Dienstag, 30. Juni 2009

Der tapfere Finger und der Doppelstandard

Zwar wollte ich mich nicht zu den Vorgängen in Iran äussern, doch ein Punkt drängt sich mir auf und ich muss ihn loswerden. Er ist so augenfällig, dass er beim besten Willen nicht übersehen werden kann. Wo sind und waren die Proteste gegen die Massenkillings und die Unterdrückung demokratischer Proteste nach den Parlamentswahlen durch die iranische Regierung aus den Kreisen Gutmenschen des Westens? Als Iraner gegen den religiösen Faschismus ihrer Kleriker und Ahmedinejads demonstrierten. Ich meine jene guten Menschen, die jedes noch so kleine oder gar erfundene (z.B. Al-Dura) Vorkommnis in Israel und den besetzten Gebieten der Westbank, als „Grund“ benutzen, Israel und die Juden zu verunglimpfen und schlimmster Verbrechen gegen die Menschheit anzuklagen und zu verurteilen. Ist es weil die Iraner nicht Juden sind und man sie auch auf noch so eingeübten Umwegen und Verrenkungen nicht als Zionisten bezeichnen kann? Dieses Volk der Gutmenschen beweisen einmal mehr ihre Bigotterie, ihren Judenhass und (wo angebracht) ihren jüdischen Selbsthass. Der in diesem Bild gezeigte Finger einer mutigen iranischen Frau gegenüber Ahmedinejad gilt, so denke ich, nicht weniger dem westlichen Gutmenschen und auch bedingungslos profitgierigen Geschäftsmann, der diese Art Gewalt begrüsst oder verniedlicht. Diese Haltung ist, neben der schon im Umgang mit Nazideutschland bekannten kapitalistischen Profitsucht, auf unbedingtem Hass auf Amerika (hat sich seit es Präsident Obama gibt leicht gemildert) und Israel begründet, unabhängig objektiver Tatsachen, wie Menschenrechtsverletzungen, Massenmorde, religiösem Fanatismus, dumpfem Antisemitismus und ähnlichem.

Freitag, 26. Juni 2009

Die Resultate der iranischen Wahlen

26.6.2009

In der Weltwoche fand ich folgende Information, zu der es keinen Kommentar braucht:

Mittwoch, 24. Juni 2009

Neues aus der Westbank

24.6.2009

Mit Genugtuung las ich heute beim Frühstück in Haaretz, dass alle bis auf zehn landesinterne Strassensperren der Westbank aufgehoben worden sind. Übereinstimmend sind Premierminister Nethanyahu, Verteidigungsminister Barak, der Stabchef der Armee Ashkenasi und der Chef des Geheimdienstes Diskin zum Schluss gekommen vor allem die Grenzkontrollen zu Israel weiterzuführen. All das, als hätten sie alle meinen Tagebucheintrag vom 6.6.2009 gelesen. Oder war es wirklich nur amerikanischer Druck, der dazu führte? Aber ernsthaft, die Sicherheitsmassnahmen der palästinensischen Polizei scheinen seriös und erfolgreich zu sein, die Palästinenser haben sich damit ein freieres und menschlicheres Leben verdient. Ich kann nicht beurteilen wie weit der innerpalästinensische Terror gegen die eigene Bevölkerung davon beeinflusst werden wird. Es liegt an den Palästinensern und ihren Behörden, selbst mit ihren kriminellen, sich als Freiheitskämpfer ausgebende Verbrecherbanden fertig zu werden. Doch durch nur schon wenig antijüdische Gewalt könnte ihnen die neu gewonnenen Freiheiten abhanden kommen.

Jüdischen Siedlern, denen die Anwesenheit der Palästinenser ihrer Ideologie des Grossisraels widerspricht, werden an dieser neuen Regelung wenig Freude haben. Ihre Philosophie des Transfers, d.h. des Unterdrückens oder gar Vertreibens der Palästinenser aus der Westbank, ebenso verwerflich wie das von denselben Palästinensern vertretene judenreine Palästina. Beide extremistischen Bewegungen werden durch liberalere Regierungsmassnahmen unterlaufen. Dass die Siedler ihre Sache noch lange nicht aufgegeben haben, nämlich ihre Siedlungen auszubauen bezeugt eine grosse Tafel bei der Einfahrt zur Siedlung Einav, auf der steht: „Einav – im Schwung für die Jungen“. Das, wie es steht, auf eigenem Land zu speziellen Preisen. Anruf genügt. Es ist mehr der Stil dieser Siedler, der mir zu schaffen macht. Arroganz und Gewalttätigkeit sind kein Rezept für ein Zusammenleben, es sei denn, sie wollen eine neokolonialistische Herrschaft über die Nichtjuden in den besetzten Gebieten erstellen. Dazu leben sie aber im falschen Jahrhundert, eine Tatsache, die, wenn man ihre reaktionäre, um einige Tausend Jahre verspätete Ideologie liest, die sie heute leben und versuchen, dem modernen jüdischen Staat Israel aufzuzwingen, an ihrem Verstand zweifeln lässt. Die Radikalsten unter ihnen sagen sich vom traditionellen humanistischen Zionismus und dem Staat Israel los – nur Gottes Gesetz (oder was sie dafür halten) gilt für sie. Nicht alle jüdischen Bewohner der Westbank (es gibt solche darunter, die aus rein finanziellen Gründen dort wohnen) vertreten solche Ideologien, aber sie gelten für jene „Überzionisten“, die auf die israelische Regierung Druck ausüben und Teile der Politik bestimmen wollen – leider zu oft mit Erfolg. Das Aufheben der meisten internen Strassensperren ist, so hoffe ich, vielleicht als Aufbäumen der Regierung gegen diesen jüdischen Extremismus zu verstehen – es sei denn, ausschliesslich Druck aus Amerika habe diese Entscheidung ausgelöst. Wie gesagt, es liegt jetzt an den Palästinensern, dass es so bleibt. Sonst verderben sie sich zum x-ten Mal die Chance, ihren Staat Palästina zu bekommen. Es sei denn, sie wollen das nicht, denn ihr Ziel bliebe ein Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. Den Ball hat die israelische Regierung elegant dem Abu Masen zugespielt. Wieder einmal hat Israel den Palästinensern einen Wunsch erfüllt – was werden sie sich nun als nächste Ausrede zur Friedensverweigerung ausdenken?

Bei Bernd Dahlenburg, der es wiederum von Claudio Casula hat, fand ich ein passendes Zitat:

“Jeder fünfte Bewohner des Westjordanlandes ist ein israelischer Siedler”,
greint die Generaldelegation Palästinas heute auf ihrer Homepage.
Und jeder fünfte Bewohner Israels ist ein palästinensischer Araber.
So what?

Montag, 22. Juni 2009

Ein Tag mit hübschen Mädchen

22.6.2009


Die Medien sind noch immer voll mit Kommentaren über Nethanyahus Rede an der Bar Ilan Universität. Ich möchte mich eines Kommentars enthalten, die Welt wartet für einmal nicht auf meine Worte. Genau so im Hinblick auf die Wahlen im Iran, in denen die Resultate, wie es scheint, völlig unabhängig von den Wahlen errechnet und bekanntgegeben worden sind. Als würde das im Hinblick auf Israel und die iranische Atombombenaspirationen eine Rolle spielen. Über beides ist im Link zu „Lizas Welt“ Kompetentes und Geistreiches zu lesen.

Da berichte ich viel lieber über mein Treffen mit einer Klasse Studentinnen im Beit Berl Academic College, einer der ältesten akademischen Institutionen des Landes, dessen Wurzeln zurück zur Mapai der Gründerzeit reichen und dessen Grundstein schon 1946 gelegt worden ist. Heute ist das Beit Berl eine der wichtigen israelischen Colleges zur Lehrerausbildung und besitzt dazu auch ein Institut zur Ausbildung von Lehrern aus dem arabischen Sektor des Landes. Warum das so ist blieb mir unklar – ein Sprachproblem kann es nicht sein, denn arabische Studenten an israelischen Hochschulen sprechen Hebräisch oft besser, als viele der nicht in Israel geborenen jüdischen Studenten.

Ich war eingeladen an einer Konferenz der Klassen arabischer Studenten teilzunehmen, Studenten, die sich als Englischlehrer ausbilden lassen. Wie sich herausstellte waren es ausschliesslich junge Frauen – denn, wie sich meine Tochter Dvorit, selbst Lehrerin, ausdrückte, wollen Männer in Israel (Juden und Araber) nicht Lehrer sein. Im Lehramt der Volksschulen sind tatsächlich fast nur Frauen zu finden.

Es waren unterhaltsame Stunden. Die Konferenzsprache war ausschliesslich Englisch, sogar untereinander sprachen die Studentinnen in dieser Sprache. Die hohe Qualität, in der sie gesprochen wurde, zeugt von der Willenstärke dieser Mädchen, die diese Sprache hauptberuflich lehren werden, optimal zu beherrschen. Der Kurs dauert vier Jahre und schliesst mit dem Erwerb eines Bachelors (Bachelor of Education) ab. Die leitende Instruktorin, Marlene Eres (unten im Gruppenbild, in blauem Kleid) und ihre Kolleginnen, sind von ihren Studentinnen begeistert.

Die Studentinnen präsentierten pädagogische Wege und Lösungen zur Vermittlung der englischen Sprache. „Creative Writing“ in Prosa und Lyrik sowie eine Serie selbst gefilmter Monologe waren die eindrücklichsten davon. Rasha Mansour (Bild oben, Zweite von oben links) las Eigenes vor, Lyrik und Prosa. Maissa Abu Ammar (Bilden oben, Dritte von oben links), hatte ich vor einem Jahr bei der Präsentation ihrer Abschlussarbeit kennengelernt. Sie erhielt ein Fulbright Stipendium für ihren Masters und verbrachte ein Jahr an der Florida State University, wo sie neben dem Studium auch Arabisch unterrichtete. Sie wird voraussichtlich ihren Masters dort erarbeiten. Sie freute mich zu sehen und hatte viel zu erzählen. Noch immer trägt sie knallrote Kleider und sieht sexy aus, doch durfte ich ihr das nicht sagen.

Die Stellung der muslimischen Frau in ihrer Gesellschaft beschäftigt die Mädchen. Sie gehören einer wachsenden Minderheit jener Araberinnen an, die nicht nur eine Fachausbildung, sondern eine gute Allgemeinbildung erhalten. Noch gibt es ältere Semester unter den Palästinenserinnen, die als Analphabetinnen aufgewachsen sind und ihren Ehemann mit noch bis zu drei anderen Frauen teilen müssen (oder mussten) - eine solche Frau ist die Mutter eines meiner arabischen Freunde. Wie anders es heute ist, demonstrierte die Anwesenheit einiger Eltern, die strahlten und schrecklich stolz waren, dass ihre Töchter eine akademische Ausbildung bekommen – für viele der Mütter vielleicht eine symbolische Wiedergutmachung für ihr eigenes Schicksal.

Zum Abschluss des Anlasses geschah ein jüdischer faux-pas und die arabische Reaktion darauf. Eine jüdische Dozentin des Beit Berl Colleges, leistete sich ein Referat über die Stellung der Frau in der muslimischen Gesellschaft. Was sie sagte war richtig, doch sie brachte es auf eine so billige Art, dass sich die Studentinnen beleidigt fühlten. Anhand der entsetzlichen Behandlung der Frauen in Afghanistan, versuchte sie darzulegen, dass muslimischen Frauen in der gesamten arabischen und muslimischen Welt nicht viel anders behandelt würden, als eben in Afghanistan. Gewiss, es gibt viele Ehrenmorde an Frauen in Palästina (wird meist toleriert, wie in den meisten arabischen Ländern), in Israel (die Täter kommen ins Gefängnis), ja sogar in Europa sind diese barbarischen Traditionen unter muslimischen Einwanderern auch heute gang und gäbe. Ähnlich ist es mit Beschneidungen. Im Iran und anderen erleuchteten Staaten finden alle paar Tage Steinigungen statt, junge Mädchen werden gehängt, wenn sie beim Händchenhalten erwischt werden – man erinnere sich an Ateqeh Rajabi, die einem entsetzlichen Ausmass islamischer Grausamkeit zu Opfer fiel – vier Jahre ist es her, doch ich kann den Cicero-Bericht von Bruno Schirra bis heute nicht vergessen.

