Freitag, 20. Juli 2012

Was so durch den Kopf geht




Bibi Nethanyahu’s Prioritäten

Könnte es sein, dass Bibi Nethanyahu mit seiner schmierigen Bevorzugung der sich vor sämtlichen Bürgerpflichten drückenden israelischen Haredim, die er einem wirklichen demokratischen Israel vorzieht und ihre korrumpierenden Gier nach noch mehr Geld und noch mehr Macht ihrer Rabbiner völlige Freiheit lässt, Israels Totenglocken (ich weiss, ein christlicher Begriff) läuten lässt? Auf der einen Seite lehnen die meisten Haredim den Staat Israel ab – das Beispiel des Vizegesundheitsministers Ja'akov Litzmann, der nicht Minister sein will, weil er dann als Regierungsrepräsentant den Staat Israel anerkennen müsste. Bibi hat nun mit dem von ihm bewirkten Platzen der Riesenkoalition die grösste Chance seit Staatsgründung verpasst, Israel als wirklich demokratisches Land für die Zukunft zu sichern. Man kann sagen, er habe den Staat der Juden an dessen nationalistische Extremisten und an jene charedischen zehn Prozent Israelis verkauft, die sich einer zeitgemässen und demokratischen Zukunft Israels verschliessen. Wie ich schon mehr als einmal schrieb, ist Bibis Sorge nicht unser heute noch fortschrittliches modernes Land, sondern seine Angst, die Macht und ihre vielen Zückerchen fürs Ego zu verlieren. Man könnte weinen. Die Folgen dieser Bibi-Politik sind noch nicht abzusehen. Ob die nun auf die lange Bank verschobenen Knessetwahlen etwas verändern werden, ist zu bezweifeln sind doch die grossen politischen Parteien Israels vor allem Arbeitvermittlungsbüros für Ihre Mitglieder, einer Tradition, der vor allen anderen der Likud verpflichtet ist. Das verpflichtet viele Parteimitglieder, die Angst davor haben, ihre Pfründe zu verlieren. Ich befürchte der Zug ist für eine progressive und vernünftige politische Weichenstellung abgefahren. All das ist Israels Hauptproblem, hat jedoch absolut nichts mit Aktionen aus der arabisch-muslimischen Welt zu tun. So wie, beispielsweise, das Bombenattentat auf Israelis in Bulgarien.

Judenhass aus schiitischer Sicht

Der iranische Mullahstaat und seine Ableger, die schiitischen Hisbollah des Libanon, hassen uns Juden aus ganzem Herzen. Sie hassen alles jüdische, den Staat Israel, die Juden der Diaspora, kurz, sie versuchen die Arbeit Hitlers fortzusetzen. Den Hass haben sie von diesem geerbt, die Motivation dazu offensichtlich ebenso. Ich grüble schon lange Zeit über diesen Judenhass nach. Warum hassen sie uns? Sie haben keinen praktischen Grund, wie vielleicht, wenn auch selbstverschuldet, die Palästinenser. Die Iraner und ihre Hisbollah sind Schiiten, nicht Sunniten. Während der Zeit des Schahs waren Israel und Iran sehr gute Freunde, Israel half massgeblich die iranische Landwirtschaft zu entwickeln. Dann kamen Khomeini und seine Mullah, die den autokratischen Schah mit einer totalitären und faschistischen Theokratie ersetzten, in der ungeheuer viel Blut floss und noch immer fliesst. Und plötzlich war Iran unser schlimmster Feind, schlimmer noch als alle palästinensischen Terroristenbanden, die heute zu einem grossen Teil von den Mullahs und ihren Hasszwerg Ahmedinejad ideologisch und materiell unterstützt werden.

Warum dieser Hass auf uns Juden? Warum die Leugnung des Holocaust, die Verleumdungen der Juden und des Judentums im Nazistil Iran gehorchender terroristischer Untergrund in vielen, vor allem arabischen, Ländern? Schiiten sind nie vor Juden geflohen. Weder im Iran oder im Libanon. Im ersten Libanonkrieg waren die libanesischen Schiiten, zusammen mit libanesischen Christen, Israels erste Verbündete im Kampf gegen die sie terrorisierende PLO. Warum also dieser Hass? Ich weiss es nicht, sondern kann nur annehmen, dass die fundamentalistische Religion, mit der die Mullahs die in religiösen Dingen liberale Herrschaft des Schahs ersetzten, der Hintergrund sein muss. Analog zu den Nazis, wurde der Jude und stellvertretend für ihn Israel, als Sündenbock für alles Böse und Schlechte erklärt. Wie bei den Nazis gibt es keinen realen Hintergrund. Böswillige Ideologie oder Religion beschliesst, das Volk folgt mit Überzeugung oder aus Furcht vor dem bis heute andauernden landesinternen Terror in arabischen Ländern.

Je ich mich damit befasse, umsomehr verstärkt sich meine Auffassung, dass die grosse Religion des Islams in eine misanthropische und hasserfüllte politische Ideologie psychopathischer Natur verändert worden ist - den Islamismus und Jihadismus. Hass wurde zum Selbstzweck, eine Entwicklung, die leider auch in gewissen Kreisen rechtsextremer durch Gewalttätigkeit und linksextremer Juden durch Verleumdung und Unterstützung Israels Feinden begonnen hat.

Der, wie es heisst, von Iran ausgelöste Selbstmordanschlag in Bulgarien ist hoffentlich nicht bloss der Anfang einer neuen, auf jüdische Ziele in aller Welt gerichtete Terrorwelle. Ich fürchte jedoch, dass dies der einzige Schluss zu diesem Thema sein kann. Vertrauen wir den Antiterrorspezialisten Israels und anderen Staaten, es nicht nur bei schönen Deklarationen bleiben zu lassen, sondern proaktiv den islamistischen Terror  zu bekämpfen, statt Schönrednern verständnisreich zuzunicken.

Montag, 16. Juli 2012

Israels fromme Probleme




Die Sache mit den gleichen Rechten und Pflichten für alle

Endlich ist das wichtigste demokratische Grundsatzproblem Israels aufs Tapet gekommen. Ein Beitrag im „YNet“ (Yediot Ahronot“ bringt es auf den Punkt. Das Hauptproblem der Haredim volle Bürgerpflichten zu übernehmen sei, dass es Frauen im Militär gebe. Dies allein rechtfertige die haredische Weigerung Soldat zu werden. Es ist ein Grund, doch bestimmt nur einer von mehreren. Sie, die Haredim würden lieber auswandern, als wirkliche israelische Juden zu sein, was meine Freundin Esther Scheiner wiederum zum Anlass nahm, eine überzeugende Persiflage in ihrem Blog zu schreiben.  Der Hauptgrund jedoch, da bin ich überzeugt, ist ein rein politischer. Die Rabbiner haben Angst die Kontrolle über ihre Haredim zu verlieren – ein reines Machtspiel also. Aus demselben Grund werden Haredim von ihren Rebbes arm gehalten, abgehalten einen wirklichen Beruf zu erlernen und sich von der gesunden israelischen Gesellschaft abzusondern. Und, um nicht zu vergessen, eine perverse Sexualmoral durchzusetzen, die Frauen unter anderem als unrein zu sieht. Mehr will ich darüber nicht schreiben, ausser vielleicht meine Überzeugung, dass die Armee haredische Soldaten nicht eigentlich will oder gar braucht. Doch unsere Armee ist Teil eines demokratischen Staates, in dem alle dieselben Rechte und Pflichten haben – wenngleich eine grosse Minderheit sich vor allem an den Rechten orientiert. Das bisherig einzige Haredi-Battalion „Nahal Haredi“, etwa 600 Soldaten und davon keine 400 wirkliche Haredim, sind, wie mir von einem von ihnen persönlich erklärt worden ist, hat sich nicht bewährt, organisatorisch und militärisch. Zudem, wie schon im YNET Artikel steht, versuchen ultraorthodoxe Rabbiner den Offizieren ins Handwerk zu pfuschen und militärische Befehlsgewalt auszuüben, Kashrut muss speziell auf diese Haredim ausgerichtet sein und die Anwesenheit von Frauen ist in diesem Battalion völlig verboten. Nur schon das allein ist eine Beleidigung jeder Frau, die sich dem zweijährigen Frauenmilitärdienst unterzieht und ihre Leben riskiert und jenen Frauen, die in der Armee, auch in den hohen Rängen, eine wichtige Rolle als Berufsoffiziere spielen.

