Samstag, 28. Januar 2012

Hanspeter Obrists Blog über Israel


Hanspeter und Annemarie Obrist waren vor nicht sehr langer Zeit für einige Monate in Israel, nachdem sie dieses per Fussmarsch ab Basel erreicht hatten. Wir haben sie gut kennengelernt, denn sie waren in dieser Zeit unsere Nachbarn. Wir sassen oft zusammen (vielleicht nicht oft genug) am Esstisch und diskutierten uns interessierendes. Wir beide lernten dabei von einander.

Ich möchte hier einfach auf Hanspeters Blog   hinweisen, der das höchst sachliche und auch christliche Interesse Hanspeters an Israel in vielen Facetten wiedergibt. Mehr ist darüber nicht zu schreiben, die Blog spricht für sich. Nur eines noch: Hanspeter und Annemarie kennen unser Land ausserordentlich gut und nehmen auf Grund ihres Wissens Stellung. Sie haben Israel gern, kennen viele seiner Fehler. Das im Gegensatz zu vielen Anderen, die auf Grund ihres Unwissens, ihrer Vorurteile und dem heiligen Drang alles zu Tode zu differenzieren nur Unverdautes finden zu wollen erreichen, dass von Fakten schlussendlich nichts vernünftiges mehr übrig bleibt.

Freitag, 27. Januar 2012

Etta James i.A.


Ich weiss nicht, wer unter meinen Freunden und Lesern schon von Etta James gehört hat. Sie starb vor einigen Tagen im Alter von 73 an Leukämie. Als alter Bluesaktivist, am Rande involviert mit dem Luzerner Bluesfestival und später intensiv in Israel im lokalen Blues- und Jazzclub „Bluesette“ (leider heute nicht mehr in Betrieb) fehlt mir Jazz und Blues in Israel. Zwar gibt es gute Musiker, mit denen ich auch heute noch in Kontakt bin, die meisten Konzerte und Session bedingen längere nächtliche Autofahrten und sind vor allem sehr teuer.



Etta James  war eine energische Sängerin voller Humor. Sie besass eine kraftvolle und schöne Stimme, die ich mit der meiner alten Freundin Sista Monica vergleiche, mit der ich ein Konzert in Baden organisierte, am Luzerner Bluesfestival zusammen war und dann auch noch in Holland herumzog. Etta James war über 43 Jahre lang verheiratet und hinterlässt einen Ehemann und einen Sohn. Ich denke 43 Jahre lang mit demselben Partner verheiratet zu sein ist in der Musikbranche nicht gerade die Norm und ich habe sie deshalb immer bewundert, wusste ich doch über ihre Drogenprobleme. Nun ist sie nicht mehr. Doch ihre Musik bleibt.




Ich möchte hier eines der schönsten und in der vorliegenden Video-Fassung lustigsten Lieder einfügen, aus einem etwas vor dreissig Jahren aufgenommenen Konzert mit B.B. King. Sie singt, zusammen mit Dr. John „I’d rather be blind“. Viel Spass!

Dienstag, 24. Januar 2012

Rationalität im Nahen Osten


Im „Open Thesaurus“ wird das Wort „Rationalität“ mit „vernünftige Denkweise“ umschrieben. Der Duden erklärt „Ratio“ mit „Vernunft; schlussfolgernder, logischer Verstand“. In der Wikipedia steht Folgendes: „Ratio steht für Klugheit und Einsicht, im Zusammenhang mit einem zu vertretenden Standpunkt, aber auch zur Begründung bzw. als Grundsatz und Prinzip einer wissenschaftlichen Aussage. Ein Urteil, das nach Gesetzmäßigkeiten der Ratio getroffen wurde, ist eine aus nachvollziehbaren Gründen erlangte Erkenntnis oder Entscheidung. Als Gegenspieler der Ratio gilt die Imagination (Phantasie).“

Soweit Erklärungen eines Wortes, das in den politischen Vorgängen im Nahen Wilden Osten kaum eine Rolle spielt und gerade deswegen kommentiert werden muss. 

Heute gerät unsere gesamte Region, auch Israel, immer mehr in die Klauen extremistischer Religionen, seien es gewalttätige und hasserfüllte Variationen des Islams oder, heute auch unter uns Juden, nicht weniger fanatische Variationen des bisher grundsätzlich versöhnlichen und friedfertigen Judentums. Bei beiden fehlt die Ratio. Sie wurde durch verwirrende und sich oft gegenseitig ausschliessende Zitate aus heiligen Büchern, sei es die Thora oder der Koran und ihre Kommentare ersetzt. Lügen werden zur Wahrheiten, Wahrheiten werden zu Lügen Das Angebot an religiöser Literatur verkommt zum Supermarkt, man nimmt was einem passt und ignoriert was nicht zusagt, den Preis zahlen dann andere. Glauben löst Wissen und Denken ab, Wunschdenken wird zur Realität und führt zu blutigen Krisen, vorwiegend im Namen Gottes, wenn auch gelegentlich im Namen einer vorgeschobenen Ideologie.
Nehmen wir einige geschichtliche Beispiele, positive und negative. Positiv bedeutet in solchen Fällen vor allem, wenn jemand mit Verantwortung die Notleine reisst und auf die Bremse tritt.

1948

In den Jahrzehnten vor der von der UNO beschlossenen Staatsgründung Israels, entsumpfte der Jüdische Nationalfond riesige Teile Palästinas, das bis anhin vor allem aus Wüste und malariaverseuchten Sümpfen bestand. Davon profitierten Juden und Araber. Juden schufen Arbeitsplätze in Landwirtschaft und Industrien, was dazu führte, dass weitere arabische Familien nach Palästina einwanderten. Der Angriff aufgehetzter Palästinenser auf Juden und das eben gegründete Israel, war ein völlig irrationaler Akt, der sie ihre Existenz kostete und ein grösseres Israel zu Folge hatte. Die heute zu höchst erfolgreichen, von der Welt unterstützten Berufsflüchtlingen gewordenen Palästinenser in ihren Flüchtlingslagern, hätten, wären sie in Israel/Palästina geblieben, am Wirtschaftswunder und an der freien demokratischen Gesellschaft Israels teilhaben können, wie es die heute „48er Araber“ genannten israelisch-arabischen Bürger tun. Die Flüchtlinge liessen sich vom Grossmufti Jerusalems, Hadj Amin al-Husseini mit seinem nationalsozialistisch-islamistischen Judenhass und von den arabischen Staaten verführen und zahlen heute den Preis dafür.

1956 Ben Gurion

Ein gutes israelisches Beispiel fehlender Rationalität ist der Sinaikrieg von 1956. Der damalige Ministerpräsident David Ben Gurion liess sich von den Gesängen der französischen und englischen Sirenen verführen und liess sich von diesen dummen Angriffskrieg gegen Nassers Ägypten hineinziehen. Dieser hatte den Suezkanal verstaatlicht, was die beiden europäischen Mächte nicht hinnehmen wollten. Irrational war die Teilnahme Israels, da keinerlei Motivation für ein solches Handeln vorlag Doch Ben Gurion, von den USA mit einem Ultimatum beglückt, sah seinen Fehler sofort ein, besann sich auf seine Ratio und Israel zog sich aus dem Sinai zurück.

Wenn wir schon dabei sind: Unter dem Einfluss der Sowjetunion verstand sich Gamal Nassers Ägypten als sozialistischer Staat, (die Moslembrüder waren Nassers Erzfeinde) was ideologisch der Auslöser für diese Verstaatlichung hätte sein können. Aber bis heute versteht die arabische Welt den Begriff Sozialismus nicht, denn dieser steht arabischen Traditionen diametral entgegen. Loyalität und Identifikation gelten in der arabischen Welt fast ausschliesslich der Familie und Grossfamilie (Clan). Die politische Öffentlichkeit, sei es das Dorf, die Stadt oder der Staat wird nicht einbezogen. Obrigkeiten, besonders nationale, werden als Unterdrücker empfunden, was sie, wie wir inzwischen alle wissen, auch sind.

1967 Nasser

Ein Prachtbeispiel fehlender arabischer Rationalität ist Gamal Nassers Telefonanruf an Jordaniens König Hussein am zweiten Tag des Sechstagekrieges, am 6. Juni 1967. Dieses Telefongespräch wurde vom israelischen Nachrichtendienst aufgenommen und im Radio viele Male wiedergegeben. Nasser versuchte Hussein zu überzeugen, dass England und die USA Seite an Seite mit Israel gegen die arabische Welt kämpfe. Ob Nasser das tatsächlich glaubte? Möglich ist das schon. Diese amüsante Lügengeschichte wurde auch in den internationalen Medien publik gemacht, die fehlende Rationalität in der arabischen Welt demonstrierend und Nasser wurde dem Lachen der Welt preisgegeben. Nur seine Ägypter merkten davon nichts.


Arabischer Judenhass

Ob in Medien, in Schulen oder Moscheen, überall in der arabischen Welt werden antisemitische Lügen in die Welt gesetzt, die so pervers und absurd sind, dass sie nur mit dem Zustand völlig fehlender Rationalität, als ein Resultat einer umfassenden Gehirnwäsche und abgrundtiefem Hass beschrieben werden können. Da in der arabischen Welt nichts „von oben Kommendes“ hinterfragt wird, können Imame, Muftis, Lehrer, Terroristen und Politiker jeden Unsinn als offizielle und fundierte Tatsache deklariert unter die Menschen bringen, nicht unähnlich dem, was Julius Streicher seinerzeit in Nazideutschland mit seinem „Stürmer“ tat.

Jüdischer Araberhass

Ein etwas neueres Phänomen ist jüdischer Terror gegen palästinensische Menschen, vor allem Bauern in den besetzten Gebieten der Westbank. Bis zum Ausbruch der zweiten Intifada gingen viele Israelis dort einkaufen und man verstand sich gegenseitig gut. Freundschaften entstanden. Bis der Terror gegen Israelis (Juden und Araber) im Jahre 2000 begann, der weit über tausend Opfer forderte. Die dadurch entstandene Antipathie israelischer Bürger ist verständlich, doch ist sie nicht der alleinige Grund für diese Abneigung. Der von extremistischen Siedlern und ihrer noch extremistischeren Jugend, der „Hügeljugend“ ausgeübte Terror gegen im Allgemeinen unschuldige palästinensische Bauern ist ideologisch-biblischer Natur und ist das Spiegelbild des palästinensischen Hasses auf die Juden Israels. Die biblischen Amalekiter werden bemüht, von der Realität weit entfernte fanatische Rabbiner stiften ihre Jünger zu Untaten an, die jedem anständigen Juden die Schamröte ins Gesicht treibt. Antipalästinensischer Terror wird nicht als Rache für palästinensischen Terror verstanden, sondern als Bestrebungen, nichtjüdische Fremde aus dem Land der Juden zu jagen, in dem sie nichts zu suchen hätten. Die persönliche Ratio dieser jüdischen Fanatiker wurde ausgeschaltet, sie werden von kriminellen Rabbinern zu Terroristen umfunktioniert. Damit sind sie, ich sag’s noch einmal, der Abklatsch ihrer palästinensischen Geistesverwandten. Es gibt nur einen Unterschied: der Widerstand israelischer Bürger gegen dieses Gesindel wächst und artikuliert sich. Das im Gegensatz zur palästinensischen Seite.

