierkapitalismus (den es inzwischen auch in Europa gibt), den Waffenwahn, die Todesstrafe, der mangelnde Sozialstaat und noch anderes. Doch gerade in Amerika funktioniert (noch) der in Europa völlig zusammengekrachte Multikulturalismus. Wozu zu sagen ist, dass er in Europa solange funktionierte, wie muslimische Einwanderer ihre Religion als Privatsache für sich behielten, statt wie heute die europäischen Eingeborenen damit zu terrorisieren. Europa, Israel und die USA sind freie offene Gesellschaften, in denen verglichen mit dem internen Terror der geschlossenen arabischen Gesellschaften paradiesische Zustände herrschen. Diese offenen Gesellschaften sind in Gefahr und müssen geschützt werden – aber nicht um den Preis der eigenen Selbstaufgabe.

Montag, 2. Mai 2011

Mein Trauerbrief

Aus aktuellen Anlass publizierte ich hier einen satirischen Trauerbrief, in der Annahme, meine Leser, die mich inzwischen eigentlich kennen sollten, würden ihn als solchen verstehen. Zwei Leser verstanden diesen "Brief" tatsächlich als wirkliche Anteilnahme am verdienten Tod des Osama Bin-Laden und vertrugen das nicht. Aus diesem Grund habe ich diesen Eintrag gelöscht. Kann sein, dass ich als Satiriker wenig tauge, damit kann ich mich problemlos abfinden. 

Donnerstag, 28. April 2011

Medien und ihre Konsumenten zum Thema Israel



Ich traf mich gestern mit Esther zum Kaffee im Café Mokka. Sie erzählte mir über einen Besucher aus der Schweiz, der – wie bei uns und Freunden in Israel üblich – einige Tage beherbergt wurde. Dieser Besuch war, wie sie überrascht feststellten, gar kein Israelfan sondern ein „Israelkritiker“, der endlich einmal das von ihm kritisierte Israel besuchen wollte. Wohl um seine Kritiken bestätigt zu sehen. Aus ihm wurde aus dem Saulus ein Paulus. Als Beispielt brachte er die Luftangriffe Israels auf Gaza ins Gespräch und musste herausfinden, dass diese durch Raketen, Mörser und Antitankwaffen, von Hamas liebevoll auf israelische Kindergärten, Schulen, Privathäuser und ähnlichem geschossen, ausgelöst wurden. Das hatte er nicht gewusst, so wie vieles andere auch, wie zum Beispiel die Tatsache, dass Israel ein ganz normales Land ist, das sich dummerweise in einer ganz und gar nicht normalen Region befindet. In einer Region der Diktaturen, der Korruption, der endlosen und blutigen Gewalt und vor allem in einer Region, in der von ganzem Herzen gehasst wird. Man hasst seine Nachbarn, die Sunniten hassen die Schiiten, die Muslime hassen Christen und Juden, die Islamisten hassen die gesamte nichtislamische Welt und die meisten Bewohner dieser Region hassen vereint und mit Inbrunst Israel, den Staat der Juden. Oder, dass die ach so verpönte Besetzung der Westbank und des heute freie Gazas das Resultat des arabischen Angriffs auf Israel in 1967 ist (was durchaus nicht heisst, dass Israel dort bleiben soll!). Esthers Gast ist (oder war) ein typisches Produkt medialer Gehirnwäsche, so wie sie besonders in der europäischen Presselandschaft gängig ist. Aber diese zwei Wochen hat er genutzt und hat mit Hilfe von Esther und ihrem Mann Alex viel gelernt. Er merkte, dass alles sehr viel anders ist, als sein von den Medien verformtes Hirn es gespeichert hatte. Plötzlich verstand er, dass es zu Geschehnissen einen Auslöser und einen Kontext gibt. Zurück daheim habe Esther's Gast seine neuen Erkenntnisse schon angewendet, wie zum Beispiel die israelische Reaktion auf die Beschiessung des Schulbusses, bei der "nur" ein Kind getötet worden war, weil alle anderen zwei Minuten vorher ausgestiegen waren.

Ich frage mich öfters: was ist es denn, das einen europäischen Journalisten zum Experten über den Nahen und Mittleren Osten macht? Hat er Arabistik oder gar Judaistik studiert, vielleicht Politwissenschaft, Islam oder Geschichte. Weit wichtiger als das: kennt er die Länder, über die er sich als Fachmann ausgibt nicht nur persönlich, sondern spricht er deren Sprache, hat er dort viele Jahre gelebt und einen tiefen Einblick in ihre Lebensgewohnheiten, ihre Art zu denken, ihre Sicht zu Geschehen im Rest der Welt gewonnen. Betreibt dieser Wissensvermittler, der – leider – mehrheitlich Vorurteile oder realisierte Wünsche seiner Redaktion weitergibt und damit die Einstellung zu Arabern und Juden prägt Fernrohrjournalismus aus Nikosia, Beirut oder gar ausschliesslich vom Schreibtisch seiner Redaktion aus, gestützt bestenfalls durch Stippvisiten an die Orte des Geschehens. Oder schreibt er einfach von Kollegen ab, wie ich auch schon gehört habe?

Ich habe Journalisten in Israel kennen gelernt, die das Land, die besetzten Gebiete, Gaza und vor allem die Mentalität und Geschichte der Juden und der Palästinenser tatsächlich kennen und verstehen, besser oft als alteingesessene Israelis. Meist wohnen sie seit sehr langer Zeit in Israel. Sie organisieren ihre „Scoops“ nicht über das American Colony Hotel in Jerusalem. Sie haben tatsächliches Hintergrundwissen und hinterfragen und überprüfen alles, das von offiziellen Stellen Israels und seiner Feinde aufgetischt wird, aber auch was in der internationalen und lokalen Presse steht. Und vor allem haben sie Empathie zu Israel, den Juden und deren Geschichte, denn ohne diese lässt sich das Geschehen um Israel und seinen Nachbarn nicht verstehen. Anders als in den geschlossenen Gesellschaften arabischer Länder, der Westbank und Gaza sind in Israel Journalisten frei zu recherchieren, auch wenn durchaus sein kann, dass Pressestellen der Armee und der Regierung ihre Sicht etwas gefärbt vermitteln. Zensur gibt es ausschliesslich für Themen der Sicherheit.

Die Sicht ausländischer Bürger, die keine besondere Beziehung zu Israel haben, wird vor allem durch die von ihnen frequentierte Presse bestimmt, Zeitschriften, Radio und Fernsehen. Dazu kommen persönliche Einstellungen gegenüber Juden und Rassismus auch gegen das arabische Volk, die von purem Rassismus bis zu Anhimmelung reichen kann. Die Tatsache, dass die Brutalität des Lebens in der arabischen Welt, die dortigen Kriege (gerade heute sichtbar wie kaum zuvor), die Verfolgung Andersgläubiger, Frauen und Minderheiten ist heute beim besten Willen nicht zu ignorieren oder gar abzustreiten, genau so wie die Tatsache, dass all das wenig, eigentlich gar nichts mit Israel zu tun hat.

