Sonntag, 21. März 2010

Die Enttäuschung

Vor wenigen Tagen ärgerte ich mich über unseren Staatspräsidenten Shimon Peres, den ich, obwohl auch er sich während seiner langen politischen Karriere nicht immer sauber verhielt, doch immer sehr achte. Er ist ein Vollblutpolitiker und wohl der Letzte der Generation, die sich um den Aufbau des Staates tatsächlich verdient gemacht hat. „Staatsmann“ sein beinhaltet gewisse charakterliche Eigenarten, die man akzeptiert – up to a point! Für einmal hat ihn Shimon Peres überschritten, diesen „Point“. Auf der anderen Seite empfehle ich das heutige Interview mit Shimon Peres aus dem Schweizer Fernsehen SF1, damit hat er mehr als nur gerade wiedergutgemacht. Für dieses Interview, auch wenn es jüdische und nichtjüdische Antisemiten nicht überzeugt (sie wollen ja nicht überzeugt werden) können wir ein ganzes Stück stolz sein.

Politiker denken wohl manchmal, sie seien „Staatsmänner“, wenn sie lügen und täuschen, sich einschmeicheln und sind nicht immer abgeneigt sind anderen in den Hintern zu kriechen, wenn es ihren Zielen dient. Das geschieht je nach politischer Wetterlage und Opportunität. Israel hat einige Probleme, davon nicht wenige existenzieller Natur. Nethanyahu wurde schon in seiner ersten Kadenz als Premierminister von der Presse dabei erwischt, wie er dem Rabbi Ovadia Joseph, Guru der Schasspartei, ins Ohr flüsterte (und dabei zufällig von einer Fernsehkamera aufgenommen wurde), die Linken (jene, die den Staat möglich gemacht und aufgebaut haben) seien gar keine richtigen Juden und noch einige andere feine Sprüche in diesem Zusammenhang. Vor einigen Tagen hörte ich solches von Shimon Peres, dem ich eigentlich so viel Charakterlosigkeit nicht zugetraut hätte. Er verlor einen grossen Teil meiner und auch anderer Achtung, als er anlässlich eines Vorpessachbesuches bei den Frommen von Bnei Brak zum Besten gab, wie sehr er sie, die ausser die Thora nichts studieren, schätze. Er sei soooo glücklich, dass der Staat und dessen Armee diese Bürger für ihr lebenslanges Lernen der heiligen Schriften freigestellt habe. Diese Aussage ist umso perverser, weil sie von jemandem kommt, der sein langes und noch immer aktives Leben mit dem Aufbau und der Verteidigung Israels verbracht hat. Heute ist er bestimmt Israels bester und aktivster Präsident seit der Staatsgründung und weiss, dass sein Ziehvater David Ben Gurion 1948 gut meinend einen schlimmen Fehler gemacht hatte, als er wenigen Hundert Jeshivaschülern mit einem Gesetz die Bürgerpflicht des Militärdienstes erliess, um dem Staat, so schien er gedacht zu haben, neben dem Sozialismus der Gründergenerationen und derer Pionierarbeit auch ein wenig altbackene Jüdischkeit zu erhalten.

Aus den drei- oder vierhundert mit diesem Gesetz vorgesehenen (oder auch nur gemeinten) Thoraschülern sind inzwischen Hunderttausende geworden. Jährlich gehen dem Staat und der Armee rund vierzigtausend Soldaten verloren. Das ist nicht alles. Die Zunft ultraorthodoxer und weitgehend in selbst gewählter Armut lebender Drückeberger, trägt dem Staat nicht zum Bruttosozialprodukt bei, sondern drückt es herunter. Israel ist heute das industrialisierte Land mit dem grössten Anteil nichtarbeitender, im Erwerbsalter stehender Bürger. Nicht nur tragen sie dem Staat der Juden nichts bei, sondern sie lassen sich von ihm auf Kosten der Steuerzahler, zu denen sie mit Nachdruck nicht gehören, aushalten. Ihre durchschnittliche Geburtenzahl pro Frau ist acht Kinder (mit steigender Tendenz), diejenige der israelischen Araber nimmt kontinuierlich ab – die neuesten Zahlen sind etwa 3,2 Kinder (Tendenz sinkend) pro muslimisch-arabischer Frau – ein Beweis steigender Lebensqualität für unsere arabische Mitbürger (Die Geburtenrate christlicher Araber in Israel, liegt noch unter derjenigen sekulärer Israelis). Zwar steige, so ist gelegentlich zu vernehmen, die Zahl junger Haredim, die statt für das Land Thora zu lernen einen Beruf ergreifen und in der Armee dienen an, doch – falls das stimmt, ist davon noch wenig wahrzunehmen. Es gibt heute in der Armee ein Battalion haredischer Soldaten (den Nahal Haredi), von denen, so erzählte mir eine junger, aus Kanada stammender Soldat und Sohn alter Freunde in Montreal, der in dieser Einheit dient, es nur wenige wirkliche Haredim gäbe, es seien vor allem andere Orthodoxe dabei, die sich an diesem mädchenlosen koscheren Soldatendaseins erfreuen. Diese Situation in Israel als Ganzes betrachtet, ist in der haredischen Welt eine Ausnahme, denn, selbst in deren Sekten in den USA und europäischen Zentren ultra-orthodoxen Lebens, nehmen Haredim voll am Erwerbsleben teil, arbeiten für den Unterhalt ihrer Familien und lernen Thora neben der Arbeit. Sie hegen, kurz gesagt und im Gegensatz zu israelischen Jeschivaboys, keine Abscheu vor produktiver Arbeit und werden nicht zu Parasiten, die sich und ihre Familien vom meist wenig gläubigen arbeitenden Bürger aushalten lassen. Nicht nur hält die Ultraorthodoxie damit die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zurück, in dem sie, statt durch Bildung und produktive Arbeit dem Arbeitsmarkt beizutragen, ihn finanziell schwächt – die extremistischen unter ihnen lehnen den Staat, den sie melken, gar gänzlich ab, da ein solcher nur vom Messias selbst errichtet werden dürfe. Der bekannte St. Nimmerleinstag.