Warum?

Ist mangelnde Rationalität und mangelnder Drang etwas zu hinterfragen eine arabische Tradition? In „Kritik der arabischen Vernunft“ von Mohammed Abed al-Jabri (das Buch ist zur Zeit nicht erhältlich, ob vergriffen oder aus Angst vor arabischen Reaktionen dem Markt vorenthalten, weiss ich nicht) fand ich einen Satz, der möglicherweise diesem Nicht-tun zu Grunde liegt: „Vertieft sich der arabische Leser in die [traditionellen] Texte, so ist seine Lektüre erinnernd, keineswegs aber erforschend und nachdenkend“. Arabischer Hass auf Israel ist eine Tradition die bald hundert Jahre alt ist. Hinterfragt wird sie nicht.

Montag, 23. Januar 2012

Parlament der Bärte




Zitat aus dem Facebook: „Wenn eine Revolution, die von jungen Liberalen angeführt wird und Hunderte von ihnen das Leben kostet, damit endet, dass die Muslimbrüder ins Parlament einziehen, dann sind Sie definitiv in Ägypten!“. Man nennt das auch „Diebstahl einer Revolution“ und es wäre nicht der erste.



Dieses wunderbare Foto vom ersten oder zweiten Tag im ägyptischen Parlament sollte die Runde machen. Ein Vergleich mit der israelischen Knesset würde feststellen, dass im Gegensatz zum israelischen Parlament, die Bänke voll zu sein scheinen. In Jerusalem sind sie in der Regel leer. Also ein Punkt für Ägypten. Ich wundere mich auf der anderen Seite, ob es im ägyptischen Parlament auch Frauen gibt und ob man denen einen Bart umgehängt hat. Oder einen Tschador. Man sieht auf den Stirnen dieser Herren, dass sie viel beten. Dort nämlich gibt es einen dunklen Punkt, der sich bei intensiven Betern durch das Aufschlagen der Stirn auf den Boden bildet. Mein Freund Mustafa, der Restaurateur in Umm El-Fahm, trägt den auch. Nun habe ich allerdings gelesen, dass es Muslime gäbe, die sich einen solchen Flecken aufmalen lassen um Eindruck zu schinden. Der Sadat habe das auch so gehalten – was ich allerdings nicht so recht glauben kann.

Samstag, 21. Januar 2012

Woker at his best




Der Einfachheit halber, kopiere ich hier einen eben erschienen NZZ-Artikel von Martin Woker gleich in den Blog:

Besorgte Zahlmeister Palästinas
Die europäischen Financiers einer Zweistaatenlösung im Heiligen Land sorgen sich wegen des politischen Stillstands. Der «Nahostfriedensprozess» ist Geschichte.
 
Von Martin Woker

Die Kunst der Diplomatie kennt viele Mittel. Eines davon ist die Erzeugung öffentlichen Drucks. Ein Beispiel dafür liefert einmal mehr der Landstreit um das einstige britische Mandatsgebiet Palästina, der auch 64 Jahre nach der Gründung Israels ungelöst ist. Vonseiten der in Ostjerusalem und Ramallah stationierten diplomatischen Vertreter der wichtigsten EU-Staaten wurde eine Öffentlichkeitskampagne lanciert. Insgesamt drei den Medien zugespielte interne Berichte sollen deutlich machen, was von dem mit viel Hoffnung verbundenen «Nahostfriedensprozess» übrig geblieben ist: nicht viel.

Kollektive Verdrängung

Die europäischen Staaten tragen seit Jahren die finanzielle Hauptlast eines Prozesses, der in dieser Art nicht zum Frieden führt. Während 1992, im Jahr vor Abschluss der Oslo-Verträge, rund 241 000 jüdische Siedler auf besetztem palästinensischem Boden (inklusive Ostjerusalem) lebten, waren es 2011 über doppelt so viele: 510 000. Diese Entwicklung kann schulterzuckend in Kauf genommen und als eine der vielen sich weltweit abspielenden Ungerechtigkeiten gesehen werden. Chronische und systematische Verletzungen von internationalem Recht gibt es überall. Wenn aber, wie von den Protagonisten in Oslo vereinbart, im Heiligen Land eine Zweistaatenlösung das Ziel ist, kann die fortschreitende jüdische Besiedlung Cisjordaniens und Ostjerusalems nicht hingenommen werden. Oder, wie sich europäische Gesandte in Jerusalem undiplomatisch klar ausdrücken: «Wir sind nicht länger bereit, Israels Besatzungspolitik zu bezahlen.»

Neu ist diese Drohung nicht. Im Schatten des «arabischen Frühlings» hat Israels Regierung sich im Palästinakonflikt erfolgreich bedeckt gehalten und keinen Handlungszwang verspürt. Die grosse Mehrheit der israelischen Bevölkerung wusste dies zu schätzen. Nichts wird im eigenen Land hartnäckiger verdrängt als der Landstreit mit den Palästinensern. Ein israelischer Publizist stellte unlängst im herausgeputzten Tel Aviv beim Latte macchiato (in der goldenen Nachmittagssonne, mit Meeresrauschen im Hintergrund) die rhetorische Frage: «Bitte schauen Sie sich um. Leben wir nicht phantastisch trotz der Besetzung der Palästinensergebiete?»

Und nun wollen ausgerechnet die Europäer diese Idylle vermiesen. Die Europäer (in Person der EU-Diplomaten) tun's nicht darum, weil sie, wie ihnen gelegentlich böswillig unterstellt wird, samt und sonders «israelkritisch», ja antisemitisch eingestellt wären. Sie äussern als Berichterstatter ihre aus eigener Anschauung gewonnene Besorgnis über eine sich zuspitzende Lage in «Nahost». Neu an der Sache ist, dass sich gestandene Diplomaten inhaltlich in einer Art und Weise äussern, wie es bisher nur Menschenrechtsorganisationen und Palästina-Solidaritäts-Gruppen taten.

Der von den EU-Vertretern gestützte Befund, wonach die Palästinenser für einen lebensfähigen Staat ein Hinterland benötigen, ist zutreffend. Knapp zwei Drittel der Fläche Cisjordaniens, in den Oslo-Verträgen als C-Gebiet bezeichnet, befinden sich unverändert unter voller Kontrolle der israelischen Militärverwaltung. Als Promotoren der Zweistaatenlösung empfehlen die EU-Diplomaten unter anderem die Entwicklung der palästinensischen Infrastruktur und Wirtschaft in dieser Region. Da ist der Konflikt mit Israels Verwaltung vorprogrammiert, die nur gerade ein Prozent der Fläche des Gebiets C (wozu etwa das Jordantal zählt) für palästinensische Besiedlung vorgesehen hat. Dass die Siedler mehr Wasser verbrauchen als die über zwei Millionen palästinensischen Bewohner Cisjordaniens, wurde unlängst auch vom aussenpolitischen Ausschuss des französischen Parlaments missbilligend vermerkt.

Kein Alleinanspruch auf Jerusalem

Die in den beiden andern Berichten geäusserte europäische Kritik beleuchtet die Lage in Jerusalem und die Diskriminierung der Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft. Der Befund könnte klarer nicht sein. Israels Alleinanspruch auf die Heilige Stadt ist unvereinbar mit dem Ziel eines funktionierenden Staats Palästina mit der Hauptstadt al-Kuds (Ostjerusalem). Die gezielte Benachteiligung nichtjüdischer Bewohner Ostjerusalems führte etwa dazu, dass bereits mehr als 10 000 palästinensische Kinder keine Geburtsurkunden haben, weil sie von Amtes wegen gar nicht in der Heiligen Stadt leben dürften. Die Ungleichbehandlung seiner Bürger wurde vor kurzem mit einem Urteil des obersten israelischen Gerichts gefestigt, das ausländischen Ehepartnern arabischer Bürger Israels keinen Familiennachzug garantiert.

Die Liste mit Fällen von Ungleichbehandlung der Bewohner des Heiligen Landes ist lang. Die Missstände zu thematisieren, ist die Pflicht der europäischen Zahlmeister jener Zweistaatenlösung, die ein friedliches Nebeneinander von Israel und dem Staat Palästina dereinst gewährleisten soll. Und wenn es nichts nützen sollte: Es soll nie jemand sagen müssen, Europa habe die Zeichen verkannt.

