Donnerstag, 21. März 2013

„…weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Christian Morgensterns Gedicht: „Die unmögliche Tatsache“ in der krummen Realität der „Israelkritiker“

 

Die unmögliche Tatsache 

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

"Wie war" (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
"möglich, wie dies Unglück, ja - :
daß es überhaupt geschah? 

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift? 

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?" 

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im Klaren:
Wagen durften dort nicht fahren! 

Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf. 

Israelhasser haben es schwer. Immer auf der Suche nach negativem, möglichst Ungerechtem oder gar Blutrünstigem über Israel und seinen bösen Juden, müssen sie oft äusserst phantasievoll und erfindungsreich sein, um ihre Dummheit zu beweisen. Nie kommen sie auf die Idee irgendwelche in den Wind gestellte „Fakten“ zu überprüfen, was stets dazu führt, Nachrichten und deren dahinterstehende „Fakten“ ihrer Ideologie anzupassen. Mit anderen Worten: bewusst zu lügen. 

Ich will hier einige Beispiele dieses Phänomens aufführen. Vielleicht ist es amüsant, aber typisch und dumm sind sie auf jeden Fall. Es geht diesen vor Judenhass platzenden Terror-Sympathisanten vor allem darum, Israel jeweilige Motivation zu verdrehen, ja ins Gegenteil zu verfälschen. Hier, bitte, in würziger Kürze: 

Viele Palästinenser arbeiten in Israel, um ihre Familien zu ernähren. Bis zur Zweiten Intifada erreichten sie ihre Arbeitsplätze im eigenen Auto, mit Bussen und Sammeltaxis, sogar per Autostopp. Nach Ausbruch der Intifada Zwei und den palästinensischen Massenmorden an Israelis (Juden und Araber) wurde der Sicherheitszaun errichtet, der auf der einen Seite den palästinensischen Selbstmordtourismus fast gänzlich abbrach, aber auf der anderen Seite die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einschränkte. Auch weiterhin arbeiten viele von ihnen in Israel, doch müssen sie sich an bestimmten Grenzdurchgängen durchschleusen lassen. Auf der israelischen Seite warteten Busse, Kleinbusse und Taxis, die Palästinenser an den Arbeitsort zubringen. Die Anbieter dieser Transporte schröpften die ohnehin nicht gerade reichen Palästinenser, es entstand eine eigentliche Transportmafia. 

Nun entschloss sich die israelische Regierung diesem Zustand ein Ende zu machen. Sie stellt den Arbeitern Busse zur Verfügung, die sie für einen Viertel des bisherigen Preises an ihren Zielort brachten. Busse, die für diese palästinensischen Arbeiter bestimmt sind, um ihnen ihren Transport zum Arbeitsplatz zu vereinfachen und zu verbilligen. 

Und schon springen gutmenschelnde Israelkritiker auf diesen fahrenden Bus. Sie schreien Apartheid, kann es doch nicht sein, dass die israelische Regierung etwas ohne rassistische Hintergedanken für Palästinenser tut. Ein Bus nur für Palästinenser? Das kann nur Apartheid sein! Zwar ist diesen Arbeiter unbenommen, auch heute noch ihre privaten teuren Taxis bemühen, sind wir doch ein freies Land. Doch warum sollten sie? Wieder einmal haben die üblen Gedankenmanipulationen mieser Hasser keine Grenzen. Wie alle Extremisten, links oder rechts, a priori humorlose Menschen, verstehen sie Christian Morgensterns Schluss, dass, eben nicht sein kann, was nicht sein darf, als grundsätzlichen Teil ihrer Ideologie, einer sehr ernsthaften Ideologie, das sei gewiss, die auch den Spruch des Morgenstern nur todernst nehmen kann. 

Weiter erinnere ich mich an das fürchterliche Foto eines blutüberströmten Palästinensers, hinter dem ein israelischer Polizist mit erhobenem Stock steht. Leider mussten Israelkritiker ihre Freude einschränken, denn das Opfer war ein jüdischer Student aus Amerika, der von seinem Vater sofort erkannt worden war. Er war von diesem Polizisten vor einem palästinensischen Lynch gerettet worden. 

Oder wie wär’s mit der inzwischen gerichtlich enttarnten Fälschung des Todes von Mohammed al-Dura, dessen Erschiessung durch israelische Soldaten von einem Filmjournalisten arrangiert worden war und dann Gemüter erhitzte. Der kleine Mohammed soll noch immer leben. Doch die ach so kurze Gelegenheit Israel zu verleumden wurde mit Begeisterung wahrgenommen.  

Es geschehen im Nahen Osten bis heute sich laufend verschlimmernde monströse Blutbäder. Israel ist als Staat kein Engel und es geschehen gelegentlich schlimme Dinge. Denn Israel ist vor 66 Jahren ein permanenter Krieg aufgezwungen worden. Und in jedem Krieg geschehen nicht immer gewollte Dinge. „La guerre c’est la guerre“ wie mein weiser Freund Roger Guth wiederholt von sich gibt. Die ersten, die sich darüber aufregen sind die Israelis selbst, weil sie sich schämen und Übergriffe so weit wie möglich berichtigen wollen. Aber verglichen mit allem, was in unserer Nachbarschaft täglich geschieht ist Israel ein Waisenhaus voller Waisenknaben.

Dienstag, 19. März 2013

Nach den israelischen Wahlen - der neue Hoffnungsträger



Seit Wochen wurde täglich klarer, dass Yair Lapid, der eigentliche Sieger der vergangenen Parlamentswahl, mit seiner politischen Karriere die Träume seines verstorbenen Vaters Tommy erfüllen will. Dieser wollte ein kulturell westliches Israel, demokratisch und säkular, ohne Erpressungen durch ultraorthodoxe Sektierer.

Sein Ziel hatte Tommy Lapid nicht erreicht. Ich bin überzeugt, dass seine politischen Enttäuschungen mitschuldig an seinem frühen Tod waren. Nun liegt es an seinem Sohn Yair, das Ziel seines Vater soweit wie nur möglich zu erreichen.*

Neuer Wind im Erziehungsministerium?

Mit seinen entschlossenen Verhandlungen mit Bibi und mit Hilfe seines neugewonnenen Freundes Naftali Bennett von der nationalreligiösen Siedlerpartei hat er Vorbedingungen geschaffen, die seinem Vater Tommy, seinerzeit Justizminister der Regierung Olmert, nicht zur Verfügung gestanden hatten. Die wohl wichtigste davon ist die parteiinterne Bestimmung, die Yair Lapid den Parteivorsitz bis 2020 sichert. Tommy Lapid hatte die Kontrolle über seine Partei durch den Aufstand junger und machtbesoffener Mitglieder verloren, die ihn herausekelten und prompt die Partei zerstörten.

Yair Lapid sicherte seiner Partei unter anderem das Finanzministerium und, nicht weniger wichtig, das Erziehungsministerium und das Gesundheitsministerium. Israel Schulen wurden seit der Machtübernahme durch den rechtsgerichteten Likud, besonders von der damaligen Erziehungsministerin Limor Livnat, qualitativ fast zerstört. Zum Entsetzen vieler Lehrkräfte in Volks- und Hochschulen bekam nationalistische Indoktrination Vorrang vor fachlicher und humanistischer Bildung.