Was die Dozentin in schlechtem Englisch zu sagen hatte – das Englisch der Studentinnen war unvergleichlich besser – war grundsätzlich korrekt – doch die meisten der Mädchen – von denen die Hälfte ein Kopftuch trägt – fühlten sich vor den Kopf gestossen. Trotzdem argumentierten sie ihn Ruhe, ohne Geschrei und blieben cool. Was in Afghanistan und im Iran geschehe, meinten sie, heisse noch lange nicht, dass es auch in Palästina so sei. Die Dozentin merkte, dass sie vergessen hatte, vor wem sie sprach und vor allem, dass sie ihre Tatsachen nicht in einen Kontext. gesetzt hatte, verhaspelte sich erst und schwieg dann, was wohl das Beste war. Die Reaktion erinnerte mich an die Schweizer Öffentlichkeit, als sie die Affäre der von Schweizer Banken veruntreuten jüdischen Gelder trotz unschlagbaren Beweisen als persönliche Beleidigung empfand – wenn man keine Gegenargumente besitzt, dann schliesst man die Augen, streitet ab und ist beleidigt.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Vier Stunden im Ausland - ein Ausflug mit Machsom Watch

10.6.2009


"Bruchim Haba’im, atem ossim avodat kodesch!“ (Seid willkommen, ihr vollbringt eine extrem wichtige [heilige] Arbeit) – mit diesen Worten begrüsste uns ein israelischer Soldat an der Strassensperre Deir Sharaf (Bild 1). Ich war mit Susan und Alix, zwei Aktivistinnen der Organisation „Machsom Watch“ in der Westbank unterwegs (Bild 2). Machsom Watch ist eine Freiwilligen-Organisation israelischer Frauen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, israelische Strassensperren und Grenzübergänge in den besetzten Gebieten zu besuchen und zu beobachten. Allfällige Zwischenfälle, vor allem das Schikanieren der zu kontrollierenden Palästinenser, werden notiert und ein entsprechender Bericht an die Armee weitergeleitet. Machsom Watch bringt damit die täglichen Demütigungen der palästinensischen Bevölkerung an die Öffentlichkeit, protestieren gegen die Besetzung der Westbank durch Israel und das von ihren Beobachterinnen als unmenschlich empfundene Benehmen der Armee.

Von den Strassensperren war ich enttäuscht. Nichts war zu sehen von der "Dramatik" stundenlang anstehender Menschenmassen, so wie sie von den Medien gerne gezeigt werden – vielleicht finden diese an anderen Tageszeiten statt. Wir besuchten einen kontrollierten Durchgang des Sicherheitszaunes, eines sogenannten Landwirtschaftstores. Dieser Durchgang, mit Namen Habla, wird zweimal oder mehrmals täglich geöffnet, um palästinensische Bauern durchzulassen, die auf ihren Feldern westlich des Sicherheitszaunes zu arbeiten haben. Auf der westlichen Seite dieses Durchgangs befinden sich sehr farbenprächtige grosse Gartengeschäfte, in denen palästinensische Gärtner ihre Pflanzen anbieten – an israelische Kunden. Die Soldaten und Soldatinnen dieser Sperre hatten noch nie von der Machsom Watch gehört, aber der kommandierende Wachtmeister, nach einem Versuch die zwei Damen zu verscheuchen, lenkte ein, indem er sie ignorierte.

Bei der Einfahrt ins Dorf Azzun fand ich auf beiden Seiten der Strasse grosse Erdhügel. Diese werden durch Armeebulldozer auf die Strasse geschoben, wenn die Armee Verkehr zu und aus diesem Ort verhindern will. Azzun ist, so ist es auf der Landkarte zu sehen, eigentlich westlich des Sicherheitszauns gelegen und daher fast völlig durch eine separate Anlage eingeschlossen. Der Ort, so weit ich sehen konnte, besitzt hübsche Läden und Bauten – wie es in den dort wohnenden Menschen aussieht, das kann ich höchstens ahnen (Bild 3). Sie waren freundlich zu mir, vielleicht wegen dem Machsom Watch Ausweis, den mir Susan ans Hemd gesteckt hatte. Azzun war das einzige von uns besuchte Dorf.

Wir fuhren weiter an die Strassensperre, die den Zugang nach Qalqiliya kontrolliert. Zwar sassen dort einige Reservesoldaten mit ihrem Hauptmann, der den Befehl erhalten hatte, den Durchgang völlig zu öffnen und keine Kontrollen durchzuführen. Der Verkehr war uneingeschränkt frei. Die Soldaten luden uns zu einem Kaffee ein, der jedoch von den zwei Damen strikt abgelehnt wurde. Ähnlich fanden wir andere Kontrollposten, an denen vor allem darauf geachtet wurde, dass keine Autos mit israelischen (gelben) Nummernschildern zu palästinensischen Dörfern oder Städten durchfahren konnten. Palästinenser wurden durchgewinkt. Nur einmal, an der Strassensperre Anabta (Bild 3), der Zufahrt zu Tulkarem, wurde der dortige Hauptmann mit den zwei Damen unwirsch und wollte, dass sie sich zehn Meter zurückziehen sollten, was die Zwei ignorierten. Der Offizier sagte: „Ihr wollt den Palästinensern helfen, doch mit eurer Tätigkeit schadet ihr ihnen“. Dann wurden meine zwei Freundinnen zum zweitenmal von Soldaten ignoriert.

Wir fuhren am kleinen Dorf Shuafat vorbei. Zu diesem Dorf, wurde mir erklärt, gibt es heute keine Zufahrtsstrasse, obwohl es an einer Hauptstrasse liegt. Die Bewohner können es nur über einen kurzen Feldpfad betreten oder verlassen, der einzigen Verbindung zur Hauptstrasse.

Wir besuchten zwei Anlagen am Sicherheitszaun, Sha’are Ephraim/Irtah (Bild 5), relativ weit östlich von der Grünen Grenze gelegen) und Eyal. Durch diese Anlagen werden Arbeiter und Arbeiterinnen, die in Israel arbeiten, geschleust. Sie betreten die Station in Palästina, winden sich, früh morgens, durch die komplizierte Anlage von Kontrollposten, Drehkreuzen und Drahtzäunen und verlassen diese in Richtung Israel, begeben sich auf den Parkplatz und werden dort von ihren israelischen Arbeitsgebern abgeholt. Zur Heimkehr absolvieren sie diesen Parcours in umgekehrter Richtung. Früh morgens und spät abends sei, so Susan, der Andrang enorm und die Wartezeit entsprechend lang.

Die Damen der Machsom Watch mögen weder die israelische Armee noch die Polizei. Diese Abneigung grenzt ans Pathologische und wirkt deplatziert. Kontext, Zusammenhänge, Hintergründe und historische Fakten interessiert sie nicht. „Uns interessieren nur die Leiden der Palästinenser“, wirkliche und eingebildete, dachte ich. Ihre Tätigkeit und Sympathie ist völlig und einseitig auf die „armen“ Palästinenser ausgerichtet. Sie vermeiden Gespräche mit Soldaten und Offizieren, sie weigern sich für Machsom Watch eigentlich positive Reaktionen von dieser Seite, wie die oben erwähnte Begrüssung durch einen Soldaten, zur Kenntnis zu nehmen - sie wurde im Tagesrapport nicht erwähnt. Bei der Siedlung Karnei Shomron vorbeifahrend, wurde mir erklärt, in jeder jüdischen Siedlung gäbe es ein Militärlager und die Armee sei vollständig im Dienste extremistischer Siedler. Diese Einstellung widerspricht der Tatsache, dass Soldaten von Siedlern beschimpft, bespuckt, verprügelt und verletzt werden. In meinen Gesprächen mit Susan und Alix lernte ich viel Erhellendes, doch wenn ich eine Frage stellte oder etwas kommentierte, das ihnen nicht zu passen schien, wurde dies schlicht überhört. So meine Feststellung, dass seit der Sicherheitszaun bestehe, Selbstmordattentate fast ganz verschwunden seien. Oder, hätte die arabische Welt 1947 die UNO-Resolution 181 akzeptiert und nicht versucht Israel zu vernichten, das palästinensische Flüchtlingsproblem nicht entstanden wäre.

Dreimal trafen wir dieselbe arabisch-israelische Familie aus Nazareth in ihrem blauen Minibus (Bild 1 und 4), denen es erst beim dritten Versuch an der Strassensperre Anabta gelang durchzukommen. Vorher wurde sie er an zwei anderen Kontrollstellen abgewiesen da israelische Autos nur an Samstagen Zutritt hätten. Warum ausgerechnet Samstag ist mir nicht klar, der muslimische Ruhetag ist der Freitag. Die Armee legt in den besetzten Gebieten strenge Regeln für den Autoverkehr und vieles anderes fest und viel davon ist nicht immer verständlich. Wie mir Susan erklärte, gibt es in der Westbank zweierlei Landstrassen. Jene Landstrassen, auf denen alle, Palästinenser und Israelis, fahren dürfen und zweitens, jene Strassen, von Machsom Watch Apartheidstrassen genannt, die ausschliesslich für Siedler gebaut worden sind. Auf diesen dürfen Autos mit palästinensischen Nummerschildern (weiss mit grüner Schrift) nur mit einer speziellen Bewilligung fahren, die alle drei Monate erneuert werden müsse. Eine Erneuerung dieser Bewilligen kann grundlos verweigert werden. Deshalb ist heute eine grosse Taxiflotte in der Westbank zu finden, denn Taxis brauchen diese schikanösen Bewilligungen nicht – sie fahren frei überall hin, auch wenn sie an Strassensperren kontrolliert werden.

Bei Anabta trafen wir einen israelischen Polizisten, der sich sehr lautstark mit einer ebenso lautstarken Araberin unterhielt. Wir dachten, die zwei stritten sich und Susan sagte, dass diese Frau eine Israelin sein müsse, denn Palästinenser streiten sich nicht mit Polizisten und Soldaten, Sie seien unterwürfig und mucken nicht auf. Doch als ich näher trat, fand ich, dass sich die Zwei in aller Freundschaft und mit viel Humor unterhielten. Die Israelin hatte gerade einen Strafzettel erhalten und schien sich darüber zu freuen. Ich schlug dem Polizisten, einem Drusen namens Halabi (dem Grössten aller Drusenclans Israels), er solle ihr einen zweiten Strafzettel verpassen, da sie sich darüber ganz offensichtlich freue. Die zwei kugelten sich vor lachen – aber fotografieren durfte ich sie nicht. Fotografieren von Soldaten und Polizisten an Strassensperren der Westbank ist verboten, vor allem ihre Gesichter dürfen nicht erkennbar sein. Susan hatte richtig getippt – israelische Araber sind in den Jahrzehnten als israelische Bürger in einer freien Gesellschaft, selbst freier geworden und haben keinerlei Probleme mehr, sich mit Behörden (dem Staat!) lautstark und furchtlos auseinanderzusetzen. In der arabischen Gesellschaft der Angst – Palästina gehört dazu – sind die alten arabischen Traditionen in Kraft, die das Aufmucken gegenüber Autorität verhindern. Gerade in der Westbank, in der nicht nur die Behörden der PA (Palestinian Authority) das sagen haben, sondern zahlreiche Verbrecherbanden, als Widerstandskämpfer getarnt, die Bevölkerung terrorisieren, ist diese verständliche Angst ein wichtiger Grund dafür, dass friedenswillige Palästinenser sich nicht öffentlich bemerkbar machen. Und ebenso ein Grund für den neidvollen Hass auf die „Araber von 48“, die arabischen Bürger Israels, die in der arabischen und muslimischen Gesellschaft der Angst völlig unbekannte Freiheiten geniessen.

Zusammenfassend: meine vier Stunden in der Westbank – die ich seit meiner Teilnahme am Sechstagekrieg nie mehr besucht hatte – zeigte mir nur sehr wenig über das Leben und Leiden der Palästinenser. Was ich erlebte, waren recht harmlose Muster, die den Anklagen gutmenschlich Friedensbewegter in keiner Weise entsprechen, mit Ausnahme der Anlagen Sha’are Ephraim/Irtah und Eyal. Exzesse habe ich nirgends erlebt, doch bin ich überzeugt, dass es sie als Einzelfälle gibt. Die Armee, ob gewollt oder ungewollt, stimuliert mit dem Mittel der unzähligen Strassenkontrollen, nächtlichen Razzias in den Dörfern (auch wenn die vorzüglichen Nachrichtendienste, diese oft berechtigen) und dem leider erworbenen Ruf, sogar kriminelle Siedler bei deren Gewaltausbrüchen gegen palästinensische Bauern zu protegieren, unter den Palästinensern ein Gefühl der Unsicherheit. Das ist schlecht für die Palästinenser und nicht weniger schlecht für das Image Israels. Ich habe meine Meinung bestätigt gesehen, dass die meisten Strassensperren innerhalb der Westbank nur der Schikane der Bevölkerung dienen, auch wenn die Soldaten ihre Pflicht gewissenhaft wahrnehmen. Der Sicherheitszaun hat seine Berechtigung überzeugend bewiesen, der palästinensische Terror in Israel ist fast gänzlich unterbunden. Es scheint aber Leute zu geben, die bis heute nicht begriffen haben, dass der Sicherheitszaun eine Folge palästinensischen Terrors in Israel ist und nicht umgekehrt. Ob dieser Zaun genau auf der Grünen Linie steht oder nicht, scheint mir in diesem Zusammenhang nicht von primärer Wichtigkeit, Menschenleben haben, wenigstens bei uns Juden, Vorrang. Irgendwann in der Zukunft, wenn doch einmal Frieden einkehrt, wird der Sicherheitszaun verschwinden – denn grundsätzlich würde er ein vernünftiges Nebeneinander zweier Staaten, Palästina und Israel, nicht zulassen. Dass es dazu kommt, liegt vor allem an der Bereitwilligkeit der arabischen und palästinensischen Welt, ihren Hass auf Israel und Juden zu überwinden. Dann wird auch Israel Herr über seine verrückten messianischen und faschistoiden Siedler werden. Nur, die Folgen des israelischen Exodus aus Gaza haben bewiesen, dass die palästinensische Welt noch nicht so weit ist, Israel zu akzeptieren.

