Donnerstag, 9. Juli 2009

In Israel denken sogar die Linken

Gestern Nachmittag schaute ich Eurosport im Fernsehen – die fünfte Etappe der Tour de France, einem der eindrücklichsten jährlichen Sportereignisse. Als total angefressener Frankreichfan, der dieses Land durch unzählige Besuche extensiv kennengelernt hat, sehe ich beim Betrachten der radelnden Meute immer wieder uns bekannte Orte und Landschaften, so wie heute Roussillon. In einer Helikopteraufnahme war das wunderbare Städtchen Collioure zu sehen (mir kamen die Tränen), in dem wir vor Jahren Zeit verbrachten. Vor allem ist mir in Collioure das Hôtel Les Templiers in Erinnerung, dessen Wände fast überall mit Originalen spanischer Meister wie Picasso, Mirò und anderen tapeziert sind. Der Patron erzählte mir damals, diese Künstler seien in den Dreissigerjahren vor den Faschisten Spaniens geflohen und hätten, da mittellos, ihren Aufenthalt im Hotel mit ihren Werken bezahlt. Versichern, so die Antwort auf eine weitere meiner vielen Fragen, könne er sie nicht, die Prämien seien unbezahlbar. Hunderte solcher Bilder sind einfach an die Wände geschraubt, in der Bar, im Restaurant, in den Korridoren und Treppenhäusern – eines unserer vielen unvergesslichen Erlebnisse dieser Art in Frankreich. Collioure ist noch heute ein Ort der Kunst und Künstler, des guten Essens, der Anchovis (Sardellen), gutem Weins und einem schönen Strand in seiner kleinen, herzförmigen und fast geschlossenen Bucht, die als natürlicher Hafen dient. Nur, leider, scheint der Rest der Gegend heute stark touristisch „entwickelt“, die freundlichen Strassen von einst sind zu Autobahnen geworden, dauernd fuhren die Tour de France Pelotons über moderne Kreisel und die Flächen nahe dem Meer sehen beige und staubig aus, fast so wie es einst in Palästina war, bevor die Zionisten das Land begrünten. Übrigens, nur eine Viertelstunde südlich von Collioure ist der spanische Grenzort Port Bou. Dort brachte sich der jüdisch-deutsche Philosoph Walter Benjamin, auf der Flucht vor den Nazis, am 27. September 1940 irrtümlich um, weil er überzeugt gewesen sei, die Spanier würden ihn abweisen – was nicht stimmte, den seine Fluchtkameraden, die etwas vor ihm in Port Bou angekommen seien, sind problemlos aufgenommen worden. Das, jedenfalls, wurde mir dort erzählt. Es gibt neuerdings auch andere Theorien über den Grund seines Selbstmordes, es könne sogar Mord gewesen sein.

Warum erzähle ich hier über das französische Katalonien? Erstens, weil ich Fernweh habe, zweitens, weil ich gelegentlich eine Ablenkung vom politisch trüben Alltag des Nahen Ostens brauche. Dazu eignet sich Frankreich und Sport (für mich Fussball und die Tour de France) hervorragend. Denn das arabisch-israelische Trauerspiel kann man nur mit zwei Dingen ertragen: mit Humor und gelegentlicher Ablenkung. Wobei zu bemerken ist, dass auch Frankreich in den heutigen Tagen unter ähnlich pathetischen islamischen und jihadistischen „Störungen“ leidet. Genauso wie ganz Europa. Doch das ist nicht das Thema meines heutigen Tagebucheintrages.

Ich bin ein Linker. Aber ein israelischer Linker. Das mag einige meiner Bekannten und Freunde in der Schweiz komisch dünken, denn es gibt solche (vielleicht sind das keine Freunde mehr), die mich als schauerlichen Rechtsextremisten sehen, der das Leid der armen Palästinenser in den besetzten Gebieten nicht sehen will. Das obwohl man diese ja nur zu fragen braucht, um über ihre Leiden informiert zu werden. Mündlich oder schriftlich, wie von ihren Behörden, der Hamas oder einem anderen Terrorverein vorgeschrieben. So wie mir geht es den israelischen Linken, wenigstens denen, die noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Da ich zu diesem Thema schon in meinem Tagebucheintrag vom 19.4.2009 ausführlich geschrieben habe, möchte ich mich aber nicht nochmals darüber auslassen.

Die heutige Realität ist durch die Folgen von Israels Abzug aus Gaza ein weiteres Mal verändert worden. Die Mehrheit der Israelis war für diesen Abzug, in der Hoffnung durch das existenzielle Opfer der dort lebenden jüdischen Bauern, die im Gegensatz zu den Siedlern der Westbank, mit ihren rentablen Landwirtschaftsbetrieben, die vielen Gaza-Palästinenser eine solide Existenz verschafft hatten, etwas zum Erreichen einer konzilianteren Stimmung der Palästinenser beizutragen. Das Gegenteil trat ein, die Gegner des Abzugs hatten die für uns ärgerliche Befriedigung „wir haben’s ja gesagt“ sagen zu können und die Hoffnung auf Frieden ist wieder einmal geplatzt. Wir Israelis der Linken waren überzeugt ein reale Chance für einen Frieden zu haben. Wir hatten besetztes Gebiet verlassen und dachten, damit ein Zeichen guten Willens gegeben zu setzen und ein Abkommen mit den Palästinensern zu erreichen, das von diesen eingehalten werden würde. Ein ideologischer Rechtsrutsch war der politische Preis, den wir Israelis für diesen Irrtum bezahlen.