Israel schloss Friedensverträge mit den Regierungen Jordaniens und Ägyptens ab, die bisher technisch funktioniert haben. Ich schreibe „mit den Regierungen“, denn die von diesen Regierungen regierten Völker machen kaum mit, sondern hassen weiter. Ob die arabischen Revoluzzer der heutigen Tage den Antiisraelismus ihrer Massen ändern wollen oder können bleibt abzuwarten. Bisher sind keine Anzeichen dafür sichtbar geworden, hat doch das Thema Israel mit den Zuständen gar nichts zu tun und diente doch nur als Ausrede der nun angegriffenen Diktatoren, um von eigener Korruption und Misswirtschaft abzulenken. Doch da noch alles im Fluss ist, sollte man sich noch endgültigen Beurteilungen enthalten, auch wenn heute bekannt gegeben wurde, dass eine Mehrheit der Ägypter den Friedensvertrag mit Israel annullieren möchte. Nur eines: in der Presselandschaft ist es relativ still geworden zu Israel. Haben die Medien die wirklichen Probleme des Nahen Ostens entdeckt? Wohl kaum, sobald Mubarak tot, Assad und Gaddafi definitiv abgesetzt sein werden, könnte es in der arabischen Welt wieder langweiliger werden. Dann zurück nach Israel, in dem jeder Journalist in einer angenehmen westlichen Atmosphäre mit wenig Gefährdung des eigenen Lebens, sich aufhalten und kreativ News produzieren darf.

Freitag, 22. April 2011

Pessachgedanken



Der wirklich Status quo

Dazu als Einstieg ein Filmchen aus London, in dem auf sehr deprimierende Art und Weise vorgeführt wird, mit welcher Barbarei Israel und die Kulturwelt konfrontiert sind. Selbstverständlich werden darauf viele reflexartig und wie aus der Kanone geschossen antworten: „Ja, aber das sind nur einige Verrückte. Die muslimische Mehrheit ist lieb, denkt pluralistisch und strebt nach Demokratie“. Dazu ist höchstens zu sagen, dass bisher noch keine wirklich demokratisch und pluralistisch denkende Muslime bemerkbar geworden sind – auch wenn oberflächliche Seelen die heutigen Bestrebungen zu einer arabischen Demokratie, diese durch die Demonstranten in Ägypten, Libyen, Syrien und wie sie alle heissen, vertreten sehen. Zwar wünsche ich von ganzen Herzen, dass wirkliche Freiheit und nicht die in meinen Augen aufs wirtschaftliche beschränkte Freiheit dem arabischen Volk gegönnt wird – nur glauben werde ich das erst, wenn ich es sehe. Das Eingreifen des Militärs in Ägypten lässt solche Hoffnungen allerdings schwinden, auch wenn sie dem Einfluss der Muslimbrüder vorzuziehen ist.

Der Staat der Palästinenser

Deprimierend ist in diesen Wochen und Monaten der Erfolg der palästinensischen Welt in der Delegitimisierung Israels. Zwar habe ich jeden Glauben auf einen Erfolg allfälliger Verhandlung zwischen Israel und den Palästinensern verloren, ganz besonders jetzt, wenn die Aussicht besteht, dass Letztere ihren Staat von der UNO ohne die geringste Gegenleistung gratis und franko ins Haus geliefert bekommen werden. Vergessen wir allerdings nicht, dass 1947 mit der UNO-Resolution 181 Israel gegründet wurde. Israel wird, falls dieser palästinensische Staat zu Stande kommt, diesen sicherlich nicht angreifen, doch macht es sich Sorgen um die Zukunft. Wird es Raketen und Mörserbeschuss geben, wird der Terror wieder zunehmen, gegen den man sich wehren muss? Der feine Unterschied dieser Staatsgründung im Vergleich zur Gründung Israels ist der, dass Israel sich nach der von ihr akzeptierten UNO-Abstimmungsresultat erst seinen Staat erkämpfen musste, denn die arabische Welt wollte ihn sofort vernichten. Die Tatsache, dass die arabischen Angreifer zum Teil von früheren Nazioffizieren kommandiert worden waren, ist heute kaum noch bekannt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass der aus den Zwanzigerjahren stammende muslimische Judenhass der Muslimbrüder von der Naziideologie mitgetragen wurde und heute von Hamas weiter geführt und verkündet wird.

Zu einem nicht unwesentlichen Teil ist die israelische Regierung für den heutigen Stand der Dinge selbst verantwortlich. Nicht nur, weil sie Verhandlungen aus dem Wege geht – die Palästinenser tun genau dasselbe und zum verhandeln braucht es halt mindestens zwei. Ich klage Nethanyahu und Lieberman an, nichts zu unternehmen, um der Welt ohne weinerliche Opferspiele offen Hintergründe und Fakten auf den Tisch zu legen. Auf eine umfassende Art, unter Mithilfe der zahlreichen Freunde Israels, auch jenen, die es wagen, Israel gelegentlich zu kritisieren. Denn unkritische Freunde sind keine wahren Freunde, sie sind was im jüdischen Volksmund „Tocheslecker“ (siehe Google) genannt wird. Auch wenn Israel auch heute noch ein Licht unter den finsteren Gesellschaften und Staaten des Nahen Ostens ist, gibt es noch viel zu verbessern. Es müssen antidemokratische und rassistische Entwicklungen bekämpft werden, die Israel mehr bedrohen, als die islamistische Gefahr. Gegen Gefahren von aussen gibt es die Armee. Gegen die Gefährdung von innen sind Israels Bürger selbst gefordert, denn sie bestimmen den Charakter des Staates. Der Staat Israel darf nicht stagnieren oder gar einer reaktionären Politik verfallen, die gerade unter der gegenwärtigen Regierung von Nethanyahu und Lieberman zu Recht als grosse Gefahr für den Staat gesehen wird.

Ich finde es ein Armutszeugnis für die Regierung Nethanyahus, dass sie starr auf den kommenden September schaut, an dem vielleicht ein palästinensischer Staat von der UNO „bewilligt“ und ausgerufen werden wird. Sie tut nichts. Statt die Stunde zu nutzen und als erste auf die Palästinenser der Westbank zuzugehen (lassen wir Gaza für einmal auf der Seite) und ihnen positive und produktive Vorschläge zu unterbreiten, Hilfe bei der Staatsgründung anzubieten und sich positiv zu benehmen, statt in stiller Panik zu motzen, Wir wissen nicht wie sich Abu Mazen und seine Mannen die Gründung und die Führung eines eigenen souveränen Staates vorstellen und wie sie sich verhalten werden. Aber Israel darf nicht zulassen, als Miesmacher und Spielverderber dazustehen. Das kann sie ruhig der Gegenseite überlassen. Die rechtsextreme Regierungsideologie des Alles-oder-Nichts-Nationalismus ist nicht mit sicherheitspolitischen Bedenken zu verwechseln. Die Regierung braucht Druck von Seiten ihrer Freunde und Israel darf nicht in die palästinensische Tradition verfallen keine Gelegenheit auszulassen, eine Gelegenheit zu verpassen.

Die doppelte Nakba

Ich möchte hier kurz ein Thema besprechen: das der Flüchtlinge. Nicht nur der seit Jahrzehnten professionellen Flüchtlinge palästinensischer Provenienz, sondern der jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Staaten. Denn mit kaum einem Thema in diesem Zusammenhang wird so viel Schindluder getrieben und unterschlagen. Keine anderen Flüchtlinge wurden je mit so reichen finanziellen Mitteln übergossen, auch wenn grosse Teile dieser Mittel in die Bankkonten ihrer eigenen palästinensischen Elite geflossen ist.