Samstag, 6. Juni 2009

Weiter zu Obamas Kairo Rede

6.6.2009

Nach Obamas Rede in Kairo sah ich mich nach Kommentaren um, denn sie beschäftigt mich weiter. Aber erst ein Muster für den direkten und durchschlagenden Erfolg dieser Rede, aus der Feder von Nahum Barnea (Yediot Ahronot), gefunden in Joachim Steinhöfels Blog:

„Nach Obamas gestriger Rede in der Universität von Kairo versammelten wir, sechs Journalisten aus der muslimischen Welt und Ich, der Reporter von Yedioth Ahronoth, uns um einen runden Tisch in einen Nebenraum. Der Präsident wollte uns ein Interview geben. Die ursprüngliche Gruppe umfasste acht Personen. Der Syrer erschien nicht, nachdem er erfuhr, dass ein Reporter aus Israel eingeladen war. Der Libanese, Naoum Sarkis, saß mit uns am im vorderen Bereich der Halle, aber als er erkannte, woher ich kam und wen ich repräsentierte, machte er sich aus dem Staub.“

Ich weiche von meiner ersten Einschätzung der Worte Obamas nicht ab, möchte aber zwei Punkte anbringen, die sich mir inzwischen aufgedrängt haben. Erstens, die Rede war gut gemeint, zeugte aber, trotz arabischen Phrasen und Zitaten aus dem Koran, von einer naiven Blauäugigkeit gegenüber heutiger arabischer Kultur. Der Anlass war, davon bin ich überzeugt, nur deshalb ein „Erfolg“, weil die „gemässigte“ arabische Welt aus Furcht vor der iranischen Bedrohung heute so stark gelähmt ist, dass sie sogar dem amerikanischen „Teufel“ ein Bühne bietet und ihm Beifall klatscht. Sie erwartet, dass er das Atombombenproblem Iran löst. Zweitens, diese Regierungen der „gemässigten“ arabischen Welt, werden sich nicht, sogar wenn sie wirklich wollten, gegen ihr eigenes Volk durchsetzen können, ohne ihre eigene Existenz zu gefährden. Auf der anderen Seite, bin ich mir nicht sicher, ob nicht der Versuch gemacht werden muss, Strategie und Taktik zu ändern, nach dem die bisherigen Friedensbemühungen, soweit es überhaupt wirkliche „Bemühungen“ waren, null Ergebnisse gebracht haben. Der Frieden mit Ägypten und Jordanien exerziert es vor: Frieden gibt es mit den Regierungen, der Rest der Bevölkerung hasst uns so inbrünstig wie eh und je.

In riesiger Mehrheit, aufgeputscht von Islamisten, dem Klerus und, besonders in Ägypten und Jordanien, von Berufsverbänden (siehe obigen Bericht von Nahum Barnea und eigene Erfahrung), will unnachgiebig dem Hass auf Israel und Juden weiter gefrönt werden. Die Zerstörung Israels ist zur islamischen Sache erklärt worden, in einer „Umma“ gibt es nur eine Nation, den Islam. Da gehört Israel gar nicht dazu. Auch wenn die erste Sorge Israels, seine eigene Sicherheit und sein Überleben sind, dürfen wir uns nicht von messianischen Siedlern einwickeln lassen, sondern müssen uns weiter bemühen, mit unseren Nachbarn einen friedlichen Modus Vivendi zu finden. Ob das gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Zeiten von Amalek sind schon seit einigen Jahrtausenden vorbei.

Freitag, 5. Juni 2009

Obama hat gesagt

5.6.2009

Heute und wohl auch morgen und übermorgen werden die Mediengurus der Welt damit beschäftigt sein, Präsident Obamas Rede in Kairo in den Himmel zu loben oder zu zerreissen. Oder mindestens aufzuzählen was er alles nicht gesagt habe. Ich selbst fand die Rede sehr mutig, nicht wegen seinen Bemerkungen zum Thema Palästinenser, Irak und Afghanistan, sondern dass er es fertig brachte vor dreitausende Muslimen und darunter bestimmt auch einigen Islamisten, über Menschen- und Frauenrechte zu sprechen, wenn auch, im Vergleich zu dem anderen Themen, relativ kurz. Obama bekräftigte das enge Verhältnis zwischen Israel und den USA, verurteilte islamische und palästinensische Gewalt und sprach sich für die Zweistaatenlösung aus. Neu war daran nichts. Ausgesprochen peinlich war es den Beifall zu hören, als er die Schliessung des amerikanischen Gefangenlagers Guantanamo bekräftigte, denn was dort geschehen ist, gehört in Ländern wie Ägypten, Syrien und Iran zur traditionellen Routine und wird weder thematisiert oder hinterfragt. Der Beifall für seine Worte zu Menschen- und Frauenrechten war bescheiden, ebenso bei seiner Bekräftigung des Verhältnisses Israel-USA, aber umso grösser beim Erwähnen des Leidens der Juden und der Palästinenser. Es wird Israelis geben, die sich darüber aufregen werden, dass er die beiden auf eine Stufe stelle. Aber es wird vergessen, dass er vor einem rein arabischen und dazu noch vorwiegend muslimischen Publikum sprach und seine Verkaufargumente an dieses anpassen musste. Immerhin hat Obama den Anlass überlebt, flog weiter nach Dresden, weil er morgen das KZ Buchenwald besuchen will. Per Saldo finde ich Obamas Rede in der Al Azhar Universität hervorragend, wie gesagt, mutig und für Israel bestimmt nicht abträglich – es sei denn, man sei jüdischer Rechtsextremist. Eines missfiel mir: sein verklausuliertes Erwähnen des längst vergangenen kolonialistischen Hintergrundes als Begründung der Probleme der heutigen arabischen und muslimischen Welt. Für mich ist das keine Begründung, sondern eine Ausrede, um die in der arabischen Welt verpönte Selbstverantwortung abzuwehren und andere, wie die Juden, die Amerikaner und den Westen ganz allgemein, als Sündenböcke anklagen zu können. Auf diese Feinheit arabischer Psyche ist er nicht eingegangen.

Dienstag, 2. Juni 2009

Argumente

2.6.2009

Auf meinen letzten Tagebucheintrag (29.5.2009) hin, sandte mir Ulrich W. Sahm am 21. Mai 2009 für die N-TV geschriebenen Kommentar zum selben Thema betitelt Die „Zweistaatenlösung“. Mit Argumenten, die in der täglichen Presse kaum zu finden sind, stellt er die Glaubwürdigkeit palästinensischer Absichten dar, ganz im Hinblick auf die Zweistaatenlösung. Ich empfehle, diesen Artikel (siehe Link) zu lesen und möchte hier nur dessen letzten Absatz zitieren, der, im Gegensatz zu den meisten europäischen Pressevertretern, von Ulrichs wirklichem und nicht theoretischen Wissen, sowie beträchtlicher Zivilcourage zeugt.

„Während die Hamas grundsätzlich einen nicht-muslimischen Staat in arabischem Territorium ablehnt, die Autonomiebehörde viele Milliarden Euros versickern ließ, anstatt eine Zivilgesellschaft aufzubauen, ohne die kein Staat funktionieren kann, sehnen sich alte Palästinenser nach der jordanischen Herrschaft zurück. Christen in Bethlehem hoffen insgeheim auf eine Rückkehr der israelischen Besatzung. Ausgerechnet bei den Palästinensern findet man heute kaum mehr einen Verfechter der Zwei-Staaten-Lösung, obgleich jene, die dafür eintreten, es nur mit den Palästinensern gut meinen, nicht aber mit den Israelis.“

Judith Wipfler sandte mir den Text einer Beurteilung der Ombudsstelle DRS zu einer Klage über die Sendung „Susan Nathan – Portrait einer Unerschrockenen“. Ich hörte mir die Sendung an – der Ombudsmann Achille Casanova hat recht. Seine Abweisung der Klage ist begründet und die Überempfindlichkeit zahlreicher Israelis, Zionisten und anderer Juden einmal mehr demonstriert. Mit den Thesen und Empfindlichkeiten, wie sie im Interview zu hören sind, habe ich absolut nichts am Hut, Susan Nathan hat es den Ärmel hineingenommen, bei ihr sind die Klagen unserer Araber auf fruchtbaren Boden geraten, mit der Realität hat es nichts mehr zu tun. Die Frau tut mir leid, auch wenn sie mit ihren Behauptungen, die nicht stimmen oder aus jeglichem Zusammenhang gerissen sind, das israelkritisches Feuer entfacht. Ich nehme für mich in Anspruch, wirkliche arabische Freunde und Bekannte zu haben – nicht die Kellner in arabischen Restaurants, wie von Nathan erwähnt, sondern Künstler, Ärzte, Kadis, Geschäftsleute, Bürgermeister, Fremdenführer, sogar einen ehemaligen Minister Israels und ein paar Islamisten die sich mir gegenüber stets höflich und nett benehmen, ich lasse mir aber meinen Ärmel nicht einnehmen. Es stimmt, dass viele jüdische Israelis Angst haben und es auch aussprechen, dorthin zu gehen wo ich gehe, doch wenn man das Gespräch sucht, nicht um seine eigenen ideologischen Komplexe und Vorurteile bestätigt zu sehen, sondern um offene Gespräche zu führen, dann wird man respektiert.

Hier die Schlüsselsätze der ombudsmännischen Beurteilung zur Sendung:

„In ihrer Beurteilung hat die Ombudsstelle die breit anerkannte Auffassung geteilt, wonach sich aus dem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs Kriterien ableiten lassen, die eine Trennlinie zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel markieren. Demnach gilt jene Kritik an Israel als antisemitisch, die Israel das Existenzrecht und das Recht auf Selbstverteidigung aberkennt, historische Vergleiche der israelischen Palästinenserpolitik mit der Judenverfolgung im Dritten Reich zieht, Israels Politik mit einem doppelten Standard beurteilt, antisemitische Stereotype auf den Staat Israel oder diese Kritik auf Juden generell überträgt, und Juden pauschal für die Geschehnisse in Nahost verantwortlich macht.“

Ich denke, dass diese Definition für den gesamten Diskurs in den Medien und in der Öffentlichkeit angewendet werden könnte. Ebenso für Leserbriefe, ganz besonders in Foren und Kommentaren, Fundgruben antisemitischer Debilitäten. Wie die NZZ es praktiziert, dürften keine anonymen Briefe veröffentlicht werden und veröffentlichter Judenhass, ob von Privaten oder den Medien selbst, müsste einklagbar sein. Freie Meinungsäusserung darf nicht angetastet werden, sonst wäre unsere freie Gesellschaft bald nicht mehr frei, aber jeder der frei ist zu Hass aufzurufen, muss für seine Äusserungen Verantwortung übernehmen – vielleicht bringt das Antisemiten zum Nachdenken, einer Eigenschaft von der sie eigentlich grundsätzlich frei sind.

Zum Abschluss eine versprochene Folge Grundwissens:

3. Jerusalem

Nach der Vertreibung der Juden durch Rom im Jahre 70 unserer Zeitrechnung, wurde Jerusalem zum Zentrum jüdischer Sehnsüchte. Die Stadt ist das geographische Zentrum jüdischer Geschichte und Mythen. Der Ausdruck „Nächstes Jahr in Jerusalem“ ist seither Teil der jüdischen Liturgie, wurde jedoch seit dem Entstehen des politischen Zionismus zur Realisierung des jüdischen Traums der Rückkehr in die Heimat aktiviert. Im Gegensatz zum Judentum gilt Jerusalem im Islam erst als drittwichtigste heilige Stadt der Religion. Im Koran ist sie nirgends erwähnt. Es ist offensichtlich, dass der islamische Anspruch auf Jerusalem neueren Datums ist und ausschliesslich als politischer Widerspruch zum zweitausend Jahre alten historischen Anspruch der Juden ins Leben gerufen wurde. Vor der Politisierung des arabischen Anspruchs auf Jerusalem und dessen islamische Heiligkeit, wurde diese Stadt im Islam kaum erwähnt, weder in den Medien noch in den Aussagen der muslimischen Welt. In der Zeit zwischen 1948 und 1967, als Ostjerusalem unter jordanischer Besetzung war, wurde der jüdische Friedhof auf dem Ölberg geschändet, Grabsteine zum Bau von Pissoirs verwendet und so arabischer (oder eher islamistischer) Judenhass, sogar auf tote Juden, der desinteressierten Welt demonstriert. Erst seit dem Sechstagekrieg in 1967 sind sämtliche Heiligen Stätten Jerusalems für jedermann frei zu besuchen.