Kaum jemand in Israel glaubt heute noch an die Möglichkeit eines baldigen Friedens. Illusionen wurden begraben, Israelis haben genug von der palästinensischen Führung der Westbank, wir wissen dass Hamas, die Gaza beherrscht und terrorisiert, eine grosse Gefolgschaft auch in der Westbank besitzt. Wie der heute plötzlich populär gewordene Professor Barry Rubin schreibt, lässt Abbas und seine Mannen die westliche Welt Druck auf Israel ausüben, um damit alles zu erhalten, was er will, ohne selbst etwas geben zu müssen – eine nicht neue Haltung, aber heute klarer erkennbar denn je. Ich pflichte Rubin bei, der meint, dass die meisten Israelis der Linken heute an Aussichten für Frieden zweifeln und dafür die Schuld völlig bei den Palästinensern sehen. Die Zeiten bedingungsloser linker israelischer Empathie zur palästinensischen Welt sind vorbei. Viele, wie ich auch, fühlen sich von der palästinensischen Führung für dumm verkauft, auch wenn sie völlig davon überzeugt bleiben, dass nur das Zweistaatenkonzept für eine Lösung in Frage kommt. Aber so, wie es der von uns verschmähte Nethanyahu in seiner Bar-Ilan Rede bekannt gab. Auch wir können warten.

Wenn wir eine Bilanz des Gebens und des Nehmens zwischen Israel und Palästina erstellen, ist das Resultat völlig einseitig. Israel offerierte in 2000 fast die gesamte Westbank (die Zahlen variieren zwischen 92 und 99 Prozent) - die Antwort war Intifada Zwei. Israel verliess die Sicherheitszone in Südlibanon – die Antwort waren tausende Raketen, die Israelis töteten und verletzten und der misslungene zweite Libanonkrieg in 2006. Israel zog sich aus dem Gazastreifen (als Vorgeschmack eines Rückzugs aus der Westbank oder Teilen davon) zurück und hinterliess den Gazanern die Chance, sich mit internationaler und israelischer Hilfe wirtschaftlich zu entwickeln, eine freie Gesellschaft und eine staatliche Infrastruktur aufzubauen. Es hinterliess landwirtschaftliche Industrien (von wohlmeinenden amerikanischen Juden finanziert) – die meisten davon wurden zerstört, tausende Raketen flogen nach Israel, Menschen wurden verletzt und getötet und der kürzliche Gazakrieg war die Folge davon. Die muslimische und palästinensische Welt sieht sich heute mehr den je als Erben des Nazismus, eine Tatsache, die jeder mit offenen Augen überzeugend sehen, hören und lesen kann. Israel gab viel und wird dafür in der arabischen Welt als Verlierer verlacht, denn in ihrer Welt benimmt sich ein Sieger im Stil eines Saddam Hussein. Was, bitte schön, hat Israel bisher als palästinensische Gegenleistung erhalten? Gurnischt! Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass es den Palästinensern gar nicht um einen eigenen Staat geht, sondern um die Vernichtung Israels.

Es gibt in Israel Menschen wie Präsident Shimon Peres, die für Menschen verbindende Aktionen viel unternehmen, in seinem Fall ist Fussball das friedensstiftende Medium. Oder der jüdische Dirigent Daniel Barenboim, der ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester gründete, das „West-Eastern Divan Orchestra“ und mit diesem auch im Ausland auf Tournee geht. Oder die israelisch-arabische Musiklehrerin Wafaa Younis aus Arara im Wadi Ara. Sie organisierte ein Kinderorchester in Jenin (und wurde dafür von den palästinensischen Behörden aus Jenin verjagt und das Orchester aufgelöst) – etwas Ebenbürtiges aus palästinensischen Kreisen gibt es meines Wissens nicht. Das auch mit jüdischen Spenden gebaute Konservatorium in Jenin wurde angezündet und brannte ab – wie es heisst, von Islamisten, denen alle Freuden, auch an der Musik, ein Gräuel sind. Verbindendes kommt aus jüdischen und arabisch-israelischen Kreisen – ich denke da an „meine“ Galerie in Umm El-Fahm. Ähnliches wird in der palästinensischen, an internem Terror leidenden Welt, abgewürgt.

1 Kommentar:

Bernd Dahlenburg hat gesagt…

Schöner Beitrag, Uri!

Tour de France gucke ich auch sehr gerne. Am liebsten die Alpenetappen. Bei den Flachetappen gefallen mir die "Reisebschreibungen" auch sehr gut.

Dass du Bibi nicht magst wird sich irgendwann schon einrenken.

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Ich vermute mal, dass du Ulrich Sahm kennst. Dennnoch hier noch einmal der Link zu seinem neuen Beitrag:

http://www.israelnetz.com/themen/hintergruende/artikel-hintergrund/datum/2009/07/13/kluft-zwischen-israel-und-palaestinensern-wird-immer-tiefer/