Die Sache mit der nationalen Kashrut und der religiösen Vergewaltigung der Bürger

Nun ist es kein Geheimnis, dass ich für Kashrut wenig übrig habe. Sie vermittelt mir den Geruch des Antisozialen, der Absonderung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen, die nicht genau so essen und genau so leben wie jene, die sich ausschliesslich dem Einhalten uralter jüdischer Gesetze verschrieben haben. Natürlich ist es durchaus legitim jüdische Speisegesetze einzuhalten. Man kann, wenn man will, sich koscher ernährende Juden respektieren, doch es kommt, wie in allem anderen, wirklich auf deren Motivation an. Warum leben sie koscher? Reduzieren sie damit das Judentum auf Nahrungseinnahme? Zwingen sie damit andere Menschen, sich koscher zu ernähren. Nachfolgend einige der Gründe für mein Koscherproblem:

·       Kashrut ist ein auf Nahrungsmittel und deren Zubereitung ausgerichtetes Gesetz der jüdischen Religion. Zwar bin ich kein Experte, doch weiss ich, dass Kashrut auf die Aussagen in Leviticus 11 und Deuteronomium 14, 3 - 21 beruhen . Dort werden Tiere, Fische und Geflügel aufgezählt, jene die man essen und jene die man nicht essen darf. Chinesische und andere asiatische Küche hat hier wenig zu suchen, obwohl wir Juden auch dazu wunderbar kluge und völlig koschere Umgehungsprozedere gefunden haben.

·       Heute, wo Judentum für viele Juden, vor allem ausserhalb Israels, zum oberflächlichen „Live Style“ geworden ist, den man zu Hause pflegt und ausserhalb nicht immer einhält, stellt sich die Frage sozialer Doppelmoral. Das hat den Vorteil andere Menschen, mit denen man zusammen sein will (oder soll), nicht völlig vor den Kopf zu stossen. Doch schützt dieser Live Style auch davor denken zu müssen?  „Man tut’s einfach“ und hinterfragt nichts, wie mir einmal von einer Dame mitgeteilt wurde, dazumal im Zusammenhang mit Beschneidung. Etwas zu hinterfragen heisst noch lange nicht, dass man kritisiert oder gar ablehnt. Man will einfach wissen, warum etwas zur Tradition geworden ist. Alles soll hinterfragt werden und unreflektierte Tradition als einzige Begründung darf nicht gelten.

·       Kashrut ist eine sehr geldintensive Einnahmequelle für orthodoxe jüdische Männer. Sie, die keinen Beruf erlernt haben, ist die Arbeit als Kashrutaufseher (Maschgiach) eine wundervolle Aufgabe, gut bezahlt und vor allem vieles verteuernd, wie untenstehendes Beispiel bezeugt.

·       In Israel hat sich Kashrut in sehr vieles eingenistet, das eigentlich gar nichts mit essen zu tun hat. Nur ein Beispiel von vielen: Die meisten israelischen Hotels haben am Wochenende einen sogenannten Schabbat-Lift, für den man keinen Knopf drücken muss, denn er fährt langsam aber stets ohne anzuhalten in einem Tempo, bei dem jeder ein- und aussteigen kann ohne irgendeinen Steuermechanismus berühren zu müssen. Soweit so gut. Diese Schabbat-Lifts brauchen aber, obwohl sie mit Essen nichts zu tun haben, in Israel einen Kashrut-Aufseher und zwar für die gut vierundzwanzig Stunden Dauer des Schabbat. Von Freitagabend bis Samstagabend. Das sind drei Arbeitstage von je acht Stunden. Da Schabbat-Aufseher am Schabbat nicht fahren dürfen, leben sie mit der ganzen Familie übers Wochenende im Hotel (vor allem in den zahlreichen grossen Luxushotels Israels). Das kostet das Hotel nicht nur drei Tagessaläre, sondern auch den Aufenthalt dreier Familien mit Kost und Logis über das Wochenende. Bestimmt ist das einer der Gründe für die unverschämten Preise israelischer Hotels.

·       Die Kashrut, wie auch das Zivilstandswesen und der öffentliche Verkehr Israels, bringt das orthodoxe Establishment in eine Machtposition, die das Land und seine weit über fünfzig Prozent säkularer Bürger erpresst und ihnen einen Lebensstil aufzwingt, den sie überhaupt nicht mögen. Sogar im Restaurant des Möbelwarenhauses IKEA schleichen Mashgichim herum und passen auf, dass sich ja niemand aus dem milchigen Café einen Milchkaffee ins fleischige Restaurant holt – von mir vor kurzem beobachtet. Aber man arrangiert sich. Die Koalitionspolitik aller Regierungen lässt nichts anderes zu. Man könnte heute sagen, russische Einwanderer hätten Israel auf ihre Art gerettet: immerhin gibt es heutige russische Lebensmittelgeschäfte und ausgezeichnete, meist nicht russische Restaurants, in denen jeder essen darf, was ihm schmeckt.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Israel wichigste Sorgen




Die Regierungskoalition

Noch nie in seiner Geschichte hat sich das israelische Wahlsystem mit seinen Auswüchsen so negativ bewiesen. Minderheiten, vor allem Rechtsextremisten und Superorthodoxe, sind in der Lage, die Regierung zu Entscheiden zu erpressen, die sogar Nethanyahu nicht in den Kram passen. Trotzdem besteht gerade mit der gegenwärtigen Riesenkoalition die noch nie dagewesene Möglichkeit revolutionäres, noch nie dagewesenes zu erreichen und Israel als wirklich demokratischen Staat ohne wacklige Füsse zu sichern. Mit einer Koalitionsmehrheit von rund achtzig Prozent hat Ministerpräsident Nethanyahu heute die Möglichkeit grosses zu tun, das die interne Situation Israels aufs positivste verändern würde. Doch diese Superkoalition wackelt schon. Das zu revidierende Tal-Gesetz, das er auf Entscheid des Obersten Gerichtshofes revidieren oder gar abschaffen muss, bringt ihn in Nöte. Er, der am liebsten alles beim Alten lassen möchte, dem der eigene Stuhl wichtiger ist, als das Wohl und der demokratische Charakter Israels, muss Entscheide treffen, die er nicht mag.

  • Nethanyahu könnte, wie er zurzeit vorgibt zu tun, demokratische Pflichten für sämtliche Bürger Israels durchsetzen. Jeder Bürger, der Fit für Militärdienst oder Zivildienst ist, soll dienen. Weder Lebensstil noch, Zivilstand, Religion noch Volkszugehörigkeit darf als Ausrede dienen. Nur die Armee selbst darf nach militärischen Kriterien entscheiden, wen sie will.
  • Nethanyahu könnte, wenn er den Mut dazu hätte, das israelische Oberrabbinat auflösen und undemokratische Macht über Zivilstand, Geburten und Todesfälle, das Koscherwesen und alles mit Religion verbundene privatisieren oder religiös neutralen staatlichen Ämtern überlassen. Das Oberrabbinat ist eine völlig überflüssige kostenaufwendige Bürokratie selbsternannter reaktionärer bärtiger Tyrannen, die nicht erkennen wollen, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Es wurde von den einstigen britischen Mandatsbehörden geschaffen, um einen zentralen Gesprächspartner für Religiöses zu haben, so wie in allen westlichen aufgeklärten Staaten. Im heutigen Israel wird der Mensch auf seine Religion reduziert, ein Unfug sondergleichen. Mit der Privatisierung aller Religionen in Israel, wäre dieses Amt überflüssig. Solange es bestehen bleibt, schadet es unserer Demokratie. Haredische Juden anerkennen das Oberrabbinat schon heute nicht an, sie haben ihre eigenen Rabbiner, die über ihre Höfe wie Könige herrschen. Doch eben das ist ihre Privatsache und demokratisch legitim, auch wenn es die Mitglieder dieser Höfe von selbständigem Denken und Entscheiden abhält. Die staatlichen Oberrabbiner sind das nicht.
  • Nethanyahu könnte, wenn er wollte, die wachsende raffgierige Oligarchie, Wirtschaftskriminalität und organisiertes Verbrechen und ihre nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch ethisch negativen Einflusse, bekämpfen. Zwar können die zahlreichen Gerichtsverfahren und Verurteilungen korrupter Politiker und Beamter als positives Beispiel betrachtet werden, weil Korruption im gesamten Mittleren Osten zum akzeptierten Lebensstil gehört, aber nur in Israel, dieser Ausnahmedemokratie der Region, strafrechtlich verfolgt wird und für die Täter tatsächlich Konsequenzen hat. Persönliche Sesselkleberei ist eine Abart der Korruption, es ist die völlige Ablehnung persönlicher Verantwortung und Übernahme persönlicher Konsequenzen für eigenes politisches Fehlverhalten, sind noch immer Fremdworte in der israelischen Politszene.
Die Haredim

Eines meiner Lieblingsthemen. Für einmal nur eine einzige Beobachtung. Die etwa 800'000 aber in einem Supertempo von jährlich über acht Prozent wachsenden haredische Bevölkerung könnte in wenigen Jahrzehnten die Mehrheit der Juden in Israel bilden. Sie leben in einer sozial völlig abgeschirmten Gesellschaft. Ihr Lebensstil des Thoralernens statt nützlicher Arbeit und die daraus folgenden Konsequenzen auf die Gesellschaft, ist der Grund, dass Israel unter den OECD Staaten abgeschlagen mit einem fast zwanzig Prozent kleineren Anteil arbeitender Menschen unter den arbeitsfähigen Bürgern dasteht. Womit das israelische BSP sehr viel niedriger in Erscheinung tritt, als es die israelische Wirtschaft eigentlich verdient.