Fortsetzung folgt.

Freitag, 29. Mai 2009

Alternativen

29.5.2009

Seit Jahren ist eine meiner Standardfragen bei fast jeder Art politischer Diskussion: „Was ist die Alternative?“. Das ganz besonders im Zusammenhang auf politische Gespräche, wenn es um einen möglichen Friedensschluss mit der arabischen Welt, speziell zum Thema der möglichen Zweistaatenlösung mit den Palästinensern geht. Wollen wir gerade dieses Thema kurz betrachten:

Erst die Definition, so wie ich sie verstehe: Zweistaatenlösung heisst, dass neben Israel, ungefähr entlang der „Grünen Linie“ oder gemäss ausgehandelter Grenzführung ein Staat der Palästinenser entstehen soll. Ein palästinensischer Staat neben dem jüdischen Staat. Ein Staat der Araber neben dem Staat der Juden. So wie es in 1947 die UNO-Resolution 181 verlangte, auf die die arabische Welt mit Krieg auf Israel reagierte. Aus heutiger Sicht, wie sähe das aus?

Palästina wäre arabisch, mit einer wachsenden muslimischen Mehrheit. Das, weil die Geburtenrate der Muslime weit höher ist, als die der christlichen Minderheit und noch wichtiger, weil Christen in der Westbank und noch mehr in Gaza, verfolgt werden und deshalb in steigendem Mass auswandern. Das neue Palästina wäre judenrein, denn der einheimische Hass auf Juden, würde eine jüdische Präsenz nicht zulassen, etwas, das vor allem von Hamas offen ausgesprochen wird, nach dem ihnen ein judenreines Gaza kostenlos in die Hände gefallen ist. Wenn man Gaza als Beispiel voller palästinensischer Selbstverwaltung ansieht, sieht man eine fundamentalistische, gewaltintensive faschistische Gesellschaft, die sich selbst zerstört. Wäre das das Los der Westbank?

Israel, neben den USA, so denke ich, der multikulturellste Staat der Welt, in dem neben den monotheistischen und anderen Religionen auch eine riesige kulturelle und vorwiegend jüdische Vielfalt herrscht, bliebe die einzige wirkliche und mehrheitlich säkulare Demokratie im Nahen und Mittleren Osten – auch wenn das einige unserer eigenen Fundamentalisten und Rabbis ungern sehen. Es würde auch die einzige wirkliche Wirtschaftsmacht der Region bleiben – kommt mir nicht mit den Erdölländer, deren Reichtum beruht weder auf Erfindungsgeist, Schaffenskraft oder Fleiss, die wirkliche Arbeit wird dort von Ausländern aus dem Fernen Osten oder dem Westen geleistet, die Könige, Scheichs und Emire kassieren, so lang das Opel reichen wird.

Im Falle der Zweistaatenlösung, hätte es Israel völlig selbst in der Hand, den Charakter seiner Bevölkerung auf demokratische Art zu steuern. So wie die Schweiz, die USA und europäische Staaten es auf demokratische Art tun. Die ultra-orthodoxe Hegemonie in zivilrechtlichen Dingen darf nicht ewig wären und wird es auch nicht. Denn zu Ende gedacht, wäre die Herrschaft der wild wachsenden Ultra-Orthodoxie, die dem Staat mehrheitlich nichts gibt, dafür aber umsomehr nimmt (die arabische Bevölkerung ist wenigsten eine arbeitende Bevölkerung und trägt, wie viel das auch immer ist, dem israelischen Bruttonationalprodukt bei) ebenso ein Ende des jüdischen Staates, dem es wirtschaftlich und wissenschaftlich an Nachwuchs fehlen würde. Das gleiche gilt, genau so existenziell, für seine Sicherheitsbedürfnisse, denn der ultraorthodoxe Sektor des Landes verweigert der Nation jährlich rund 40'000 wehrfähige junge Männer, eine Zahl, die mit jedem Jahr wächst.

Für die drei oder mehr Millionen palästinensischen Flüchtlinge im Libanon, Syrien, Jordanien und sonst wo in der arabischen Welt, wäre die vorgesehene Rückkehr in den neuen Staat Palästina ein Problem, denn es ist vorauszusehen, dass für sie alle, die in der arabischen Welt ausgegrenzt werden (Ausnahme Jordanien), in der kleinen Westbank nicht genügend Platz ist. Die arabische Welt käme also nicht umhin Palästinenser zu integrieren und so selbst einen Teil zur Lösung des Flüchtlingsproblems beizutragen. Wie das jüdische Volk in Israel eine Heimat und in der Welt eine Diaspora hat, hätte das palästinensische Volk ein Heimat in Palästina und eine Diaspora in der arabischen Welt, in der sie bis heute als Flüchtlinge gehalten werden, denen die Integration verweigert wird.

Leider bringt es die gegenwärtige israelische Regierung nicht fertig das Wort „Zweistaatenlösung“ über die Lippen zu bringen. Sie ist zu stark in den Klauen rechtsextremer Parteien und Regierungschef Nethanjahu besitzt den Mut nicht, sich diesen Erpressern zu stellen, denn sein Posten scheint ihm wichtiger zu sein, als der Staat, sein Volk und dessen Zukunft.

Was ist oder sind die Alternativen:

Die Einstaatenlösung, ist ein einziges Israel auf beiden Seiten der Grünen Grenze, vom Mittelmeer bis zu Jordan. Damit hätten sich die Grossisraelanhänger ein faules Ei gelegt. Um eine Demokratie zu bleiben, müssten sämtliche Palästinenser der Westbank (und Gaza) israelische Bürger werden. Ich könnte mir zwar denken, dass sie nichts dagegen hätten, denn sie träumen von den Vorteilen und Wohltaten, die Israels arabische Bürger geniessen (übrigens dieser Neid ist eine der Motivationen für ihren Hass auf ihre israelischen Brüder, wie mir von arabischen Freunden wiederholt gesagt wird). Aber in wenigen Jahren wäre die israelische Mehrheit arabisch, der jüdische Staat würde der Vergangenheit angehören. Es sei – und das wäre das Schlimmste, eine wirkliche Katastrophe – Israel würde tatsächlich zum Apartheid-Staat.

Der Transfer der Araber in arabische Länder, eine wiederholt aus rechtsextremistischen jüdischen Kreisen geforderte Idee, ist nicht nur der grösste Albtraum unserer arabischen Bürger und ihren Brüdern in der Westbank. Es ist auch der grösste Albtraum jedes anständigen und nach demokratischen Grundsätzen lebenden Israelis, auch wenn unsere arabischen Politiker in der Knesset diese Haltung mit ihren gelegentlichen Äusserungen und demonstrativen Aktionen erschweren. Ich verstehe nicht, wie die Idee der Deportationen, in der jüdischen Geschichte ein immer wiederkehrendes Phänomen, von einem jüdischen Menschen erwägt werden kann.

Der Anschluss der Westbank zu Jordanien, seinem früheren Besetzer, und von Gaza zu Ägypten, wäre für Israel bestimmt die beste Lösung. Nur, der jordanische König weiss genau, warum er nicht noch mehr Palästinenser in seinem Land will, der Schwarze September, der Aufstand und Mordversuch an König Hussein von 1970, mit seinen Tausenden von Toten steckt immer noch in den Knochen der vorwiegend beduinischen Elite Jordaniens. Der Anschluss zu Jordanien wäre das Ende des jordanischen Königreiches. Wie ich las, wurde kürzlich in einer Knessetsitzung der Vorschlag diskutiert, Jordanien müsse den Palästinensern der Westbank die jordanische Staatsangehörigkeit verleihen. Die jordanische Regierung zitierte daraufhin den israelischen Botschafter zu sich und verwahrte sich vor der Tatsache, dass ein fremdes (das israelische) Parlament über Zivilrechtliches in einem fremden Land bestimmen wolle. Auch Ägypten würde bestimmt keine weiteren Anhänger der Muslimischen Bruderschaft (Hamas) aus Gaza wollen, seine einheimischen Jihadisten reichen Mubarak völlig aus. Die Übernahme palästinensischer Gebiete durch Jordanien und Ägypten ist also keine realistische Lösung.

Was bleibt? Nur die Zweistaatenlösung mit ihren Problemen. Zurzeit, nach den niederschmetternden Folgen von Israels gutgemeintem Abzug aus Gaza, ist sogar die Lust liberaler Israelis vergangen, Palästinensern vertrauensvoll die Selbstverantwortung zu geben und ihnen die Westbank zu überlassen. Das hat gar nichts mit reaktionären Ideologien und Siedlern zu tun, die direkt an den zweiten Tempel anknüpfen wollen, so wie Jihadisten eine Rückkehr zum Kalifat erstreben. Es ist reinstes Sicherheitsdenken, wenn man die dem Abzug aus Gaza erfolgte Situation auf die Westbank übertragen würde. Raketen auf den nationalen Flughafen, auf Grossstädte und Industrien, würden das Land stilllegen. Es gibt viele Israelis, die versuchen mit Palästinensern in Kontakt zu kommen und Beziehungen aufzubauen. Das ist schwierig für beide Seiten, aber ohne gegenseitiges Vertrauen werden die schönsten Friedensabschlüsse nichts nützen – sie würden von Extremisten beider Seiten sabotiert. Also, Vertrauen aufbauen, ohne sich in gegenseitigen Hass und nutzlose Vorwürfe hineinzusteigern, ist die Vorstufe zum Erreichen der Lösung, ein enorm schwieriges Vorhaben, von dem man sich nicht durch nutzlosen ideologischen und religiösen Hass abbringen lassen darf.

Mittwoch, 27. Mai 2009

Grundsätzliches im Sinne von Christian Morgenstern

27.5.2009

Mein Freund Roger Guth hat sich seit langer Zeit eine Sisyphusarbeit aufgelastet, indem er Redaktoren der Schweizer Presse E-Mails schickt und sich über die fragwürdigen Berichte und Kommentare gewisser Schweizer Journalisten in Israel beklagt. Er ist mit Recht erbost über deren Jihadisten- und Hamashörigkeit, die zu erklären für uns „Kenner“ relativ leicht ist. Das allein schafft das Problem aber nicht aus der Welt.

Beim Lesen von Zeitungsberichten und Kommentaren über die Ereignisse im Nahen Osten bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig viele der Berichterstatter, sogar jene vor Ort, über die Geschichte und Hintergründe des jüdisch-arabischen Konflikts unserer Zeit zu wissen scheinen. Einige scheinen nur an einzelnen Sensationen interessiert, hinterfragen wäre zusätzliche Arbeit, Hintergründe und Kontext sehen sie als politisch unkorrekte Störfaktoren. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass sie Informationen über etwas, das Israel in einem positiven Licht darstellen könnte, absolut nicht interessiert, ganz nach Christian Morgenstern:
Und er kommt zu dem Ergebnis:
"Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil", so schließt er messerscharf,
"nicht sein kann, was nicht sein darf."
Andere wiederum haben ihre Seele einseitig der palästinensischen Sache verkauft, lehnen israelische Darstellungen prinzipiell ab, denn der „Schwächere“ hat doch immer recht. Aber es gibt Journalisten, die einen wirklichen Durchblick wollen, kritisch, sogar selbstkritisch sind und keine Angst davor haben, einen „Liebesverlust“ der palästinensischen Pressebehörde und derer Inszenierungskünstler (auch "Fixer" genannt) zu riskieren. Ich bin stolz eine kleine Anzahl solcher Presseleute zu kennen, bei denen ich weiss, dass, wenn sie Negatives (davon gibt es mehr als genug) über Israelisches schreiben, dieses der Wirklichkeit entspricht. Noch mehr gilt das für Leserbriefschreiber, auch wenn es bei diesen mehrheitlich um seelenhygienische Vorgänge handelt, mit denen Dreck verspritzt und damit Druck abgelassen wird. Doch auch diese Leserbriefschreiber beziehen ihr „Wissen“ aus den Medien, die damit eine grosse Verantwortung übernommen haben, derer sie sich nicht immer bewusst sind.

Inzwischen bin ich erneut auf die Welt gekommen und habe begriffen, dass lange Briefe, besonders an Redaktoren, eine Zeitverschwendung sind. Ich habe eine fünfseitige Abhandlung mit dem Titel „Was jeder, der Israel kritisiert (oder Juden hasst) wissen sollte, aber nicht wissen will“ zum Thema geschrieben, die ich mir aber verkneife, wegzusenden. Stattdessen werde ich in kommenden Tagebucheinträgen als Anhang ein wenig Grundwissen geschichtlicher und politischer Fakten einfügen, die leicht zu verifizieren sind. Zudem gibt es in meinem Blog eine Liste interessanter Literatur zu den Themen (siehe Kolonne rechts).

