Dienstag, 18. Oktober 2011

Wieder daheim



Alle paar Monate findet in Israel eine ein- oder mehrtägige Periode statt, während der das ganze Land am Fernseher oder am Radio hängt und Nachrichten verfolgt. Heute war es die Rückkehr Gil’ad Shalit's aus islamistischer Gefangenschaft bei der Hamas in Gaza. Zwar waren wir heute an der Bar Mitzwa unseres Enkels Eran, aber sogar dort drückten die Gäste an ihren Smart-Phones herum, um Live-Berichte zu suchen und die News weiterzugeben.

Selten noch war es leichter die ethische Distanz des Zivilisationsverständnisses zwischen Israel und seiner freien Gesellschaft und der islamisch-arabischen Welt mit ihrer Kultur der Todessehnsucht, des Märtyrertums zu verstehen. Richard Herzinger schreibt: „Es zeigt den fundamentalen Unterschied zwischen einer offenen, demokratischen Gesellschaft und einem zynischen kollektivistischen Unterdrückungssystem.“. Weiter schreibt Herzinger: „Welchen Kontrast bietet ein solches Wertesystem zu den Maximen einer (Un-) Kultur, die den “Märtyrertod” als oberstes Ideal namentlich für junge Männer propagiert und sich nicht scheut, sie im Namen einer Religion als “Selbstmordattentäter” zu missbrauchen! Nichts hat diesen Gegensatz so bösartig auf den Punkt gebracht wie die islamistische Parole: “Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.”

All das wird und wurde heute demonstriert. Die grosse Freude des gesamten Landes über die Rückkehr „seines“ Sohnes Gil’ad aus der Gefangenschaft und die obszönen Festlichkeiten, mit denen die aus israelischen Zuchthäusern entlassenen arabischen Massenmörder von ihren islamistischen Herrschaften und deren hirngewaschenen Untertanen gefeiert werden. Auf der einen Seite freut sich ganz Israel über die Rückkehr Gil’ads in die Freiheit und auf der anderen Seite entzücken sich palästinensischen Massen über die Rückkehr ihrer geliebten Kindsmörder. Neu ist das alles nicht, denken wir an Samir Kuntar, der sich noch heute im Libanon feiern lässt, weil er einen Vater und seine kleinen Kinder mit dem Gewehrkolben erschlagen hat.

Ein weiteres Phänomen ist in diesem Zusammenhang erschienen. Allen, besonders Israels Entscheidungsträgern, ist klar, dass das Freilassen von 450 hauptberuflichen Massenmörder und Terroristen, denen die Möglichkeit verschafft in ihren angestammten Beruf als Killer wieder tätig zu werden. Die Alternative zu diesem Abkommen wäre das Todesurteil für Gil’ad Shalit gewesen. Für einmal hat Nethanyahu menschliche Grösse bewiesen und die einer freien Gesellschaft, die Menschenleben über alles stellt, entsprechende Wahl getroffen. Diese Wahl fördert das Vertrauen unserer Soldaten in ihre politische und militärische Führung, den sie beweist, dass sie ihre Wehrmänner auf dem Schlachtfeld nicht sich selbst überlässt, sondern alles tut, um sie verletzt oder nicht, nach Hause zu bringen. Mit anderen Worten, Israel sieht seine Soldaten nicht als zu verheizendes Kanonenfutter, sondern als jenen Teil der Bürger, der Israel das Überleben sichert und dafür sein Leben riskiert. Im Gegensatz zur arabischen Terrorszene ist der Märtyrertod kein Ideal, sondern tunlichst zu vermeiden.

Terror hat in Israel bisher tausende von Opfern gefordert. Meist sind es Zivilisten, die im Gegensatz zu Soldaten, sich nicht wehren können. Zugedröhnte Selbstmordattentäter sind die Ausnahme, auch wenn sie einen grossen Teil der Opfer verursachen. Familien der Opfer reagieren verschieden. Es gibt solche, die Vereinigungen Hinterbliebener von Terroropfern beitreten und sich gegenseitig helfen, Versöhnung suchen und Kontakte miteinander pflegen. Das gilt ebenso für jüdische, wie auch für arabische Familien, denn auch arabische Israelis werden zu Terroropfern. Oft arbeiten Juden und Araber in solchen Selbsthilfegruppen zusammen und beweisen Charakterstärke, die nicht den Hass pflegt, sondern die Verständigung. Es gibt auch andere, wie jene Familienmitglieder die beim Selbstmordattentat in der Pizzeria Sbarro in Jerusalem Angehörige verloren hatten. Ich weiss man sollte mit ihnen darüber nicht streiten und, auch wenn sie von Versöhnung und Grosszügigkeit nichts hören wollen, sie verstehen. Doch als eine solche Familie, die die Freilassung Gil’ad Shalits vor Israels Obergericht (erfolglos) angefochten hatte, vor Gericht über dessen Vater Noam herfiel und ihn anklagte ihr Leid zu ignorieren, platzte auch mir der Kragen. Als ob Rachegelüste ihre ermordeten Familienmitglieder zurück bringen würden – eine Frage die ihnen Noam Shalit selbst stellte.