Einiges ist in diesem Bericht von Woker erlogen oder wenigstens falsch, einiges stimmt, aber nur wenn man den Kontext anpasst. Sehr oft werden arabische Israelis und die Palästinenser der besetzten Gebiete in denselben Topf geworfen, eine Unart oder wohl eher ein Zeichen böswilliger Ignoranz, die oft in den Medien zu beobachten ist.
Hier einige mit dem Verhältnis Israel-Palästinenser verbundene Antworten:
  1. Seit wann ist Jerusalem das Zentrum der islamischen und palästinensischen Welt geworden? Antwort: Seit Yassir Arafat in den siebziger Jahren das palästinensische Volk gegründet hat. Vorher was das kein Thema, es gab nur Araber oder bestenfalls Südsyrer. Ich habe damit kein Problem, nur sollte man sich bewusst sein, dass bis zur israelischen Staatsgründung nur Juden Palästinabürger waren. Ich besitze Urkunden meines Schwiegervaters aus den Zwanzigerjahren, die das bezeugen.
  2. Warum bringt arabische Israelis nichts so sehr aus der Fassung, ja in Panik und zu schlaflosen Nächten, wie wenn der israelische Stalinist und Aussenminister Avigdor Lieberman wiederholt verlangt, ihre Städte und Dörfer dem zukünftigen Staat Palästina anzugliedern, ob sie wollen oder nicht. Mit anderen Worten, sie auszubürgern und zwangsweise zu Palästinensern zu machen. Ähnliches gilt für die Araber Ostjerusalems, die um jeden Preis ihre blaue Identitätskarte, die sie als israelische Bürger ausweist, behalten wollen. Dahinter stehen nicht nur Israels materielle Vorteile, die beispielsweise jeder Besuch in einem israelisch Spital oder Klinik, bei den Arbeitsämtern, bei der Nationalversicherung, bei Banken und auf der Post, in Einkaufszentren und ähnlichem bestätigt. 
  3. Die Furcht vor einem Staat Palästina ist Teil der arabisch-israelischen Identität, auch wenn das nur in privaten Gesprächen ausgesprochen wird. Unsere arabischen Mitbürger wissen, dass sie von den Palästinensern der Westbank und palästinensischen Flüchtlingen in anderen arabischen Ländern gehasst werden, eine Tatsache, die mir von meinem arabischen Freunden wiederholt eingetrichtert wird. Sie werden als Israelis gesehen und auch so genannt, auch wenn sich viele von ihnen sich selbst „48er Araber“ nennen. Ob dieser Hass das Resultat von Neid über ihren unvergleichlich höheren Lebensstandard und ihren Status als Bürger einer freien Gesellschaft ist, kann nur abgeschätzt werden. Auch wenn es nicht wenige Anhänger des Scheich Raed Salah, dem israelischen Filialleiter der Hamas, gibt, die gegen Israel demonstrieren und es hassen, vertreten diese nicht die Mehrheit unserer arabischen Mitbürger.
  4. Dann die Sache mit dem Wasser: Israels Landwirtschaft, die etwa 5% des Bruttosozialproduktes des Landes ausmacht, verbraucht 80% des gesamten israelischen Wasserhaushaltes. Wasser für die Landwirtschaft wird hauptsächlich aus Kläranlagen oder aus zum Trinken ungeniessbarem da verseuchtem Grundwasser im israelischen Tiefland gewonnen. Das ist gerade was in der Westbank fehlt – die dortigen Palästinenser bohren zwar (illegal) eigene Aquifere an, doch an eine Aufbereitung und Wiederverwendung von Abwasser wird nicht gedacht. Das trotz israelischen und europäischen Hilfsangeboten. Lieber geht man zu den Europäern, die fast so viele Mittel für Palästinenser investieren wie Israel, und jammert über Israel, den ewigen Sündenbock. Dieses Fehlen eigener Initiative und die Tradition dafür die Schuld auf Andere zu schieben, ist ein Kernproblem der palästinensischen Gesellschaft, die aber auch in allen arabischen Ländern zu erkennen ist. Da Israel nach jahrzehntelanger Verzögerung endlich anfing Entsalzungsanlagen zu bauen (bis jetzt sind es drei) wird sich mittelfristig das Problem der Wasserversorgung lösen. Ich weise darauf hin, dass in den „antiisraelischen“ Studien zum Wasserproblem Israel-Palästina vor allem der Wasserverbrauch berücksichtigt wird, doch offenbar die Frage woher das viele von Israel konsumierte Wasser kommt, wie Wasseraufbereitung und ähnlichem, von niemandem gestellt wird, da sie nicht zu Anklagen gegen Israel verwendet werden können.
Abschliessend will ich einmal mehr feststellen, dass ich, was den palästinensisch-israelischen Konflikt angeht, mit der heutigen israelischen Politik nichts am Hut habe. Ich denke, dass Israel aus der Westbank analog wie in Gaza, nichts zu suchen hat und abziehen sollte. Nur geht das heute nicht, da nur Israel für seine eigene Sicherheit die Verantwortung hat, nicht Herr Woker oder irgendein anderer Besserwisser. Schon zweimal ist Israel aus dem „Ausland“ heimgekehrt und jedes Mal sind als „Dank“ aus dem Libanon und aus Gaza die Raketen geflogen. Ich besuche die Westbank ausschliesslich um Informationen zu sammeln. Ich habe mit arabischen und drusischen Freunden ein sehr gutes Verhältnis, auch im Wissen, dass diese meine kritischen Ansichten über die Situation genauestens kennen. Ich wähle links, früher Meretz (Mapam), heute bin ich Mitglied der Arbeitspartei. Nationalismus ist mir fremd, der Zionismus ist für mich eine Notwendigkeit auf Grund der jüdischen Geschichte und zur Rettung des jüdischen Volkes. Mir ist auch bewusst, dass wir Juden das Land teilen müssen und Diskussionen zum „wer war vorher da“ zu nichts führen. Stattdessen müssen wir uns mit den Menschen von heute einigen, ein Prozess, der nicht mit Steinen, sondern mit Felsen gepflastert ist. Noch immer warte ich darauf, dass unsere Partner eigene Friedensbewegungen- und Parteien hervorbringen, die für friedliche Lösungen und ein nachbarliches Zusammenleben einstehen. Nur eben, wenn bei uns Hunderttausende für Frieden demonstrieren, demonstrieren unsere „Partner“ zu Hunderttausenden ihren Judenhass und den Willen uns ins Meer zu jagen. In der völlig undemokratischen arabischen Gesellschaft (man komme mir nicht mit dem arabischen Frühling) gibt es doch eine gewisse Demokratie. Während Israel von den meisten arabischen Regierungen wohl mangels Alternative anerkannt wird und Friedensabkommen erstellt hat oder wenigstens inoffiziell aber korrekt miteinander verkehrt, sind deren Völker – am Beispiel Ägypten bestens zu erkennen – noch völlig mit Israelhass durchtränkt. Israels heutige Regierung trägt nicht viel dazu bei, diesen Zustand zu ändern.

Freitag, 20. Januar 2012

Freundschaft mit Israel auf Briefmarke



Kanadas Sympathien gegenüber Israels Überlebenskampf in der gewalttätigsten und in jeder Hinsicht korruptesten Region der Welt, ist einer der wenigen Lichtblicke der heutigen Tage. Darüber schrieb ich schon vor einigen Monaten. Ich verstehe es heute als eine öffentliche Demonstration dieser Unterstützung und Freundschaft, dass die kanadische Post dazu eine Briefmarke herausgegeben hat. Auch nimmt mich wunder, wann ein Postwertzeichen mit dem Aufdruck HELVETIA herauskommen wird. Briefmarken müssen heute ja nicht mehr hinten abgeleckt werden. Schon deshalb nicht, weil mit dieser Marke der jüdische Staat Israel und nicht sein derzeitiger Premierminister geehrt wird.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Kreativer Journalismus dokumentiert




Endlich wird über die Verlogenheit der Berichterstattung über die Geschehnisse in der Westbank eine professionelle Studie erstellt. Es geht hier vor allem um die Kreativität, mit der Bild- und Filmberichte über Gewalt zwischen israelischen Sicherheitskräften und palästinensischen Jugendlichen produziert werden. Mit professionellem dramaturgischem Talent werden Steinewerfer unterwiesen, wie sie dazustehen hätten, wann und wohin gerannt oder "geflohen" werden soll. Israelis sind dabei gelegentlich unfreiwillige Statisten. Die Bühnen dazu sind die Strassen in Dörfern und Städten der Westbank. Ich habe verschiedentlich über das Arrangieren solcher "Zwischenfälle" berichtet, die oft genug im schönsten Hotel Jerusalems, dem „American Colony Hotel“ durch Agenten (auch Macher genannt) angeboten werden. Inzwischen scheinen Photo- und Filmjournalisten gelernt zu haben ohne Hilfe Regie zu führen und hochdramatische Szenen zu kreieren, die von Spielberg stammen könnten.


Ein junger italienischer Pressephotograph und Student namens Ruben Salvatori erstellte darüber eine Studie, die er in einem achtminütigen Film vorstellt. Nichts darin ist neu, das Paradebeispiel dieser Art kreativen Journalismus ist der gerichtsträchtige Skandal um den palästinensischen Knaben Mohammed al-Dura, dessen „Sterbeszene“ vor einem französischen Gericht aufflog.

Das Filmchen muss an die Öffentlichkeit gelangen, ist es doch ein weiterer Beweis über die Verlogenheit palästinensischer Propaganda.

Freitag, 13. Januar 2012

Eines der faszinierendsten Ereignisse in Israels Kunstgeschichte (Haaretz)



Es ist mir ein grosses Anliegen die zeitlich gleichzeitig stattfindende Doppelausstellung in der Kunstgalerie Umm El-Fahm und im Museum Tel Aviv mit einem sehr schönen Artikel im Wochenend-Magazin der Tageszeitung Haaretz vorzustellen.


Walid Abu-Shakra mit seinem Bruder Said


Walid Abu-Shakra ist der ältere Bruder meines Freundes Said Abu-Shakra, dem Galeristen und Sozialarbeiter der israelischen Stadt Umm El-Fahm. Walid lebt seit gut dreissig Jahren in London. Mit seinen wunderbaren Arbeiten, von denen schon zwei in unserer Wohnung hängen, hat er sich international einen Namen gemacht. Mehr ist in diesem Artikel zu ersehen, der von Haaretz als wichtigste politische Kunstausstellung zu verstehen ist, obwohl Walids Kunst mit Politik sehr wenig, wenn überhaupt, etwas zu tun hat.

Montag, 9. Januar 2012

Strange Fruit



Nach 60 Jahren Liebe zum Jazz habe ich den Appetit dazu noch immer nicht verloren. Inzwischen habe ich eine schöne Sammlung alter Film- und Tonaufnahmen zusammengetragen, an der ich mich erfreue. 


Noch immer ist Billie Holiday die Jazzsängerin, die ich mir öfter als andere anhöre, denn ich bin total verknallt in ihren Stil, ihr Timing und die Wahl ihrer Lieder, von denen sich viele nicht nur einfach schön singen lassen, sondern zu Dingen Stellung nehmen. Wie zum Beispiel ihr berühmtes Lied "Strange Fruit", das sich mit dem Rassenhass ihrer Zeit (1930 bis 1960) befasst. Mit Strange Fruit (merkwürdige Früchte) beschreibt sie die damalige Vorliebe in den Südstaaten Amerikas schwarze Bürger (damals wurden sie noch Neger genannt, den Politische Korrektheit gab es noch nicht), einzeln und in Gruppen an Bäumen aufzuhängen, dazu Bier zu trinken und zu feiern. Ich könnte mit diesem Lied untermalte Dokumentationsfilme bringen, doch müssen solche Untaten nicht auch noch bildlich illustriert werden. Rassenhass in Reinkultur, später von Hitler als Judenvernichtung perfektioniert und heute von seinen Anhängern islamistischer Richtungen gerne weitergeführt - woran sie jedoch meist von jüdischen (sprich israelischen) Sicherheitskräften gehindert werden, resultierend in einer der zahlreichen islamistischen Frustrationen. Wer erinnert sich nicht an das berühmte Farbfoto des Lynchs von Ramallah, in dem einer der zahlreichen palästinensischen Lyncher seine durch das Blut der jüdischen Opfer verschmierten Hände stolz lachend der Filmkamera entgegenstreckt. Rassenhass dieser Art, gibt es noch heute, sein Schwergewicht hat sich in den Mittleren Osten verschoben. Araber hassen Juden, neuerdings hassen Juden auch Araber. Die Regierungen beider reden schön, tun aber nichts und lassen die Hasser gewähren. Ich will eigentlich nur darauf hinweisen, dass diese Situation existiert, ohne, für einmal, darauf einzutreten. 