Der arabische Angriff auf Israel in 1948 produzierte etwa 700’000 arabische Flüchtlinge, die sich vor allem in Israels Nachbarstaaten niederliessen und dort in Flüchtlingslager gepfercht worden waren. Zwar sind von diesen Flüchtlingslager heute nur wenige noch wirkliche Elendsquartiere, aber gerade diese werden, wie das Beispiel Gaza zeigt, als solche gepflegt und zu politischen Zwecken manipulativ der weltweiten Öffentlichkeit vorgeführt, damit den Eindruck prägend, sämtliche Palästinenser lebten im Elend. Soweit das stimmt, ist dies die von arabischen Staaten seit jeher vertretene Politik. Sie ist besonders im Libanon zu beobachten, der diesen Flüchtlingen seit 1948 Eingliederung und Einbürgerung verweigert und sie künstlich im Flüchtlingsstatus hält.

In 1948 lebten in arabischen Länder rund 850'000 Juden.

Aden: 8’000
Algerien: 140’000
Ägypten: 75’000
Irak: 135’000
Libanon: 5’000
Libyen: 38’000
Marokko: 265’000
Syrien: 30’000
Tunisien: 105’000
Jemen: 55’000
(Quelle: American Jewish Yearbook 2001, Philadelphia: 
The Jewish Publication Society of America, compiled by the American Sephardi Federation)

Orientalische (heute sephardisch genannt wollende) Juden lebten seit Jahrtausenden in diesen Ländern und waren dort, im Vergleich zu ihren europäischen (aschkenasischen) Brüdern, gut integriert, soweit ihr Status als Nichtmuslime dies zuliess. In Nordafrika gehörten sie mehrheitlich zur unteren Mittelklasse, während in den mittelöstlichen Ländern wie Irak, Syrien, Ägypten sie zu grossen Teilen zur Oberschicht gehörten, oft einflussreich und vermögend. In den Jahren nach der Gründung Israels wurden in arabischen Ländern jedoch Pogrome veranstaltet und Juden und ermordet. Sie wurden enteignet und aus dem Land verjagt. Die Mehrheit von ihnen endete mittellos in Israel, wo sie, in einem schwierigen und langjährigen aber erfolgreichen Prozess zu israelischen Bürgern wurden. Wie europäische Juden zur gleichen Zeit und in den Jahrzehnten vorher.

Die rund 850'000 Juden aus arabischen Ländern wurden integriert. Sie jammerten, sie machten viele unangenehme Erfahrungen, doch sie wurden zu Israelis. Weil sie es wollten und weil der Staat der Juden alle jüdischen Flüchtlinge als Heimat und als Zuflucht dient, der hauptsächliche Grundsatz seiner Existenz. Von diesen Flüchtlingen träumt keiner von einer Rückkehr in die „Heimat“ – in den Irak, nach Ägypten, nach Jemen, Syrien oder Libanon. Sie hängen sich keine Schlüssel ihrer ehemaligen Häuser in Bagdad, Alexandrien, Sana’a, Damaskus oder Beirut um den Hals. Sie wurden nicht in Flüchtlingslager gepfercht, sie erhielten, wie jeder andere Jude, die sofortige Bürgerschaft Israels. Und vor allem, sie nehmen am bürgerlichen Leben des Staates der Juden teil, in der Politik, als Akademiker, Militärs und Geschäftsleute. Anderen blieb der soziale Aufstieg eher verwehrt – wie in jedem anderen Land auch, machte nicht jeder Karriere. Doch sind sie in Israel Teil eines Sozialstaates, der sich Bürgern in Not annimmt. Sie sind in die israelische Gesellschaft integriert, ihr politischer Einfluss ist gestiegen und sie träumen nicht davon, als hauptberufliche Flüchtlinge zu leben, Rachegelüste zu pflegen und von der Rückkehr in ihre zurück gelassenen Häuser und Ländereien nachzutrauern. Sie sind kritischer gegenüber Arabern, mit der Begründung, sie würden sie doch weit besser kennen, als ihre aschkenasischen Mitbürger.

Damit will ich eigentlich nur eines feststellen. Es gab zwei Nakbas. Eine selbstverschuldete arabische und eine unverschuldete jüdische. Auch wenn die Opfer der zweiten an „Wiedergutmachung“ aus der arabischen Welt nicht interessiert sind, muss die israelische Regierung der Welt diese jüdische Nakba in Erinnerung rufen. Wie die Juden Europas haben die Juden der arabischen Welt ihren Gastländern während den Jahrtausenden ihres Aufenthaltes viel beigetragen, kulturell, wirtschaftlich und wissenschaftlich. Dann wurden sie enteignet, verfolgt und verjagt.

Palästinensische Flüchtlinge wurden zu Leidensprofis, unterstützt von der UNO, der EU und den USA und als Berufsflüchtlinge weitergezüchtet durch die gesamte arabische Welt, also von ihren Brüdern. Jüdisch-orientalische Flüchtlinge hingegen wurden zu produktiven vollwertigen Bürgern des Staates Israels, die zwar nicht vergessen haben woher sie oder ihre Eltern kamen, doch ihre Anstrengung gilt dem Aufbau ihrer eigenen Existenz durch eigene Arbeit in einem Land, in dem sie sich zu Hause fühlen, zusammen mit Juden aus anderen Teilen der Welt. Für einmal müssen sie sich nicht als Minderheit fühlen, sich nicht dauernd erklären, beweisen und verteidigen – sie sind Teil des Souveräns eines demokratischen Staates.

Sonntag, 10. April 2011

"Mutprobe"


Der Killer der Familie Fogel (Eltern und drei Kleinkinder) in Itamar sei schon vor einigen Tagen gefasst worden. Er sei ein ehemaliger „Mashtap“, ein Kollaborateur mit den Israelis, gewesen, der bereute und in die Herde der Hamas zurückkehren wollte. Aber diese stellte ihm eine Bedingung. Zum Tatbeweis müsse er eine jüdische Familie umbringen. Was er bekanntlich tat. Also warten wir ab. Entweder es stimmt oder ist erfunden – möglich ist beides. Das Schicksal enttarnter Kollaborateure ist fotografisch vielfach belegt: erst werden sie öffentlich erschlagen oder erschossen, ihre Leichen durch die Strassen geschleift und dann an den Füssen an Strommaste gehängt. Die Geschichte ist nicht offiziell, sie ist noch ein Gerücht und wird es so lange bleiben, bis die Sicherheitskräfte mit einer Bestätigung herausrücken. Aus wohl politischen Gründen werden solche Vorfälle von israelischen und palästinensischen Behörden oft unterdrückt.

Wie gesagt, noch ist es ein Gerücht. Israelis fragen sich noch immer, wie eine solche Untat möglich ist, wie Menschen so barbarisch handeln können. Vielleicht hat der Familienmord in Itamar wenig mit Hass des Mörders zu tun, sondern mehr mit dessen Furcht für seine eigene Familie, verständlich zwar, aber seine Tat nicht entschuldigend. Das bestialische Verhältnis zu menschlichem Leben aus jihadistischen Kreisen wie der Hamas, ihr brennender Hass auf Juden und selbst auf jüdische Säuglinge, macht obige Story verständlich. Neu wäre sie nicht, aber was immer der Hintergrund sein mag - die Familie Fogel bringt sie nicht zurück.