Es gibt also zweierlei Wege, sich als Angehörige von Terroropfern diesem Schicksal zu stellen:

Hass und allem, was Hass in einem Menschen aufkommen lässt

oder

mit der Suche nach Versöhnung und der Einsicht, dass Rache niemandem nützt und nur die Seele verhärtet.

Immerhin, meine eigene Erfahrung mit Hinterbliebenen von Terroropfern unter Bekannten und Freunden ist, dass Hass mehrheitlich abklingt, auch wenn die Antipathie gegen Palästinenser in Israel in den letzten Monaten und Jahren exponentiell gewachsen ist. Das verwundert nicht, da palästinensische Hassgesänge gegen Juden nicht am Abklingen sind, sondern zunehmen.

Heute, da auch jüdischer Terror gegen unschuldige Palästinenser, deren Olivenhaine, Moscheen, Häuser und auch ihr Leben in Mode zu kommen scheint und als „Price Tag“ (Preisschild) von fanatisierten Westbankjuden praktiziert wird, müssen wir Israelis besonders vorsichtig sein, palästinensischen Terror gegen jüdischen Terror auszuspielen, so wie es gelegentlich von jüdischen Polit-Extremisten getan wird. Nur schon in reinen Opferzahlen und dem Niveau rücksichtsloser Brutalität sind die Palästinenser diesen Juden weit voraus. Das macht jüdischen Terror aber keineswegs akzeptabler und er muss mit aller Kraft bekämpft werden. Jüdische Terroristen sind für Israel eine Schande, denn sie bringen uns auf ein ethisches Niveau, das uns in unheimliche Nähe des ethischen Niveaus unserer Feinde positioniert. Auf diese Art darf Israel sich unter keinen Umständen in diese Region der Gewalttätigkeit, Korruption und reaktionärer Religionen integrieren.

Trotzdem und zum Abschluss: ich bin heute besonders stolz auf unser Land, einer, das wenn es darauf ankommt, Insel der Humanität in einer sonst trostlosen Umgebung ist. 

Baruch HaBah, Gil’ad Shalit. Jetzt darfst du wieder Sohn deiner Eltern sein, statt Sohn aller Israelis. Oh, zudem Gratulation zu deiner Beförderung vom Korporal zum Sergeant-Major.

Kommentare:

esther hat gesagt…

Amen!

Alexander Scheiner hat gesagt…

Lieber Uri, nun sind wir alle wieder glücklich und das ganze Jüdische Volk, mit den unten aufgeführten Ausnahmen, freut sich. Gilad ist wieder Zuhause, zwar in bedenklichem Zustand nach einem fast 2000-tägigen palästinensischen Gefängnis. Hast Du gesehen, wie er kurz vor seiner Freilassung von der palästinensischen Hamas behandelt wurde? Ich meine damit das erzwungene „Interview“, mit dem schwer bewaffneten palästinensischen Terroristen im Rücken? Und hast Du gesehen, wie Abbas rückkehrende palästinensische Terroristen begrüsste? Mit einem oder mehreren Küsschen und Umarmungen. Jetzt will der Herr Dr. Abbas weitere palästinensische Terroristen frei pressen. Angeblich hat es ihm Herr Olmert versprochen. Will Abbas wieder Terroristen abküssen oder hat er öppis anderes im Sinn? Ich glaube, er hat immer noch Bedarf für erfahrene Terroristen. Wer sich freut, dass palästinensische Gefangene freigelassen wurden, sind die linken und säkularen Schweizerjuden, die nun ihre altruistische Seele an diesen Terroristen ausleben dürfen:
Dies sind die Mitglieder und Unterzeichner von: JVJP, EJJP, Swiss-Jews-for-two-states, (etwas dümmlich, der englische Titel). Schabbat Schalom, Dein Alexander Scheiner

Heimo Geske hat gesagt…

naja - Abbas will ja jetzt punkten, indem er weitere Freilassungen fordert, nachdem seine Konkurrenz, Hamas, jetzt den Erfolg feiert - so sehr ich mich über die Freilassung & Rückkehr Gilad Shalits freue, scheint der Bumerang zu sein, daß Hamas & Konsorten, diese Art der Freipressung ihrer Terror-Kämpfer jetzt als ultimatives Erfolgsrezept verinnerlicht hat, daß jeder Terrorakt in Zukunft praktisch straffrei ausgeht, wenn man es schafft, auch nur einen Israeli zu entführen, mit dem man die Taten von 100en Morden aufwiegen kann. - Ich hoffe, Israel macht diesem Kalkül künftig einen Strich durch die Rechnung - ein 2.es Gilad-Shalit Drama sollte es nicht geben dürfen ..