Dieser parasitäre Lebensstil der haredischen Bevölkerung wird vor allem von seinen allmächtigen Rabbinern ihren Schäfchen aufgezwungen , auch wenn heute, wie aus vielen Quellen zu vernehmen ist, der Wunsch die eigene Familie selbst zu erhalten und auch Militärdienst zu leisten, unter haredischen jungen Männer wächst. Das könnte, wer weiss, zu einem internen haredischen Aufstand führen. Die reaktionäre Macht haredischer Rabbiner könnte im Laufe der kommenden Jahrzehnte gebrochen oder wenigsten geschwächt werden. Ich denke, dass diese Entwicklung jedoch an gewisse Änderungen im haredischen Lebensstil gebunden sein muss. Es kann schlicht nicht sein, dass der Staat seine Einrichtungen, die all seinen Bürgern zu Verfügung stehen, haredischen Ansprüchen anpassen muss. Wie superkoschere und völlig frauenlose Einheiten im Militär, ohne die haredischer Militärdienst nicht zu realisieren ist. Ich denke, dass nicht die Mehrheit sich allen haredischen Sonderwünschen bedingungslos zu beugen hat, sondern Haredim sich an die allgemeinen Regeln unserer Gesellschaft soweit wie notwendig anpassen müssen. Es geht nicht um ihr privates Leben, sondern um die Eingliederung in die moderne israelische Gesellschaft mit all ihren Rechten und Pflichten. Und um einen gewissen Stolz, sich nicht von der arbeitenden Bevölkerung aushalten zu lassen. Wenigsten so lange, wie Israel ein säkularer Staat bleiben kann.

Die Westbankbesiedlung

Die Welt weiss nicht, dass bis 1977, als Menachem Begin in Israel die Macht übernahm, in der Westbank weniger als fünftausend Israelis in der Westbank lebten. Mit Begins Machtübernahme änderte sich das, heute sind es etwa 400'000, er öffnete den ideologischen Besetzern die Schleusen. Allerdings sind ein grosser Teil der heutigen Westbanksiedler aus wirtschaftlichen Gründen dorthin gezogen – die schönen grossen Villen, die gute Luft und die noch besseren Preise und staatlichen Vorzugsbedingungen sind auch heute noch sehr attraktiv.

Doch die Westbankbesiedlung kostet Israel einen enormen Preis, vielleicht nicht im Zusammenhang mit der Sicherheit des Staates, aber im Laufe der jahrelangen Besetzung ist das Land in einen moralischen Sumpf geraten, in den es immer tiefer sinkt. Prof. Jeshajahu Leibowitz bemerkte schon vor über dreissig Jahren, dass Besetzung den Besatzer korrumpiere. Diese Prophezeiung ist eingetroffen: Araberhass droht den humanistischen Zionismus zu zerstören. Nicht wenige Siedler verfolgen heute Palästinenser in den Gebieten, schlagen sie, zerstören ihre Ernten und Olivenbäume, bedrohen und töten sie, zünden Hauser und Moscheen an – sie haben sich auf einen Weg und ein Niveau begeben, der dem palästinensischer Terroristen peinlich nahesteht. Auch wenn man, realistisch gesehen, von Israel den Abzug aus der Westbank heute nicht erwarten darf, Israels Sicherheit hat mit dem faschistischen Verhalten gewisser Siedlerkreise kaum etwas zu tun, ausser vielleicht, dass es auch unschuldige Palästinenser, die eigentlich mehr unter Terror aus ihren eigenen Kreisen leiden, uns Juden noch weiter entfremdet. Sogar wenn man das jüdische Recht auch im Kernland des biblischen Eretz Israel zu wohnen prinzipiell anerkennt und der politischen Phantasterei der Palästinenser eines völlig judenfreien Palästinas mit Ablehnung gegenübersteht – das jüdische Israel muss sich wieder auf die Philosophie der Gründergenerationen besinnen. 

Abschliessend

Nun werden bestimmt viele fragen, warum der Uri in dieser Liste Israels echter und kritischer Sorgen, die „Friedensbemühungen“ der zwei Verhandlungspartner Palästinenser und Israelis nicht erwähnt. Der Grund dafür ist meine Überzeugung, dass weder Palästinenser noch die gegenwärtige israelische Regierung an einem wirklichen Friedensabkommen und einem friedlichen Nebeneinanderleben interessiert sind. Den Palästinensern der Westbank (und auch Gazas) geht es relativ gut (was sie jedoch nie zugeben dürfen), sie werden von der Welt materiell auf quantitativ absurde Weise finanziell unterstützt. Ob der Löwenanteil dieser Unterstützung auf Schweizer Bankkonten landet ist für Israel nicht von Interesse, müsste es aber für die Palästinenser selbst sein. Doch sie machen lieber Aussenstehende für ihre allfälligen Nöte verantwortlich. Nach weit über sechzig Jahren arabischer Feindschaft und vielen stets gewonnenen Kriegen, hat sich in Israel eine Regierung breitgemacht, welcher der Status Quo willkommen ist und mit seiner Siedlungspolitik Israel langsam aber sicher in die Hölle reitet. Gegen die palästinensische und muslimische Bedrohung kann sich Israel halten, auch wenn ein wehrhaftes Israel (also wehrhafte Juden) von vielen der westlichen Welt, als Oxymoron gesehen wird. Nach 1945, also nachdem die Nazis vernichtet waren, warf man uns Juden vor, uns nicht gewehrt zu haben (quasi, als wären wir am Holocaust selbst schuld), während heute Israel vorgeworfen wird, es sei zu wehrhaft, ja zu einem Militaristenstaat geworden – eine Behauptung, die jeder, der Israel kennt, als eine der vielen ideologischen Vorurteile dummer Ignoranten erkennt.

Deshalb stehe ich zu oben beschrieben drei Themen als Israels wichtigste existenzielle Gefahr und denke, Israel selbst ist heute sein eigener grösster Feind. Frieden bringt uns dies Einsicht zwar nicht, das Überleben als zionistischer demokratischer Staat aller seiner Bürger aber schon. Das bis sich die gegenseitige Einstellung der Regierungen und Bürger beider Partner einer neuen Realität stellt.

Freitag, 8. Juni 2012

Ein Ägypter zu Besuch in Israel



Im Zusammenhang mit meinem letzten Tagebucheintrag hier eine interessante Buchbesprechung. Wenn ich damit helfen kann, für das Buch zu werben und einige Exemplare mehr zu verkaufen, bin ich schon zufrieden. Uri

Ein Ägypter zu Besuch in Israel

27.04.2012

Ein letzter Versuch

Robert Henzik

60.000 verkaufte Exemplare machten seinen Bericht in Ägypten zum Bestseller – und brachten ihm den Ausschluss aus dem ägyptischen Schriftstellerverband. Nun ist Ali Salems Buch »Eine Reise nach Israel« auf Deutsch erschienen.

Ein wenig in die Jahre gekommen ist der ägyptische Friedensaktivist Ali Salem (75), der so eifrig und laut für seine Sache zu streiten pflegte. Seine Sache, das ist die Normalisierung der Beziehungen seines Heimatlandes zu Israel. Und damit hat sich der als Humorist und Satiriker berühmt gewordene Salem eines schwer verdaulichen Themas angenommen.

»Es ist ein Teufelskreis aus Hass und Angst, der in der Region herrscht. Die Menschen hassen, weil sie sich voreinander fürchten. Und das lähmt uns so sehr, dass niemand einen Schritt in Richtung Frieden wagt«, bringt Salem das Problem auf den Punkt. Er selbst sei auch nie frei gewesen von diesem Hass, doch schließlich wagte er den Schritt 1994 – nach Oslo – und besuchte das dämonisierte Nachbarland.

»Damals war der Frieden greifbar und mit der Reise wollte ich die Aufmerksamkeit in den anderen arabischen Staaten auf diesen historischen Moment lenken in der Hoffnung, sie würden sich der Initiative von Oslo anschließen«, begründet er sein Handeln noch heute. In der Tat sorgte sein im Anschluss an die Reise veröffentlichter Bericht »Eine Reise nach Israel« für Furore unter arabischen Intellektuellen. In Kontakt mit dem zionistischen Feind zu treten – ein Tabubruch. Doch für Ali Salem war das erst der Beginn seines anhaltenden Engagements für Versöhnung und Annäherung in der Region, das ihm im Jahr 2001 den Ausschluss aus dem ägyptischen Schriftstellerverband bescherte.