Entmachtung der Ultraorthodoxen

Nun haben es Yair Lapid und seine Parteikollegen in der Hand, den religiös und nationalistisch korrumpierten Staat wieder auf die Reihe zu bringen. Es sind andere und offene Kriterien zu setzen, mit denen die staatlichen Mittel wieder vermehrt in die staatlichen Schulen und Hochschulen fliessen, statt an parasitäre haredische (ultraorthodoxe) Bibelschulen, die dem Staat und seinen arbeitenden Bürger absolut nichts bringen, ihn jedoch gnadenlos aussaugen.
All das in völligem Gegensatz zu den Schulen und Hochschulen der ersten drei bis vier Jahrzehnte des jüdischen Staates. Mit dem Wahlresultat seiner Partei hat Lapid die Haredim (die politische organisierte Ultraorthodoxie) entmachtet und so Netanyahu dessen bisherige automatische, weil kaufbare parlamentarische Mehrheit entzogen. Mit diesem bürgerlichen Zünglein an der Machtwaage wird, so ist zu hoffen, diese Regierung, die ohne Linke und Ultraorthodoxe auskommen muss, trotzdem zum humanistischen Gesellschaftsverständnis zurückfinden, das dem wirklichen Israel zugrunde liegt.

Das Spektrum der Lapid-Partei

Interessant an Lapids Partei „Yesh Atid“ (Es gibt eine Zukunft) ist die Zusammensetzung ihrer Knesset Fraktion. Dort gibt es u.a. einen Lokalpolitiker, zwei orthodoxe Rabbiner, davon einer ehemaliger Schulleiter und jetzt Erziehungsminister, die langjährige Bürgermeisterin von Herzliya, den Bürgermeister der Wüstenstadt Dimona, einen ehemaligen Chef der Spionageabwehr, einen Journalisten (neben Lapid, der ja auch einer ist), eine äthiopische Rechtsanwältin und einen äthiopischen Rechtsanwalt, eine säkulare - Talmud unterrichtende - Hochschullehrerin, einen ehemaligen hohen Polizeigeneral und eine Frauenrechtlerin.

Eines ist damit erreicht: Lapids Partei zeigt sich nicht als Jobverteilungsagentur für Parteimitglieder, sondern als bisher erfolgreiche Vertretung akzeptierbarer Prinzipien – ein Novum in der Politik Israel, seit der Likud vor Jahrzehnten die Macht ergattert hat.

Neue Mindestgrenze für Einzug in die Knesset

Ein wichtiger von Lapid und Bennett gewonnener Punkt ist das von zwei auf vier Prozent angehobene Minimum der Wählerstimmen, um überhaupt als Partei in die Knesset einziehen zu dürfen. Damit sind vor allem die aschkenasischen (osteuropäischen) Haredim und die arabischen Parteien betroffen, die sich nun über einen Zusammenschluss für die nächsten Wahlen Gedanken machen müssen.

Da Lapid eher zukunftsgerichtete Ministerien (Finanzen, Wirtschaft, Erziehung und Gesundheit) gewonnen hat, statt sich vor allem mit sicherheits- und aussenpolitischen Dingen zu befassen, steht, so denke ich, Wirtschafts- und Sozialpolitik für ihn im Vordergrund. Nethanyahus Macht hat nach diesen Wahlen plötzlich Grenzen gefunden, und das Duo Lapid/Bennett hat in den Verhandlungen um die Regierungsbildung demonstriert, dass man sich nicht von Bibi über den Tisch ziehen lassen muss.

Arbeitspartei mit vagem Profil

Anderes in dieser neuartigen, von politischen Neulingen durchsetzten Politlandschaft bereitet Sorgen, auch wenn die Freude über die Teilentmachtung Bibis noch im Vordergrund steht.

Es gibt in der Knesset keine wirkliche Linke mehr, ausser Meretz, einer Partei mit heute sechs Sitzen (vor den Wahlen drei) und der jüdisch-arabischen kommunistischen Partei Hadash mit heute drei Sitzen. Die Arbeitspartei hat unter ihrer Chefin Shelly Yachimovic eine Regierungsbeteiligung abgelehnt. Erstens will sie nicht einer Regierung von Netanyahu angehören - ein respektabler Einwand. Und zweitens interessiert sich Shelly fast ausschliesslich für Soziales und wirtschaftliche Umverteilung.

Besetzte Gebiete – eine zweitrangige Frage?

Was in den besetzten Gebieten und im Zusammenhang mit Friedensverhandlungen geschieht, ist ihr zweitrangig – eine Einstellung, die ich, wenn auch nicht so extrem, teilen kann. Die Zeit ist gekommen, Israel die in den letzten Jahrzehnten innenpolitisch teilweise verlorene ethische Basis zurückzugeben. Das Ideal einer für alle Bürger gerechten Gesellschaft, eines nicht schweinischen Kapitalismus à la Netanyahu und seiner oligarchischen Freunde, einer Gesellschaft, in der alle am gleichen Strick ziehen und nicht nur Rechte konsumieren sondern auch Pflichten erfüllen. Einem Land, in dem nicht Rechtsextremisten, orthodoxe und säkulare, rassistische Gesetze durchzubringen versuchen, die nur durch den entsetzten Druck vieler anständiger Bürger und den Höchsten Gerichtshof bisher abgewendet worden sind.

Kampf um den Erhalt der Demokratie

Nun liegt es an der Knesset und deren vor allem menschlichem Anstand statt nationalistisch-rassistischem Getue verpflichteten Mitgliedern, eine Politik nationaler Versöhnung zu führen. Ich wiederhole: Israel ist ein demokratischer Staat, der alles tun muss, einer zu bleiben. Zu leicht ist es, einer der manchen unserer Nachbarn ähnlichen Politik der religiösen Intoleranz und des Hasses zu verfallen, die alles Fremde ablehnt und für alle Misserfolge aussenstehende Sündenböcke sucht und für nichts Eigenverantwortung übernehmen will.

Israel liegt in einer eher barbarischen Region, in der Hass, fehlgeleitete Religion und Terror den Alltag bestimmen. Noch sind wir Israelis davon weit entfernt, müssen aber kämpfen - wirtschaftlich, politisch und sozial – um als Land demokratischer Traditionen zu überleben. Nicht als Teil der in dieser Region verbreiteten Willkür und Gewalttätigkeit, sondern als Teil moderner westlich-demokratischer Überzeugung.



*Yair Lapid: „Memories after my death“, Elliot & Thomson, 2011
(Dieser Artikel ist heute auch im Journal21 erschienen)

Montag, 18. Februar 2013

Drusen in Israel

Die Lage der Drusen auf der Golanhöhe ist durch die Vorgänge in Syrien in die Schlagzeilen gerückt. Etwas Information zu diesem Thema tut not.  

Israels traditionelle drusische Minderheit

Folgende Geschichte erzählte mir mein drusischer Freund Hani aus Daliat al-Carmel: „Als Israel 1948 von arabischen Armeen und palästinensischen Freischärlern angegriffen wurde, rief der damalige Gewerkschaftsfunktionär Abba Hushi die Führer der drusischen Dörfer auf dem Carmel an sein Krankenbett in einem Spital in Haifa. Er war damals schon ein einflussreicher Politiker im Land und wurde kurz später Bürgermeister der Stadt. Er wisse, sagte er den drusischen Scheichs, dass die Araber sie mit Waffen versorgt hätten, damit sie an den arabischen Angriffen teilnehmen und Juden töten könnten. Doch, so sagte er, wir sind doch traditionell Freunde. Er verspreche ihnen, dass sie, wenn sie sich still verhalten würden, er dafür sorgen würde, dass sie den Krieg unbeschädigt überstehen und im neuen Staat Israel als freie Bürger leben würden. Nicht nur die Drusen auf dem Carmel, sondern die meisten Drusen Palästinas gingen auf Abba Hushis Vorschlag ein. Sie vertrauten ihm. Abba Hushi hielt sein Wort“.