Nun soll mir aber ja keiner kommen und von den bösen Siedlern faseln, die solches auf sich selbst brächten. Wie immer man zu diesen stehen mag, es entschuldigt keinen Mord. Apologetisch-ideologisches Geschwätz, wie es nach der Tat schon zu lesen war, ekelt mich an.

Dienstag, 5. April 2011

Carpe Diem


Erst möchte ich auf einen Artikel der New York Times (auch International Herald Tribune) erschienen Artikel aufmerksam machen. Darin wird ein Thema beschrieben, das mitbestimmender Teil meines Lebens in Israel geworden ist: die Kunstgalerie Umm El-Fahm und ihr Gründer und Leiter Said Abu-Shakra, heute einer meiner engsten Freunde. Ich bitte, diesen Bericht zu lesen. Es geht auch um das geplante Museum für zeitgenössische arabische Kunst. Wichtig ist Saids Aussage, dass dieses Projekt ohne sehr wesentliche arabische Unterstützung nicht gebaut werde: “I can’t imagine building it without the help of both communities,” he said. “The goal is not just to build the museum; it’s to do it together.” (Ich kann mir den Bau [des Museums] ohne Mithilfe beider Gemeinschaften [der arabischen und der jüdischen] nicht vorstellen). Das Ziel ist nicht nur das Museum zu bauen, sondern es zusammen zu tun. In anderen Worten, ohne substanzielle Mithilfe aus arabischen Kreisen werde er nicht bauen – etwas, das Said wiederholt betont.

Zur Sache:

Für jeden ersichtlich, zeigt die arabische Revoluzzerwelle, wie wenig der Araber-Israelis Konflikt mit den wirklichen Problemen der arabischen Welt zu tun hat. Natürlich wollen Gruppierungen und Individuen, die ideologisch gelähmt keinerlei Einsichten, seien diese noch so klar und überzeugend, das nicht wahrnehmen. Besonders wenn diese nicht in ihr politisch eingleisiges Auffassungsvermögen passen.

Dann kommt Richter Goldstone und widerruft die Grundlagen seines UNO-Bericht über den Gazakrieg und, so könnte man sagen, behauptet das Gegenteil. Man muss es dem Richter lassen, Mut hat er, denn inzwischen ist ihm sicher bewusst geworden, ab sofort ganz oben auf der Abschussliste verschiedener arabischen Extremistenclubs wie Hamas und Hisbollah – die ihn bisher als einen Hauptzeugen für ihre Lügenpropaganda verehrt haben – zu stehen.

Dann kommt die fast vollständige internationale Mediengemeinschaft, die bisher bewusst und mit Wonne arabischen und palästinensischen Lügengeschichten aufgesessen ist. Sie sind es vor allem, welche die Gräuelgeschichten israelischer Untaten verbreiteten und kaum arabische Menschenrechtsverbrechen, in deren Welt ein tagtägliches Vorkommnis, zur Kenntnis nehmen. Menschenrechtsverletzungen sind in ihrer Sicht ausschliesslich für antiisraelische Propaganda da – jetzt, wenn diese Welt plötzlich offiziell sehen darf, was alles blossgestellt wird – warten wir auf ein wenig Umdenken. Goldstones Einsicht wird den Schaden, den er mit seiner Kommission unserem Land zugefügt hat nicht wiedergutmachen können. Moshe Dayans in diesem Zusammenhang oft zitierte Aussage „Nur ein Esel ändert nie seine Meinung“ trifft auch hier zu.

Trotzdem, Goldstone hat eines fertig gebracht: Er schlug einen weiteren Nagel in den Sarg der Sage ausschliesslich israelischer Schuld an der Lage der arabischen Nation. Damit sollten die Gemeinschaft israelkritischen Linken und Grünen Europas, der Israelhasser an amerikanischen Hochschulen und der bigotten UNO-Menschenrechtsorganisation ihre Hosen osenHosen gänzlich verloren haben – auch wenn sie psychologisch unfähig sind, das zu realisieren. Das nach dem die heutigen „wundervollen“ Vorgänge in der arabischen Welt, diese Tatsache der gesamten Welt demonstrieren. Allerdings, eine Reaktion oben erwähnter Kreise ist deshalb ausgeblieben, sie sind wohl noch immer im Schockzustand und sprachlos. Denn diese, die bisher sämtliche Werte auf den Kopf gestellt, die Legitimität von Selbstverteidigung ins völlige Gegenteil gekehrt haben, ja die offene israelische Gesellschaft als Apartheid bezeichnen und die arabischen Diktaturen (ob islamisch oder nicht) als Demokratien beschreiben, wird der Boden unter den Füssen weggezogen. Die gegenwärtige Offenlegung der katastrophalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände in der arabischen Welt bestätigt eigentlich nur, was jeder der will, im Arab Human Development Report 2002 der UNO hätte lesen können.
Leider hat Israel für die neue Lage die falsche Regierung. Mit Alles oder Nichts wollenden Rechtsextremisten und der ausschliesslichen an sich selbst interessierten Ultraorthodoxie, die Israels heutige Aussen- aber auch Innenpolitik bestimmen, ist es unmöglich versöhnlich aber dennoch kraftvoll Friedenspolitik zu machen. Fehlt es Israel wirklich an Kraft, Willen oder Vorstellungskraft, den Tag zu nutzen und der Welt am lebenden Beispiel die wirkliche Lage im Nahen Osten vorzuführen und überzeugend zu erläutern. In der arabischen Welt geschieht revolutionäres, weltbewegendes. Eine bescheidene Revolution im israelischen Regierungsdenken ist nicht zu viel verlangt, um, sobald sich die Lage geklärt hat, mit den neuen arabischen Machthabern das Gespräch zu suchen. Zwar kann ich mir einige israelische Politiker für diese Aufgabe vorstellen, doch dazu müsste in der Regierung selbst und in der Knesset ein massives, auf Frieden durch Kompromiss gerichtetes Umdenken stattfinden. Noch sind wir nicht so weit. Ob sich in der in Erneuerung befindenden arabischen Nachbarschaft ein Partner finden lässt, wird sich herausstellen, es ist noch zu früh dazu, der Rauch hat sich noch lange nicht verzogen. Es sei aber gestattet zu fragen, ob Nethanyahus Regierung wirklich Pläne für Israels politische Zukunft der Vernunft vorbereitet.