Hier Grundwissen Nummer 1 und 2:

1. Zionismus und Judenhass

Politischer Zionismus ist das Produkt religiöser und geschichtlicher Sehnsüchte des jüdischen Volkes, die durch Theodor Herzl in einen politischen Rahmen verpackt und durch gesellschaftliche und politische Arbeit von seinen Nachfolgern realisiert wurden. Auslöser war für Herzl die antisemitische Dreyfus Affäre in Frankreich, der Hintergrund die zweitausend Jahre alte Geschichte der Juden im Exil, ihrer Verfolgung vor allem durch das Christentum, den Islam und die Mächtigen, die Judenhass dazu benutzten, ihre Völker zu manipulieren. Der Zionismus ist in meinen Augen die politisch erfolgreichste Bewegung des vergangenen Jahrhunderts und Israel eine Erfolgsstory, nicht nur im Vergleich mit seinen Nachbarländern, die fast alle ungefähr gleich lang als politisch unabhängige Staate existieren und es, sind wir ehrlich, zu nichts Vergleichbarem gebracht haben.

2. Palästina/Israel

Juden lebten auch in der Zeit des Exils in Palästina. In Jerusalem bilden sie seit über 150 Jahren die Mehrheit.

Bevölkerung in Jerusalem*
1870: Total 22' 000 - 11' 000 Juden + 6' 500 Moslems + 4' 500 Christen
1946: Total 165' 000 - 99' 500 Juden + 33' 500 Moslems + 32' 000 Christen
1994: Total 567' 200 - 406' 400 Juden + 145' 800 Moslems + 15' 000 Christen

Noch vor Herzls politischem Zionismus besiedelten osteuropäische Juden, meist aus religiöser Motivation, das Land. Es war dünn besiedelt, arm, grossenteils Wüste oder Malaria verseuchte Sümpfe. Araber bildeten die Mehrheit der Bevölkerung.

Bevölkerung bis 1947 in Palästina*
1922: 752' 048 davon - 83' 790 Juden+ 589' 177 Moslems+ 71' 464 Christen+ 7' 617 Drusen
1947:1' 933' 673 davon 614' 239 Juden+1'157' 423 Moslems+146' 162 Christen+15' 849 Drusen

Bevölkerung in Israel 1995*
Total 5' 548' 495 - 4' 494' 280 Juden + 798' 984 Moslems + 160' 906 Christen + 94' 325 Drusen
*Quellen:
  • Fischer Weltalmanach 2004,
  • Minderheiten in Israel/Oesterreichisch-Israelische Gesellschaft,
  • Israel heute/Israelisches Informationszentrum

    Vor allem während der britischen Mandatszeit, als sich das Land durch die wachsende jüdische Einwanderung, deren Aktivitäten und jüdischen Investitionen aus dem Ausland (Rothschild, Hirsch etc) wirtschaftlich zu entwickeln begann, liessen sich Arbeit suchende Araber aus anderen arabischen Ländern und Regionen in Palästina nieder. Palästinas arabische Bevölkerung wuchs weiter an, europäische Juden flohen vor den Nazis nach Palästina, arabische Juden folgten in den vierziger Jahren – aus ähnlichen Gründen. Nach der Staatsgründung wurden innert Jahrzehnten hunderttausende jüdischer Flüchtlinge in neuen Staat integriert – das genaue Gegenteil des Schicksals palästinensischer Araber in ihren Gastländern.

    Fortsetzung folgt.

Montag, 18. Mai 2009

Berichtigung, Papst und Musik

18.5.2009

Mit dieser islamischen Demonstration religiöser Toleranz wurde der Papst bei seinem Besuch in Nazareth begrüsst. Er selbst predigt zwar nicht das Gegenteil, obwohl er, wie die Muslime, von der Ueberlegenheit seiner eigenen Religion überzeugt ist, was jedoch seit sehr geraumer Zeit kaum noch zu Mord und Totschlag führt. Das mit der christlichen zweiten Backe wird von seinen (islamischen) Gastgebern nicht so ganz geteilt. Die schrumpfende Zahl der Christen in der arabischen Welt und leider auch in Israel, bezeugt das.

Den gegenteiligen Eindruck hinterlässt ein Lied, gesungen von einem Kinderchor und den Sängern David Da’or (ohne Bart) und Dudu Fischer (mit Bart) für den Papst, vorgetragen anlässlich dem Empfang bei Präsident Shimon Peres in Jerusalem. Auf dem Film leider nicht mehr zu sehen ist wie der Papst und Shimon Peres nach dem Lied aufstanden, spontan auf die Sänger zugingen und ihnen die Hand reichten. David Da’or, war am Beginn seiner Karriere zwei oder dreimal in unserem Jazzclub in Zichron Ya’akov aufgetreten. Ich schrieb darüber auch in meinem Tagebuch:

19.7.2001
"Gestern Abend fand in meinem Jazzclub Bluesette ein ganz besonderer Auftritt statt. Es sang ein junger Mann mit Namen David Da’or. Er sang mit hoher Tenorstimme (wie früher die Kastraten, zu denen er offensichtlich nicht gehört, da er einen Ehering trug) Haydn, Jazz, italienische Opernarien und auch Volkslieder. Er war fabelhaft und auch mein Freund Walo Kuhn war zutiefst beeindruckt. Noch tiefer beeindruckt waren die vielen Zuhörerinnen. Das weibliche Geschlecht war in massiver Überzahl, die Damen fast aller Altersstufen starrten den Sänger anbetend und andächtig an. Es war wie mit den Boys Bands und den Teenies, ausser, eben, hier sassen auch viele Damen mittleren Alters, die sich nicht anders benahmen wie 15-jährige. Neben uns sass eine junge Frau, die sogar feuchte Augen hatte, doch stellte sich nach Abschluss des Konzertes heraus, dass sie die Ehefrau des Sängers war. Das Konzert war nicht nur schön, sondern auch eindrücklich“.

Den Abend mit ihm auf einem hohen Barstuhl sitzend a cappella singend habe ich noch heute im Ohr.

Noch etwas Musikalisches, nämlich die Eurovision Songmeisterschaft. Lea und ich dachten zwar, das deutsche Lied mit viel Swing hätte gewinnen sollen, doch mit dieser Meinung kamen wir ganz und gar nicht durch. Allerdings hatten die Norweger wirklich ein tolles Lied und ihr fiedelnder Solosänger wird sich von nun an kaum vor Groupies retten können. Wir stellten auch, wohl nicht neu, eine Politisierung fest. Die Zyprioten gaben ihre zwölf Punkte den Griechen, die Weissrussen und die Armenier den Russen, die Aserbeidschaner den Türken und ähnliches mehr. Das israelische Duo Mira Awad und Avinoam Nini (Noa), zwei dicke Freundinnen, die ich aus meinen Aktivitäten in der Galerie Umm El-Fahm kenne, waren die einzigen die wirklich eine politische Aussage zu vermitteln hatten und fanden sich weit abgeschlagen in der unteren Mitte der Rangliste vor. Lea und ich gingen erst gegen zwei Uhr (Israelzeit) schlafen.

Samstag, 16. Mai 2009

Aussagen

16.5.2009

Erich Follath vom Spiegel hat einen Beitrag geschrieben, der vor Judenhass nur so trieft. Es ist eine fiktiver Ansprache unter vier Augen des deutschen Aussenministers an unseren Aussenminister Avigdor Lieberman. Hier der zweite Link, nämlich die Antwort von Claudio Casula. Ich könnte schreiben, dass ich erstens Lieberman nicht gewählt habe und, zweitens, dass ich ihn als Aussenminister eine Katastrophe finde. Dies zu behaupten verlangt praktizierte politische Korrektheit, die Mutter der Lüge, auf die ich täglich allergischer werde. Das Erste stimmt, ich wählte Meretz, das Zweite ist nicht war, denn bisher hat er in seinem neuen Posten nichts Schlimmes angerichtet. Wer das anders sieht, belügt sich selbst und ist eigentlich enttäuscht, dass der liebe Lieberman die Erwartung Anderer nicht erfüllt – sie fühlen sich betrogen. Was nicht ist, kann noch werden – so gebt die Hoffnung nicht auf, denn Lieberman ist ganz offensichtlich lernfähig. In all die ihm vorgeworfenen Fettnäpfchen ist er noch vor Beginn seiner Aussenministerkarriere getreten.

Man kann zu Israel stehen wie man will, die Frechheit Unbeteiligter, ihm vorschreiben zu wollen, wie es sich zu verteidigen, wie es die Existenz des Staates und seiner Bürger zu sichern habe, ist nur mit Arroganz, Judenhass oder bestenfalls mit wirtschaftlichem Egoismus zu erklären. Denn diese Vorschreiber von Israels Politik und seinem Verhalten orientieren sich vor allem am Benzin- und Gaspreis (man denke an das wirtschaftliche „Prostitutions“verhältnis zwischen Calmy-Rey und Ahmedinejad) und übernehmen für das Schicksal Israels keinerlei Verantwortung – aber sie wissen alles besser. Derselbe wirtschaftliche Egoismus könnte auch Teil des Zögerns sein, sich der Islamisierung und Jihadisierung Europas entschiedener entgegenzustellen.

Barry Rubin, ein profilierter Professor am Interdisziplinären Studienzentrum in Herzlia hat unter dem Titel „Political Proverbs for an Age of Unreason“ 44 Punkte als Gedächtnisstütze aufgelistet, von denen ich hier einige in Deutsch wiedergebe. In den vergangenen Jahren wurde Grundsätzliches zwischenstaatlicher Beziehungen, besonders was Krieg und Frieden betrifft, weitgehend vergessen. Täter werden als Opfer bezeichnet und Opfer als Täter. Nirgends ist diese perverse Sicht der Dinge augenfälliger als im Nahen Osten, und wenn man weiter denkt, im Kampf um Israels Existenz und der Islamisierung des Westens. Hier also einige Müsterchen von mir ins Deutsche übersetzt (Nummerierung gemäss englischem Original):

1. Wenn man sein Territorium zu unprovozierten Angriffen auf einen Nachbarn benutzt, wird dieser Nachbar sein Recht auf Selbstverteidigung ausüben und selbst angreifen. (Beispiel: Hamas attackierte Israel).
3. Wenn eine schwächere Macht einen stärkere angreift, ist der Angreifer nicht zu Sympathien berechtigt, nur weil er der Schwächere ist. (Beispiel: siehe oben)
5. Wenn man Zivilisten als menschliche Schilder benutzt und einige dieser Zivilisten werden getötet, dann ist man für diese Toten verantwortlich. (Hamas im Gaza Streifen, aber auch Hisbullah in Libanon)
6. Wenn eine Seite absichtlich auf Zivilisten zielt, ist das Terrorismus. Wenn die andere Seite alles was möglich ist, unternimmt, um zivile Opfer zu vermeiden, ist das ein berechtigtes Verhalten. (Gaza)
7. Wenn eine Gruppe Wahlen gewinnt und dann einen Coup inszeniert, um volle Macht zu erreichen, die Demokratie abschafft und ihre Gegner umbringt oder verjagt, kann die daraus resultierende Regierung nicht als demokratisch gewählt betrachtet werden. (Gaza)
11. Wenn eine politische Bewegung radikalislamistisch, terroristisch und dem Völkermord verpflichtet ist, ist es sinnlos, was es selbst oder seine von ihm kontrollierten Leute sagen, zu glauben. (Die Leichtgläubigkeit der Medien für die grausigen Behauptungen der Hisbullah und Hamas)
14. Wenn jemand sagt, er werde dein Land von der Landkarte putzen, nimm ihn ernst. (Beispiele wie von Hitler und Stalin, neueren Datums von Iran, Hisbullah und Hamas Führung)
15. Wenn Geschichte nicht gezeigt hat, dass das Besänftigen von Diktatoren nichts nützt, was können wir denn aus der Geschichte lernen. (Zahlreiche Beispiele)
16. Wenn man folgende Aussage von Pastor Martin Niemöller vergisst, dann hat man ein persönliches Problem:

Als die Nazis die Kommunisten holten,habe ich geschwiegen;ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,habe ich geschwiegen;ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten,habe ich nicht protestiert;ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Juden holten,habe ich nicht protestiert;ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten,gab es keinen mehr, der protestierte.
22. Patriotismus kann die letzte Zuflucht eines Schurken sein, aber sein eigenes (demokratisches) Land zu hassen, ist die erste Zuflucht eines Pseudointellektuellen.
26. Es ist war, dass die Menschen Europas nicht mehr leidenschaftlich an Ideologien glauben, nicht mehr bereit sind für ihre Überzeugung zu töten und nicht mehr Imperien erobern oder zerstören wollen. Das heisst aber nicht, dass andere auch so denken.