Billie Holidays grossartigste Aufnahme, eine Jam Session mit einigen der berühmtesten Jazzsolisten ihrer Zeit, möchte ich hier zur Beruhigung der Gemüter nachschieben. Sie demonstriert mit Musikern wie Roy Eldridge, Coleman Hawkins, Ben Webster, Lester Young (ihr Ehemann), Gerry Mulligan und anderen die besondere Atmosphäre, die an Jam Sessions herrscht, sehr verschieden von säuberlich arrangierten Konzertauftritten. Viel Vergnügen.

Montag, 2. Januar 2012

Yaffa Yarkoni und die Heulsusen



Am 4. Juni 1967, spät abends. sassen mein Cousin Ernst (aka Moshe) und ich mit den Uzis auf dem Knie im Amphitheater des Park Leu’mi in Ramat Gan und hörten Yaffa Yarkoni zu. Wir waren in Gesellschaft von noch gut 3000 Soldaten unserer Infanteriebrigade und warteten auf den am nächsten Tage ausbrechenden Sechstagekrieg. Yaffa Yarkoni war bekannt dafür, dass sie sogar an der Front Armeeeinheiten besuchte und besang. Einewäg, dieser Abend im Park Leu’mi blieb mir unvergessen. Wir sassen ganz oben im Amphitheater, weit weg von der Bühne und weinten. Yaffa sang den damals neuen Song „Yerhushalaim shel zahav“ (Jerusalem aus Gold), quetschte die letzten Tropfen Tränen aus uns pickelharten und doch so sentimentalen israelischen Machosoldaten. Wir heulten was das Zeug hält, Offiziere und Soldaten unisono im Chor. So erinnere ich mich bis heute an Yaffa Yarkoni. So (oder deshalb?) zogen wir Heulsusen in den Krieg. Ernst und ich eroberten die Westbank.

Gestern starb die Sängerin, 86 Jahre alt. Fernsehnachrichten- und Programme wurden geändert – das Übliche, wie jedes Mal wenn eine historische Persönlichkeit Israel für immer verlässt. Für mich blieb Yaffa Yarkoni die Frau, die eine ganze Brigade hartgesottener Soldaten zum Weinen brachte.




Nach langem Suchen fand ich Yaffa Yarkonis Lied "Ba'ab el Wa'ad", das recht gut die damalige Stimmung im Amphitheater wiedergibt.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Der Beweis



 

Man beachte in diesem Filmchen der Antifrauen-Demos in Beth-Shemesh die überragende Ausdruckkraft dieser jiddischsprechenden Pinguine, ihre Diktion und ihren reichen Wortschatz. Peter Bohlen hätte grosse Freuden an diesem Song: "Shikse".

Auf meinen Tagebucheintrag „Parallelen“ (25.12.2011) trafen viele Kommentare ein, einige davon sind zusammen mit dem Artikel im Blog selbst erschienen. Andere sandten mir schlichte E-Mails.


Meine Aussagen wurden heute von Innenminister Eli Ishai, persönlich und am Fernsehen, wenn auch mit anderen Worten offiziell bestätigt!

Der Grund dazu war der Vorschlag die in haredischen Fängen liegende Stadt Beth Shemesh, in zwei separate Städte zu teilen. In eine haredische Stadt und eine Stadt normaler Bürger, die nicht nur gesetzliche Bürgerrechte sondern auch Bürgerpflichten wahrnehmen. Diese Idee wurde von Eli Ishai, dem dafür zuständigen sephardisch-haredischen Innenminister, abgelehnt.

Seine Einwände sind zwar einleuchtend aber beschämend zugleich und machen mich zornig. Gemäss Ishai sind Haredim (er sagte nicht „nur“ aschkenasische) geistig und finanziell unfähig eine nur durch sie bewohnte Stadt zu führen. Die grosse Mehrheit dieser Familien bezahlen (wenn überhaupt) wegen ihrer Armut nur 20% der Lokalsteuern, die, neben den Beiträgen der Regierung, zum Unterhalt des Gemeinwesens notwendig sind. Mit anderen Worten, diese Hobby-Armen werden nicht nur vom Staat direkt unterhalten, sie können ohne Steuern arbeitsamer israelischer Bürger – Juden und Araber – nicht existieren, sondern müssten, Gott behüte, arbeiten gehen.

Dazu zwei Gedanken:

Erstens bestätigt Eli Ishai mit seiner Stellungsnahme das landesweit bekannte und „akzeptierte“ haredische Schmarotzertum, dem er anscheinend hilflos gegenüber zu stehen scheint. Allerdings, dem Politiker Ishai sind mit Sicherheit von mir noch nicht durchschaubare verborgene Motive zuzutrauen.

Zweitens, es bestehen keinerlei Absichten von seiten der Regierung, diesen Zustand zu ändern. Zu teuer ist dem Bibi Nethanyahu sein Ministerpräsidentenstuhl, der ihm weit wichtiger ist, als das Wohl des Staates. Denn er hält es in der Hand, diese Situation zu ändern und sei es nur mit der Änderung seiner Koalitionspolitik. Regierung und Knesset müssten durchsetzen, dass die Gesetze des Landes für alle seine Bürger die gleiche Gültigkeit haben – keine Ausnahmen für religiös durchgeknallte oder für arabische Bürger, welche wenigsten Steuern bezahlen, die israelischen Sozialleistungen ausreizen und unter keinen Umständen ihre israelische Bürgerschaft verlieren wollen, aber trotzdem nur eine kleine Minderheit finden, die für ihr Land ohne Wenn und Aber auch militärisch einsteht. Diese arabische Minderheit wächst und verdient viel Anerkennung – wenn auch vorläufig noch sehr diskret. Doch dies ist ein anderes Thema, das nicht unbedingt hierher gehört.

Montag, 26. Dezember 2011

Parallelen



Erst ein Zitat, geklaut von Claudio Casula:Ich habe die gesamte palästinensische Friedensbewegung zum Essen eingeladen. So teuer wird’s schon nicht werden, Sari Nusseibeh ist ein bescheidener Mensch.“ Man kann auch über Trauriges lachen.

Wir Juden haben uns im Mittleren Osten ganz prächtig eingelebt. Religion und Traditionen des extremistischen Judentums und der extremistischen Muslime in den arabischen Ländern und in den nicht arabischen Staaten Iran und Türkei unterscheiden sich bald nur noch in Äusserlichkeiten – es sei denn, es wird wenigstens im jüdischen Israel etwas Drastisches geschehen. In der islamischen Welt bin ich da weit pessimistischer, trotz arabischem Frühling, der in kurzer Zeit übergangslos vom arabischen Winter abgelöst worden ist.

In beiden Religionen geht es dabei vor allem um "heilige" Traditionen, die meist weit älter sind, als die Religion selbst. Also heidnischen Ursprungs, dem ganz einfach und unreflektiert die jeweilige Religion übergestülpt worden ist. Das gilt für den relativ jungen Islam, aber auch für jüdische Bräuche, für die es immerhin bis gute 3000 Jahre archäologischen Nachweis gibt. Doch der Zustand in der heutigen Zeit ist für beide fatal.

Ich möchte mich auf vier Themen beschränken, bei denen jeder „Versteher“ (ein Broder-Wort) orientalischer Traditionen, seien diese noch so blutrünstig, sein Herz öffnet. Natürlich sind alle vier irgendwie miteinander verbunden. Dabei ist zu betonen, dass auch wir Juden grundsätzlich von der geschichtlichen, geographischen und religiösen Abstammung her zu den Orientalen gehören wollen – auch wenn viele von uns Namen wie Bloch, Müller, Meyer, Dreyfus, Bollag, Leibowitz, Russak oder Rosenstein usw. tragen. Es gibt einen Unterschied zwischen uns vor allem aschkenasischen Juden und der islamischen Welt: wir Juden haben die Aufklärung hinter uns, Muslime träumen noch nicht einmal davon. Doch gibt es leider mehr und mehr israelische Juden, die offensichtlich von dieser Aufklärung nichts mehr wissen wollen. Um das geht es.

Demokratie und freie Gesellschaft
Heute gibt es in muslimischen und israelischen Gesellschaften rechtsextremistische orthodox-religiöse Strömungen. Wie die kürzlichen Wahlen in vom arabischen „Frühling“ betroffenen Gesellschaften zeigen, gewinnen dort reaktionäre Parteien die Mehrheit. Die muslimische Reaktion ist im Aufschwung, die Einführung der Shariah wird verlangt, einer demokratischen Ordnung wird damit die Absage erteilt, denn Demokratie und Religion lassen sich nicht vereinbaren. Religion gehört in einem modernen Staat von diesem grundsätzlich getrennt und privatisiert. Zudem lassen arabische Traditionen eine wirkliche Demokratie nicht zu. Auch wenn die ägyptischen Muslimbrüder öffentlich das Gegenteil erklären. Sind sie erst einmal an der Macht, was die ägyptische Armee zurzeit gewalttätig zu verhindern sucht, bin ich überzeugt, dass diese Macht dann ohne demokratische, sondern mittels islamistischer Politik in eine theokratische Diktatur umgewandelt werden wird. Irans Khomeini hat der islamischen Welt 1979 gezeigt wie man das macht. Bei Ägyptens riesigen Demonstrationen für „Demokratie“ ging es nie um das Einführen eines demokratischen Regierungssystems und einer offenen Gesellschaft, sondern um wirtschaftliche Verbesserung der einzelnen Bürger. Der Islam hat sich, wie seinerzeit in Iran, die ägyptische Revolution angeeignet, wenn nicht gar gestohlen.