Dabei scheint es, dass der eigentliche Skandal nicht in der Botschaft Salems liegt, denn seine Erkenntnis ist zu einfach: »Seht her, ich war in Israel und habe gesehen, dort leben Menschen wie du und ich.« Unterhaltsam, spannend und tiefgründig setzt er sich mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen sowie den verbindenden Elementen beider Länder und Kulturen auseinander. Allein der Umstand, als Intellektueller das ungeschriebene Gesetz gebrochen zu haben, keinerlei offiziellen Kontakt mit Israel aufzunehmen, wurde ihm zum Stigma.

»Jede weitere Reise hätte ihnen nur einen Vorwand geliefert, mich endgültig zu erledigen«

Sein Bericht erlangte Bestsellerstatus in Ägypten, über 60.000 verkaufte Exemplare zeugen vom herrschenden Interesse, über das kleine Nachbarland mehr als die gängigen Vorurteile zu erfahren. Damit kam Salem denjenigen, die an den Feindbildern festhalten, um ihre eigene Politik zu rechtfertigen, zwangsweise in die Quere. »Ich werde beschuldigt, 3000 junge Ägypter nach Israel gelockt zu haben. Für viele junge Menschen war das Buch wie eine goldene Einladung«, merkt er augenzwinkernd und mit einem gewissen Stolz an. Ergänzt durch aktuelle Beiträge ist Ali Salems »Ein Ägypter zu Besuch: Eine Reise nach Israel« nun auf deutsch im AphorismA Verlag erschienen.

Doch die Zeiten sind andere und sie gehen auch an Ali Salem nicht spurlos vorüber. Die meisten seiner Mitstreiter und Weggefährten sind mittlerweile verstorben, und sowieso ist die Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts so gering wie nie. So mutet auch Ali Salem bei seinen Auftritten in Deutschland an, als müsse er sich in seine Rolle als ägyptischer Friedensapostel erst wieder einfinden. Als solcher wird er im Westen schließlich immer noch wahrgenommen. 2008 erhielt er den Zivilcourage-Preis der amerikanischen »Train Foundation«, im Jahr 2005 wollte ihm die Universität von Beer Sheva die Ehrendoktorwürde verleihen. Damals hinderten ihn die ägyptischen Behörden an der Ausreise nach Israel.

Es war sein letzter Versuch, Israel erneut zu besuchen. »Jede weitere Reise hätte ihnen nur einen Vorwand geliefert, mich endgültig zu erledigen«, erklärt Salem und gibt sich mit seinen wöchentlich erscheinenden Zeitungskolumnen zufrieden, mit denen er immer noch viele junge Ägypter erreiche.

Die Jugend ist seine Zielgruppe und vielleicht auch seine letzte Hoffnung. Dennoch schimmert in Salems Kommentaren hin und wieder durch, dass er nicht mit allem einverstanden ist, was auf dem Tahrir-Platz ins Rollen gebracht wurde und wird. Und mit sorgenvollem Blick nach Syrien meint er: »Man muss das Leben lieben, um Frieden zu schaffen. Ich sehe nur, wie Leben im Nahen Osten vernichtet wird.«

Ein Ägypter zu Besuch: Eine Reise nach Israel


Ali Salem
Übersetzt von Ruben Schenzle
AphorismA Verlag, 2012
192 Seiten, 15 Euro


Montag, 4. Juni 2012

Arabischer Hass: warum?




Erst möchte ich den letzten Tagebucheintrag aus Esthers Tagebuch zum Thema BDS empfehlen, , der die relativ neue und perfide Art Israel zu bekämpfen und es auszulöschen bestens erklärt - den BDS (Boykott, Divestment, Sanktionen). Auch die Schweizer Migros macht da mit. Besser als Esther kann man dieses üble antisemitische Phänomen nicht erklären. In meinem letzten Blogeintrag habe ich es schon kurz erwähnt.

Der selbsthassende Araber

Wie ich schon verschiedentlich geschrieben habe, soll es „selbsthassende“ Juden geben, also solche, die sich vom Anliegen für jüdisches Überleben und Sicherheit, aber auch jüdischen Leistungen (klingt pompös, ist aber so) lossagen und lieber – auch aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen – die Seite unterstützen, die uns Juden mit Genuss vernichten möchten. Statt BDS zu unterstützen und palästinensischen Honig oder Olivenöl zu verkaufen, hätten sie ebenso den Scientologen, extremem Tierschutz, dem Vegetariertum oder einer extrem religiösen Sekte beitreten können. Nun aber habe ich herausgefunden, dass es auch selbsthassende Araber gibt.

Lee Habeeb, ein amerikanischer Araber, ist so einer. So wenigstens betiteln ihn arabische Israelhasser. Nun habe ich schon verschiedentlich geschrieben, dass es einige wenige arabische Muslime gibt, die sich nicht dem in der arabischen Gesellschaft inhärenten Druck beugen, gleichgeschaltet zu denken. So wie eben diese Gesellschaft und deren Führer (oft im wahrsten Sinne des Wortes) es vorschreiben. Fast alle „Querschläger“ unter ihnen, also solche die selbst denken und nicht modischen Trends und Reflexen muslimischer Politik zum Opfer fallen wollen, wohnen in der westlichen Welt. Nun habe ich einen neuen arabischen Querschläger entdeckt: Lee Habeeb. Er lebt in den USA.

Habeeb schert sich wenig um die Gefühle von Judenhass geprägter Araber. Ich entdeckte seinen bemerkenswerten Artikel „Arab like me“. Seine in diesem Artikel begründete These ist, dass arabischer Hass auf Israel auf Neid und Hass beruht. Nicht ganz neu, doch neu aus arabischer Feder. Es gebe, so beginnt der Artikel, zwei Arten Araber auf dieser Welt: „solche die Juden hassen und solche die das nicht tun. Und in meinem Leben fand ich mehr der ersten Art, als von der zweiten.“ In einem anderen Artikel, den er der momentanen ägyptischen Revolution widmete, baute er den Einstieg noch weiter aus: „Auf meinen Reisen bemerkte ich drei Kategorien von Arabisch-Amerikanern: jene die an Freiheit glauben und solche die es nicht tun. Jene die denken Araber können ihre eigenen Staaten führen und solche die nicht daran glauben.  Und jene die Israel hassen und solche die es nicht tun.“ 

Er beschreibt, wie er, ein libanesischer Junge, der in New Jersey aufgewachsen war, im College einen Aufsatz schrieb, in dem er Israel verteidigte. Den Inhalt des Aufsatzes habe er schon lange vergessen, aber nicht die Reaktion seiner arabischen Kollegen. Bei dieser Gelegenheit wurde er auch als „selbsthassender Araber“ bezeichnet, der sich bei den weissen Amerikanern einschmeicheln wolle und nicht glaube, die Juden würden das weisse Amerika kontrolliere.

Habeeb’s Analyse

Lee Habeeb schreibt: „Die arabische Welt frönt einem „Group Think“, einem arabischen Gruppendenken, einer Selbstzensur, welche die Entwicklung und auch unser Selbstverständnis und das Verständnis der Welt um uns herum, behindert. Aber einige unter uns glauben in eine einfache universelle Wahrheit: jeder Araber verdient in Freiheit zu leben, wo immer er zu Hause ist. Einige unter uns möchten, dass arabische Länder mehr wie Amerika und Israel sein sollten, wo der Einzelne sich entwickeln und blühen kann“.

Solche Gedanken schockieren und erzürnen die meisten Araber. Man wird des Imperialismus angeklagt. Warum? 

Habeeb findet diese Haltung beruhe vor allem auf Selbstzweifeln. Vor allem auf kulturellen Selbstzweifeln, auf der Furcht, dass Araber tatsächlich unfähig seien, sich selbst zu regieren, unfähig demokratische Kulturen aufzubauen und dass arabische Nationen unfähig seien die von Gott gegebenen Talente ihres Volkes freizusetzen, so wie es die Amerikaner und die Israelis tun. Dass sie sich nie mit diesen messen könnten. 



Zur Bestürzung der arabischen Welt schuf das israelische Volk aus einem alten vernachlässigten Stück Land eine florierende Oase intellektueller, politischer, religiöser und kommerzieller Betriebsamkeit. Eine der ältesten Gegenden der Welt, Israel, wurde ein fortschrittlicher Staat mit einer funktionierenden Regierung, die religiöse und wirtschaftliche Freiheiten respektiert. 

„Ich frage Araber, die auf Israel mit einem automatischen Reflex reagieren, eine einfache Frage, eine die direkt aufs Herz all dieses Unsinns zielt. Warum hasst ihr Juden? Erst werden sie wütend, beteuern dann aber schnell, sie hätten nichts gegen Juden. Es sei Israel, das sie hassen. Dazu antworte Ich: Wäre Israel  neben Bolivien oder Albanien oder Estland, würdet ihr es noch immer hassen?“.

„Das ist eine nicht sehr subtile Frage. Israel so zu verachten, wie Israel eben in der arabischen Welt verachtet wird, ist ausschliesslich Antisemitismus. Und Antisemitismus ist weltweit nichts als Neid.“

Stattdessen, so sei die arabische Logik, bejammere man die Palästinenser. Besser man entwickle weiter den tiefsitzenden Hass auf Israel. Besser man spiele das Opfer oder die Rolle des selbstgerechten Kritikers, statt sich auf die Lage des eigenen Volkes zu konzentrieren und diese zu verbessern.