Der Charakter Israels ändert sich. Wie überall in dieser Welt bleibt nicht alles beim Alten. Nur eben, in unserem Land können gewisse „Traditionen“ fatal werden. Es ist zu lesen, dass Israel, falls sich in seiner internen Politik nichts ändert, bis 2040 eine ultraorthodoxe Bevölkerungsmehrheit haben werde. Dieser Mehrheit wird sich die moderne Bevölkerung kaum fügen wollen, sie wird, falls sie es kann, auswandern. Der Gründe sind es viele: die damit verbundene religiöse Nötigung und Entdemokratisierung des Staates, die Schwächung der Wirtschaft und der Armee durch eine Mehrheit, die unfähig wäre selbst einen Staat und dessen Wirtschaft zu führen und ebenso unfähig wäre diesen Staat gegen seine Feinde zu verteidigen. Mit der Halacha lässt sich ein moderner überlebensfähiger Staat ebenso wenig führen, wie mit der Sharia in islamistischen Ländern. Aus dem hoch technologisierten und von moderner Wissenschaft gestützten jüdischen Staatwesen demokratischer Prägung, würde eine mittelalterliche jüdische Theokratie selbst gegen mittelalterliche muslimische Theokratien keine Chancen haben.

Noch immer und von mir wiederholt geschrieben bin ich der Ueberzeugung, dass nicht arabischer Hass auf uns Juden, so unentwegt er auch ist, Israel wirklich gefährdet. Dagegen besitzen wir die vorwiegend selbstgeschaffenen militärischen Mittel und die dazu gehörende Motivation. Gegen die oben beschriebenen demographischen Gefahren, gibt es wenig Abhilfe, ausser der völligen Einbindung aller israelischen Bürger in sämtliche Bereiche unseres Staatswesens, ein Ende der inoffiziellen aber bestehenden Benachteiligung unserer arabischen Bürger (aber mit, damit verbunden, völliger Wahrnehmung israelischer Bürgerpflichten und nicht nur Bürgerrechte) und dasselbe in Hinsicht auf die oben von mir so sympathisch beschriebenen jüdischen „Sonderbürger“. Solange Israel, weil von religiöser Seite aus grundsätzlicher, auf Besitzstandswahrung und Ablehnung der Demokratie als Regierungsform ruhender Verweigerung einer völlig demokratischen Verfassung moderner Art, nicht einführt, solange wird die innerisraelisch und innerjüdische Gefahr für Israel weiter wuchern. Unser Grosskinder und ihre Nachkommen werden sich damit in den kommenden Jahrzehnten auseinandersetzen müssen.

Hoffentlich bleibt es bei diesem Ausrutscher von Shimon Peres und wir hoffen, er schiebe nicht noch weitere nach. Die Achtung, die er aus dem Volk erhält, darf er sich nicht verscherzen. Er scheint manchmal müde zu sein, in seinem Alter eine verdiente und entschuldbare Eigenschaft. Mit Senilität hat das aber nichts zu tun.

Kommentare:

Alexander Scheiner hat gesagt…

Lieber Uri, ich muss Dir Recht geben. Jedoch ist es für Israel und für Juden gut, einen Mann wie Shimon Peres als Präsidenten zu haben. Eine Enttäuschung für mich ist die Regierung. Ich frage mich tagtäglich, was diese Ansammlung von politischen Nulpen will. Bis jetzt haben sie Israel und damit Juden geschadet und Israelhassern, Antizionisten und Antisemiten zu "hab ich ja immer gesagt"-Erlebnissen verholfen. Mit Schalom, Alexander Scheiner

Marti hat gesagt…

Ich finde zwar nicht alle Aspekte der ultra-orthodoxen jüdischen Kultur besonders schön und ich kann die Abneigung vieler säkularer Juden gegenüber den Ultraothodoxen gut verstehen, aber eines muss man ihnen zu Gute halten: durch ihre phänomenale Vermehrungsrate sorgen sie dafür, dass das jüdische Volk nicht untergehen wird.

In vielen Ländern erodiert die Zahl der Juden durch Assimilation, Mischehen und niedrige Geburtenraten, nur die Ultraorthodoxen sind davon so gut wie nicht betroffen.

Dazu sind nicht alle Drückeberger, die auf Staatskosten leben, in den USA verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt selbst.

Und einige halte ich sogar für eine echte Bereicherung, auch wenn sie ziemlichlich durchgeknallt sind, wie beispielsweise die Nanachs bei den Breslovern.