36. Wenn deine Zugeständnisse von deinem Feind als Zeichen der Schwäche und Dummheit empfunden werden, könnte der Feind Recht haben.
39. Denk daran, nur weil du keine Ahnung über die Geschichte eines Konflikt und den Charakter der Gegenseite hast, heisst das noch lange nicht, dass mein Land leiden oder zerstört sein soll.
42. Ein grosser Teil der heutigen Politik scheint hauptsächliche darin zu bestehen, jene die dich umbringen und deine Zivilisation zerstören wollen, zu beschwichtigen und ja nicht zu beleidigen.

44. Jeder der denkt das die Unterdrückung der Frau, das Verbot der Redefreiheit, das Unterstützen von Terror und das Verwerfen logischer Werte und wissenschaftlicher Methoden seien nur wunderliche lokale Traditionen, sollte gezwungen werden in einer solchen Gesellschaft zu leben.

Sonntag, 3. Mai 2009

Der Papst und die beleidigten Leberwürste

Muslime können, besonders was Beziehungen zu anderen Kulturkreisen betrifft, humorlos und daher leicht beleidigt sein. Das ist menschlich, auch andere Völker und Religionen sind darin empfindlich, auch wenn es nicht von allen ebenso ernst genommen wird. Tödlich wird das heute allerdings erst beim Islam. Einen islamischen Don Camillo oder humorvolle islamische "Rabbinergeschichten" gibt es meines Wissens kaum. Wir erleben aufgeputschte religiöse Empörung so oft, dass sich die Welt daran gewöhnt hat. Denken wir an die dänischen Mohammedcartoons, die Worte von Benedikt XVI über den Islam und ähnlichem, die die islamische Welt innert kürzester Zeit zu einer Welt beleidigter Blutwürste machte. Der Westen nimmt schon seit geraumer Zeit darauf Rücksicht, ist bereit ihnen in England Sonderrechte im Schulunterricht oder im Religions- und Zivilstandwesen einzuräumen, entschuldigt sich in vorauseilendem Gehorsam sogar für nicht Stattgefundenes, denn sie haben gelernt, sich vor islamistischen Reaktionen auf wirkliche und eingebildete Kränkungen zu fürchten. Leicht zu beleidigende Leute werden ebenso leicht gewalttätig, was sich gerade in der muslimischen Welt wiederholt beweist. Die beleidigten Leberwürste der muslimischen Welt sind gefährlich und kosten Menschleben. Der Papst sagt etwas, das ihm die islamische Welt krumm nimmt – es sterben Nonnen, Kirchen werden abgefackelt und gewalttätige Demonstrationen von Muslimen, von denen kaum einer auch nur die geringste Ahnung hat, um was es eigentlich geht, finden "spontan" statt. Eine Prise Hetze genügt und schon steigt der islamische Blutdruck. Wir im Westen haben unsere angenehmen Gruppenerlebnisse bei Fussballspielen, bei denen Rassismus gefahrloser abreagiert werden kann, im Vorderen Orient scheint Hass auf Andere ohne sportliche Ablenkung, zum Zeitvertreib der Massen geworden zu sein.

Der diesen Monat angesagte Besuch von Papst Benedikt XVI in Israel könnte zu einem Hassfest aufgeputschter israelischer Muslime werden. Für einmal kann Hass auf Christen gefeiert werden. So jedenfalls verstehe ich einen Bericht des AP-Journalisten Diaa Hadid, der gestern in verschiedenen Zeitungen zu lesen war. Unter dem Titel "Muslime geben sich kühl zur päpstlichen Pilgerfahrt ins Heilige Land", ist über die Stimmung in der arabischen Stadt Nazareth zu lesen, die sich auf die päpstliche Visite vorbereitet. Der Papst will dort eine Messe lesen und die Stadtväter haben Angst. Seit die Muslime der Stadt vor zehn Jahren vor Gericht eine Abfuhr erhielten, als sie die Verkündigungskirche mit einer riesigen Moschee übertrumpfen wollten, brodelt es mehr als gewöhnlich in dieser Stadt. Die Christen der Stadt beklagten sich über den Plan, der für alle offensichtlich aus einer Laune grundsätzlicher Abneigung gegen Christen und als Herausforderung dieser religiösen Minderheit gebaut werden sollte. Die Christen gingen vor Gericht und gewannen. Der für die Moschee vorgesehene Platz steht meines Wissens noch immer leer. Es gab Demonstrationen, Schlägereien und viele Verletzte. Heute ist das Thema vergessen und ich hoffe, dass der päpstliche Besuch es nicht wieder auf's Tapet bringen wird. Denn es scheint, dass antipäpstliche Unruhen schon vorprogrammiert sind. Ein riesiges Banner auf dem bekannt gegeben wird, "Jene die Gott und Seinen Botschafter verletzen – Gott hat sie verflucht in dieser Welt und im Jenseits und wird sie demütigend bestrafen" (von mir aus dem Englischen übersetzt), soll den Papst warnen, nicht wieder den Islam als gewalttätige Religion zu bezeichnen. Es war, so denke ich, nicht gerade intelligent von Benedikt XVI dies zu sagen, auch wenn die Muslime der Welt seine Aussage mit ihren gewalttätigen Reaktionen umgehend bestätigten. Andere Kulturen, andere Sitten.

Der Papst ist bei den Muslimen in Nazareth nicht willkommen. Bei denen in Bethlehem, Jerusalem und anderen Städten, die er besuchen wird, wird, so nehme ich an, wird die Situation auch nicht besser sein. Es werde verlangt, er solle sich bei den Muslimen entschuldigen, sagen jene, die bereit sind, sich mit ihm treffen – aber eben nur, wenn er diese Forderung erfüllt. Die israelischen Muslime sind gespalten. Scheich Raed Salah, der Anführer der extremistischen nordisraelischen muslimischen Brüderschaft wünscht den "ungläubigen" Papst zum Teufel, andere werden sich hergeben mit ihm zu reden. Es wird für Benedikt XVI ein Tanz auf Eiern, jedes seiner Worte wird auf mögliche Islamophobie untersucht werden. Ich weiss nicht, ob er überhaupt realisiert, wie sehr arabische Christen von Muslimen unterdrückt werden. In Nazareth, waren früher achtzig Prozent der Bevölkerung Christen und zwanzig Prozent Muslime, in Bethlehem in der Westbank, ist die Situation ähnlich. Dort rächt sich für die Christen der Stadt, dass die israelische Regierung vor Jahrzehnten die Bitte des damaligen christlichen Bürgermeisters Bethlehems Elias Freij ablehnte, die Stadt Jerusalem einzugemeinden. Freij war ein weitsichtiger Mann, dessen Sicht der politischen Entwicklung in seiner Stadt und seine Sorge für die palästinensischen Christen sich heute bestätigt.

Als Vergleich zur Lage der arabischen Christen in Palästina, inklusive Gaza, denke ich an die Lage der Juden in Nazi-Deutschland, die auch nicht glauben wollten, was ihnen blühen würde – bis es zu spät war. Ihre apologetische Selbstidentifizierung mit dem Schicksal der muslimischen Palästinenser ist "ein Kopf in den Sand stecken". Sie wollen nicht sehen, was in Irak und Ägypten passiert, wo Christen von fanatischen Islamisten zu Hunderten ermordet wurden und werden oder nicht viel besser in Saudiarabien wo das Ausüben einer nichtislamischen Religion strafbar ist. Diese Tatsachen sollten den Papst interessieren – was er tun kann, das muss er selbst wissen – Sand für seinen Kopf hat es an den Stränden Roms genug.

Zurück zu den (beleidigten) Blutwürsten. Zum Thema Nahrung ein Zitat von Leon de Winter, dem bekannten und schlagkräftigen holländischen Autoren und Kommentatoren, der nach der Ermordung seines Freundes Theo van Goghs in Amsterdam sagte: “Seit den sechziger Jahren machen wir uns selbst weis, alle Kulturen seien gleichwertig. Wenn das so wäre, wäre Kannibalismus nur eine Frage des Geschmacks.” Die Absage eines kulturellen Feinschmeckers an die politische Korrektheit, der die Hauptursache des heutigen Kulturkrieges in Europa erkannt hat, nämlich den Missbrauch einer Jahrzehnte langen falsch verstandenen Multikulturpolitik. De Winters Link enthält eine der wichtigsten Erkenntnisse über die Islamisierung Europas, von der viele heute schon denken, sie sei irreversibel.

Donnerstag, 30. April 2009

Yom Ha'atzma'ut - Israels Unabhängigkeitstag

29.4.2009



Gestern Abend wurde der Opfer der Kriege Israels, zusammen mit den Opfern des arabischen Terrors gedacht. Heute Abend wird dieser Gedenktag von den Feiern des Israelischen Unabhängigkeitstags abgelöst. Die offizielle Feier in Jerusalem geht gerade zu Ende – morgen wird Israel ein einziger gigantischer Verkehrsstau werden, die Bürger – vor allem Juden und Drusen - fahren zu Picknicks und überfüllen jeden freien Platz in der Natur. Das ist schön so, der Picknick, nicht die Staus, die kein Picknick sind. Die offiziellen Feiern beider Tage, die des Opfergedenkens und der Unabhängigkeit sind beide sehr militärisch geprägt. Damit steht Israel nicht allein, Nationalfeiertage vieler Länder haben diese leidige Eigenschaft, aber in Israel hat es einen wirklichen Grund. Trotz Feiern und schönen Reden sind wir noch immer im Krieg und es sind eben die Soldaten, die die Fehler der Politiker ausbügeln müssen, um den Weiterbestand unseres demokratischen Staatswesens – der einzigen wirklichen Demokratie in dieser Gegend islamischen Hasses, Gewalt und Rassismus. Das ist bestimmt der Hauptgrund für den mangelnden Frieden und für das noch immer mangelnde Vertrauen der Israelis an eine wirkliche Friedensbereitschaft seiner Feinde.

Israel hat in den 61 Jahren seines Bestehens Fehler gemacht. Man kann lesen es habe auch Friedenschancen verpasst – theoretische wenigstens, denn im Nachhinein ist man immer klüger. Aber Israel hat auch viele Risiken für Frieden auf sich genommen. Die Antwort darauf waren überwiegend Raketen, Terrorismus, Aufrufe zum Hass, Verleumdungen, mehr Blutvergiessen und weniger Sicherheit. Und nicht zu vergessen, eine fortlaufende historische Kampagne mit dem Ziel, Israels Existenz zu delegitimieren. Bernard Lewis, der grosse alte Mann aus Princeton, Doyen des Orientalismus und der Islamwissenschaften, sagte es so: "Es gibt keinen Kompromiss zwischen Existenz und Nichtexistenz." (Zwar wird Bernard Lewis angeklagt, er streite den türkischen Völkermord an den Armeniern (1915) ab, was aber nicht stimmt. Was er nicht anerkennt, sind die Parallelen zwischen dem jüdischen Holocaust der Nazis und dem Schicksal der Armenier, eine Haltung, die er in einer gefilmten Konferenz sehr interessant erklärt. Aber das gehört nicht zum hier behandelten Thema.) Zurück zu Israel. Lewis bringt mit seinem Satz die Problematik von Israel's Überleben auf den Punkt, den Klugscheisser aus der israelkritischen Szene nicht akzeptieren wollen. Können könnten sie schon, dazu aber müssten sie Ballast ablegen, Ballast wie vorgefasste ideologische Überzeugungen, die Feigheit sich der Wahrheit zu stellen, Anerkennung eines Teils der nichtjüdischen Umwelt zu verlieren und noch Einiges mehr, wie etwas Antisemitismus und – wo angebracht – Selbsthass, der durchaus nicht jüdisch zu sein braucht. Dann gibt es noch ein Kategorie Israelkritiker, die mir erst kürzlich aufgefallen ist. Das sind ältere Menschen, früher prominent und einflussreich, die aus der verzweifelten Furcht heraus, diese Prominenz zu verlieren, auf den israelkritischen Zug aufspringen. Ich will hier keine Namen nennen, es gibt sie in Israel, in der Schweiz, in Deutschland und auch in den USA. Das ist sehr schade, denn sie könnten, falls ihre Prominenz echt statt nur leer ist, anstatt Israels Existenz gehässig zu untergraben, mithelfen politische und soziale Probleme zu lösen – auch wenn sie vorgeben, mit ihren zweifelhaften Aktionen und Aussagen gerade das tun zu wollen. Wir haben in Israel gerade heute einen unglücklichen Überhang rechtsextremer Politik, dem Resultat von einundsechzig Jahren Krieg und wirklicher arabischer Friedensverweigerung und Gewalt. Das hat bei den vergangenen Parlamentswahlen Israels durchgeschlagen, denn bei weitem nicht alle Wähler eines Nethanyahu, Lieberman oder noch Schlimmerer (die es tatsächlich gibt) hat eine supernationalistische oder gar rassistische Auffassung. Ich denke man könnte es ein wenig mit den palästinensischen Wahlen in Gaza vergleichen, bei denen Hamas gewann, allein aus dem Abscheu des Bürgers vor der Korruption der Fatah heraus. Vor diesen Wahlen wurden Gazas Bürger von Fatah betrogen und jetzt von Hamasschergen umgebracht, ausgehungert (wobei darüber stark übertrieben berichtet wird), religiös unterdrückt und wiederum um die Unterstützungsgelder aus Europa und der USA betrogen. Diese werden von Hamas in Waffen und Terrorplanung investiert, statt wie von den Gebern vorgesehen, den Gazanern zu helfen ihre Infrastruktur auszubauen, Soziales und Wirtschaftliches wieder in den Griff zu bekommen, Dinge die durch die Machenschaften und Prioritäten der Hamas bewusst vernachlässigt werden und unter dem Krieg gelitten haben.