Warum all dieser konzentrierte Hass auf Israel? Warum nicht auf die unzähligen arabischen verbrecherischen Regime, wie Assad in Syrien, Hisbollah im Libanon, Hamas in Gaza, Mubarak in Ägypten (als er noch an der Macht war), oder Saddam Hussein. Warum nicht auf die vom Islam unterdrückten arabischen Frauen, warum nicht auf die Muslime, die im gesamten Mittleren Osten Christen verfolgen. Warum nicht eine Kritik des Korans selbst?

Habeeb meint es gebe zwei Gründe: Angst und Neid.

Vielleicht bringt der arabische Frühling eine Wende. Vielleicht werden die Araber des Mittleren Ostens so beschäftigt sein mit Arbeit, mit dem Ersehnen und Erschaffen eines besseren Lebens, dass sie keine Zeit mehr für das Pflegen alter Ressentiments haben werden.

Wie kann ein jüdischer Israeli Habeeb’s Beurteilung sehen?

Was Habeeb schreibt ist weitgehend richtig, aber nur die Hälfte des Problems. Das „Warum“ berührt er nicht. Warum verschleudert das arabische Volk seine Energie durch seinen Hass auf Israel und Juden? Was ist die Rolle der Religion, dem Islam, in diesem sozialen Debakel eines ganzen Volkes? Warum sind im Mittleren Osten keine fortschrittliche Menschen zu finden, die fähig wären, das arabische Volk in seinen zahlreichen Ländern zu führen und aus dem Dreck in die Moderne zu ziehen, einer Moderne, die nicht nur moderne Waffen beinhaltet, sondern eine freie Gesellschaft für alle, die  durch Bildung und gegenseitige Toleranz allen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten. Warum jammern Araber, einfache Leute und Regierungsmitglieder, lieber über einen Grenzzwischenfall mit Israel, statt ihr eigenes Leben und dessen Fortschritt in die Hände zu nehmen?

Habeeb analysiert richtig, gibt aber keine Lösungsvorschläge. Richtig sieht er Israels Rolle als Watschenmann der muslimischen Welt, ohne den sich die arabische Führung aller Länder, mit echten Problemen auseinandersetzen müsste. Das wissen sie selbst, der Westen weiss das auch, genau so wie die Mitglieder der UNO-Kommissionen, die die alle paar Jahre erscheinenden UNO-Berichte zum Thema der arabischen Gesellschaft erstellt haben.

In einem ist Habeeb blind. Er baut Israel zu einer idealen Gesellschaft auf, die es nicht gibt. Auch Israel hat unschöne Seiten, religiöse und nationalistische Extremisten und Rassisten werden zahlreicher, ihr Einfluss wächst. Es werden immer wieder völlig undemokratische, ja faschistoide Gesetze vorgeschlagen. Es besteht was man heute einen schweinischen Kapitalismus nennt, die Konzentration der Wirtschaft im Besitz sehr weniger ist zu einem Skandal geworden. Ebenso die sechsstellige Zahl arbeitsfähiger Bürger, die sich aus einem parasitären Prinzip heraus weigern, bürgerliche Pflichten zu übernehmen, sich selbst durch Arbeit zu erhalten und sich vom Staat auf Kosten der Steuerzahler wie Kurtisanen (aber ohne Gegenleistung) aushalten lassen.

Auch Israel hat viel, das aus der idealisierten Gründerzeit zu Bruch kam wieder ins Lot zu bringen. Aber Israel hat die demokratischen Werkzeuge dazu, etwas das der arabischen Gesellschaft fehlt. Trotz dem arabischen Frühling, der mit freiheitlicher Gesellschaft wenig zu tun hatte und heute noch weniger zu tun hat. Demokratie hat mit freien Wahlen nur am Rande zu tun, was noch immer fehlt, ist der demokratische Geist und die Freiheit auch ohne reflexartigen Group Think zu wagen eine eigene Meinung zu haben und diese allen zuzugestehen – auch jenen, die nun halt anders, aber doch demokratisch denken.

Eine redigierte Fassung dieses Artikels ist im Journal21 erschienen.

Dienstag, 29. Mai 2012

Die Nakba und anderes




Die heutige Regierung Israels agiert nicht so, wie ich und sehr viele andere Israelis es gerne sähen. Doch das hat mit der Welle neuen Judenhasses, als Israelkritik getarnt, nicht das Geringste zu tun. Grundsätzlich wird Israel kritisiert und in Wort und Schrift angegriffen, weil es um sein Überleben kämpft und uns Juden weiterhin eine Heimat und Zuflucht für den nächsten antisemitischen Tsunami zur Verfügung stehen soll. Um nichts anderes geht es. Die gegenwärtige Entwicklung gibt dem mit Nachdruck Recht. In den ersten zwanzig Jahren wurde Israel bewundert, jetzt gehasst – obwohl sich an der grundsätzlichen Situation wenig geändert hat. Die relativ wenigen israelischen Extremisten, die früher nur ihre Ideologie meist nur theoretisch pflegen konnten, könnten heute, wenn die Regierung es nur wollte, unter Druck gesetzt und ausgeschaltet werden. Einen Unterschied im krankhaften Hass der Mehrheit der arabischen Welt und dem noch krankhafteren Hass verschiedener – auch jüdischer – ideologisch pervertierter Personen im Westen, macht das nicht. Israel könnte noch so liebenswert sein – es wird heute grundsätzlich gehasst.

Nichts ist einfacher als dies mit einem Rundblick in der westlichen und muslimischen Welt zu bestätigen. Hier nur einige Beispiele:

Die Flüchtlingsfrage und Nakba

Zum Problem hochstilisiert werden ausschliesslich palästinensische Flüchtlinge. Nicht in die Gleichung einbezogen werden die 800'000 Juden aus Ägypten, Irak, Nordafrika, Syrien, Libanon etc., die ab 1948 erst durch Pogrome dezimiert (besonders der Irak zeichnete sich da aus), dann ihres teilweise beträchtlichen Eigentums beraubt und aus dem Lande gejagt wurden. Die Millionen nichtpalästinensischer Flüchtlinge im Rest der Welt werden von den Medien und der UNO unter ferner liefen eingestuft. Wie beispielsweise die Flüchtlinge aus dem Sudan, aus Eriträa und anderen afrikanischen Ländern, die heute zu Tausenden auch nach Israel geflohen sind.

Die Nakba war ein Unglück für die Palästinenser, die aber von der palästinensischen Führung und ihren Helfershelfern der arabischen Liga selbst verursacht worden ist. Allerdings muss einmal gesagt werden: ohne Nakba gäbe es keine Palästinenser. Ohne Nakba gäbe es im von der UNO bestimmten jüdischen Teil der UNO-Resolution 181 arabisch-israelische Bürger und auf der anderen Seite einen arabischen Staat (es sei den, dieser Teil wäre sich von einem bestehenden arabischen Staat einverleibt worden). Der arabische Sündenbockkomplex, der für alles Schlechte das ihnen zustösst, ausschliesslich andere verantwortlich macht, hatte da zugeschlagen. Heute ist dieser Komplex zu einer Tradition geworden. Arabische Selbstverantwortung ist noch immer ein Fremdwort – wenige Ausnahmen, wie der von seinem eigenen Volk gehasste palästinensische Ministerpräsident Fayyad, bestätigen die Regel. 

Nichts ist gegen den Gedenktag für die palästinensische Nakba einzuwenden. Er sollte die Palästinenser zur Besinnung ihrer Situation veranlassen, wird jedoch ausschliesslich zum Hass schüren gegen Israel und die Juden der Welt missbraucht. 

Geschichtliche Fakten werden in diesem Zusammenhang stets vergessen: Die Nakba ist völlig selbstverschuldet und kann ausschliesslich den damaligen Arabern Palästinas und dem Rest der arabischen Welt angelastet werden. Nur sie haben die Uno-Resolution 181 der Teilung Palästinas abgelehnt und sind im gerade entstandenen jüdischen Staat Israel (der die Resolution sofort angenommen hatte) einmarschiert, um die Juden ins Meer zu werfen und das Gebiet unter den arabischen Nachbarstaaten zu verteilen. 

Es ist eine Tatsache, dass nichts israelische Araber so stark aus der Fassung bringt wie die Drohung rechtslastiger israelischer Politiker vorwiegend von Arabern bewohnte Regionen Israels dem zukünftigen Staat Palästina abzutreten. Denn das Letzte, was sie wollen, ist in einem arabischen Staat zu leben, mit all seiner Korruption und seinem internen Terror, wie es die Autonomiebehörde und die Hamas in Cisjordanien und im Gazastreifen vorführen. Dass sie mit Vehemenz lieber im freiheitlichen Israel leben wollen, statt in einem diktatorischen und islamistischen Palästina, kann ihnen nicht verargt werden. Politische Korrektheit und Angst vor gewalttätigen Angriffen aus Kreisen israelischer Islamisten verhindern, dass dies laut gesagt wird.