Im Übrigen ist hinzuzufügen, dass Abba Hushi einer der grossen unter den sozialistischen Staatsgründern war, dessen Einfluss unter anderem die Hafenstadt Haifa zum „Roten Haifa“ machte, einer Bezeichnung die bis heute gültig ist.

Drusen sind überall im nördlichen Israel zu finden. Rund 110‘000 leben auf dem Carmel und in Galiläa, zerstreut in zahlreichen Dörfern, in rein drusischen wie Daliat al-Carmel und gemischten Orten wie Usifiya und Shfar‘am, wo sie zusammen mit muslimischen und christlichen Arabern und auch Juden gut leben. Man nennt Israels Drusen die besten Zionisten und die grössten Patrioten des Landes. Sie sind vertreten in zionistischen Organisation, halten an Zionistenkongressen begeisternde Reden, die ich schon selbst miterlebt habe. Der drusische Delegierte schimpfte mit ausländischen und israelischen jüdischen Teilnehmern, sie würden Hebräisch weder lernen oder gar sprechen. Und, adressiert an die amerikanischen und europäischen Juden, klagte er diese an, nicht genügend unter ihnen würden Alia machen (nach Israel emigrieren). Israels Drusen haben sich bewusst und freiwillig der allgemeinen Wehrpflicht unterworfen und drusische Soldaten sind in Generalsrängen zu finden. Es gibt eine Drusen-Bataillon, doch die meisten ziehen es vor in Eliteeinheiten zusammen mit jüdischen Wehrmännern zu dienen.   

Was Frauenrechte betrifft hinkt die drusische Gesellschaft weit hinter der jüdischen und christlichen hinterher. Sie ist nicht weniger patriarchalisch wie die traditionelle muslimisch-arabische; der Mann herrscht und die Frau ist ihm unterworfen – es sei denn, die Familie hat sich dem modernen israelischen Lebensstil soweit angepasst, dass sie ihre Töchter an jüdische Mittelschulen schickt, in denen sie den jüdisch-israelischen Lebensstil zu einem grossen Teil erlernen und übernehmen. Ihr hebräischer Akzent ist dann nicht arabisch, sondern sie sprechen mit dem Akzent eines Sabres, einem in Israel geborenen Juden. Entgegen dem Willen der drusischen Scheichs, aber von ihren Eltern bewusst unterstützt, absolvieren junge Drusinnen in wachsender Zahl den zweijährigen israelischen Zivildienst – so weit wie christliche Araberinnen in Elite-Kampfeinheiten, sind sie noch nicht. Ein anderes Beispiel drusischer Frauenrechte: da Drusen keine Muslime sind, dürfen sie Alkohol trinken – aber nur die Männer. Frauen nicht, wie ich aus Erfahrung gelernt habe.

Drusen der Golan

Israel eroberte die Golanhöhe im Sechstagekrieg 1967, nachdem es jahrelang von syrischer Artillerie beschossen worden war und unzählige Opfer erlitten hatte. 1981 wurde die Golan annektiert und es herrscht dort israelisches Gesetz. Heute leben auf dort gegen 20‘000 Drusen und etwa gleich viele Juden, die unter anderem auch in Kibbuzim wohnen. Im Gegensatz zur Westbank herrscht Frieden zwischen den zwei Bevölkerungsgruppen, fanatisches Siedlertum und Grossisraelphantasien gibt es nicht. Die Golanhöhe ist heute eine der wichtigsten Produzenten israelischer Landwirtschaftsprodukte, vor allem Obst und Wein hoher Qualität. Daran sind Drusen und Juden beide beteiligt. Drusen aus der Golan sind oft auf israelischen Jahrmärkten zu finden, wo sie vor allem Lebensmittel anbieten, wie Olivenöl, drusische Pitot (Brot), oft enormer Grösse. Ihre selbstgemachte Konfitüre ist sehr lecker. 

Ein oberster Grundsatz des drusischen Volkes ist, volle Loyalität dem Land gegenüber zu beweisen, in dem sie leben. Doch viele Golan Drusen haben damit ein Problem. Durch die Annektierung der Golanhöhe durch Israel, erhielten sie Gelegenheit israelische Bürger zu werden. Bisher haben die meisten das abgelehnt, vor allem aus zwei Gründen. Bis anhin lebten syrische Drusen mit besonderer Verbundenheit und Treue für die regierende Assad Familie. Diese gehört einer anderen syrischen Minderheit an, den Alawiten. Beide Assads, Vater und Sohn, förderten und schützten die drusische Gemeinschaft Syriens. Das ist der eine Grund. Der zweite ist, dass bis zum heutigen blutigen Bürgerkrieg in Syrien, Israel erfolglos versuchte mit Syrien Friedensverhandlungen aufzunehmen, die natürlich die Rückgabe der Golan an Syrien beinhalten würde. Das hätte zur Folge, dass Drusen israelischer Nationalität, wenn nicht sogar alle, um ihr Leben fürchten müssten. Warum das so ist, muss, so hoffe ich, nicht erklärt werden. Jetzt, mit der wankenden Herrschaft Bashar Assads und seinem voraussehbaren Ende, dem aller Voraussicht nach eine noch brutalere islamistische Herrschaft folgen wird, ist dieses Thema fast völlig vom Tisch. Früher verbrannten Drusen der Golan demonstrativ ihre blauen israelischen Identitätskarten, Solidarität mit der arabischen Welt zu demonstrieren. Heute, nachdem sie offenbar erkannt haben, dass nach dem baldigen Ende der ihnen wohlgesonnenen Assad-Diktatur, ihnen und ihrer Religion feindlich gesinnte Islamisten an der Macht sein werden, haben sie ihre Einstellung gegenüber Israel geändert. Vor allem junge Golan-Drusen wollen nun israelische Bürger werden. Täglich stehen Dutzende vor den Schaltern des israelischen Innenministeriums, um israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Sie sind zum Schluss gekommen, dass diese der syrischen Staatbürgerschaft vorzuziehen sei, dessen Regierung seine Bürger zu zehntausenden umbringt. Bis anhin waren Drusen in Syrien eine bevorzugte Minderheit, so wie die Alawiten Assads. Nach dessen Fall wird sich ihre Lage mit ziemlicher Sicherheit ins Gegenteil umkehren. Drusen der Golan, ob israelische Bürger oder nicht, wären dann zweifacher Verfolgung durch Islamisten ausgesetzt: als Drusen mit ihrer nichtislamischen Religion und als „Israelis“, als Verräter, die gemeinsame Sache mit dem jüdischen Erzfeind gemacht hätten.  