Dienstag, 29. März 2011

Zweifel und Hoffnungen


Dieser Wochen und Monate wird jeder der sich als Jude politisch aufgeschlossen und liberal einstuft (im Volksmund also „Links“ bezeichnet) und den israelischen Extremismus der Siedler und der Ultraorthodoxie als weit gefährlicher für die Zukunft Israels sieht, als die Gefahren von arabischer und islamischer Seite, vor schwere Proben gestellt. In diesen Monaten beschliesst (oder möchte beschliessen) die Knesset vier rassistische Gesetze, die implizit gegen unsere arabischen und liberalen, eine demokratische Politkultur vertretende Bürger vorgesehen sind. Zwei dieser Gesetzesvorlagen sind schon angenommen worden, die beiden anderen werden, wie es aussieht, auch durchkommen. Es sind folgende Vorlagen, allesamt eine faschistoide Weltsicht vertretend, die auf extremistischem Nationalismus und damit verbundener pervertierter Religion fussen:


1. Die „Nakba“ Vorlage, soeben angenommen, verbietet das öffentliche Gedenken an die von den palästinensischen Arabern erlittene Katastrophe in 1948. Ob die Flucht als Panik oder aus Ermunterung dazu aus arabischen Kreisen jener Zeit oder eben als Vertreibung bezeichnet wird ist nicht eigentlich relevant. Ebenso wenig wie die Schuldfrage – obwohl ich denke, dass die Nakba das eindeutig hausgemachte Resultat falscher arabischer Politik und Volksverhetzung ist, die damit das palästinensische „Flüchtlingsproblem“ begründete. Hie und da hat die israelische Armee sicher ein wenig nachgeholfen, wie Benny Morris in seinem Buch „1948“ bestätigt, doch grundsätzlich war es der arabische Angriff auf das eben gegründete Israel, der diese Flucht auslöste. Aber jeder Mensch und jede Gemeinschaft muss das Recht besitzen, ihre eigene Geschichte so zu interpretieren, wie sie sie erlebt hat. Ich sehe dieses absolut antidemokratische Gesetz als Spiegelbild der Holocaustleugnung, die uns Juden verleumdet und beleidigt - eine moderne Variante des Judenhasses.

2. Ein weiteres Gesetz dieser Art – inzwischen aber nur vorläufig in einer Schublade in Wartestellung ist das Gesetz, das die freie Niederlassung, Eckpfeiler einer Demokratie, einschränken soll. Kleine Ortschaften im Norden und im Süden des Landes, mit weniger als 400 Einwohnern, sollen bestimmen dürfen, ob Personen dort wohnen dürfen – es gibt dafür eine Personenprüfkomitee. Man stelle sich vor, Schweizer Juden müssten Anträge stellen, ob sie vielleicht in einem kleinen Schweizer Dorf wohnen dürften, in Kauf nehmend als gesellschaftlich ungeeignet abgelehnt zu werden. Dieses Gesetz zielt, wie könnte es anders sein – auf Israels Araber. Auf Grund der Kritik gegen diesen Gesetzesentwurf, wurde die Anwendung auf Nord- und Südisrael beschränkt. Zwar soll dieses Gesetz Schutz vor rassistischem und religiösem beinhalten – doch wie immer: man schlägt den Sack und meint die Katze.

3. Ein Gesetzesentwurf, der jedem israelischen Bürger vorschreibt, den Staat Israel als jüdischen demokratischen Staat per Treueid zu unterstützen. Dieser Gesetzesvorschlag taucht wiederholt aus der Versenkung auf und falls die wachsende Entdemokratisierung des Landes durch politisch Rechtsextreme anhält, wird sie bestimmt wieder aufs Tapet gebracht.

4. Ein Gesetz, das israelischen Bürgern, die als Terroristen verurteilt worden sind – die Staatsbürgerschaft entzieht. Damit ist natürlich nicht Yigal Amir, der Mörder Rabins gemeint oder der Siedler, der seine arabischen Arbeiter umgebracht hatte – es ist ausschliesslich gegen arabische Bürger gedacht, aber allgemein gehalten, um den versteckten Rassismus dahinter, nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. Gruss an die SVP.

Das ist nur eine kleine Auswahl rassistischer Gesetzesvorlagen, die von rechtsextremistischer Seite auf unser Parlament zurollen. Alles kann diskutiert werden und soll es auch. Doch diese Welle hat eigentlich nur einen einzigen Zweck – unsere arabischen Bürger zu delegitimieren. Die israelische Linke in der Knesset – die Vertreter der Arbeitspartei, Meretz, viele Mitglieder von Kadima und sogar einige wenige Veteranen des Likuds – sind heute schwach und trauen sich nicht wirklich Stellung zu beziehen. Sie nahmen nicht einmal in genügender Zahl an der Parlamentabstimmung über das Nakba-Gesetz teil. So stimmten bloss 25 Abgeordnete dagegen, mehr waren nicht anwesend. Solange der Einfluss der Siedlerideologen und der sie unterstützenden religiösextremistischen Rabbiner und nationalistischen Politiker die Politik der Regierung bestimmen, wird sich nichts ändern und Israel wird sich in wenigen Jahrzehnten aus der Reihe wirklicher demokratischer Staaten verabschieden müssen. Ich bin der Meinung Bassam Tibis, der in einem Radio-Interview meinte, die erfolgreichen Unruhen arabischer Demokratiebewegungen beruhen fast ausschliesslich auf dem Drang auf ein besseres materielles Leben und nicht, wie von uns westlichen Idealisten falsch wunschgedacht, auf dem Wunsch nach moderner Demokratie, politischen Freiheiten und Meinungsvielfalt. Der herrschende islamistische Würgegriff in diesen Ländern, lässt das nicht zu. Ich denke, dass gerade diese nie öffentlich ausgesprochene westliche Falscheinschätzung die Gefahr einer islamistischen Machtübernahme zu einer realistischen Möglichkeit verschweigt oder verniedlicht. So nach dem geflügelten Wort: „Eine Stimme, eine Wahl, einmal“ – dann zurück zur Tyrannei unter anderem Personal. Die heutige Blüte politischer Macht der religiös und politisch Rechten in Israel macht diese nicht zu den alleinigen Gegnern von Frieden und Verständigung. Sie sind nicht allein in ihrer Abneigung auf Frieden zwischen dem Staat der Juden und den Palästinensern. Wenn man die Masse der antisemitischen Ausbrüche aus der arabischen Welt – hier ein Müsterchen: http://vimeo.com/16779150 - kommt man an Zweifeln an der Möglichkeit diesen Judenhass auch nur im mindestens zu überkommen, nicht herum. Es handelt sich nicht um einige wenige Spinner, sondern um die bestimmende Strömung innerhalb der arabischen Welt und sie wird von den Machthabern dieser Länder nicht bekämpft, ist sie doch bis anhin das Ventil zum Schutz eben dieser Machthaber gewesen. Als zweites Ventil gibt es heute den Wunsch arabischer Massen nach Freiheit, was immer diese darunter verstehen wollen. Die Maslowsche Pyramide (siehe Grafik) könnte uns einen Hinweis auf die wirklichen Aspiration der arabischen Revoluzzer verschaffen. Zur Zeit geht es ihnen, so scheint es mir, vor allem oder gar ausschliesslich um die untersten zwei Ebenen: physiologische Grundbedürfnisse sowie Schutz und Sicherheit.

Auch wenn heute in der arabischen Welt Demokratie verlangt wird, gibt es bisher keinen Hinweis darauf, dass sich der Hass der arabischen Strasse gegen Juden und Israel, und wenn wir schon dabei sind, auch gegen Christen und andere Nichtmuslime, verändert hat. In keinem der Länder, in denen gerade Revolutionen stattfinden, sind die Ziele bisher klar definiert worden. Vielleicht weil in keinem dieser Länder ein klares politisches Programm zu erkennen ist, aus dem nicht nur hervorgeht welche Ziele die Revoluzzer eigentlich verfolgen und vor allem, wer in diese Staaten als neue aber wirklich demokratisch gewählte Führungsriege überhaupt in Frage kommt. Die Sorge Israels und anderer demokratischer Staaten, dass die Macht der bisherigen in jeder Beziehung korrupten Diktatoren durch frömmelnde „Demokratien“ im Stil Irans abgelöst werden könnten, ist noch nicht entkräftet.