Seit Wochen werde ich gefragt, ob ich nicht Angst vor dem neuen amerikanischen Präsidenten Barrack Obama hätte, er würde Israel schaden, weil er versuche, mit dessen Feinden zu reden, statt wie bisher Präsident Bush, verbohrt jedes israelische "Mauern" gutzuheissen. Viele werden durch meine Antwort enttäuscht. Ich denke, dass nach Jahrzehnten erfolgloser Friedenverhandlungen (der Frieden mit Ägypten und Jordanien ist ein Frieden der Regierungen – und wer weiss was sein wird, wenn Mubarak nicht mehr da ist oder König Abdullah gestürzt würde), ein neuer Weg versucht werden muss. Zwar zweifle ich, dass Obama mit den Iranern Erfolg haben wird. Der Hass der Mullahs auf uns Juden ist so gross, von rein abstraktem religiösem Hass motiviert und somit Teil ihres Glaubens geworden. Die Notwendigkeit, identisch mit der anderer muslimischen Staaten, Israel als Sündenbock zu haben, ist für sie unersetzlich und obwohl künstlich und nicht geschichtlichen Realitäten entsprechend, dass Obama weder mit Logik noch Charme etwas erreichen wird. Ich kann mich irren, doch ein neuer Weg sollte gesucht und versucht werden – abbrechen kann man ihn jederzeit. Das gilt ebenso für Hamas und Hisbullah. Aus Furcht vor Iran und seinen Atombomben sind zurzeit die meisten arabischen Staaten relativ nett zu uns und bieten Frieden an. Der arabische Friedensplan der Saudis sollte wenigsten diskutiert werden. Gerade diese Gelegenheit müsste Obama ergreifen und ein wenig Druck auf die israelische Regierung ausüben – ich könnte mir sogar vorstellen, dass ein solcher Zwang Nethanyahu helfen würde, damit seine eigenen Rechtextremen unter Druck zu setzen. Wie alles ist dieser Gedanke eine Theorie – doch gibt es Theorien die zur Realität werden - der Zionismus ist so ein Fall, er hat sich erfüllt. Sich jedoch vor den heutigen Amerikanern zu fürchten ist völlig falsch und könnte dazu führen, dass Israel Obama auf einmal auf gut arabische, aber nicht jüdische Art als Sündenbock benutzen würde – das wäre ein weitere Fingerzeig, wie weit Israel auf Stil und Niveau arabischer und mittelöstlicher Politik gesunken wäre. Bis heute ist der Antizionismus unter anderem der Zwillingsbruder des Antiamerikanismus, der gerade heute weniger denn je am Platz ist.

Wie gesagt, heute war Nationalfeiertag, wir haben im Garten Steaks, Hamburger und Würstli gebraten – ich habe Heimweh auf Bratwürste und Cervelats.

Samstag, 25. April 2009

Aus der Presse

25.4.2009

Über den Mord in Payerne im April 1942 am jüdischen Viehhändler Arthur Bloch aus Bern ist ein Buch erschienen, das in der NZZ ausführlich rezensiert wird. Zwar sollte die Geschichte, die Jacques Chessex erzählt, jedem Schweizer bekannt sein, es sei denn, man versuche dem Thema schweizerischer Nationalsozialismus während den Nazijahren bewusst aus dem Weg zu gehen. Wie es heute in Payerne geschieht, wo Chessex mit dem, in meinen Augen meist ehrenwerten Titel "Nestbeschmutzer" bedacht wird. Chessex wurde an der Fasnacht verspottet, die Stadt weigert sich bis heute, der Tat und dem Opfer zur Kenntnis zu nehmen und zu gedenken.

Dazu zwei Gedanken. Erstens, was wäre geschehen, wenn Adolf Hitler trotz der für ihn hilfreichen und beidseitig gewinnbringenden Zusammenarbeit mit der Schweizer Industrie und Banken, in die Schweiz einmarschiert wäre? Als dies in Österreich geschah, wurde Nazideutschland von Menschenmassen hysterisch begrüsst und die österreichischen Nazis und eine grosse Mehrheit des Volkes bemühten sich sofort ihre Vorbilder aus dem Dritten Reich (dem dann ab sofort auch Österreich angehörte), zu übertreffen. Wenn ich die Vorgänge in Payerne, den Mord sehe ich als einen Akt vorauseilendem Gehorsams, viele Reaktionen unter Medienkonsumenten und die Berichte über heute Selbsterlebtes meiner Tagebuchleser zum Thema Juden berücksichtige, hat sich seither wenig geändert. Zwar war ich in den Vierzigerjahren noch ein Kind und kenne die Zustände jener Zeit in der Schweiz vor allem aus der Literatur und von Hanni Zweig, aber ich mache mir gelegentlich Gedanken zum Vergleich Österreich-Schweiz. Solche Überlegungen wären grundsätzlich überflüssig, wäre nicht der offene Antisemitismus in der Schweiz heute für jeden zu sehen, zu lesen und zu hören, am Ansteigen. Was auch immer, viel hat sich nicht verändert, ausser, dass wir Juden heute nicht nur Feinde haben, sondern, im Vergleich zu den Kriegsjahren, sich nichtjüdische Freunde laut und vernehmlich für Juden und Israel einsetzen. Nicht nur aus evangelikalen, sondern auch aus sekulären politischen und privaten Kreisen, die weit aktiver sind, als wir Juden in der Schweiz. Auch wenn diese Kreise in der Minderheit sind. Doch wärmen wir dieses Thema nicht wieder auf.

Heute fand ich im Tages-Anzeiger ein hervorragendes Interview mit dem SIG Präsidenten Dr. Herbert Winter. Ich war freudig überrascht zu lesen, wie er souverän und faktenkundig die ihm gestellten Fragen beantwortete. Er liess sich weder vom Interviewer noch durch Aussagen des EDA (Schweizerisches Aussenministerium) ins Bockshorn jagen und kann zwischen Wichtigem und Ablenkendem unterscheiden. Ich möchte an dieser Stelle Herbert Winter herzlich danken und widerrufe, was ihn betrifft, meine bisher gemachten Stänkereien gegen die SIG. Möge er in diesem Stil weitermachen, er beweist Talent und könnte dieses für die Schweizer Juden weiterhin gewinnbringend einsetzen. Der Gemütszustand des Schweizer Judentums, zwischen Ignoranz und Panik, schreit geradezu nach pro-aktiver Führung – jetzt hat sich die richtige Person, so denke ich, dazu geoutet. Zu seiner Aufgabe gehörend, sehe ich auch unseren Schweizer Juden wieder Mut zu geben, ihr Rückgrat zu stärken und für sich selbst einzustehen, statt das Feld weichknochigen Ersatzjuden zu überlassen, die es nicht einmal wagen, für sich selbst einzustehen und statt dessen dem Schweizer Antisemitismus in den A. kriechen. Ist das klar genug?

Freitag, 24. April 2009

Presseleuchten

24.4.2009

YouTube ist für vieles gut. Hier, von einem Freund zugespielt, eine kleine Reportage über die jüdische Genfer Demonstration anlässlich der Rassistenkonferenz in Genf dieser Tage. Ich bin überzeugt, dass Demonstrationen, in denen, wie hier, nicht nur gegen den gängigen Antisemitismus gekämpft wird, sondern eine besondere Würde und auch Fröhlichkeit dazu gehört, Schule machen müssen. Juden, besonders junge, zeigen Präsenz, haben Mut und Zivilcourage. Ich hätte gerne gewusst, wie viele Schweizer Juden dabei waren. Hier bitte die Reportage.

Wie viele Schweizer Israelis lesen wir täglich in den Online Ausgaben der NZZ und des Tages-Anzeigers, gelegentlich auch in anderen Schweizer Zeitungen. Ich wenigsten, lese sehr gerne auch den Spiegel und Die Zeit, zwei deutsche Wochenzeitschriften. Der Unterschied zwischen deutschen und schweizerischen Zeitungen ist frappant. Deutsche Journalisten setzen unseren Hauskonflikt in einen historischen Kontext, sehen ihn nicht nur als einen Streit um Land, sondern berücksichtigen auch religiöse Hintergründe, von Hassan Al-Banna bis zur heutigen Hamas und Hisbullah. Hisbullah hat nicht einmal vordergründig eine territoriale Ausrede für ihren Hass auf uns Juden – denn sie sind erstens Libanesen, zweitens Schiiten und drittens führen sie stellvertretend für ihren iranischen Paten, Krieg gegen Israel. Auf Grund, so denke ich, ihrer aggressivsten islamistischen Auslegung des Dar al Islam. Die Schweizer Presse – wenige Ausnahmen vorbehalten – begnügt sich mit Sensationen, hängt ihre Kommentare daran auf und denkt nicht daran, Berichte in den historischen Kontext zu setzen. Nicht in einen Eintageskontext, sondern in den historischen Kontext, seit der Gründung des Zionismus, dem Aufbau des jüdischen Staates, der unter anderem auch zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten für die arabische (heute palästinensische) Bevölkerung bot und immer mehr bietet – auch wenn es noch besser sein könnte. Aber unsere Araber leben in einem Staat, der ihnen volle politische Rechten gewährt (was sie damit tun, steht auf einem anderen Blatt) und können, wenn sie wollen, auf westlichem Niveau leben. Nach der Staatsgründung in 1948 bis nach dem Sechstagekrieg war Israel für Europa ein Beispiel für heldenhaftes Siegen gegen blutrünstige Feinde, Pioniere, die Wüsten und Sümpfe urbar machten und die Malaria besiegten, erfolgreich arme Juden aus der ganzen Welt integrierte, in Landwirtschaft, Industrie und Kultur unglaubliches leistete. Israel wurde zum Traum idealistischer Jugendlicher und ein herrliches Beispiel für den Erfolg sozialistischer Ideologie ohne Stalinismus, man denke an den Kibbuz und seine europäischen nichtjüdischen Fans, die in Massen nach Israel kamen, um mit aufzubauen, das Kibbuzerlebnis zu geniessen und das israelische Volk zu bewundern. Wir waren damals, kurz gesagt, in der westlichen Welt ein Hit. Als ehemaliges Kibbuzmitglied (1958-1966) kann ich das bezeugen.

Das hat sich elementar geändert. Nach dem Sechstagekrieg gab es die drei NEINs von Khartum, an die sich niemand erinnern will, denn sie symbolisierten den arabischem Hass auf Israel und den arabischen Selbstbetrug, der bis heute noch geltenden Motivation arabischer Völker, denen Selbstkritik ein Fremdwort ist. Dann gab es den Yom-Kippurkrieg, den Krieg arabischer Psychohygiene, denn er wurde ausgelöst, um die verlorene arabische Ehre wiederherzustellen. Für den arabischen "Sieg" in diesem Krieg gibt es in Kairo ein Siegesmonument, dieser Sieg wird jedes Jahr gefeiert, obwohl er eigentlich die grösste Niederlage Ägyptens in all seinen Kriegen mit Israel war. Scharon mit seinen Soldaten war beinahe schon in Kairo und hatte eine ganze ägyptische Armee eingekesselt. Nur der Druck der Grossmächte rettete die Araber vor grösster Schande und Israel vor noch mehr Eroberungen. Seither ist das winzige Israel zum Watschenmann der internationalen Politik geworden, obwohl es eigentlich nur überleben will. Ich gebe zu, die jüdische Besiedlung in der Westbank war nicht sehr gescheit, doch sie ist, so denke ich, eine der Resultate der drei Khartumer Neins: 1. Nein zur Anerkennung Israels, 2. Nein zu Verhandlungen mit Israel, 3. Nein zu Frieden mit Israel. Amos Elon beschreibt diesen Zustand ausführlich in seinem Rückblick auf die Geschichte Israels "Was ist falsch gelaufen?", den zu lesen sich lohnt.