In einem Artikel der Internetzeitung „Times of Israel“ wird ein Druse (mit israelischem Pass) aus dem Dorf Massade auf der Golanhöhe zitiert: „Dieser Trend wird sich verstärken. Mehr und mehr Leute verstehen, dass Israel ein gut regiertes Land ist, in dem man leben und seine Kinder aufziehen kann. Das ist einem Flüchtlingsleben in einem anderen Land vorzuziehen. In Syrien gibt es Massenmord und sollten [die Drusen] unter syrische Kontrolle geraten, würden sie voraussichtlich zu Opfern dieser Greueltaten. Wir sehen ermordete Kinder und Flüchtlinge auf dem Weg nach Jordanien und die Türkei ohne Hab und Gut, und fragen uns: „Wo will ich meine Kinder grossziehen. Die Antwort ist klar – in Israel und nicht in Syrien“.“

Montag, 11. Februar 2013

Zwei Themen


 
 
Assad und seine Nachfolger

Dr. Assad, Präsident von Syrien und seine Aufständischen schlagen sich gegenseitig und mit ehrgeiziger Brutalität tot. Bis heute sind zwischen 60‘000 und 100‘000 Tote zu zählen, so genau nimmt oder weiss es keiner. Syriens arabischer Winter wurde, wie alle anderen auch, von Islamisten gehijackt. Genau so, wie in Ägypten, in Libyen, in Tunesien usw. Religion springt auf den fahrenden Zug, der durch das Volk der Verdrossenen und Frustrierten in Fahrt gesetzt worden ist und stülpt ihm Allah, oder was sie dafür halten, über. 

Viele Israelis, die sich nie für den Assad Clan und seine Diktatur befreunden konnten, können sich mit einem allfälligen Regierungswechsel nur zögernd, wenn überhaupt erwärmen. Der junge Assad hielt wenigstens seine eigenen Grenzen zu Israel ruhig und zettelte bloss, mit iranischer Unterstützung, die schiitische Hisbollah an, Israel zu gelegentlich zu bedrohen und Raketen dorthin zu feuern. Sollten nun Islamisten, wenn auch sunnitische al-Kaida Verbrecher, an die Macht kommen, könnte sich das ändern. Statt dem Iran wären dann al-Kaida und ähnliche Urheber und Motivatoren zur Zerstörung Israels. Regierungskreise geben heute schon bekannt, dass der nächste Krieg Israels voraussichtlich im Norden, mit den Nachbaren Syrien und Libanon stattfinden werde. Mit finanzieller Unterstützung aus Saudiarabien und den Emiraten am Golf.

Es sind gemischte Gefühle, die zurzeit in Israel herrschen. Ähnlich tönt es im Zusammenhang mit einer Konfrontation mit dem heute islamistisch regierten Ägypten. Ich habe keine Bedenken, Israel könnte sich mit diesen Herausforderungen nicht messen. Nur ist es schade um Menschenleben und finanzielle Mittel, die dadurch verloren gehen würden. Das gilt für beide Seiten. In der arabischen Welt, ganz besonders in der islamistischen (das sind fast alle), sollten Mittel zu Verbesserungen ihrer eigenen wirtschaftlichen und sozialen Rückständigkeit verwendet werden, statt Kriege anzuzetteln und damit mit Waffenkäufen eben diese Mittel zu „verbrennen“. Doch ist das Wort Selbstverantwortung in ihrer Welt mehrheitlich noch immer ein Fremdwort. Israel, mit seinen sozialen Problemen, für die, zu einem kleinen Teil auch der Zustand mangelnden Friedens verantwortlich ist, hat einen enormen Nachholbedarf seine eigene soziale Misswirtschaft zu kurieren. Unter Nethanyahu, der völlige andere Prioritäten besitzt, ist das kaum zu erwarten, auch unter friedlicheren Umständen. Denn dann müssten Siedlungstätigkeiten eingestellt und ein palästinensischer Friedenpartner gesucht werden. Heute hat unser Land durch die Resultate der kürzlich stattgefundenen Wahlen eine Chance erhalten, dies zu ändern.

Das Mami des Dzhabrial Kadayev

Der Fussballklub Beitar Jerusalem hat ein jahrelanges Problem vielleicht gelöst. Der Rassismus seiner Fans wurde zu einer enormen Hypothek für den Klub, es hagelte Strafen und die Finanzierung litt. Der Klub schämte sich über seine Fans. Die Fans bedrohten Spieler und Klubleitung, die sich fürchtete arabische oder muslimische Spieler anzuheuern, etwas das im israelischen Fussball gang und gäbe ist.  Der Klubinhaber, der jüdisch-russische Milliardär Gaydamak, fand den Mut zwei muslimische Spieler aus Tschetschenien zu kaufen. Dzhabrial Kadayev und Zaur Sadayev von tschetschenischen Klub Terek Grosny der russischen Nationalliga. Die erste Reaktion der Rassisten unter den Fans war Schock und Wut. Sie reagierten entsprechend. Das Klublokal von Beitar Jerusalem wurde angezündet und es entstanden grosse Schäden. Der Klub und viele Fans im Lande, wussten nicht wie das enden würden.

Heute Abend spielte Beitar Jerusalem gegen Bnei Sachnin, einem arabischen Nationalligaklub aus dem Galil. Ich musste mir das ansehen.

Kadayevs Mutter wurde aus Grosny eingeflogen. Sie durfte im VIP-Raum zusammen mit dem Jerusalemer Bürgermeister, der Sportministerin Limor Livnat (der Hauptverantwortlichen für den Niedergang des israelischen Schulsystems) und anderen sich wichtig vorkommenden Leuten sitzen. Ihr neunzehn Jahre alter Sohn sass auf der Ersatzbank.

Beim FC Bnei Sachnin spielen nicht nur arabische, sondern auch jüdische Spieler und afrikanische Söldner. Einer von diesen jüdischen Spielern heisst Weizmann, ein hochzionistischer Name. Er spielte gut und bekam eine gelbe Karte. Es ist eine Tatsache, dass arabische Integration im israelischen Fussball sehr fortgeschritten ist, weit über den Rahmen des arabischen Bevölkerungsanteils hinaus. Arabische Israelis spielen in fast allen Klubs und in der israelischen Nationalmannschaft. Dort wurden sie in der Vergangenheit mit Transparenten jüdischer Rassisten konfrontiert, im Sinne „arabische Spieler repräsentieren uns [den Staat Israel] nicht!“. Vielleicht führt der Mut Gaydamaks und der Klubleitung dazu, dass sich Fussballklubs in Israel nicht mehr von „ihren“ Fans terrorisieren lassen. Allerdings will betont sein, dass Rassismus im Fussball nicht weniger unter Fans im europäischen Fussball zu finden ist. Das macht den israelischen Fussball-Rassismus nicht appetitlicher. Zwar haben wir ägyptische Zustände nicht erreicht, wie beispielsweise das blutige Gefecht vom 1. Februar 2012 nach dem Spiel zwischen den Fans vom „FC al-Mazri“ (Port Said) und dem Kairoer Klub „al-Ahly“, das mindesten 74 Tote produzierte.  Ich erinnere mich auch, dass der Zürcher Grasshoppers Club früher einen antisemitischen Ruf besass und Juden weder als Mitglieder noch als Spieler aufgenommen habe.