Mittwoch, 23. März 2011

Wenn Religion and Rassismus sich vereinigen

Folgenden Tagebucheintrag schrieb ich Mitte Februar. Irgendwie wurde er vergessen und nicht in den Blog eingefügt. Das hole ich hier nach:

Uri Themals Klarstellung in unserem gemeinsamen Interview vom 7.2.2011, dass Religion – er spricht von den drei monotheistischen Religion Judentum, Christentum und Islam – mit Demokratie nicht zu vereinbaren ist, wird in Israel wie kaum je bevor, fast täglich bewiesen. Die dieser Tage modischen faschistoiden Gesetzesvorlagen, die von den herrschenden Rebben, vor allem der aschkenasischen Konfession, und auch säkularen Rechtsextremisten, ausgedacht und vorgelegt werden, belegen diese These. Nicht alle diese Versuche beruhen auf religiösem Hintergrund.
Hier ein populäres Beispiel: Extremisten des Likuds and rechts davon wollten eine Gesetz durchbringen, mit dem sogenannt linke NGOs untersucht werden können um herauszufinden, wer sie finanziert. Eine Idee, die völlig dem Gedankengut eines US-Senator McCarty entsprungen sein könnte. Auch Lieberman und Nethanyahu sprachen sich erst dafür aus. Doch die Diskussion und Empörung über diese Gesetzesvorlage, die allen demokratischen Grundlagen widerspricht, führte dazu, dass Nethanyahu kalte Füsse bekam. Erst hob er die Abstimmungsdisziplin für seine Partei auf. Als er feststellte, dass die Vorlage auf einmal vom Parlament keine Mehrheit erhalten könnte, versenkte er diese in eine tiefe Schublade und die Angelegenheit war vom Tisch. Mit anderen Worten: eine zutiefst undemokratische Gesetzesvorlage wurde auf zutiefst demokratische Art abgeschossen, noch bevor sie sogar zu einer Diskussion im Parlament kam. Wieder einmal zeigte sich Israel als demokratischer Staat - auch Faschistoides wird diskutiert und entsprechend seinem Wert in den Mistkübel der israelischen Geschichte geworfen. Hoffentlich gibt es da in der Zukunft keine Ausnahmen.
Widmen wir uns lieber unseren revolutionierenden Nachbarn. Wie die sich momentan noch zurückhaltenden Muslimbrüder in Aegypten, die ihrer islamo-faschistischen Ideologie in Gaza einen politischen Probelauf gestatten. Dort werden deren Gräuel live angewandt und die Welt könnte, wenn sie wollte, von Armstuhl aus zusehen, wie Islamisten Nichtislamisten, aber auch normale sunnitische Muslime und Christen verfolgt, einen Anschauungsunterricht bietend, wie ein Aegypten oder auch ein Palästina der Muslimbrüder à la Al Banna, Sayed Qutb und deren palästinensischen Partner, dem Jerusalemer Grossmufti ihrer Zeit, Mohammed Amin Al-Husseini, auszusehen hat. Al Banna und Qutb wurden exekutiert, der Grossmufti floh zu den Nazis und verbrachte den Zweiten Weltkrieg in Berlin. Vielleicht ist es interessant zu vermerken, dass der in Genf lebende Tarik Ramadan, Enkel des Muftis, heute seinen Opa reinzuwaschen und dessen Judenhass, Holocaustbegeisterung und Vorliebe für nazistischen Rassismus zu relativieren sucht.
Unter dem Titel „Hitler Put Them in Their Place“ publizierte dieser Tage Dr. Harold Brackman eine Studie über Aegyptens Muslimbrüder und ihrem Jihad gegen Juden, Judentum und Israel.(http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/HITLER-PUT-THEM-IN-THEIR-PLACE_BRACKMAN_FINAL.PDF) Aus dem einführenden Kapitel „Was die Brüderschaft glaubt“ einige Zitate, von mir aus dem Englischen übersetzt:
Nüchterne Warnungen
  • Eine Globale Bedrohung: „Ein radikalisiertes Verständnis des Islam hat die Welt ergriffen, möglicherweise weitergreifend als alle anderen in der vierzehn Jahrhunderte dauernde Geschichte des Islams und es hat jeden ernsthaften Rivalen verjagt oder zum Schweigen gebracht (Daniel Pipes (2002)
  • Eine muslimische Einschätzung: „Das Problem der Muslimischen Brüderschaft ist die, dass sie keinerlei Scham besitzt. Der Anfang all dieses religiösen Terrorismus, dem wir Zeuge sind, beruht auf ihrer Ideologie des Takfir (dem verleumden anderer Muslime)….. Die Gründer dieser gewalttätigen Gruppen wuchsen in der muslimischen Brüderschaft auf und jene die mit Bin Landen und al-Qaeda sind taten dies unter dem Mantel der Brüderschaft“. (Dr. Ahmad al-Rab, ehemaliger Erziehungsminister von Kuweit, 2005)
In eigenen Worten

  • · Todeskult: „Schande und Ehrlosigkeit sind das Resultat der Liebe zu dieser Welt. Deshalb bereitet euch für den Jihad vor liebt den Tod. … Der Tod ist eine Kunst und die hervorragendste aller Künste, wenn sie von einem geschickten Künstler praktiziert wird.“ (Hassan al-Banna, ca. 1940)
  • · Gewalt: „Geschichte wird nicht ohne Gewalt geschrieben. Ruhm baut keine Denkmale ohne Totenschädel. Ehre und Respekt kann nicht gesichert werden, wenn es dafür keine Grundlage mit Krüppeln und Leichen gibt“. (Abdullah Azzam, Lehrer der Brüderschaft und von Osama bin Laden, 2003)
  • · Demokratie: „Demokratie widerspricht und bekämpft den Islam. Wer immer zur Demokratie aufruft, bekämpft Gottes Plan und den Islam“. (Mustapha Masour, Oberster Geistiger Führer der Brüderschaft, 1981)
  • · Tötet die Juden: „Das Versailles Abkommen war für die Deutschen wie auch für die Araber eine Katastrophe. Aber die Deutschen wissen wie man Juden los wird … Die Deutschen schadeten noch nie einem Muslim und sie bekämpfen unseren gemeinsamen Feind, der Araber und Muslime verfolgte. Aber mehr als alles andere, sie haben das jüdische Problem gelöst. Araber! Erhebt euch und verteidigt eure heiligen Rechte. Tötet die Juden wo immer ihr sie findet … Gott ist mit euch.“ (Mohammad Amin al-Husseini, Grossmufti von Jerusalem, 1943)

Freitag, 18. März 2011

Iran v. Japan

Hier bitte ein Bömbchen von Hendryk Broder, auf das er von einem anderen denkenden Menschen gebracht worden ist. Wie recht er hat - aber wer dachte denn schon daran.

Donnerstag, 17. März 2011

Artikel im Journal21


Im Journal21 wurde mir nun schon zum dritten Mal Gelegenheit gegeben einen Artikel zu veröffentlichen.


