Dienstag, 11. Oktober 2011

Stephen und Micheline – ein Vergleich



Während ich diesem fünfminütigen Video der Rede des kanadischen Premierministers Stephen Harpers zuhörte, schloss ich die Augen und stellte mir seine Worte aus dem Munde der Schweizer Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey kommend vor. Es ging einfach nicht. Nicht wegen Harpers merkwürdigem Kanadafranzösisch, das er neben seinem sonst englischen Vortrag spricht, sondern weil ich mir schlicht keinen Schweizer Bundesrat vorstellen kann, der bedingungslos für Grundsätze einsteht, wie es eben Harper für Israels Überleben tut. Kein Wort über gute Dienste, humanitäre Tradition (ich denke da an die wenigen Hunderttausend nach Deutschland zur Entsorgung zurückgejagten Juden - ja ich weiss, 30'000 wurden gerettet), nicht einmal jüdische Bankkonti werden von Harper erwähnt.

Harper verteidigte schon im Zweiten Libanonkrieg (kein Ruhmesblatt der israelischen Regierung, auch wenn die Motivation dazu einleuchtet) Israels Recht sich zu verteidigen. Er nennt den islamistischen Massenmord in Mumbai an Hindus, Christen, Juden etc. von 2008 „einen Affront gegen die Werte, die zivilisierte Menschen einigen“. An Durban Konferenzen II und III weigert sich Kanada teilzunehmen. Seine Unterstützung Israels will er weiterführen „ungeachtet möglicher Kosten“. Man stelle sich einen Schweizer Bundesrat vor, der solches sagen würde, ohne sich erst mit der Schweizer Banquiervereinigung zu beraten. Mein eine Kippa tragender Onkologe, der in Wien studiert hat und Wienerisch mit einem hebräischen Akzent spricht, brachte das einmal auf den Punkt (obwohl ich mit seinen politischen Ansichten nicht einig gehe), indem er meinte die Schweiz habe vom Hitlerkrieg eigentlich vor allem gut verdient und sich über die Redlichkeit ihrer Anpasser- und Profiteurenmentalität auch nach dem Krieg nie Gedanken gemacht. Das im Gegensatz zu Deutschland, das sich mit den Verbrechen seiner fürchterlichen Naziherrschaft und allem was dazugehörte, auseinandersetzte und als Staat Konsequenzen zog. Zwar bin ich nicht ganz mit Dr. Steins Gedanken einverstanden, doch etwas ist da dran – antisemitische Leserkommentare in den Websites Schweizer Tageszeitungen beweisen das täglich. Und interessanterweise gibt es nur sehr wenige Stellungsnahmen dazu aus den Redaktionen dieser Zeitungen.

Nehmen wir an, die Schweiz hätte sich während dem Zweiten Weltkrieg korrekt benommen und sich vor allem auf ihr Überleben als Staat gekümmert. Es ging ja nie um die Vernichtung der Schweizer – mit Ausnahme derer jüdischen Bürger. In den dreiundsechzig Jahren der Existenz Israels geht es aber genau um das – um das physische Überleben seiner jüdischen Bürger. Noch nie war es so deutlich wie heute – der allenfalls zu entstehende Staat Palästina, soll, wie von Abu Masen und seinen Mannen immer wieder bestätigt, völlig „judenrein“ sein. Das ohne sich sogar auf Ahmedinejad zu beziehen. Das soll vorerst für das Palästina der Westbank und Gaza gelten, doch da ein kommender Friedensvertrag, wie bestens und vielfältig belegt, in den Augen eben dieser Nachbarn nur die Basis für den nächsten Schritt abgeben soll – die bescheidene Erweiterung dieses Staates bis zu den schönen israelischen Stränden des Mittelmeers.

Die von der Schweiz seinerzeit abgeschobenen Juden konnten sich nicht wehren. Das hat sich gründlich geändert – die Juden Israels wehren sich und das finden heute viele schwer zu akzeptieren - ist der kanadische Premierminister Stephen Harper eine Ausnahme? Hoffentlich nicht.

Micheline, willst du nicht auch zu Harpers Kreis der Erleuchteten gehören? Einer kleinen, doch wirklich ehrenwerten Gruppe. Wobei mir in den Sinn kommt, dass du bis heute noch eine Antwort an die unterschreibenden jüdischen Schweizer in Israel des Offenen Briefes an dich vom 9. September 2011, schuldig bist. Der Brief erschien in der Wochenzeitschrift „Tachles“ desselben Datums. Unser Brief war sehr höflich – das Ausstehen deiner Antwort ist es nicht.

Mit sozialdemokratischem Gruss, Genosse Paul Uri Russak, Mitglied der israelischen Arbeitspartei

Kommentare:

Pierre A. Sobol hat gesagt…

In der heutigen BaZ-Online wird das Asylwesen der Schweiz zum Thema genommen. Da ist mir das Verhalten der CH im 2.WK in den Sinn gekommen. Die CH ist auch heute sehr fremdenfeindlich. Ok, es wurde einiges an Erfahrung gesammelt. Die heutigen Asylbewerber werden aber im Vergleich zu den jüdischen Flüchtlingen von damals, vom Staat, bzw den Kantonen finanziell unterstützt. Vielleicht sollten heute die jeweiligen Volksgruppen für die Deckung der Kosten ihrer Landsleute aufgeboten werden?

Maximilian Teusch, FL hat gesagt…

Werter Herr Russak,
mir gefällt Ihr Blog. Da es sich hier bei Stephen und Ihrer MP, Frau MCR, um brave Sozialisten handelt, möchte ich Sie auf einen weiteren Sozialisten aufmerksam machen. Es ist dies Herr Stéphane Hessel, ein bekannter jüdischer Philosoph aus Frankreich. Am 27.10.11 wird er in Zürich im Rahmen einer Veranstaltung der Schweiz-Paläst-Gesellschaft auftreten. Moderator ist der notorisch antiisralische Journalist Herr Andre Marty. Somit ernenne ich Herrn ex Botschafter, Excellenz Stéphane Hessel zum Potz des Monats Oktober 2011. MfG, Maximilian Teusch.

Uris Tagebuch hat gesagt…

Lieber Herr Teusch, vielen Dank für ihr Kompliment. Stephen Harper ist keiner Sozi sondern ein Konservativer. Es scheint ja eine Aenderung gegeben zu haben, indem viele Grüne und eine Anzahl Sozis (ich bin selbst Mitglied der baraklosen israelischen Arbeitspartei Partei in Israel, was auch ein Mitgrund meines Dus an Genossin MCR ist)heute die wirklich Konservativen, ja Reaktionären, geworden sind - ganz besonders was Israel betrifft. Dass ein Jude wie Hessel bei der israelhassenden SPG auftritt ist ist leicht skandalös, doch immer noch besser, als Meinungsverbote.
Wohnen sie tatsächlich in FL?