Wie verhielten sich die im Teddy-Stadion (genannt nach dem berühmten Bürgermeister Jerusalems Teddy Kollek) anwesenden Zuschauer. Es gab eine Überraschung: die Beitar Jerusalem Fans verhielten sich vorbildlich. Es waren Transparente zu sehen mit den Worten: „Wir lieben euch alle, wir sind keine Rassisten“. Von den gegen neuntausend Zuschauern seien nur 35 rabiate Beitar-Fans aus dem Stadion geführt worden, wie auch 35 Fans von Sachnin, die die Sicherheit gefährdet hätten. Der Reporter erzählte, es habe einige rassistische Demonstrationen gegeben, die von der Fernsehkamera nicht aufgenommen worden seien. Diese Ausbrüche seien nur von einer winzigen Gruppe verursacht worden. Von all dem war nur eine Szene zu sehen: als vor Spielbeginn einige Sachnin-Fans von Wächtern der Ordnung aus dem Stadion geführt wurden.
 
Zum Spiel selbst: in der ersten Halbzeit wurde Beitar Jerusalem von Bnei Sachnin förmlich überrollt. Beitar lag bei der Pause 0:2 im Rückstand. Die Ehrengäste im verglasten VIP-Raum schauten entsetzt durch die Scheiben. Gaydamak raufte sich sichtbar die Haare. In der zweiten Halbzeit holte Beitar auf und der Match endete 2:2. Zur lauten Freude aller durfte der junge Grosnyer Dzhabrial Kadayev die letzten fünfzehn Minuten mitspielen – wohl um seiner Mutter eine Freude zu bereiten. Ein Goal schoss er nicht. Der Trainer von Beitar Jerusalem sei zufrieden mit ihm, doch habe er noch sehr viel zu lernen.

Dienstag, 29. Januar 2013

Hadschi Halef Omar und die nimmermüden Arabisten von heute



Man darf wieder
Ich schreibe viel. In meinem vorliegenden Blog, aber auch als Mitglied der Autorengruppe des Journal21. Dort bin ich der einzige Mitarbeiter, der sich vor Israel stellt und die Lügentiraden anderer Autoren (Ausnahme: Reinhard Meier) zum Thema zu berichtigen sucht. Noch so gerne hätte ich einen Kollegen, der mich dabei unterstützt. Da bin ich sehr persönlichen Hasstiraden judenhassender Kommentatoren ausgesetzt. Mir ist klar, dass viele exponierte Juden davon betroffen sind. Ich kann mit diesen Angriffen sehr gut leben. Sie die zeigen, dass ich gelesen werde. Ich nehme an, dass sich diese Gegner meiner Ansichten an mir abreagieren können, wie Katzen an einem Kratzbaum – ich habe also, wenn auch unfreiwillig und unqualifiziert, eine therapeutische Funktion,  von der schon Freud sagte, sie habe auch eine kathartische Funktion. Ob das diesen antisemitischen Psychopaten und Neurotikern hilft,  weiss ich nicht und interessiert mich nicht. Zudem habe ich mir abgewöhnt,  diesen kranken Besserwissern zu antworten, denn das ist schade um die Zeit. Doch habe ich gelernt, dass die Zahl der Judenhasser bei weitem nicht so klein ist, wie Apologeten es uns einzureden versuchen.
Trotzdem beschäftigt mich dieser neue,  offene Antisemitismus. Bis vor wenigen Jahren noch aus politischer Correctness unterdrückt, aber ist er heute durch den Einfluss des salopp als „Israelkritik“ verbrämten Judenhasses und durch die  geistige und finanzielle Unterstützung des weltweiten Islamismus und dessen Hintermännern befreit. Man darf wieder. 
Natürlich darf man Israel kritisieren. Warum auch nicht. Ich tu’s ja auch. Aber nur, wenn die Vorwürfe stimmen und der Kontext gewahrt bleibt. Und eben das geschieht mehrheitlich nicht. Alles andere trägt zu den Vorurteilen und den Begründungen falscher Meinungsäusserungen bei. Aber: oft beruft sich der selbsternannte und meist ignorante Kritiker auf diesen oder jenen, der dies auch gesagt oder geschrieben hat. Insbesondere, wenn diese Scheinquelle das eigene vorurteils- und klischeehafte Denkmuster spiegelt und verstärkt.
Die Sicht des Uri
Wer mich kennt und wer mich liest, weiss, dass ich ein Gegner der Siedlungspolitik bin. Aus zwei Gründen: Erstens, weil es, wie Prof. Yeshayahu Leibowitz s.A. vor Jahrzehnten sagte, den Staat Israel und seine Bürger korrumpiert. Das hat sich inzwischen bewiesen. In den eben abgehaltenen Wahlen scheint das Wahlvolk darauf reagiert zu haben, ein positives Zeichen. Zweitens, dass wir Juden nicht über ein anderes Volk herrschen sollen. Es sei denn, dieses Volk möchte das. Schön, das ist Ideologie oder, wenn man so will, die Summe der geschichtlichen Erfahrungen des jüdischen Volkes, das aus seiner eigenen Geschichte gelernt hat. Oder gelernt haben sollte. Doch verglichen mit praktisch allen gewalttätigen und antidemokratischen Geschehnissen im Mittleren Osten, ist die Siedlungspolitik Israels, wie man in Englisch sagt, „peanuts“. Doch „Israelkritiker“ stürzen sich darauf,  stilisieren sie zum einzigen Stolperstein auf dem Weg zum Frieden zwischen Israel und den Palästinensern hoch. Dabei ist das Haupthindernis die grundsätzliche Weigerung der palästinensischen Führung Israel überhaupt anzuerkennen und als souveränen Staat sogar innerhalb der alten Pseudogrenze, der Grünen Linie, zu tolerieren. Wären die Palästinenser tatsächlich bereit, mit Israel als Nachbarn zu leben und von Israel zu profitieren – was sie eigentlich seit langem tun – wäre dieser Frieden schon lange Realität. Ich bin es leid die Zahl der von Arafat und Abbas abgeschlagenen Friedensofferten zu erwähnen. Die israelkritische Presse, in der in der mehrheitlich einer vom anderen abschreibt, alle dieselbe israelische Zeitung lesen (Haaretz, ich lese sie zwar aber dazu andere) und dabei alle die selben abgedroschenen Ideen entwickeln, hat dazu geführt, dass für alles was zwischen Israel, der Westbank und Gaza geschieht, die israelische Siedlungspolitik verantwortlich gemacht wird.  Diese an Armut gedanklicher Arbeit, journalistischer Faulheit und wirklichem Wissen wird zum grellen Fanal von ausgeprägter Ignoranz, was dieses Thema betrifft. Natürlich ist es weit sexier über die armen Palästinenser zu berichten und „Zwischenfälle“ kreieren zu lassen, als über die beträchtliche israelische Hilfe an diese oder gar – Gott behüte – über positives aus Israel zu berichten. Um Christian Morgenstern zu zitieren: „… und weil, so schloss er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“. Namen nenne ich hier lieber nicht. Noch immer geht der kolonialistisch-rassistische Geist Karl Mays um – viele, vor allem ältere Semester der deutschsprachigen Medien, haben sich damit gut arrangiert und dort ihre journalistische Heimat gefunden. Die Romantisierung der arabischen Welt, als wäre T.E. Lawrence noch unter uns, ist für sie noch allgegenwärtig, als hätte sich seither nichts geändert, ausser, dass die bösen Juden Unruhe stiften. Das palästinensische Verhalten, die Selbstverweigerung seiner Führung von wirklichem Frieden, stattdessen Frieden als endloses „Verhandlungsthema“ und als hoffnungsträchtiges Geduldspiel, Israel eines Tages doch zu vernichten, hat den rechtslastigen Nationalisten Nethanyahu und faschistoide Parteien in Israel an die Macht gehievt. Möglicherweise sind dem nach den letzten Wahlen Grenzen gesetzt. Doch alle Fehlschläge zu diesem Thema Israel anzulasten, ist journalistische Faulheit und gepflegte Ignoranz.  