Samstag, 12. März 2011

Eine Empfehlung

Im vergangenen Dezember und Januar veröffentlichte die für mich beste politische Monatzeitschrift „Cicero“ einen Blog aus Israel aus der Feder von Ingo Way. Hier als Beispiel seine Beschreibung des Gideon Levy, dem Haaretz-Journalisten, der sich eine Marktnische in Sachen antiisraelischer Verleumdungen und Übertreibungen erbaut hat und darin sehr gut lebt und noch besser verdient. Ausserhalb Israels wird er von der Israelkritik frönenden Fangemeinde als Halbgott verehrt und tatsächlich ernst genommen. Gideon Levy ist einer der humorlosesten Menschen, die ich je kennen gelernt habe (ich treffe ihn gelegentlich und stets zufällig in der Galerie oder an kulturellen Anlässen) – aber jedem das Seine, auch seine einmalige Humorlosigkeit sei ihm unbenommen. Hier was Ingo Way über ihn schreibt, als extremes Beispiel der arabischer Entmündigung durch israelische Gutmenschen aus Medien und Kunst:

Auf die Spitze getrieben wird diese Haltung von Gideon Levy. Der Starkolumnist der Tageszeitung Haaretz gefällt sich seit Jahren in der Pose des einsamen Propheten, der im eigenen Land nichts gilt – und das, obwohl er zu den bestbezahlten Journalisten des Landes zählt. Levy geht im persönlichen Gespräch sogar so weit, zu behaupten, die Palästinenser würden in Konzentrationslagern leben. Als ihm dann Unmut entgegenschlägt, mit dem er anscheinend nicht gerechnet hat, rudert er zurück: Er wolle Israel keineswegs mit Nazideutschland vergleichen. Als sich die Atmosphäre ein wenig beruhigt, rudert er wieder vor: „Allenfalls mit dem Deutschland des Jahres 1933, als die Entrechtung und Ausgrenzung der Juden langsam losging.“ Eben dies hat Levy schon vor acht Jahren in der Haaretz geschrieben. Und wenn 2003 für Israel 1933 war, dann müsste, wenn Levys Analogie taugt, heute 1941 sein. Und noch immer gibt es in Israel keinen Nationalsozialismus und keine Konzentrationslager, und er, Levy, kann munter seine Artikel veröffentlichen.

Hier bitte
der Link zu Ingo Ways Blog – es macht Freude israelische Realität zu entdecken.

Sonntag, 6. März 2011

Spitaltage 2

Heute früh rief mich Ahmad, mein erster Zimmergenosse an und wollte wissen, wie es mir gehe. Zudem richtete er Grüsse aus von Said Abu-Shakra und von seinem Chef Sami. Arbeiten darf er noch längere Zeit nicht, seine Nieren lassen das nicht zu.

Mohammad, mein neuester Zimmergenosse meint, dass die Amerikaner in Irak schon eine Million Araber umgebracht hätten, der Saddam Hussein scheint in seinen Augen ein Lieber gewesen zu sein. Die fast zehntausend Kurden von Halabja seien nicht von ihm vergast worden, sonders es seien die Iraner gewesen. Also ging ich ins Internet um mich schlau zu machen. Es scheint darüber tatsächlich eine Diskussion gegeben zu haben, doch am Ende war es halt doch der Saddam Hussein, das war jedenfalls der Schluss der sich damit befassenden Gremien. Beiden, den Iranern und den Irakern (und auch den Türken) ist gemeinsam, dass sie Kurden nicht mögen und diese traditionell verfolgen und unterdrücken. Weit wichtiger als diese Aussage meines Zimmergenossen Mohammed war seine Absage an den heutigen Islam, der mit dem wahren Islam nichts zu tun habe. Der wahre Islam sei zwar nicht demokratisch aber gerecht und behandle Juden als Gleichberechtigte. Nur scheint mir, dass diese schöne Zeit schon seit Jahrhunderten vorbei ist und die heutigen Probleme auf dem faschistoiden Islamismus von heute beruhen. Schön, immerhin steht Mohammed jeden Tag um fünf Uhr früh zum Gebet auf und klettert dann wieder ins Bett zurück um weiter zu schlafen. Das ist gut so und tut niemandem weh. Doch brachte ich es nicht fertig bei ihm Grundlagen demokratischen Denkens zu entdecken. Religion und Demokratie sind einfach nicht unter einen Hut zu bringen, sei es bei uns Juden, dem Islam und dem Christentum. Beim Abschied schenkte er mir seinen wunderschönen grünen Gebetsteppich und ich muss mir überlegen, was ich mit diesem Schmucksstück tun soll. Einen Ehrenplatz in unserer Wohnung ist er sicherlich wert.

Wenn wir schon bei arabischer Demokratie sind: genau so wenig wie Juden, die von einem jüdischen und demokratischen Staat schwafeln – einem Oxymoron per se – scheint ein grosser Teil der westlichen Welt wenigstens öffentlich überzeugt, die arabische Welt habe Demokratie entdeckt. Bisher in Tunesien, Ägypten, Bahrain, Libyen, Jemen und wo ich es vielleicht schon vergessen habe, sind Millionen Menschen auf die Strasse gegangen und haben gegen ihre nationalen Tyrannen gemeutert. Sie haben politische Meinungsfreiheit ausgeübt, zum Teil mit enormem Erfolg. Aber wie geht es weiter? Von der Gleichberechtigung der Frau und Minderheiten, von rechtsstaatlichen Grundsätzen, von Freiheit für alle und von allen Religionen und all den anderen Grundsätzen demokratischen Verhaltens, von Gewaltentrennung usw. hört man nichts. Wenn es bei der Ausübung des demokratischen Demonstrationsrechts bleibt, hat vielleicht vor allem der Pöbel gewonnen. Irgendeine Diktaturform, sei es Armee oder Islamisten, könnte zurückkehren und so weitermachen, wie ihre gestürzten Vorgänger. Es bleibt zu, hoffen, dass sich in diesen Ländern möglichst schnell eine demokratische nicht korrupte Führerschaft entwickelt, die diese arabischen Menschen in die Praktiken und Grundsätze demokratischen Lebens einführen können. Denn kaum ein Volk ist so traditionslos mit freiheitlichen Lebensformen, wie das arabische. Ich denke da besonders freudig an den unter heftigem Beschuss stehenden Jean Ziegler, dessen Talent für alles Ausreden zu finden und die Schweiz für alles Böse unter der Sonne verantwortlich zu machen. Man wirft ihm heute seine Freundschaft zu Ghadaffi vor, doch hört Mal Freunde: habt ihr seine nicht weniger grosse Freundschaft zu Saddam Hussein vergessen, zu dessen Apologeten er sich hochstilisiert hatte?

Vor zwei Stunden wurde mir Zimmerpartner Nummer 4 vorgestellt. Heissen tut er Simando und ist jüdischer Tscherkesse (warum soll es das nicht geben, gibt es doch auch jüdische Schweizer). Ein lustiger kleiner Mann mit Dächlikappe, der sich umsonst freute mit mir Russisch sprechen zu können. Als Tscherkesse spricht er kein Jiddisch, mit dem wir uns hätten behelfen können, denn die Juden von dort sprechen Farsi, die Sprache der Perser, was ihn zu einem orientalischen Juden macht. Soeben hat ihn die Schwester wieder verlegt, er brauche ein Zimmer mit Monitor. Schade, ich hätte gerne Tscherkessisch gelernt. Sein Nachfolger ist schon da, er heisst Chesi.