Aus den 600'000 wirklichen arabischen Flüchtlingen von 1948 sind inzwischen 5 Millionen geworden. Mit anderen Worten palästinensischer Flüchtling zu sein ist erblich. In völligem Gegensatz zu den Flüchtlingen, die vor den Nazis im Europa des Zweiten Weltkrieges fliehen konnten. Jene die nach Amerika flüchteten, jene Juden, die aus Russland und Polen vor allem nach Amerika flüchteten um den zaristischen Pogromen zu entkommen, die deutschstämmigen  Oberschlesier oder die heutigen Flüchtlinge aus muslimischen Ländern in Europa, über die ich in Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ gelesen habe, das die politisch Korrekten doch so aus dem Häuschen brachte. Die europäischen Flüchtlinge, die als Christen vor der Verfolgung durch andere Christen nach Amerika flüchteten, konnten ihre neuerworbene Freiheit dort ausleben. Juden und Osteuropäer haben sich von Beginn an nicht als Flüchtlinge gesehen, sondern als Bürger in einer neuen Welt, wie übrigens auch die erwähnten ersten Amerikaner.

Nur die sich heute Palästinenser nennenden Flüchtlinge, ihre Kinder und Kindeskinder werden von der UNWRA im Namen der UNO verhätschelt und erhalten von der Welt mehr Unterstützung, als sämtliche anderen Flüchtlinge auf dieser Welt, denen das Recht diesen Titel ihren Nachkommen zu vererben, versagt ist. Fairerweise muss festgestellt werden, dass zu einem grossen Teil ihre arabischen Gastländer ihnen eine Integration versagen und sie gerne als Berufflüchtlinge halten. Das ist ganz besonders im Libanon ersichtlich, wo Palästinensern arbeiten untersagt ist und sie noch immer in recht dürftigen Lagern (auch wenn dort schon Villen stehen) „eingesperrt“ sind. Sabra und Shatila sind hier die bekanntesten dieser Flüchtlingslager, denn hier rächten sich libanesische Christen für die tausendfachen Christenmorde palästinensischer Banden in den Jahren vorher im libanesischen Bürgerkrieg.
Palästinensische Flüchtlinge werden von arabischen Staaten missbraucht und missbrauchen die ganze Welt, vor allem die UNO, Europa und die USA. Die Situation wird gerne von gutmenschelnden Organisationen und ihren Mitgliedern ausgenutzt, die so ihren Israel- und Judenhass, ihre allgemeine Misanthropie und Komplexe ausleben können. Namen will ich keine nennen, es gibt sie auch in der Schweiz und unglücklicherweise sind darunter nicht wenige mir bekannte jüdische Besserwisser.

Soweit zum palästinensischen Flüchtlingsproblem, der heutigen Ausrede Nummer eins für den gängigen Antiisraelismus.

Nichtmuslimischen Israelkritiker 

Die Welt der im Westen mit Israelhass agierenden Israelkritiker muss etwas differenzierter angesehen werden. Aber nur auf den ersten Blick. Zwischen linken und rechten „Israelkritikern“ gibt es wenig Unterschiede. Die Linken geben sich wissender, denn sie können lesen und suchen sich aus den Medien, was mit ihrer Ideologie übereinstimmt. Sie besuchen die Palästinenser in den besetzten Gebieten und im befreiten Gaza. Dort hören sie alles, was sie hören wollen und werden nie enttäuscht. Denn Araber sind sehr gastfreundlich – das weiss ich aus eigener Erfahrung und meine es ernst – und wollen ihre Gäste nicht enttäuschen. Um Gespräche mit Juden, die ihrer Ideologie der steten Israelkritik nicht beistimmen, machen sie einen grossen Bogen. Wie schon erwähnt, sind In diesem Geschäft leider auch jüdische Gruppierungen und Einzelkämpfer vorhanden, von denen ich einige Schweizer kennenlernen musste. Namen nenne ich lieber nicht. Nebenbei, mir ist bis heute unerklärlich, wieso diese Kreise den Zusammenhang von Israels Problemen mit seinen Nachbarn, mit der heute sogar einem Blinden sichtbar gewordenen arabischen Gesellschaft der Gewalt, des internen Terrors und religiöser und auch säkularer Tyrannei nicht in einen Zusammenhang mit den Problemen Israels gebracht werden.

Politischen Rechtsextremisten sind oft Bewunderer israelischer Macht und militärischer Stärke geworden. Sie sehen nur die eigentlich recht unjüdische Beschäftigung mit Krieg und Verteidigung gegen die verachteten Araber. Nur, Juden mögen sie trotzdem nicht, aber Israel scheinen sie zu respektieren. Allerdings sind sie, wie Broder bestätigt, nicht allzu ernst zu nehmen, eine Sicht, die nach dem Massenmord des Norwegers Anders Breivik etwas relativiert werden muss.

Antiisraelische Organisationen

Die UNO und die meisten ihrer Unterorganisationen sind ein Brutbett antisemitischer und antiisraelischer Machenschaften. Der Menschenrechtsrat, ausgerechnet im Schweizer Genf beheimatet, zeichnet sich da besonders aus. Beherrscht von all jenen Staaten, die fast ausschliesslich nur Menschenrechtsvergehen verüben (ich denke nicht, dass ich damit allzu sehr übertreibe), ist diese Organisation im Hinblick auf den Nahen Osten ein übler Witz. Belegte Beispiele dafür gibt es zuhauf.

Nehmen wir die UNO, die es 1975 fertigbrachte mit ihrer Resolution 3379 den Zionismus als Rassismus zu bezeichnen. Diese Resolution wurde allerdings einige Jahre später von derselben UNO-Generalversammlung widerrufen, denn sie war nun doch allzu peinlich und dumm.

Nehmen wir die Durban Veranstaltungen, in den ausschliesslich antiisraelische Hetzkampagnen stattfanden und stattfinden, als wäre der Rest der dritten Welt ein Paradies und Menschenrechte werden im Sudan, Afghanistan, Saudiarabien, Syrien, Libyen, Jemen etc. (diese Liste könnte fast ad infinitum weiter geführt werden) völlig respektiert, ja ausgebaut.

Weitere Beispiele wären amerikanische und kanadische Universitäten, an denen ein sehr hitzköpfiger, sogar kopfloser aber dennoch bösartiger Antiisraelismus herrscht, der Andersdenkende niederschreit, bedroht und jüdische Studenten zum Opfer islamistischen Judenhasses auf dem Campus werden lässt.

Nichtswissende Besserwisser haben beispielsweise die BDS Bewegung ausgelöst, welche die Vernichtung Israels durch Boykotte, Desinvestition, Sanktionen, wie es sogar Norman Finkelstein, ein nicht ganz so appetitlicher Israelkritiker, selbst sagt und sich davon energisch distanziert.  

Lassen wir es bei diesen Beispielen.

Das besetzte Gebiet – heute nur noch die Westbank

Es gibt einiges an Israel und seiner Besatzungspolitik zu kritisieren. Israel wollte die Westbank nach dem Sechstagekrieg loswerden, doch die arabische Welt antwortete mit den drei Neins von Khartum. 1977 kamen rechtsgerichtete Parteien unter Menachem Begin an die Macht und die Besiedlung in der Westbank und in Gaza begann, denn bis da waren nicht einmal 5000 Siedler dort. Durch die fürchterlichen Massenmorde palästinensischer Terroristen an Israelis (Juden und Araber) während der zweiten Intifada verhärtete sich die Abneigung vieler Israelis gegen die Palästinenser und das Resultat war der wachsende Einfluss immer weiter rechts gerichtete Politiker und deren Politik gegenüber dem Terror aus der Westbank und Gaza. Diesen Wandel drückten in den folgenden Jahren israelische Wahlresultate aus. Man kann ohne weiteres sagen, dass die Palästinenser und ihr Terror, sich diese israelische Politik zu grossen Teilen selbst verdient haben. Dass sich die Stimmung ihnen gegenüber in Israel verhärtet hat, Verständnis und Mitgefühl sich verflüchtigt, ist eine Tatsache, die nicht zu ignorieren ist.

Zusammenfassung

Hat Israel einen Partner für einen wirklichen Frieden? Keiner kann das wissen, ich schon gar nicht. Zurzeit – vor zwölf Jahren war das anders, da wollte wenigsten Israel Frieden – sieht es nicht danach aus. Mahmud Abbas scheint verhandeln zu lieben, vielleicht redet er gerne, doch vor einer Einigung zurückzuschrecken, so wie sein Vorgänger Jassir Arafat. Ob Nethanyahu tatsächlich Frieden unter den heutigen Umständen will, bezweifle ich. Sein ideologischer Hintergrund scheint ihm ein Bein zu stellen, seine Koalitionspolitik auch, obwohl er durch den Beitritt der Kadima Partei es in der Hand hat, aussenpolitisch und (noch wichtiger) innenpolitisch revolutionäres durchzusetzen.