Dann gibt es aber eine zweite Seite dieser Medaille, den Kontext. Das heutige Israel umfasst nur einen Teil jenes Gebietes, welches es im Laufe seiner langen Geschichte inne hatte. Der restliche Teil wird von Menschen bewohnt, die uns aus tiefster Seele hassen und die ihre Kinder auf eine Art erziehen, die dafür sorgen soll, dass sich dieser Hass in den kommenden Generationen fortsetzt. Das schon seit bald hundert Jahren, seit eine totalitäre Religion, der heute Islamismus genannte politische Islam, seinen Einfluss mehr und mehr verstärkte. Es geht nicht darum, dass es ein Israel gibt, sondern dass Juden, also Nichtmuslime, in einen winzigen Teil der heute arabischen Welt zurückgekehrt sind, ohne sich dieser als Dhimmi zu unterwerfen. Stattdessen bauten diese Juden einen demokratischen Staat auf, der sich dazu noch erfolgreich entwickelt und damit seinen Nachbarn augenfällig vorführt, wie sehr ihnen all das fehlt, das unseren jüdischen Staat zum Blühen gebracht hat. Politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich und sozial. Neid ist deswegen bestimmt ein beachtlicher Teil des Israel- und Judenhasses der Palästinenser und vom Rest der muslimischen Welt (im Israelhass ist auch arabischer Hass auf Israels arabische Bevölkerung eingeschlossen, einem Phänomen, das ich aus erster Hand kennengelernt habe), obwohl dies von meinen arabischen Freunden gerne unter den Teppich gewischt wird. Der soziale Druck ist in dieser Gesellschaft enorm-und proisraelische Ansichten können lebensgefährlich sein. Die Zivilcourage, sich dagegen zu stellen, fehlt in der arabischen Welt fast völlig und hat keine Tradition. Stattdessen wird, auch gegen besseres Wissen, gespurt.
„Israelkritik“
"Israelkritiker“ verlangen implizit, aber doch klar, dass Israel, früher von arabischen Armeen angegriffen, heute von palästinensischen und schiitischen Terroristen mit zehntausenden Raketen beschossen kein Recht auf Verteidigung, gleich welcher Art hat. Nur wir Israelis dürfen das nicht. Einen Grund haben sie nicht. Oder vielleicht doch? Russland wehrte sich gegen tschetschenischen Terror mit Massnahmen, von denen die wir Israelis nicht einmal träumen - sie allerdings auch nicht nutzen würden. Ebenso Reaktionen auf terroristische Grossangriffe in den meisten muslimischen Ländern. Oder als Musterbeispiel Jordanien (1971), wo König Hussein unter den unbotmässigen Palästinensern rund zehntausend Tote „erzielte“. Oder in Syrien, wo 1982 Papa Assad rund dreissigtausend Islamisten zusammen mit der Stadt Hama zu Tode kartätschte und sein Sohn heute mit seinem Krieg gegen Aufständige schon gut 100‘000 Tote erzielt hat, mit steigender Tendenz. Von den Gehängten und Geköpften in islamischen Ländern, von den Janjaweed im Sudan, von den Taliban, denen jede Ziege wertvoller ist als eine Frau – die Reihe dieser islamistischen Errungenschaften könnte endlos weitergeführt werden.  

Als vor einigen Monaten, sogar für Ministerpräsident Nethanyu, zu viele Raketen aus Gaza in Israel gelandet waren und er endlich entschied, sich zu wehren, war es das erste Mal, dass ein Teil der Welt Spuren von Verständnis für diese Massnahme zeigte, denn die Zahl der Raketen, auch wenn deren Mehrzahl von israelischen Raketen abgeschossen worden war oder erfolglos in leeren Feldern landeten und verpuffte, überstieg das „Normalmass“ und bedrohte sogar Tel Aviv. Der relativ erfolglose Raketenregen aus Gaza – das in diesem Zusammenhang widerliche Wort „selbstgebastelt“ wurde und wird in diesem Zusammenhang gerne angewendet, auch wenn es nicht stimmt – war nicht in der Absicht der Hamas und seiner iranischen Verbündeten. Doch auch hier wird von „Überreaktion“ gesprochen und Bilanzen werden erstellt, wie etwa, Israel habe etwa zehn Todesopfer erlitten und die Hamasbürger einige mehr – ergo stimmt die Bilanz nicht. Viel wurde von den Kindern in Gaza berichtet, die unter Ängsten litten. Aber die zigtausend israelischen Kinder, die traumatisiert wurden und seit vielen Jahren darunter leiden und jahrelang, wenn nicht lebenslang therapiert werden müssen, sind nur in der jüdischen Presse erwähnt. Für sie wird Rot immer die Farbe des Schreckens und der Gefahr sein. „Zeva adom“ (rote Farbe) ist das Codewort für einen Angriff auf die Städte im Süden.
Ignoranz und Denkfaulheit
Die auf Denkfaulheit und sträflicher Ignoranz beruhende, aber dennoch populäre Behauptung der „Israelkritiker“, dass Israel auf dem Staatsgebiet eines imaginären Palästinas gegründet worden sei, obwohl die Palästinenser mit dem Holocaust und dem zweiten Weltkrieg gar nichts zu tun gehabt hätten, ist eine grundsätzliche Lüge. Seit den späten zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde in Palästina Judenhass gepredigt. Beruhend auf den Lehren des Hassan al-Banna, dem Begründer der Muslimbruderschaft, organisierte der damalige Grossmufti Jerusalems und spätere Nazi-Kriegsverbrecher Mohammed Amin al-Husseini Terrorattacken und Pogrome unter den palästinensischen Juden. Die über sechzig Opfer des Pogroms in Hebron in 1929 belegen nur einen der zahllosen Fälle. Husseini, ein begeisterter Anhänger Hitlers, der zwei SS-Divisionen bosnischer Muslime für Hitler auf die Beine stellte, die sich vor allem mit Judenmorden im alten Jugoslawien hervortaten, verbrachte den Krieg bei Hitler, wurde aber nach dem Krieg nie vor Gericht gestellt. Die Motivation seiner Taten war Judenhass, mit Begründungen aus dem Koran kaschiert. Er und seine zahlreichen Anhänger verübten unzählige Anschläge und lehrten die bis anhin ein sehr verträgliches und beidseitig profitables Verhältnis mit Juden lebenden Araber (heute zu Palästinensern mutiert), ihre jüdischen Nachbarn zu hassen. Ein Teil der damaligen arabischen Bevölkerung nahm daran teil, denn schon zu Husseinis Zeiten wurden Araber Palästinas, die nicht spurten, von Islamisten terrorisiert. Nichts hat sich daran geändert. 
Irans Ahmedinejad und seine ebenfalls schiitischen Hisbollahis im Libanon hassen uns ausschliesslich, weil wir Juden sind. Einen anderen Grund gibt es nicht. Damit führen sie Hitlers antisemitische Ideologie und seine Taten weiter, sie sind seine Erben. Ebenso sind es die heutigen Muslimbrüder und ihre palästinensische Filiale, Hamas Erben – schwarz auf weiss in den Hamasgrundsätzen verankert. Das Gefühl der Palästinenser, man habe ihnen etwas weggenommen, auch wenn sie selbst Verantwortung dafür tragen, können die Schiiten nicht haben. Doch Vernunft hat im Mittleren Osten wenig zu suchen, sie hat rechthaberischer Gewalt Platz gemacht, wenn sie überhaupt je zu finden war. 
Es gibt ein antijüdisches Argument monumentaler Frechheit. Nämlich die Frage: „Ja habt denn ihr Juden vom Holocaust nichts gelernt? Ihr behandelt die Palästinenser wie einst die Nazis euch.“. Wir Juden – es kann sein, dass Mitglieder der JVJP mir nicht mir beipflichten – haben gelernt, dass wir auf uns selbst gestellt sind, uns nur selbst helfen können und deshalb stark sein müssen. Wir haben gelernt, nicht in fremde Hintern zu kriechen und uns nur auf uns selbst zu verlassen. Als die Juden schon 1938 an der Evian Konferenz um Asyl vor den Naziverfolgungen ansuchten, wurde diese Bitte von allen 32 teilnehmenden Ländern abgelehnt. Das Resultat kennen wir alle. Damals und bis zum Kriegsende konnten sich die europäischen Juden nicht wehren. Zwar gab es Ausnahmen, wie die Ghettoaufstände in Polen und die jüdischen Partisanen in Osteuropa. Das ist der Grund, dass Israel militärisch stark ist – sonst hätte es nicht überlebt. Israel und seine Juden haben aus der Geschichte gelernt. Seine Kritiker nicht.
Zusammenfassung
Israel hat Probleme. Viele sogar. Darunter gibt es auch selbst verursachte. Probleme der äusseren Sicherheit, Probleme der Integration neuer Einwanderer, die obwohl Juden aus verschiedenen Kulturkreisen gekommen sind. Europäische und amerikanische Juden, orientalische und sephardische Juden, arabische Minderheiten, die sich in Muslime, Christen und Drusen aufteilen. Es gibt Juden, die von Grossisrael träumen und dies gewaltsam durchsetzen wollen, ja es gibt sogar einige, die den einstigen Tempel wieder auf dem Tempelberg erbauen wollen. Es gibt ultra-orthodoxe Juden, die den Staat materiell aussaugen und religiös erpressen. Das ist eine Auswahl israelischer Probleme, die der Staat lösen muss. Israel ist eine pulsierende Demokratie, die nicht nur von aussen, sondern auch von innen gefährdet ist. Es ist ein multikultureller Staat par excellence, mit einer kleinen Bevölkerung mit riesigen kulturellen Unterschieden. Und trotzdem – oder eben deshalb – blüht es. 