Freitag, 4. März 2011

Spitaltage


Um multikulturellen Erfolg in Israel zu sichten, genügen wenige Tage Spitalaufenthalt. So wie ich gerade in diesen sonnigen Tagen, an denen ich gerne etwas anderes täte.

Seit Montag befinde ich mich im Hillel Jaffe Spital in Hadera in einem Zweierzimmer im Neubau des Spitals. Mein erster Zimmergenosse hiess Achmad und wurde gestern entlassen. Ahmad ist Student und arbeitet in Umm El-Fahm im neuen und wirklich feinen Restaurant Kanari. Dieses Lokal gibt es seit drei Monaten und Sami, der Besitzer, ist für den frommen und konservativen Ort eine Ausnahmeerscheinung. Allerdings wohnt er im benachbarten Ara, wo
weniger konservative Sitten herrschen. Sami scheint etwa 40 Jahre alt zu sein, spricht tadelloses englisches Englisch, denn er hatte lange Jahre in England studiert und gearbeitet und ist ein moderner Mensch zu sein, wie Du und ich. Er lernte in England ein spanisches Mädchen aus Teneriffa auf den kanarischen Inseln kennen. Sie heirateten und er liess sich auf ihrer heimatlichen Insel nieder, eröffnete eine Süssigkeitenfabrik und ein Restaurant. Sie haben drei Kinder, seine christliche Frau trat zum Islam über. Da Sami seine Kinder in der arabischen Kultur, die in Israel etwas weniger oppressiv ist als in den umliegenden Ländern, aufwachsen lassen will, kehrten sie nach Israel zurück. Ausnahmen, wenn ich schon von oppressiver arabischer Kultur schreibe, wie der gerade wieder mal in einem Gefängnis einsitzende Scheich Ra'ed Salah, bestätigen die Regel, auch wenn sich der Scheich alle paar Monate kurz aufbläst, zu hasserfüllten Krawallen aufruft, die ihn meist ins erholsame Zuchthaus bringen, wo er gerade jetzt wieder residiert, wie mir Ahmad lachend erzählte. Warum unsere jüdischen Faschisten wie Baruch Marzel und Ben Arie dem Scheich nicht die Ehrenmitgliedschaft in ihrem Extremistenverein angeboten haben, ist mir noch immer unverständlich, verfolgt er doch dieselben Ziele, spiegelbildlich gesehen. Er ist deren Geistesbruder in Rassenhass und überdrehtem Nationalismus. Vielleicht weil Sami bei seinen Aufenthalten in England und Spanien als Geschäftsmann lebte und weder Zeit noch Neigung für palästinensischen Patriotismus besitzt, scheut er sich nicht in Umm El-Fahm auch Juden gegenüber zu sagen, was er wirklich denkt. Doch dazu in einem anderen Tagebucheintrag.

Hier im Hillel Jaffe Spital läuft nichts ohne arabische Mitarbeiter. Fast alle Ärzte in unserer Abteilung sind Araber, der Chefarzt Dr. Jarkovsky ist keiner, sein Stellvertreter, Dr. Abu Much ist einer und beide gleichen sich im Äusseren und auch in ihrer Art uns Patienten gegenüber, wie ein Ei dem Anderen. Ich habe hier noch keinen nichtarabischen Assistenzarzt getroffen, jedoch einige Stageure, die in Deutschland studieren. Das Pflegepersonal ist gemischt: Schwestern und Pfleger arabischer Herkunft, einige russische Juden beigemischt, Sabres habe ich noch keine gesichtet. Die Putzfrauen sprechen Russisch. Alles funktioniert tadellos, d.h. alles, was menschliche Betreuung und Interaktion betrifft. Das Haus 2 des Hillel Jaffe Spitals ist neu, doch irgendwie scheint die Planung nicht ganz der Wirklichkeit zu entsprechen. Unser Zweierzimmer – in Israel eigentlich ein Luxus - ist als Einzelzimmer konzipiert, die Dreierzimmer als Zweierzimmer, das luxuriöse Badezimmer (für zwei) lässt aus den Hähnen das Wasser nur gerade tröpfeln. Wirklich wichtig ist jedoch die Tatsache, dass wir Patienten ernst genommen werden, auch wenn der materielle Luxus ein wenig zu wünschen übrig lässt. Bisher hat sich noch niemand darüber aufgeregt.

Soeben habe ich den Zimmerpartner Nummer Drei bekommen, Muhammad, ein netter Mann mittleren Alters. Sein Vorgänger, Moshe, blieb nur gerade eine Nacht, denn er hatte „bloss“ eine Lungenentzündung. Er hinterliess mir, ich war gerade nicht im Zimmer als er sich verabschiedete, Getränke und Gebäck. Der Neue, Mohammad, packte als Erstes einen wunderschönen grünen Gebetsteppich aus, legte ihn vor der Türe ans Fenster und betete. Wie ist er zu beneiden, denn obwohl es in der Abteilung genügend Muslime gibt, hatte er nicht den Drang einen Minjan der Muslime (wenn es so etwas überhaupt gibt) zusammensuchen zu müssen. Offen gebe ich zu, darüber wenig Ahnung zu haben, doch ist mir verschiedentlich schon aufgefallen, wie frei Muslime dem Gebot fünfmal täglich zu beten, nachkommen. Im Olivenölladen von Umm El-Fahm bat mich der Inhaber um einige Minuten Zeit, um dieser Pflicht nachzukommen, im Frucht- und Gemüsestand an der Landstrasse Nummer 4 in benachbarten Faradis geschah mir dasselbe – beide benutzten jedoch statt einem schönen Teppich plattgedrückte Kartone. Muhammad war schon sechsmal auf den Hadsch nach Mekka und ist inzwischen Reiseleiter für diesen Pilgertrip geworden. Muhammad ist, wie ich, zur Beobachtung hier, allerdings hat er seine Angiographie schon hinter sich. Er schnarche nicht und scheint, im Gegensatz zu Ahmad, ein guter Schläfer zu sein, sodass ihn mein Schlafgetöse nicht stören sollte.

Soeben ruft eine Hilfsschwester: „Chewre, bou le’echol!“ (Freunde, kommt essen!). Tatsächlich, es gibt warme Hühnerschenkel, sogar zwei, mit Hühnersuppe (ebenfalls warm) mit Fideli statt Matzeknödel, denn es ist Erew Schabbat. Ich setze mich an den runden Tisch. Eine Dame mittleren Alters (hoch in den Achtzigern) stellt mir ihre junge Tochter vor (hoch in Fünfzigern, aber blond und schön füllig). Ich verkneife mir zu sagen, ich sei schon vergeben, erhebe mich wie der Gentleman, der ich bin und höre mich sagen: „Na’im meod“ (sehr angenehm), schüttle zwei Hände, setze mich wieder hin, würge schnell meine zwei Pouletschenkel hinunter und flüchte zurück ins Zimmer, jedoch nicht vergessend, „Schabbat Schalom“ zu sagen. Hier geht es gesittet zu, in diesem Spital der Jeckes und der Araber.

Noch weiss ich nicht, wann ich hier herauskomme. Ferien stelle ich mir anders vor, etwa in Arosa im Tiefschnee oder auf der sommerlichen Alp. Vielleicht klappt das noch.