Obiges als Ausschnitt der Hintergründe bisheriger Vergeblichkeiten der Friedenssuche. Es braucht zwei Parteien, um Frieden zu finden und Frieden zu schliessen. Beide müssen die Kosten, das Risiko und die Ehrlichkeit des Partners abwägen. Es scheint, dass wir heute in Israel eine Regierungskonstellation haben, die für einige der Friedensbedingungen anscheinend wenig zu haben ist. Das war auch schon völlig anders. Es gibt neben für mich nicht akzeptierbaren nationalistischen Gründen, auch das Vertrauen in den Partner und die Erfahrungen, die durch die Abzüge Israels aus dem Libanon und dem Gazastreifen gemacht worden sind, zu berücksichtigen. Denn in den Medien ist wiederholt zu verstehen, dass von Israel Risiken verlangt werden, die es sich heute nicht, vor zwanzig oder dreissig Jahren aber vielleicht hätte leisten können, doch damals keine Partner (ausser Jordanien und Ägypten) fand. Der von den Medien nie erklärte Unterschied zwischen israelischen und palästinensisch/arabischen Friedensgelüsten, ist die Tatsache, dass sich Israel, im Gegensatz zu den Arabern, einen wirklichen Krieg (im Gegensatz zu Kriegen gegen Terrororganisationen wie Hamas und Hisbullah) nicht verlieren darf. Es geht immer grundsätzlich um seine Existenz.

Was Schweizer Journalisten aus Israel oft vorzuwerfen ist, ist Negatives von Israel's Feinden als Aufhänger zur Anprangerung vermeintlicher oder gelegentlich sogar wirklicher israelischer Fehlleistungen zu missbrauchen. Hier ein Artikel von Claudia Kühner im Tages-Anzeiger vom 22.4.2009, der dies klar und eindrücklich demonstriert. Dazu will ich eine Geschichte über A. Lawrence Lowell, einem historischen Antisemiten und Präsidenten der amerikanischen Harvard Universität in den zwanziger Jahren, ausschnittsweise wiederholen. Ich erzählte sie vor Jahren (7.12.2005) in meinem Tagebuch. Sie illustriert diesen Trick ganz wundervoll:
… Auch wird über Lowell erzählt, er habe sich generell und laut gegen jüdische Studenten ausgesprochen, weil sie bei Prüfungen betrügen würden und überhaupt unübliche Eigenschaften besitzen. Auf den Einwand, dass alle Studenten ähnliches täten und statistisch gesehen, Studenten nichtjüdischer Herkunft noch wesentlich Unehrlicheres praktizierten, habe er gesagt: „Lenkt nicht ab, wir reden von Juden“.
Ein Ärgernis mit wenig Lichtblicken sind Leserkommentare, die ich gelegentlich im Tages-Anzeiger und der NZZ verfolge. Viele sind unterdrückt oder unterschwellig antisemitisch, auch wenn, wie ich vor kurzem feststellte, dass extreme Fälle hastig aus dem Web entfernt werden. So wie ein Leserkommentar in der NZZ-Website, als Reaktion zu den Aussagen des SIG Präsidenten Herbert Winter, in dem er als (an die ganz genaue Phrase kann ich mich nicht erinnern) "Jude mit Geld", einer der bekannten antisemitischen Schablonen bezeichnet wird. Als ich einige Stunden später diesen Brief ausdrucken wollte, war er nicht mehr da. Es ist vielleicht nicht immer Antisemitismus, aber wenn ich sehr viele Leserbriefe lese, in denen geschichtliche Fakten verdreht oder einfach ignoriert werden, frage ich mich, warum diese Leserbriefschreiber dies tun. Entweder sie wissen es wirklich nicht besser – dann wäre es an den Redaktoren, historische Tatsachen in ihren Berichten wiederzugeben. Leserbriefschreiber scheinen mehrheitlich ausser Vorurteilen, keinerlei Wissen über die Geschichte des Nahen Ostens, des Zionismus und Islam zu haben. Vielleicht haben sie gar keine Zeit [oder Interesse, Uri], sich eine wirklich fundierte Meinung zu bilden, wie ein Leserkommentar von Heiri Müller vermutet. Aber eine Meinung wollen sie trotzdem haben und geben sie kund.

Womit wir wohl leben lernen müssen, auch wenn es ärgert.

Mittwoch, 22. April 2009

Der Tag darnach

21.4.2009

Der Tag nach dem Schweizer Skandal an der Menschrechtskonferenz in Genf ist fast so hektisch wie das schäbige Verhalten der Schweizer Regierung und das beeindruckende Verhalten nicht nur westlicher Staaten als Reaktion zu Ahmedinejad's Aufruf zu Israel's Vernichtung. Auf meinen Kommentar im gestrigen Tagebuch erhielt ich eine Menge Zuschriften, oft mit Links versehen. Ich bin froh, dass nur zwei dieser Schreiben mit Ausdrücken versehen waren, die ich nicht gerne lese oder höre und ich habe die beiden Freunde darauf aufmerksam gemacht. Eine hat sich sogar schon entschuldigt! Guter Stil.

Inzwischen habe ich in einer israelischen Gratiszeitung eine Liste jener Länder gesehen, die dem Ahmedinejad während seinen Hasstiraden aus dem Plenum demonstrativ entflohen sind. Das sind: Estland, Belgien, Grossbritannien, Bulgarien, Dänemark, Tschechische Republik (zieht sich ganz aus dieser Konferenz zurück), Zypern, Österreich, Finnland, Frankreich, Griechenland, Jordanien (!), Ungarn, Irland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Portugal, Rumänien, Slowaken, Spanien, Schweden und Slowenien. In einer anderen Zeitung fand ich auch noch Marokko dabei. Dazu kommen die Länder, die die Konferenz von Anfang an boykottieren.

Die Schweiz, die damit Mahmud Ahmedinejad zu unterstützen scheint, blieb "neutral" sitzen. Zur EU gehört sie zwar nicht, aber bisher dachte ich sie teile deren westliche Werte. Bundesrat Merz wusste wohl nicht so recht was er tat, ich bin wirklich überzeugt, dass er sich zu Micheline Calmy-Rey's Hampelmann machen liess. Denn sie bestimmt die Aussenpolitik, auch wenn sie schon einmal vom Gesamtbundesrat zurückgepfiffen worden ist. Merz ist zu seinem Pech gerade Bundespräsident. Doch diese Feststellung macht die Affäre nicht tolerabler. Soeben war in der NZZ zu lesen, MCR sei nun doch noch an die Rassistenkonferenz gekommen, so wie der Samichlaus am 6. Dezember Kinder besucht. Sie sei zufrieden mit dem Abschlussdokument. Über ihren Freund Mahmud scheint sie kein Wort zu verlieren. Es stellt sich die Frage, wieweit sie sich mit seiner antisemitischen Psychose identifiziert.

Weit mehr als obiges stimmt mich die Stimmung der anscheinenden Mehrheit der Schweizbürger traurig, soweit sie aus Leserbriefen in der deutschsprachigen Schweizerpresse zu verstehen ist. Antisemitismus setzt sich durch, die typischen Stereotypen über uns Juden werden schamlos angebracht, die Lügen über Israel Schandtaten repetiert und ausgeschlachtet - die "Israelkritik" wird immer mehr zu einem Mischmasch alter Nazitheorien und neuerer Verteufelung Israels aus der sich als "Linke" Clique bezeichnenden modernen Israelhasser, seien sie aus jüdischer oder nichtjüdischen Kreisen. Extremisten verlieren ihre politischen Ansprüche, Linke und Rechte vereinigen sich in ihrem Hass auf Israel und sich selbst. Eigentlich wollte ich einige Muster aus Leserbriefen aus der NZZ und dem Tages-Anzeiger zitieren, die ich noch heute früh gelesen hatte. Aber inzwischen haben die beiden Redaktionen offenbar gemerkt wessen Geistes Kinder ihren Website beschmutzen – es gibt keine grobantisemitischen Leserbriefe mehr, nur noch Texte, in den Antisemitismus impliziert zu finden ist. Trotzdem, Chapeau, ihr Redaktoren.

Die Zeit ist gekommen, dass sich anständige Schweizer, es gibt eine ganze Menge davon, sich zu wehren beginnen und auf die Barrikaden steigen, statt sich zu ducken. Wir Juden haben in der Schweiz noch viele Freunde und mit diesen zusammen muss es möglich sein, der Front der Israel/Judenhasser zu entgegen zu stehen. Nicht nur mit ausgeklügelten Argumenten und philosophischen Betrachtungen, denn diese haben sich, alleinstehend, als nutzlos erwiesen. Sie sollten stattdessen verbunden mit der Faust auf den Tisch kombiniert werden, durch Teilnahme an Demonstrationen und Diskussionen, an denen man sich nicht einschüchtern lassen darf und seine Argumente energisch und selbstsicher einbringen und die Verbindung zum Kontext herstellen muss. Ich gebe zu, das kann gefährlich sein, doch wenn das Schweizer Judentum eine Zukunft haben will, dann muss es sich mit Energie wehren und für sich selbst einstehen. Israel und seine Juden sind keine Unschuldslämmer, aber es muss überleben - genau so, wie die freie Welt den Nationalsozialismus überlebt und kompromisslos bekämpfen musste und entsprechend handelte, denn aus einer schwachen Position heraus kann Israel nicht überleben. Seine Nachbarn sind nicht Österreich, Italien, Frankreich und Deutschland, sondern arabisch-muslimische Staaten mit einer anderen Kultur und völlig andern Werten, die sich heute, unter dem Einfluss des fundamentalistischen Islams, noch weiter von allen Vorstellungen westlicher Kultur entfernt. Ich rede da aus eigener Erfahrung. Sogenannte jüdische Friedensexponenten, deren Motivation, neben ihrem jüdischen Selbsthass, vor allem das Einschmeicheln in die nichtjüdische Schweizer Gesellschaft ist, aus einer Unfähigkeit mit ihrem schweizerisch-jüdischen Selbst fertig zu werden, haben diese islamistischen Werte adoptiert, oder zumindest akzeptiert, ohne jedoch zu verstehen, wie gefährlich das für sie selbst ist. Für die meisten von uns ist das Judesein in einer nichtjüdischen Mehrheit kein Problem - für einige eben doch.

Etwas möchte ich einmal mehr feststellen. Ich bin kein Colonel Blimp mit der Überzeugung "My country, right or wrong". In einer Umgebung, in der seit etwa neunzig Jahren ein religiöser Antisemitismus, von der aus Ägypten stammenden Islamischen Bruderschaft in Palästina eingeführt, herrscht, haben sich heimatlose Juden seither eine Heimat erschafft, der seinen Bürgern (Juden, Araber und anderen Minderheiten) einen Sozialstaat westlicher Prägung bietet. Einen demokratischen Staat mit Meinungs- und Pressefreiheit und allem, was dazu gehört – ein immenser Gegensatz zu den Gesellschaften der Angst der arabischen Welt um uns herum. Dafür stehe ich ein, ohne jedoch den Blick für die bisher noch immer vorhandenen Missstände verloren zu haben. Wir haben einen modernen Staat, dessen Demokratie mal nach Links, mal nach Rechts rutscht – je nach jeweiligen politischen Umständen. Die heutigen Umstände haben uns eine teilweise rechtsextreme Regierung gebracht – darüber schrieb ich schon in früheren Tagebucheinträgen. Dagegen reden, schreiben und demonstrieren meine in sozialdemokratischer Tradition verwurzelten Freunde und ich, alles in demokratischem Rahmen und durch verschiedene Medien. Politischer Extremismus, wie die faschistoiden Siedler, ihre Sympathisanten und ihr Messianismus, arabischer Extremismus von Scheich Reid Salah, der Parasitismus der ultra-orthodoxen jüdischen Szene, die teilweise gar den jüdischen Staat ablehnen, aber sehr gerne seine sozialen Dienste und Möglichkeiten anzapfen – das sind alles Dinge, die wir nicht mögen, da sie eines demokratischen Staates nicht würdig sind. Würdig oder nicht, es gibt bei uns Meinungsfreiheit, die, ausgepresst bis zum letzten Tropfen, ein Grundwert unserer Staatsform bleibt, die alle diese teilweise gefährlichen Spinner zulässt, so lange sie nicht Gewalt anwenden. Israels Gefängnisse sind leider mit nicht wenig Gewalttäter gefüllt, Juden, die Araber en gros umbringen oder terrorisieren und Arabern, die dasselbe mit Juden tun. Warum soll es anders bei uns sein, als in der Schweiz, in der heute, wie oben angedeutet, ein Rassismus gegen Juden, auch Antisemitismus oder klarer, Judenhass genannt, zu finden ist, vielleicht schlimmer als in den dreissiger und vierziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Ich und meine Freunde stehen zu diesem Staat, von dem heute so viel Gutes von den Medien totgeschwiegen und von seinen Feinden verleugnet wird. Wohl weil Positives keine Schlagzeilen macht. Die Welt befindet sich in einem Krieg der Werte. Die Wahl zwischen Werten des tiefsten Mittelalters oder des demokratischen Heute fällt wenigstens mir nicht schwer.