Die Welt stellt an Israel Ansprüche, die an keinen anderen zivilisierten westlichen Staat gestellt werden. Eine Begründung dazu ist völlig rassistisch nämlich, dass man von Israel mehr und besseres erwarte, als von seinen Nachbarn. Was in anderen Worten heisst, dass die arabisch-muslimische Welt eine Welt der Unfähigen, Zurückgebliebenen und Primitiven sei, die statt in Strohröckchen mit Leintüchern behangen herumlaufen, ihre Frauen malträtieren und Ungläubige köpfen. Gutgemeinte Vorurteile, die unseren Konflikt mit den Nachbarn verniedlicht. Ist Israelkritik wirklich nur gutgemeint?

Mittwoch, 23. Januar 2013

Heutige Tage



Vater und Sohn – Tommy und Yair Lapid (Wahlkommentar) 

Noch immer trauere ich dem überzeugten Säkularisten Tommy Lapid nach, dessen Leben sein Sohn Yair in einem wunderschönen und hochinteressanten Buch „Memoiren nach meinem Tod“ geschrieben hat. Yair‘s Abschneiden wurde in den gestrigen Knessetwahlen zur Sensation, er erzielte noch mehr Parlamentssitze, neunzehn, als sein Vater in 1999 mit 15 Sitzen. Sein Sohn will unter anderem das Hauptziel seines Vaters realisieren, den Parasitenstatus der Haredim in Israel abzuschaffen. Nun werden wir sehen, wie er das bei Nethanyahu, der Ministerpräsident, wenn auch geschwächt, bleiben wird, das durchbringt. In Bibis Rede nach den Wahlen wird dieser Punkt schon erwähnt. Auch wenn ich Nethanyahu nie ein Wort glaube, hat er sich der neuen Realität schon angepasst. Yair Lapid will das Problem höflicher als sein Vater angehen und den sich vor Arbeit und Bürgerpflichten, vor allem der Militärdienstpflicht, drückenden Haredim fünf Jahre Zeit geben, sich darauf vorzubereiten. Arbeiten sollen sie ab sofort, doch Soldaten sein erst nach fünf Jahren. Ich selbst kann mich damit nicht anfreunden, denn damit wird Israels wirkliches Hauptproblem wiederum auf die lange Bank geschoben und würde sogar nach den in vier Jahren wieder stattfindenden Knessetwahlen weiter grassieren. Das wäre, so denke ich, der Tod dieser Initiative. Im Übrigen ist zu vermerken, dass diese Initiative für volle Bürgerpflichten für alle, auch für arabische Israelis gelten soll. Wie gesagt, mit Yair’s Plan kann ich mich nicht anfreunden.

Man wirft Yair Lapid vor, sich in seiner Partei „Jesh Atid“ (Es gibt eine Zukunft) wie ein Diktator zu gebärden. In den Statuten seiner Partei steht, dass er den Parteivorsitz bis 2020 behalten wird. Doch ich verstehe diesen Passus. In den von ihm geschriebenen Memoiren seines Vaters Tommy „Memories after my dead“ beschreibt er, auf welche Art dessen Partei „Schinui“ zusammenbrach. Parteimitglieder, vor allem jüngere profilsüchtige Profitierer, rissen das Kommando an sich und booteten Tommy und seine Freunde aus. Im Buch wird beschrieben, wie Tommy Lapid, noch Justizminister mit seinem Freund, dem Innenminister Avraham Poraz, ihre letzte Parteiversammlung verliessen und die internen „Revolutionäre“ dem Schicksal überliessen. Die Schinui Partei verlor sämtliche Sitze und verschwand aus der politischen Landschaft Israels. Tommy starb wenig später. 

Ich denke Yair Lapid hat daraus gelernt und sich deshalb genügend Zeit ausbedungen, seine Partei und seine Politik so zu führen, dass ihre Zukunft gesichert bleibt. Ob diese Zukunft sich nach seinen Wünschen entwickeln wird, das werden wir sehen. Im Moment hat er dazu die Chance seines Lebens.
 