Israel wurde fast ausschliesslich von teilweise sogar marxistischen Sozialisten aufgebaut – auch wenn Theodor Herzl, Vater des politischen Zionismus, ein völlig angepasster europäischer Bürger der kolonialistischen Zeit war, wie die meisten der aufgeklärten Juden seiner Zeit. Israel, als Staat nach 1948, sollte nach dem Willen seiner Gründer und Pioniere der ersten Stunde als westlicher, aufgeklärter Staat erdacht und geführt werden, in dem Religion ihre eigene Nische haben sollte. Das ging dreissig Jahre lang einigermassen gut, doch die Gründerväter, zutiefst demokratischer Gesinnung, hatten nicht bedacht, dass eine Demokratie nur mit demokratisch gesinnten Bürgern aufgebaut und erhalten werden kann. Als sich im Laufe der siebziger und achtziger Jahre das Machtverhältnis von linker Aufklärung stetig mehr in einen reaktionären Nationalismus und eine noch reaktionärere ultraorthodoxe Religionsunkultur verwandelte, die erst die Besetzung der 1967 eroberten Westbank ideologische untermauerte und extremistischen Rabbinern der Haredim (Ultraorthodoxie) und der extremistischen Siedler in vielen Bereichen des Staates Macht verschaffte, wurde der humanistische Charakter des Landes sehr stark verändert. Extremisten üben heute starken Einfluss auf Regierung und Armee aus. Noch ist uns die arabische Welt mit ihrer rückwärtsgewandten hasserfüllten Politik in ihrem Wettlauf ins Mittelalter weit voraus, doch Israel scheint aufzuholen.

Frauen
Weder in der traditionell islamischen, noch in der orthodox jüdischen Gesellschaft sind Frauen entscheidungsfrei. Sie sind Besitz der Männer und deren Clans. Freie Partnerwahl gibt es nicht – die Eltern suchen Braut oder Bräutigam aus. Die Frau ist dem Manne untertan, er entscheidet. Ich will hier keine der vielen anthropologisch vielleicht interessanten Einzelheiten über die Stellung und die Behandlung der Frau in diesen zwei Kulturen beschreiben. Nur soviel sei gesagt, dass sich die Situation dieser jüdischen Frauen fast täglich verschlechtert. Sie sollen gezwungen werden in Autobussen nur hinten zu sitzen, nicht zusammen mit Männer auf dem selben Gehsteig zu gehen, ihr Erscheinungsbild wird laufend stärker als nicht bedeckend genug kontrolliert und kritisiert, die Möglichkeit einer jüdischen Burka könnte möglich werden, die Trennung zwischen Frau und Mann (pardon, Mann und Frau) soll immer einschneidender werden. Frauen sollen aus der Öffentlichkeit ganz verschwinden und weder gesehen noch gehört werden. Frauen die sich gegen Zumutungen dieser Art wehren, werden tätlich angegriffen, geschlagen, bespuckt und als Huren beschimpft. Aktivisten, die verbal und physisch auf Frauen eindreschen, kommen vor allem aus jiddisch sprechenden aschkenasischen Kreisen der Ultraorthodoxie. Frauenhass sephardischer und orientalischer Superfrommer scheint weniger entwickelt zu sein. Betrüblich ist die fehlende eindeutige Stellungsnahme haredischer Rabbiner der aschkenasischen Sorte. Der aschkenasische Oberrabbiner Israels, Jona Metzger, wurde darüber am Fernsehen interviewt. Er fand es schicklich, die Taten dieser Frauenhasser zu relativieren. Bisher haben sich fast ausschliesslich sephardische Rabbiner, wie das Knessetmitglied Haim Amsalem, ein wenigstens mir sehr willkommener und unheimlich sympathischer Querschläger der haredischen Welt, der sich ohne wenn und aber vor die verfolgten Frauen stellte, zur Verteidigung der Frauen aufgerafft.

Noch ist der Grad der Entwürdigung der Frau nicht auf muslimisches Niveau gesunken. Noch wurden meines Wissens keine jüdische Frauen wegen einem „Verstoss gegen die Familienehre“ getötet. Unser Hausarzt, selbst Kippaträger, der allerdings meine „linken und modernen“ politischen Ansichten völlig teilt, ist bedrückt. Die Haredisierung der israelischen Gesellschaft sei eine Schande für ganz Israel und gebe dem Judentum einen schlechten Namen. Er ist allerdings überzeugt, dass dieses relativ neue Phänomen gestoppt werden wird. Hoffentlich hat er recht.

Eines noch: in der muslimischen Gesellschaft scheint die Mehrheit Frauenunterdrückung gut zu finden und sich dieser zu widmen. Da sich dagegen niemand freiwillig äussert, bietet sich nur dieser Schluss an. Unter Israels Juden ist hingegen die Reaktion der Öffentlichkeit über diese Vorkommnisse gewaltig. Die Abneigung gegen die Ultra-Orthodoxie nimmt weiter zu, ganz besonders, seit sogar ein siebenjähriges Mädchen von diesen sexbesessenen Gottesfürchtern mehrfach bespuckt, beschimpft und mit Unrat beworfen worden ist.

Mein neuer Freund Avi, der im Shopping Center Lev Hamifratz in Haifa ein kleines Kaffeehaus betreibt und wirklich zuckerlose Gipfeli serviert, erklärte mir folgende Theorie, für Araber und allzu orthodoxe Juden geltend: beiden würden unter gewaltigem sexuellem Druck leiden. Sexuell aktiv dürfen sie erst nach Heirat mit der eigenen Frau werden – vorher kein Sex (das könnte ein Grund dafür sein, warum in diesen Kreisen so jung geheiratet wird). In einer nicht mehr ganz neuen Statistik fand ich vor Jahren die Information, dass 25% aller Kunden israelischer Prostituierten ultraorthodoxe Männer seien. Für muslimische Männer fand ich keine solche Statistik.

Ehre und Schande 
Der Begriff „Ehre“ und dessen Gegenstück „Schande“ sind die Grundsätze arabischer Kultur. Das Wort Respekt gehört dazu. In seinem hervorragenden Buch „The Closed Circle: An Interpretation of the Arabs“ (erschienen leider nur in Englisch, eines der wichtigsten Bücher zum Thema), beschreibt David Pryce-Jones wie diese Begriffe arabisches Denken und Handeln bestimmen. Hier zwei Zitate, die die überragende Wichtigkeit dieser zwei Worte in der arabischen Kultur demonstrieren:

“Lying and cheating in the Arab world is not really a moral matter but a method of safeguarding honor and status, avoiding shame,”

“Honor is what makes life worthwhile: shame is a living death, not to be endured, requiring that it be avenged.”

Die Suche nach Ehre oder deren Erhalt hat, so Pryce-Jones, vor allem anderen Vorrang. Frauen werden durch Väter und Brüder ermordet, weil sie dem gängigen Ideal der Ehre nicht entsprächen und (eingebildete) Schande über die Familie bringen. Generationen widmen sich der Blutrache, statt sich dem Aufbau einer besseren Zukunft zu widmen. Ehre und Respekt der eigenen Person oder dem eigenen Clan ist die Maxime dieser Welt und somit einer der Hauptgründe, ihres zivilisatorischen Stillstandes.

In einer kleinen Broschüre, die mir 2008 von arabischen Schülerinnen des Seminars für Englischlehrerinnen im Beit Berl College geschenkt wurde, beschrieben einige dieser entzückenden Studentinnen ihre Vorstellung über ihren künftigen Ehemann. Respekt und Ehre war das tragende Element. Sie erhoffen (nicht fordern) Respekt und dessen Einverständnis ihr Studium fortsetzen oder einen Beruf ausüben zu dürfen (Uris Tagebuch 1.7.2008).
 
Erfolge in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft
Dazu sollte ein weiteres Zitat von David Pryce-Jones genügen:

“In the years of independence, the Arabs have so far made no inventions or discoveries in the sciences or the arts, no contribution to medicine or philosophy.”

Im Vergleich mit Israel, einem Staat, der in den über sechzig Jahren seiner Existenz der Welt Gewaltiges in Wissenschaft, Kunst, Medizin und Philosophie beigetragen hat, sollte obiges Statement eigentlich eine Herausforderung an die arabische Welt sein. Doch das kratzt sie nicht – nicht einmal das Ehre/Schande Syndrom klickt ein, das für einmal wirklich am Platz wäre. Allgemeinheit und das Öffentliche wird in der arabischen Welt meist negativ empfunden, denn man sieht sie als Bedrohung des Clans und der Familie. Das Ehre/Schande Syndrom ist persönlich oder gehört der Familie. Der Staat oder das Dorf gehören nicht ihr, sondern dem jeweiligen Machthaber, sei er König oder ziviler Diktator, der seine Ehre (sprich seine Macht und den damit gestohlenen Reichtum) vor seinen Feinden (sprich Konkurrenten) meist mit viel Blutvergiessen verteidigen muss – eine Tatsache, die ein Blick in die Nachkriegsgeschichte arabischer Staaten mit Leichtigkeit bestätigt. Das Ehre/Schande Syndrom gilt für die Person, nicht dem Zustand des Landes, der ihn meist nur soweit interessiert, wie er seine persönliche Ehre (sprich Besitzstand und Einfluss) erhalten kann. Obiges Zitat von David Pryce-Jones wird damit bestätigt.


(Dieser Artikel wurde ins Journal21 übernommen. Mein Freund Reinhard Meier, emeritierter NZZ-Redaktor, hat meine Zeilen redigiert. Da ich nun mal in keiner Weise ein Thomas Mann bin, der handschriftlich Druckreifes aufs Papier bringen konnte, bin ich Reini höchst dankbar für sein Arbeit.)

Samstag, 24. Dezember 2011

Bescherung



Heute ist Weihnachtsabend. Viel davon verspürt man in Israel nicht, es sei denn, man begibt sich nach Nazareth oder ins Wadi Nisnas, dem arabisch-christlichen Quartier Haifas. Oder man fährt ins Ausland nach Bethlehem, wo dieser Abend ganz gross begangen wird – so gross, dass sogar Yassir Arafat, zu Lebzeiten Schutzherr des palästinensischen Christentums – jedes Jahr als Ehrengast empfangen worden war und dafür sorgte, dass die Zahl christlicher Bürger dieser Stadt real und auch relativ stark abnahm und heute kaum noch zwanzig Prozent aller Einwohner beträgt (früher waren es achtzig Prozent). Nach dieser Schätzung (die Zahlen sind ungefähre Zahlen) gibt es 162.000 palästinensische Christen im Heiligen Land, 120.000 leben in Israel (innerhalb der Grünen Grenze), 40.000 wohnen im Westjordanland (einschließlich Ost-Jerusalem), und 2.000 leben im Gaza-Streifen. Mehr als 80 % leben in städtischem Umfeld, 20 % auf dem Lande. Schätzungen zufolge waren vor 1948 etwa 15 % der Bevölkerung Christen; ihre Zahl ging bis 1967 auf etwa 5% im Westjordanland und 1% im Gaza-Streifen zurück. Heute sind weniger als 2% Christen im Westjordanland und weniger als 0,25% im Gaza-Streifen. Diese Angaben stammen von Bischof Yunib A. Mounan, dessen vor einigen Monaten gehaltene Rede ich hier kurz besprechen will.