Samstag, 26. Mai 2012

Zichron Ya'akov's History of the Blues





Es war einmal

Noch immer trauere ich dem lokalen Jazz- und Bluesclub „Bluesette“ nach, der mangels Finanzen und milchiger Küche vor einigen Jahren geschlossen werden musste. Ich war dort beschäftigt und freundete mich mit dem Besitzer an, einem Treuhänder und damals auch Mitglied der Stadtregierung. Leider ging ihm das Geld aus, denn nur mit Bier und Kaffee kann sich auch ein Jazzclub finanziell nicht über Wasser halten. Sigi ist traditioneller Jude jemenitischer Herkunft mit sehr viel jüdischem Wissen und bestand darauf keine Fleischspeisen zu servieren. Nur eben, er kannte sich in den Kreisen der Jazz-Liebhaber nicht aus. Dass diese lieber ein grosses Steak statt Käsekuchen konsumieren, hat dem Bluesette seinerzeit das Genick gebrochen – es blieb schlicht bei der Billigstkonsumation von Bier oder Kaffee, auch wenn das Lokal fast immer proppenvoll besetzt war. Das zur neueren Lokalgeschichte Zichron Ya’akovs.

Das neue Jazz Café in Zichron Ya’akovs Bahnhof


Erst diese Woche habe ich herausgefunden, dass es in Zichron einen Bahnhof gibt. Die Züge fahren dort mit Getöse vorbei, halten aber nicht, denn diese Station ist seit Jahrzehnten ausser Betrieb. Aber der Bahnhof steht noch und wurde vor wenigen Monaten zu einem entzückenden Café umfunktioniert. Es lädt jeden Donnerstagabend zu einer Jam Session ein, vor allem Blues. Nächste Woche soll’s Dixieland geben. Zwar ist es stets Amateur Night, und kostet so keinen Eintritt. Auf dem Bahnhof wehen eine israelische und eine australische Flagge.

Das Lokal gehört Graham, einem ehemaligen Australier. Noch ist sein Hebräisch in einem Stadium, das eine hebräische Konversation schwierig macht – doch wer spricht heutzutage nicht Englisch. Am vergangenen Donnerstag spielte Grahams Sohn Blues auf seiner E-Gitarre mit einer Selbstverständlichkeit und einem Können, das mich vom Stuhl haute. Doch um Halb Zehn gab Papa ein Zeichen, er packte sein Instrument ein und wurde von seinem Vater nach Hause ins Bett gebracht. Der Kleine spielte zusammen mit Delmark Goldfarb aus Oregon/USA.
Delmark Goldfarb, genannt Del
Die Musik war gut, aber noch schöner war die Atmosphäre – sofort fand ich Anschluss, es gab Gesprächspartner, jeder setzte sich zu jedem und die Mädchen waren hübsch. Zwar donnerten um diese späte Tageszeit Züge nur noch alle zwanzig oder dreissig Minuten vorbei, doch israelische Züge sind kurz. Zudem haben Eisenbahnzüge im Zusammenhang mit dem Blues romantische Bedeutung. So wie beispielsweise der „Train Song“ der Holmes Brothers (gesungen von Popsey).

 
Popsey (auf dem Bild oben rechts)und ich kennen einander noch vom Luzerner Bluesfestival, wo er seinerzeit dieses Lied auf meinen besonderen Wunsch zweimal sang. . Hier noch ein Blues mit ihm:





Blues Doc

Norm heute vor im Midrachov, der Fussgängerzone Zichrons



Norm im TV-Studio beim sich warmspielen.
Kurze, aber hervorragende Aufnahme
 
Am Schabbat vor drei Wochen hörte ich am „Midrachof“, der Fussgängerstrasse Zichron Ya’akovs, jemanden mit einer sehr starken Stimme Blues singen. Ich fand den Blues Doc, einen Amerikaner aus Florida, Dr. Norman S. Cohen, MD. Man ruft ihn Norm. Vier Tage später waren er und seine Frau Rona bei uns zum Abendessen, zusammen mit einigen meiner Freunde. Norm wanderte vor fünf Jahren von den USA nach Israel aus. Er hatte in den USA seine Approbation zusammen mit noch 250 Ärzten verloren, weil er billiges Botox benutzt hatte, das ihnen von einem Lieferanten aufgeschwatzt worden war. Doch auch dann war er verantwortlich und bereut diesen Fehler, auch wenn niemand zu Schaden gekommen sei, wie er beteuert. Heute hat er die Approbation wieder und arbeitet in Teilzeit als Arzt, aber in Israel. Seine Klinik in Miami, die Villa mit Swimming Pool und seine private Cessna ist er los. Doch hat er sich inzwischen so an sein Leben als Strassenmusikant gewöhnt, dass er dieser neue Karriere nicht mehr völlig abschwören will. Weniger Verantwortung und mehr Fun ist seiner angeschlagenen Gesundheit zuträglicher. Norm spielte und sang sein Leben lang Blues und übt heute sein ehemaliges Hobby als Beruf aus. Er spielt, wie fast jeden Schabbat, in Zichron Ya’akov bei den Kaffeehäusern vor der Bank Hapoalim. Während der Woche trifft man ihn meist in Tel Aviv.




Heimweh nach New Orleans

Zum Abschluss noch eine stimmungsvolle Szene voller musikalischer Talente aus der Bourbon Street in New Orleans. Obwohl ich bisher erst dreimal diese Stadt besucht habe, sind meine nostalgischen Gefühle für sie noch stark und ich brachte es fertig, dafür einen meiner zwei tanzenden Enkel, Eran, dafür zu begeistern und wir planen eine Reise dorthin. Hier zwei Strassenszenen, welche die einzigartige Atmosphäre dieser Stadt wiedergeben:

 

Und gleich noch eine von der Royal Street, die Strasse mit den schönen Galerien und Geschäften:

 





Mittwoch, 23. Mai 2012

Schreibstau




Festliche Eröffnung der Vernissage. Zu sehen sind vor allem "mutige" Juden, die sich nach Umm el-Fahm wagten - und es immer wieder tun.
Said Abu-Shakra und Regula Kuhn

Schmiedeisernes Tor zu einem Herrschaftshaus

Ich weiss nicht ob der alte Geheimrat Goethe je an Schreibstau gelitten hat. Auf jeden Fall leide ich nun schon einige gute Wochen an dieser Krankheit. Der Kopf fühlt sich leer, wenn ich ein bisschen nur auf mein literarisches Erinnerungsvermögen drücke, entkommt nur Luft mit einem lauten Pffffff.

Um mir selbst auf die Sprünge zu helfen, habe ich einige Erfahrungen der letzten Tage und Wochen zusammengekratzt und will sie hier, mit separaten Titeln versehen, stückweise in den kommenden Tagen wiedergeben.

Vernissage in Umm El-Fahm am 19. Mai 2012

Noch immer arbeite ich für „meine“ Kunstgalerie in Israels grösster muslimischer Stadt. Diese Institution, vor etwa fünfzehn Jahren von meinem Freund Said Abu-Shakra gegründet, blüht und gedeiht, unter anderem auch durch Hilfe aus der Schweiz. Eigentlich ist die Galerie eine dreiteilige Organisation. Es gibt die Galerie auf über tausend Quadratmeter Fläche, es gibt denn Treffpunkt für Aktivität von Arabern und Juden und es gibt die Kinderkunstschule. Es ist vor allem die direkte Arbeit mit den Kindern dieser Stadt und ihren benachbarten Dörfern, und das Einbeziehen nichtarabischer und nichtmuslimischer Israelis als ausstellende Künstler, als Kuratoren, Kunstlehrer, Mäzene und anderem, die diesen inzwischen zu einer landesweit anerkannten Institution gewordenen Kunstbetrieb so attraktiv macht. Die Kinderkunstschule ist ein Sozialwerk, das Buben von den Strassen holt und Mädchen vom Hausarrest (etwas überspitzt gesagt) bis zur Heirat rettet. Viele Jugendliche werden damit vor Langeweile und dem dadurch erzeugten Fall in die Drogenszene, religiösen Extremismus und Kriminalität gerettet. Die Galerie wird von der ultrakonservativen Stadtregierung Umm El-Fahms unterstützt. Diese gestattet ihr Aktivitäten durchzuführen, die eigentlich weder orthodoxen Muslimen (noch orthodoxen Juden) erlaubt sind. Mädchen und Burschen aller Altersgruppen malen und töpfern zusammen, spielen Theater zusammen, lernen Kunstgeschichte zusammen und lernen gelegentlich auch Musik. Das Schlüsselwort dazu ist „zusammen“, denn damit werden alte rückwärtsgewandte orientalische Traditionen in Frage gestellt und damit die Herrschaft der Männer dieser Gesellschaften langsam untergraben. Ein erster Schritt in den zivilisatorischen Fortschritt ist damit getan. Doch der Weg ist noch lang und jahrelange Geduld ist gefordert. Das war nicht immer so. In Gesprächen mit Bürgern Umm El-Fahms hörte ich auch nostalgische Sehnsucht nach den Zeiten, in denen die Stadt von Kommunisten regiert worden war und, so wurde mir gesagt, Kultur gross geschrieben wurde. Es hätte drei Kinos und ein Theater gegeben, kulturelle Anlässe und anderes. Heute ist all das auf die Galerie konzentriert – dort wurde schon ein Tag zum Thema Frauenrechte durchgeführt, in die die britische Baroness Helena Kennedy QC (Uris Tagebuch 31.5.2004) die Damen der Stadt in Frauenrechte einführte. Da dieser Tagebuchbericht noch aus meiner Vorblogzeit stammt und daher nicht im Blog zu finden ist, drucke ich ihn am Ende dieses Tagebucheintrags zur Lektüre ab.