Diese Rede, gehalten vor einigen Monaten von einem arabischen Christen, ist sehr mutig. Zwischen den Zeilen lese ich die Verzweiflung darüber, sich zwischen Hammer und Amboss zu fühlen, zwischen der Tatsache als schrumpfende Minderheit in einem Land zu leben, dessen muslimische Mehrheit täglich extremistischer wird. Man kann von einem palästinensischen Christen, der in einem Meer muslimischer Mitbürger lebt, realistisch nicht verlangen, dass er in der palästinensischen Öffentlichkeit Sympathie für Israel ausdrückt – auch in dieser Rede demonstriert der Bischof eine gewisse Enthaltsamkeit seiner Aussagen Israel gegenüber. Er lehnt die Sicht, die Flucht der Christen sei auf muslimischen Terror zurückzuführen, öffentlich ab. Das Gegenteil zu behaupten, wäre seiner Gesundheit abträglich. Dann fragt er „was ist das Heilige Land ohne (palästinensische) Christen?“, dem ich höchsten und noch grundsätzlicher beifügen möchte, „was wäre das Heilige Land ohne Juden?“. Es gäbe keines, denn erst die Juden haben es in ein heiliges Land auch für Christen gemacht. Seine Haltung zur Besetzung und zu den Entwicklungen in der Westbank ist israelkritisch – meine ist es ja auch.

Ich las vor kurzem den wenigstens teilweise richtigen Spruch „ein mutiger Muslim, ist ein toter Muslim“. Damit sind, um es ganz sicher zu stellen,  Muslime mit Zivilcourage gemeint. Ich denke das trifft auch auf Christen in der arabisch-muslimischen Welt zu, wie Palästina-Gaza, Irak, Saudi-Arabien, Ägypten – um nur einige zu nennen – täglich demonstriert. Es ist eine Situation, der sich westliche Christen vielleicht nicht bewusst sind, es sich nicht vorstellen können – falls es sie überhaupt interessiert. Christenverfolgungen gab doch für Europäer nur in der Zeit der alten Römer, die ihre Christen noch durch Löwen verspeisen liessen. Der Heilige Abend wäre bestimmt eine Gelegenheit, sich über die verfolgten Christen in arabischen Landen mindestens Gedanken zu machen, statt das (unter anderem) dem Juden, Israeli und Schweizer Uri Russak zu überlassen.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Esthers Tagebuch

Liebe Freunde und andere Leser,

eigentlich hätte ich schon vor Monaten auf den Blog meiner Freundin Esther Scheiner aufmerksam machen sollen, doch ich werde älter und denke vielleicht mehr an weniger wichtiges. Esther schreibt frisch von der Leber weg und beschreibt die kleinen und grossen Dinge in Israel, die ihr aufstossen oder gefallen. Sie, und das gilt auch für ihren Alex, haben sich in der relativ kurzen Zeit in Israel fabelhaft eingelebt, sind sehr aktiv und leisten erfolgreich ihren Beitrag zum Leben in Israel. Ich empfehle Esthers Website allen, die eine zartere und humorvolle Beschreibung israelischer Psyche und israelischer Verhaltensweise kennenlernen wollen.

Montag, 12. Dezember 2011

Ein Gedicht von Konstantinos Kavafis



Als Einstieg eine Feststellung: Im Jahre 2012 wird die grosse Mehrheit der Muslime im Mittleren Osten und Nordafrika von radikalislamistischen Regimen regiert sein, die glauben, dass mit einem Jihad auf Amerika und Israel, mit der Zerstörung Israels, mit der Unterdrückung der Christen, mit dem weiteren Reduzieren des rechtlichen Status der Frau, sie den Willen Gottes, als dessen Diktatoren zu regieren, erfüllen. Ich meine damit Ägypten, Gaza, Iran, Libanon, Libyen, Tunesien und die Türkei. Es könnten noch weitere dazukommen. Das ist das Resultat freier Wahlen in diesen Ländern und beweist eigentlich nur, wie reaktionär die Mehrheit der muslimischen Welt agiert und Demokratie ausschliesslich auf den Akt des Wählens reduzieren.

Das Gedicht des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis (1863–1933) „Warten auf die Barbaren“ beschreibt die heutige Situation, besonders mit Hinblick auf Europa, das angstvoll und fast gelähmt das Entstehen einer barbarischen Übernahme entgegen sieht – und nichts tut. Man kann viel in seine Worte hineinlesen, das dieser Situation entspricht.

Kavafis lebte im ägyptischen Alexandrien, das seit seiner Gründung in der Antike von allen im östlichen Mittelmeerraum engagierten Grossmächten kulturell geprägt wurde. Seine Gedichte schrieb er in Neugriechisch, einer relativ neuen und wiedererweckten Sprache, ähnlich wie das heute in Israel gesprochene Neuhebräisch, das auf dem biblischen Althebräisch basiert. Mein Schwager Dov mit dem zutiefst orientalischen Namen Rosenblum, stammt aus Alexandrien. Er und seine gesamte Familie wurden nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 aus Ägypten gejagt, nachdem ihre gesamte Habe vom Staat beschlagnahmt worden war. Identisches fand in anderen arabischen Ländern, in den Juden lebten, statt. Was ist heute von Alexandriens uralter europäischer Kultur geblieben?

 

Warten auf die Barbaren (1904)

Worauf warten wir, versammelt auf dem Marktplatz?

Auf die Barbaren, die heute kommen.
Warum solche Untätigkeit im Senat?
Warum sitzen die Senatoren da, ohne Gesetze zu machen?

Weil die Barbaren heute kommen.
Welche Gesetze sollten die Senatoren jetzt machen?
Wenn die Barbaren kommen, werden diese Gesetze machen.
Warum ist unser Kaiser so früh aufgestanden?
Warum sitzt er mit der Krone am größten Tor der Stadt
Hoch auf seinem Thron?

Weil die Barbaren heute kommen,
Und der Kaiser wartet, um ihren Führer
Zu empfangen. Er will ihm sogar eine Urkunde
Überreichen, worauf viele Titel
Und Namen geschrieben sind.
Warum tragen unsere zwei Konsuln und die Prätoren
Heute ihre roten, bestickten Togen?
Warum tragen sie Armbänder mit so vielen Amethysten
Und Ringe mit funkelnden Smaragden?
Warum tragen sie heute die wertvollen Amtsstäbe,
Fein gemeißelt, mit Silber und Gold?

Weil die Barbaren heute erscheinen,
Und solche Dinge blenden die Barbaren.
Warum kommen die besten Redner nicht, um wie üblich
Ihre Reden zu halten?

Weil die Barbaren heute erscheinen,
Und vor solcher Beredtheit langweilen sie sich.
Warum jetzt plötzlich diese Unruhe und Verwirrung?
(Wie ernst die Gesichter geworden sind.) Warum leeren
Sich die Straßen und Plätze so schnell und
Warum gehen alle so nachdenklich nach Hause?

Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht
Erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenze gekommen
Und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren.
Und nun, was sollen wir ohne Barbaren tun?
Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.
(Übersetzt vermutlich von Wolfgang Josing)

Im Gedicht bereiten sich die alten Römer auf den Einfall der Barbaren vor und planen, diesen bei Ankunft unterwürfig in den Hintern zu kriechen. Ganz besonders wird im ersten Teil des Gedichtes diese geplante Unterwürfigkeit beschrieben. Auch wenn dann die Barbaren nicht kamen (was nicht der Geschichte entspricht), könnte dieses Gedicht eigentlich gut auf das Verhalten verschiedener europäischer Regierungen zutreffen, die noch immer nicht merken wollen, dass die Barbaren schon eingetroffen sind und sich fast, aber noch nicht ganz, heimisch fühlen. Immerhin benimmt sich Israel - obwohl sich europäisch sehend, aber nicht in Europa liegend - anders und weigert sich den Kopf in den Sand zu stecken.

Aber eben, da gibt es ein Problem. Die projizierten Gefahren der Barbaren, werden von Politikern, die heute israelische Politik bestimmen, missbraucht. Über antidemokratische, gar faschistoide Gesetze, die dieser Wochen und Monate in einer Knesset mit rechtsradikaler Mehrheit vorgeschlagen werden, versucht Bibi Nethanyahu und Regierungs- und Parlamentsmitglieder noch weiter rechts von ihm die Demokratie, Israels wertvollstes Gut, auszuhöhlen. Sein Aussenminister Lieberman beneidet Russland und dessen Vladimir Putin, platzt vor Neid über Putins Machtfülle und neostalinistischen Regierungsstil und versucht diesen nachzuahmen. Seine Jünger helfen ihm dabei. Jüdische Rechtsextremisten wie die Hügeljugend der besetzten Gebiete, radikale Siedler und nationalreligiöse Rabbiner, die zum Hass auf Araber und Andersdenkende (man denke an den Mord an Itzchak Rabin), aufrufen und Gewalttaten gegen beide bibeltreu (wie sie meinen) unterstützen, sind eine relativ kleine, aber mächtige Regierungsstrippen ziehende Minderheit, die, bewusst oder unbewusst den Palästinensern hilft, Israel international zu desavouieren. Das hat wenig damit zu tun, dass islamistische Palästinenser Israel und Juden traditionell hassen und terrorisieren, sondern wie bei diesen, stammt die Motivation jüdisch-nationalistischer Juden aus ähnlichem ideologisch und religiös motiviertem rassistischem Hass. Wir sind halt, wie viele alte Israelis meinen, doch Cousins.