Umm El-Fahm von Abu Ayads Aussichtspunkt aus gesehen

Am vergangenen Samstag fand die Vernissage einer neuen Ausstellung statt. Zum Thema „Ort – Zuhause“ stellen siebzehn jüdische und arabische Künstler Gemälde und Skulpturen aus. An sieben verschiedenen Orten: in der Galerie selbst, bei vier Familien in deren Haus und einem Zelt und zwei von israelischen (Arabern und Juden) Studenten restaurierten alten Häusern. Mit zehn Kleinbussen wurden diese besucht. Ich möchte darüber nicht im Detail berichten, sondern nur einige Fotos über diesen Stadtausflug sprechen lassen. 

 

Regula und Walo Kuhn (oben) bei im Atelier von Fuad Aghbaria (rechts). Fuad ist daneben auch Fahrlehrer und Kunstlehrer in einem College.

Abu Ayad und sein Maler
Die Klause von Abu-Ayad. Hier ist der schönste Aussichtspunkt auf Umm El-Fahm.
Neue Villen in Umm el-Fahm
Neue Villen in Umm el-Fahm
Umm El-Fahm, eine sehr photogene Stadt, besonders aus der Ferne betrachtet


31.5.2004 – arabischer Feminismus auf Englisch

Nur mit dem Detail, dass die Vorsitzende des British Council zu Besuch komme und einen Empfang veranstalte, an dem auch viel gegessen werde, forderte Said Abu-Shakra Lea und mich auf, heute in die Galerie in Umm El-Fahm zu kommen. Auf Punkt 12.30 Uhr. Bei Said isst man immer gut.

Was ist dieser British Council? Der British Council ist eine riesige öffentlich-staatliche Organisation, die sich, kurz gesagt, dem Internationalismus verschrieben hat. Sie fördert Wissenschaft und Kultur, Tourismus und viele Arten zwischenmenschlicher Beziehungen. Der British Council ist in 110 Ländern vertreten, stellt Bibliotheken und Informationszentren auf und vermittelt Studienplätze in England für Ausländer und im Ausland für Engländer. Der British Council vermittelt England der Welt und die Welt den Engländern.

Baroness Helena (Rufname Helen) Kennedy QC (Queens Council), ist Mitglied des Oberhauses und hat noch eine Reihe weiterer Beschäftigungen, wie die der Juristin, vor allem vielseitig in der Kriminaljustiz, Vorsitzende des Internationalen Theaterfestivals, Präsidentin des national Kinderbüros, Commissioner der nationalen Erziehungskommission, Vorsitzende der Kommission für menschliche Genetik. Die Baroness Kennedy besitzt fünfzehn Ehrendoktorate, das Zählen der Ehrenposten erschöpft mich. Helen (wir nennen uns in diesen Kreisen beim Vornamen) strahlt Energie aus. Zu all dem vorhin erwähnten ist sie eine überzeugte und erfolgreiche Zivil- und Frauenrechtlerin.
Lea und ich verstanden erst nicht, warum sehr viele arabische Frauen anwesend waren. Nach dem reichlichen Mittagessen auf der Terrasse besammelten wir uns im Theatersaal der Galerie. Hier erst fanden wir heraus um was es in diesem Treffen ging. In ihrer Ansprache berichtete Helena Kennedy über Kurse, die von den britischen Botschaften zum Thema „Frauen im öffentlichen Leben“ durchgeführt werden.  Diese Kurse seien stets ausgebucht und es gäbe Wartelisten. Sie spricht über die soziale Stellung der arabischen Frau, die dreifach benachteiligt sei, durch Traditionen, Religion und die wirtschaftlich-soziale Rückständigkeit ihrer Gesellschaft. Ich hatte das Gefühl, die anwesenden jüdischen Frauen – von der Natur der Sache her alle fortschrittlich gesinnt, modern denkend und selbständig, sonst wären sie gar nicht hier – mussten daran denken, dass es auch in der jüdischen Gesellschaft solche Benachteiligungen gibt. 

Der Neid der arabischen Teilnehmerinnen auf die Powerfrau Helena Kennedy war fühlbar, vielen drückten sich in ihren Fragen an Helena entsprechend aus. Wie, fragte eine, könne sie so viele Ämter bewältigen, der Zeitaufwand müsse gewaltig sein. „Meine Mutter wurde darüber befragt“, erzählte Helen dem Publikum, „sie antwortete: meine Tochter ist eine lausige Hausfrau“. Das sei ihre Antwort. Wenn man für das, wofür man einstehe auch anpacken wolle, sei alles möglich und sie müsse halt Prioritäten setzen. Sie setze sich für Frauenrechte ein, organisiere feministische Lobbyarbeit und findet durch ihre Überzeugungskraft meist offene Türen. Vor allem, sagte sie, sei ihr klar, dass die arabischen Frauen nicht gegen ihre Männer kämpfen, sondern um das Recht mitzureden. Mit ihrem Interesse für die universalen Rechte und Stellung der Frau, provozieren die Teilnehmerinnen anwesende Ehemänner. Lea sass in der hintersten Reihe zusammen mit zwei Frauen, einer Jüdin und einer Araberin, mit denen sie ins Gespräch gekommen war. Der Rest der Sitzreihe war von Männern besetzt, die während dieser frauenrechtlichen Frage- und Antwortstunde mit einem Ruck aufstanden und demonstrativ den Saal verliessen. Lea war schockiert. Die Zeiten für Frauenrechte sind  in der arabischen Gesellschaft steinig, auch wenn es schon Familien gibt, Said und Siham gehören dazu, in denen in jeder Beziehung Gleichberechtigung herrscht. Allerdings sollten wir Juden nicht  überheblich sein, denn auch unsere orthodoxen Brüder vertreten noch heute ähnliche Vorstellungen.

Internationale Politik wurde auch besprochen. Mit dem Irakkrieg sei England wieder zur Kolonialmacht geworden, wird Helen vorgeworfen. Sie antwortete, sie sei zwar mit der britischen Teilnahme im Irakkrieg nicht einverstanden, aber kolonialistische Absichten habe ihr Land keine. Auf die obligate Bemerkung über die Leiden der Palästinenser unter der israelischen Besetzung antwortete Helen, dass die Leiden aller Menschen in der Region schlimm seien und Mitgefühl und Hilfe verdienen. Gerade in Israel setzen sich viele Aktivisten für Frieden und Koexistenz ein. Die kleine Schottin mit den roten Haaren hat diplomatisch Klasse und lässt sich nicht vereinnahmen. An solchen Anlässen teilzunehmen ist für uns ein Geschenk, es hilft mit Vorurteilen aufzuräumen. Wir haben noch über einiges nachzudenken.

Vor einer Woche sass ich bei Segiv dem Coiffeur und wartete auf meinen Haarschnitt. Es traten zwei Damen aus dem arabischen Dorf Arara ein, einem Nachbarort von Umm El-Fahm. Sie wurden von Segiv als Stammkundinnnen herzlich begrüsst. Segiv ist bedingungsloses Likudmitglied, Anhänger Nethanyahus und nicht nur deswegen nicht der hellste, aber er und seine Kundinnen demonstrierten, wie in Israel Normalität gelebt wird. Haare waschen, schneiden, färben und wellen ist eine intime Dienstleistung und mit seinem Erfolg Kundinnen aus dem entfernten arabischen Dreieck zu gewinnen, stieg meine Hochachtung für Segiv.

Zum Abschluss noch etwas wichtiges: Meine Kollegen der lokalen Polizei, zu der ich bald zurückkehren werde, hat einen einzigartigen Erfolg zu verzeichnen. Sie verhaftete gestern einen mobiles Puff, einen Wohnwagen in dem ein Faltbett, eine gut ausgestattete Bar und eine Schachtel Kondome diverser Grössen gefunden wurde. Selbstverständlich sind diese Sexarbeiter- und arbeiterinnen Ausländer – wie jeder, der nicht in unserer weinfröhlichen Stadt wohnt. Wer's glaubt wird seelig.