Freitag, 9. Dezember 2011

Zukunftsaussichen



Täglich klarer wird die Entwicklung das Abschiednehmen vom arabischen Frühling zum arabischen Winter. Wie im mittelöstlichen Wetter gibt es nur zwei Jahreszeiten – Sommer und Winter. Einen Frühling und einen Herbst gibt es kaum, das Ende des heissen Sommers wird mit kaltem regnerischen Wetter ersetzt, meist von einem Tag auf den anderen. Ähnlich wie die arabische Politik, in der an den Beispielen Ägypten, Tunisien, Jemen, Libyen usw. hoffnungsvolle und grundsätzlich friedliche Demonstration innert Tagen zu Quellen von rassistischem und religiösem Hass geworden sind. Wahlen, von denen Erneuerung und Befreiung der arabischen Gesellschaft von ihren mittelalterlichen und korrupten Fesseln erwartet wird und wurde bringen die reaktionärsten Kräfte zur Mehrheit. In Ägypten errangen die Muslimbrüder und die mordenden Salafisten zusammen über sechzig Prozent der Stimmen, in Tunisien über vierzig Prozent, in Marokko sieht es fast ebenso aus. In anderen Ländern des arabischen Frühlings ist es noch nicht zu Wahlen gekommen. Islamisten haben demokratische Wahlen gewonnen, werden voraussichtlich an die Macht kommen und machen damit diese Wahlen mit Sicherheit zu zweifachen Wahlen: zu den ersten und zu den letzten. Wie im Iran, werden die Wahlgewinner alles tun, um an der Macht zu bleiben, demokratische Wahlen hin oder her. Damit setzen sie die arabische Tradition fort, die allerdings auch schon unter sekulärer Herrschaft seit dem Entstehen arabischer Staaten in den Nachkriegsjahren bestand. Schuld daran sind die wählenden Bürger, doch kann man sie nicht wirklich dafür verantwortlich machen. Tribalistische Gewalt zur Lösung von Problemen ist die dahinter stehende Tradition. Demokratie wird in der arabischen Welt wird noch immer als degenerierte westliche Schwäche verstanden, auch wenn Gutmenschen durch die Medien uns das Gegenteil einzureden versuchen. Der oft gehörte Einwand, die Mehrheit der arabischen Welt sei für Frieden, wirkt sehr fragwürdig, wenn über 60 Prozent der ägyptischen, marokkanischen und tunesischen Bürger islamistischen Fanatiker in ihre postrevolutionären Parlamente wählen oder diesen die Stimmenmehrheit verschaffen.

Ari Shavit hat in einem in der jüdischen Zeitschrift Tachles veröffentlichten Artikel diese fatale Entwicklung beschrieben. Wie auch ich, sieht Shavit eine ähnliche Entwicklung in Israel, in der Extremisten der ultrafrommen und der ultranationialistischen Sorte den jüdisch-israelischen Weg zurück ins schwarze Mittelalter vorantreiben. Der einzige Unterschied ist, wie er schreibt, ist, dass in der arabischen post-revolutionären Welt, die Mehrheit diesen Weg in die Dunkelheit will, während es in Israel eine Minderheit ist, deren finstere Machenschaften von Nethanyahus bestimmt nicht bekämpft, sondern teilweise gefördert werden. Und die weltliche Mehrheit sitzt auf dem Hintern, jammert und schimpft, arbeitet, zahlt mit ihren Steuern diese Misere und „hat keine Zeit“, sich mit Politik zu beschäftigen.

Wie sehr Tommy Lapid in Israels Politszene fehlt!

Montag, 21. November 2011

Was wirkliche Israelfreunde bedrücken müsste



Mit den Arabern werden wir schon fertig, mit jenen die sich heute modisch und politisch korrekt Palästinenser nennen, sowieso. Vielleicht kriegen wir’s sogar hin, mit ihnen in den nächsten Jahrzehnten einen Modus Vivendi zu finden. Dieser muss ja nicht auf der grossen gegenseitiger Liebe gegründet sein (das kommt später ganz bestimmt) – gegenseitiger Respekt, statt gegenseitigem Hass und gegen Israel gerichteter Neid um seine wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sogar seine schwindenden sozialen Erfolge würde vorerst genügen.

Was unseren Staat wirklich bedroht sind eine wachsende Zahl Bürger und grausliger Politiker in rechtsextremen Parteien und Gruppen die einem gewalttätigen reaktionär-religiösem Extremismus mit fast schon sexueller Natur frönen. Deren Parlamentsvertreter entwickeln in rasendem Tempo Gesetzesvorlagen, die gegen Israels arabische Minderheit und auch humanistisch  motivierten Menschenrechtsorganisationen gerichtet sind, die sie nur allein schon für ihr Bestehen bestrafen wollen. Alle paar Tage kommt ein weiterer faschistoider Furz dieser lieblichen Anpasser an den nichtjüdischen Staatsstil eines Meir Kahanes, dem „Gottgesandten“ des jüdischen Faschismus, dazu. 

Soeben habe ich in der wundervollen Sendung „Neues aus der Anstalt“ im Fernsehsender 3Sat den tollen Satz „nur wer die Hosen voll hat, sucht frischen Wind“ gehört. Des Durchschnittsisraelis Hosen sind das leider noch nicht (voll meine ich) – der frische Wind gesunden Wechsels scheint noch nicht gefragt. Ungesunder Wechsel ist mehr im Trend der Zeit, sogar halbvolle Hosen sind da kein Hindernis. Zudem möchte ich vorläufig aufhören, mich zu diesem Thema weiter zu äussern – lieber beschäftige ich mich mit anderem Ungesunden. Wie mit gutem Essen und netter Gesellschaft. Bis mir dann wieder mal die Galle hochkommt über Weiterentwicklungen des Obenerwähnten.


Zum Abschluss ein bescheidener Link zum Nachtisch. Wer erinnert sich nicht an den verlogenen Bericht über den angeblichen Organhandel der israelischen Armee, geschrieben vom Journalisten Donald Bostrom im schwedischen Aftonbladet im März 2010. Im Gegensatz zu diesem erwiesenermassen erfundenen Vorkommnis werden diese wirklichen Untaten von der World Health Organisation (WHO) und Stellen der ägyptischen Regierung bestätigt und dieser profitable Handel auch mit Zahlen abgesichert. Aber eben, es geht hier um Palästinenser und dann erst noch um Hamas. Die dürfen. Das ist wohl ihre kulturelle Eigenart, die solches gestattet. Man frage meine Freunde und Freundinnen für einen gerechten Frieden in Palästina (JVJP). Die werden das gerne bestätigen.

Donnerstag, 17. November 2011

"Guten Morgen, Tel Aviv




Katharina Höftmann hat ein Buch geschrieben: „Guten Morgen, Tel Aviv“ (Heyne Verlag 2011). Sie kritisiert, sie lacht, tobt und schreibt, dass es eine Freude ist. Selten habe ich beim Bücherlesen so gelacht und glaube auch schon ihren wunderbaren Lebenspartner aus dem ff zu kennen. Hier ein Abschnitt, der genau das ausdrückt, was ich auch denke und über das sich mich schon ausgelassen habe. Statt Deutschen kann man ohne weiteres auch Bürger anderer westlicher Länder einfügen. Katharina hat mir erlaubt folgenden Abschnitt in meinem Blog zu zitieren:

"Ich weiß nicht, was ein guter Israeli ist. Aber immer deutlicher wird mir, was ein guter Deutscher ist. Ein guter Deutscher kritisiert Israel. Natürlich als Freund. Ein guter Deutscher legt Wert darauf, dass die Berichterstattung über Israel differenziert von statten geht, natürlich nur dann, wenn sie Gefahr läuft, zu proisraelisch zu sein. Ein guter Deutscher spricht unangenehme Wahrheiten aus, aber hat natürlich auch jüdische und israelische Freunde. Ein guter Deutscher hat sich exzessiv mit den Gräueltaten des Holocaust auseinandergesetzt und daraus gelernt. Kurzum: Ein guter Deutscher weiß es besser."

Gott sei Dank, lässt sich Katharina nicht in eine vertiefte Analyse über die ach so armen und doch so liebevollen Palästinenser ein. Wenn auch nicht ernsthaft, doch voller Ernst beschreibt sie lieber liebevoll Leben und Macken der so verschiedenen Arten der Gattung Israeli, deren menschliche Eigenschaften, Vorlieben und Betätigungen, ihre Familie und die ihres wunderbaren Partners. Doch die perverse politische Situation in unserer Ecke der Welt hat durch die Anzahl Bücher und Medienerwähnungen schon vor langem den Sättigungsgrad an Information und Analysen erreicht. Katharina Höftmann hat sie nicht zum Epizentrum ihrer Ausführungen gemacht. Sie beschäftigt sich stattdessen mit wirklich Wichtigem, nämlich den Menschen, die den grossenteils von den Medien aufoktroyierten Zustand auszubaden haben. Wirklich, das Einzige, das mir in ihrem Buch fehlt sind ein paar Kochrezepte, nicht unbedingt israelische.

Ein informatives Buch zum liebhaben.

Dienstag, 15. November 2011

Wie lange noch israelische Demokratie?



Wie ich selbst, sind fast alle Israelis stolz in einer wirklichen Demokratie zu leben. Der einzigen im gesamten Mittleren Osten und Nordafrika. Exekutive und Judikative sind voneinander unabhängig, die Meinungsfreiheit ist umfassend und jeder darf ungehindert öffentlich sagen, schimpfen und kritisieren was er will. Israel besitzt eine Demokratie ohne wenn und aber westlichen Stils.

In den vergangenen Monaten sind von Parlamentarien vorwiegend rechtsextremer Provenienz Gesetzesanträge eingebracht worden, die mit demokratischen Grundsätzen völlig unvereinbar sind. Dieser Vorgang ist ein gefährliches Zeichen eines gefährlichen Rechtsrutsches in der israelischen Politik. Weg von der demokratischen Tradition des Landes und in die Nähe autoritärem, vielleicht sogar totalitärem, Demokratie verachtendem Staatsverständnis. Etwas das dem israelischen Sommer der Demonstrationen für ein verbessertes Sozialverständnis, gegenseitiger Verantwortung für Staat und Mitbürger, wie eine kalte Dusche entgegensteht und beweist, wie wenig Nethanyahus Regierung sich um den Willen des Volkes schert. Zwar gibt es auch beim Likud Knessetabgeordnete, die diese antidemokratischen Bestrebungen scharf bekämpfen und als wirkliche Demokraten beweisen. Doch sind sie eine Minderheit in ihrer Partei der Scharfmacher.

Hier sollen einige dieser Gesetzesvorschläge und Trends dieser Art kurz beschrieben werden:

Limitierung und Besteuerung ausländischer Spenden an „linke“ NGOs
Mit linken NGOs sind beispielsweise auch rein israelische Organisationen wie „Frieden jetzt“ oder das der Kibbuzorganisation Haschomer Hazair entsprungene Friedenszentrum Givat Haviva gemeint, die in vielen westlichen Ländern Unterstützungsgruppen haben. Aber sie arbeiten für Frieden und stellen – besonders „Frieden jetzt“ erfolgreich israelische Verfehlungen in den besetzten Gebieten bloss. Das missfällt besonders Siedlerkreisen und deren Sympathisanten, die den Zionismus als autoritäres und kolonialistisches Unterfangen sehen wollen, etwas das er nie war und nicht ist. Im heutigen Haaretz ist zu entnehmen, dass rechtsextreme Organisationen weit mehr finanzielle Unterstützung erhalten als „linke“, sehr viel davon Einzelspenden in extremer Höhe.

Verpolitisierung der Gerichte
Hier geht es um die Wahl neuer Richter für das Oberste Gericht Israels, das seit Jahrzehnten eine gegenüber reaktionärer Gesetzgebung und überrissenem Nationalismus vor allem aus rechtsextremer Seite, eine ausgleichende Rolle spielt und von der politisch Rechten als „linksextrem“ betrachtet wird. In einem Gesetzesvorschlag sollen politische Gremien Einfluss auf die Wahl neuer Richter nehmen, was zur völligen Politisierung der Gerichtsbarkeit führen würde. Diese Vorlage wir gerade von Regierungsgremien diskutiert und die Gefahr, dass sie angenommen wird, ist beträchtlich.

Die Armee verfrömmelt und das orthodoxe und ultraorthodoxe Establishment versucht seinen Einfluss stetig zu steigern
Schon im Israel aufgezwungen Unabhängigkeitskrieg in 1948 kämpfen weibliche Soldaten neben ihren männlichen Kameraden. Sie trugen massgeblich dazu bei den arabischen Angriff abzuwehren und das Weiterbestehen des eben entstandenen Staates zu sichern. Leider gibt es heute destruktive Kräfte, die den weiblichen Beitrag zu den erfolgreichen dreiundsechzig Jahren israelischen Bestehens mit Verachtung betrachten. Gemäss orthodoxer Dogmen sollen Frauen nicht gesehen werden, sind zweitklassig und nun wollen einige übersteigert fromme diese „Tradition“ der Armee aufzwingen. Der steigende Einfluss religiös-reaktionärer Sitten und Gebräuche in der IDF (Israel Defense Forces) stellt vor allem nicht akzeptable mittelalterliche Ansprüche an Soldatinnen und beschämt und demotiviert sie. So sollen sie sich nicht mit männlichen Soldaten an öffentlichen Anlässen aufhalten oder gar mitwirken, sondern, wie es die Orthodoxie vorschreibt, sich nur getrennt von ihren männlichen Kameraden aufhalten dürfen. Sie sollen keine kombatante Aufgaben mehr haben, nicht mehr als Waffeninstruktorinnen wirken und auch, wie es extremistische Orthodoxie vorschreibt, nicht vor Männern singen dürfen. Am besten wohl, man würde keine weiblichen Soldaten mehr sehen. 19 Generälen schrieben an den Generalstabschef, diese Ausgeburten frommer Manie zu unterbinden. Sollte das nicht geschehen, würde die IDF vermehrt in den Fängen religiöser Extremisten landen und ihren Anspruch die Armee aller Bürger zu sein verlieren. Die Folgen wären vorauszusehen aber für das Land nicht zu verantworten. Anlässlich einer Feier der Offiziersschule Bahad 1 wurden vier religiöse Kadetten umgehenden aus dem Kurs geworfen, da sie die Feier wegen singenden Mädchen verliessen (fromme Juden dürfen das nicht hören, sie könnten doch eine verbotene Erektion bekommen). Das ist bisher die einzige positive Reaktion auf diesen Skandal. Es müsste gesetzlich geregelt werden, dass Religion in der Armee nichts zu suchen hat, genau so wie sie eigentlich in der Politik auch nichts zu suchen hätte. Sonst gerät die Armee eines Tages in die Situation, dass Rabbiner militärischen Kommandanten Befehle geben würden, was gefährlich und an die Kommissare der Roten Armee erinnert, deren Befehlsgewalt sogar über derjenigen der Generäle lag.

Bestrafung jener, die zum Boykott der Siedlungen und deren Produkte aufrufen und Israels Siedler- und Bauaktivitäten auf der Westbank kritisieren
Ich bin auch kein Sympathisant der Siedler auf der Westbank, verabscheue ihr gewalttätiges Auftreten gegenüber Palästinensern und Juden, die nicht mir ihren Ansichten einverstanden sind. Darüber kann man reden und schreiben – das ist alles diskutierbar. Aber im Israel der freien Gesellschaft herrscht noch immer Meinungsfreiheit und jeder kann und darf offen seine Ansicht zu allen Themen darlegen. Auch wenn das vielen nicht passt. Sollte das geplante Gesetz, das solches bestrafen will, angenommen werden, wird sich Israel zu einem grossen Teil aus der demokratischen Welt selbst entfernen. Es hätte sich dann in seinem Kern einen weiteren Schritt in die politische Unkultur seiner Nachbarländer integriert. Die heutige jüdische Leitkultur ist inhärent westlich und darf sich nicht mit Maulkörben abfinden.

Das Oxymoron – jüdischer Staat mit demokratischer Regierung
Was im Mittelalter die Regel war, ist heute nicht mehr zu vertreten. Man kann ohne weiteres religiös sein und demokratisches Leben achten. Aber in der Politik hat Religion nichts zu suchen. Professor und Alt-Botschafter (Deutschland) Avi Primor vom IDC Herzlia beschrieb das in einem Interview mit der WELT schon in 1999 so:

„… die ultraorthodoxe Schas-Partei (und andere religiöse Parteien in Israel) als undemokratisch, weil sie, so der Alt-Botschafter Avi Primor, „auf göttlichem Gesetz und den Worten der Rabbiner“ statt auf parlamentarischen bzw. demokratischen Grundsätzen beruhe.“

Eine Gesetzesvorlage für einen jüdischen Staat, in der Jüdischkeit als Leitfaden für die Gesetzgebung verlangt wird – demokratische Prinzipien wären dieser untergeordnet – wartet im Rohr. Ich hoffe sie wird zum Rohrkrepierer. Interessanterweise stammt diese Idee vom ehemaligen Geheimdienstchef und Terroristenfänger Avi Dichter, einem sekulären Juden, der als Mitglied der eigentlich sehr bürgerlichen Partei Kadima in der Knesset sitzt. Seine Parteichefin Zippi Livni ist entsetzt über diesen Gesetzesvorschlag und lehnt ihn ab (wie auch den Skandal der Frauenfrage in der Armee). Unterstützung könnte aus rechtsextremen, vor allem religiösen Kreisen, denen Demokratie grundsätzlich ein Dorn im Auge ist. Die Entscheidung ist noch offen.
Soeben wurde mitgeteilt, dass diese Gesetzesvorlage abgeändert worden ist. Demokratie soll nun doch über der Jüdischkeit stehen. Wie genau das aussehen soll, bleibt abzuwarten.

Heiratsgesetz
Palästinenser, die Israelis heiraten, dürfen nach einem neuen Gesetz nicht mehr in Israel wohnen. Ehepartner müssen sich nach dem Parlaments-Beschluss zwischen einer Trennung und einem Wegzug aus Israel entscheiden. Das Gesetz ist rassistisch, undemokratisch und diskriminierend.

Sicherheits-Überlegungen können das neue Gesetz nicht rechtfertigen, betonen Menschenrechts-Gruppen. Die neue Regelung laufe auf eine kollektive Bestrafung hinaus. Auch die Vorsitzende der Meretz-Fraktion in der Knesset, Zahava Gal-On, betonte, man dürfe Sicherheits-Erwägungen nicht zur Begründung "einer solchen Verletzung der Bürgerrechte verwenden".

Schlussfolgerung
Israel muss sich auffangen und den rapid wachsenden Trend weg von demokratischen Prinzipien stoppen und seine Politik wieder vermehrt nach solchen führen. Die grundsätzlich fehlende Bereitschaft der Palästinenser zu einem für Israel akzeptablen Friedensabkommen und die zurzeit von reaktionären Kreisen beherrschte Regierungspolitik macht das schwierig. Ich sehe die heutige Macht in den Händen folgender drei politischer Gruppierungen liegen:

·       Neueinwanderer aus Russland, vertreten durch Aussenminister Yvet Lieberman und seine Anhänger, die einer Art Stalinismus frönen und prinzipiell einen „starken Mann“ als Leithammel wollen. In Lieberman haben sie ihn gefunden.
·       Die Faschistoiden: Siedlerideologen, Nationalreligiöse und rechtsextreme Ultranationalisten (z.B. MK Michael Ben Ari, früherer Rabbi Kahane Anhänger, der den Mord an Rabin durch sein demonstratives Fernbleiben von der parlamentarischen Gedächtnisfeier implizit guthiess).
·       Die von ihren Rabbinern beherrschte Ultraorthodoxie, deren Lebensstil grundsätzlich antidemokratisch ist. Sie verkauft ihre Stimme den Meistbietenden für ihre eigenen parasitischen Anlagen, die, besonders in aschkenasischen Ultrakreisen, von der Ablehnung des Existenzrechtes Israels, traditioneller Ablehnung produktiver Arbeit und überrissenen materiellen Ansprüchen an den Staat geprägt sind.

Die wachsende Macht rechtsextremistischer Kräfte auf Kosten vernünftiger sozial und sicherheitspolitisch ausgleichender Kräfte ist vor allem ein Resultat politischer Misserfolge israelischer Friedenspolitik der vergangenen zwanzig Jahre. Sündenböcke zu suchen ist Unsinn. Die durch und durch unveränderliche Ablehnung sogar kleinster Kompromisse durch bisher sämtliche palästinensische Politiker, beruht auf  ihrer Weigerung jeden möglichen Staat der Juden als derer nationale Heimstätte zu akzeptieren. Sie bestehen auf einen absolut judenfreien Staat der Palästinenser , aber ein Staat der Juden ist für sie ein Tabu. Zur Zeit wird israelische Bautätigkeit in der Westbank als Ausrede bemüht – israelische Zugeständnisse wie der Abzug aus dem Libanon oder der Abzug aus Gaza, wird von unseren Feinden nicht als Zeichen guten Willens verstanden, sondern in traditioneller arabischer Art als Schwäche interpretiert. Das wiederum gibt jenen Israelis Aufwind, die den Standpunkt vertreten Palästinenser verstünden ausschliesslich Gewalt. Und genau diese Israelis bilden heute die Mehrheit in der Regierung Netanyahus – womit der Kreis ausweglos geschlossen ist.