Enkelin Hadass wählt zum ersten Mal und ist stolz darauf 

Gestrige Wahlen für die Knesset waren bei weitem nicht meine ersten. Wenn ich gelegentlich an die Wahlen in den frühen sechziger Jahren denke, an denen unsere Kibbuz, der als Kibbuz des Haschomer Hazair zur marxistischen Partei „Mapam“ (heute nicht mehr marxistisch und Teil der linken Partei „Meretz“) gehörte, befällt mich Wehmut. An einem Demonstrationsmarsch durch die Strassen Haifa, an dem wir rote Fahnen wedelten und die Internationale sangen, hatten wir viel Spass. Wir retteten sogar das Leben eines kleinen Jungen, der seinen Kopf durch einen Eisenzaun gesteckt hatte und ihn nicht mehr heraus ziehen konnte. Chawer Esra, Elektriker des Kibbuz, brachte es fertig den Kleinen zu befreien. Die Mutter rief dankbar und unter Tränen: „Wie kann ich meinen Dank zeigen, ihr habe mein Kind gerettet“. Im Chor antworteten wir: „Wählt Mapam!“ 

Alles wieder von vorne

Wir sind umgezogen. Vom schönen Zichron Yaakov ins ebenso schöne Tiv'on. Zugleich ist dieser Umzug ein wirklicher Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Wir wohnen nun in einer sogenannten Altersresidenz. Unsere Tochter Michal nennt es einen Club Mediteranée für Pensionäre. Zusammen mit noch etwa 250 Alterskollegen, unter denen wir allerdings zu den jüngeren zählen. Das Anzahlsverhältnis zwischen Männlein und Weiblein steht bei etwa 1:5. Wir Männer haben’s also schön. Eine der ersten Fragen, aus weiblichem Mund an mich gerichtet war: „Bist du allein?“. Mein Freund Arie Levy der Schreiner aus Zichron Ya’akov, der mich besuchte - Lea war gerade bei ihrer Schwester im Kibbuz – fing an zu lachen. Ich verstand nicht warum, und er musste mich über das Verhalten fröhlicher Witwen aufklären. Wie gesagt, Männer haben es hier sehr schön. Als wir vor zweieinhalb Jahren von unserem Häuschen in eine Wohnung zogen, dachten Lea und ich es sei der letzte Umzug. Doch ausgesundheitlichen Gründen mussten wir nochmals umziehen und sind, da es eine solche Institution in Zichron Yaakov (noch) nicht gibt, im nahe gelegenen Tiv’on gelandet.  

Doch wir sind weiterhin selbstständig. Wir kochen, laden Gäste zu Mahlzeiten ein, fahren mit dem Auto wohin wir wollen und sind frei. Nur, die Wohnung hat statt vier nur noch zwei Zimmer, der Balkon ist statt 30 m2 nur noch 7 m2 gross. Dafür sind Handwerker im Haus, Putzfrauen und eine Pflegerin für Lea – die Organisation ist unübertrefflich und das Personal ist nett. Wir rufen uns alle beim Vornahmen, soziales ist gross geschrieben. Täglich, ausser am Wochenende, obwohl es hier nicht religiös zugeht, da Religion hier Privatsache ist, finden Vorträge und Kurse statt, jeden Morgen bin ich schon um halb acht im Hallenbad und schwimme meine Runden. Jüdische Feste werden gefeiert. Ich fühle mich um über fünfzig Jahre in den Kibbuz zurückversetzt. Da wir in Tiv’on alte Freunde aus der Schweiz haben und es eine Reformgemeinde gibt, wird uns das bei der Eingewöhnung helfen. Soweit geht es uns prächtig und es gibt keinen ersichtlichen Grund, der dagegen spricht.

Ganz besonders gefällt mir ein anderer junger Mann, der Israel. Er ist nur sieben Jahre älter als ich. Er kommt aus Amerika, ist Musiker und spielt verschiedene Instrumente. Darauf spielt er Jazz und Blues und wir haben bereits Pläne. Nur eben, auch seine Frau ist krank und auch er wurde zum Chauffeur für medizinischen Tourismus. Wir werden hier eine Zukunft haben, eine, so hoffe ich aber, musikalische.

Vor einigen Tagen rief uns eine Dame an und lud uns zum sofortigen Zvieri ein. Sie heisst Reef und kommt aus Südafrika.  Wir seien neu hier und auch nett, habe sie gehört. Ihre ebenfalls anwesende Freundin gehört zu den Machsom Watch Frauen, jenen, meist Omas, die in den besetzten Gebieten beobachten, wie man die Palästinenser an Strassensperren (Machsom in Hebräisch) plagt. Die meisten Strassensperren sind zwar aufgehoben, aber der Krieg dieser Machsom Watch Damen gegen die Soldaten und Polizisten Israels geht weiter. Ich beschrieb im Tagebucheintrag vom 10. Juni 2009 meine Erfahrungen mit zwei anderen Machsomistinnen. Mein damaliger Eindruck war ziemlich negativ und ich fand das Benehmen meiner Begleiterinnen oft deplaziert. Doch meine neue Bekannte sieht das anders und hegt,so sagt sie, keine Animositäten gegen unsere Sicherheitsbehörden. Sie zeigte sich über meine eigenen vierstündigen Erfahrungen überrascht. Wieder einmal wird mir demonstriert, dass Verallgemeinerungen, d.h. das Benehmen einzelner auf das Benehmen einer ganzen Gruppe zu übertragen, nicht immer stimmen.

Freitag, 28. Dezember 2012

Wie NGOs Israel schaden - ein Gastbeitrag

Von Alexander Scheiner

Seit einigen Jahren lebe ich in Israel. Die mir seit Jahren wohlbekannten Feinde sind immer noch höchst aktiv. Neuerdings hat Israel, und damit auch die Juden weltweit, auch innere Feinde. Diese sind erstens gewisse ultraorthodoxe Juden (i.e., die Neturei Karta),  sowie nahezu perfekt organisierte internationale Organisationen  von hauptsächlich säkularen Juden, die Palästina mit grossem Aufwand und grossem Erfolg unterstützen: mit der infamen, von Palästinensern gegründeten  BDS-Waffe, die Israel wirksam und mit voller Absicht  schädigt.
Die schweizerische NGO jvjp.ch ist wohl eine der aktivsten pro-palästinensischen NGO’s in der Schweiz die ich kenne. Erstens mit politischen  Aktivitäten, insbesondere der aktiven  und intensiven Unterstützung von palästinensischen, arabischen und islamischen Institutionen, die nicht nur Israel defamieren,  delegitimieren und dämonisieren, sondern auch Juden weltweit. All dies seit Jahren, mit bemerkenswerter Dynamik und Professionalität und Erfolg. Zweitens, mit der Instrumentalisierung von einzelnen, wahrscheinlich politisch naiven (Rand)Juden in der Schweiz.
Diese jüdischen Aktivisten  vertreten zu 100% die Ziele des notorisch antiisraelischen, aber auch klar antijüdischen BDS-Movement.  Sie unterstützen den Boykott gegen Israel mit Rat und Tat. Sie sind aktiv im Russel-Tribunal gegen Israel beteiligt,  und befürworten den sogenannten Goldstone-Report, obwohl dieser inzwischen berichtigt wurde. Vor einigen Jahren wurde sogar eine Lesung einer palästinensischen Hassliteratin in den Räumen einer jüdischen Gemeinde in Zürich durchgeführt.
Einer der jüdischen Aktivisten, damals im Vorstand einer jüdischen Gemeinde in Zürich, hat sich nicht entblödet, am Schabbat an der Bahnhofstrasse in Zürich, für palästinensische Freunde Olivenöl zu verkaufen.
Im Jahr 2013 beabsichtigen sie,  einen Jom Ijun durchzuführen.  Bei aller mir gegebenen  Toleranz als liberaler Schweizerjude,  Judentum als  Politikum zu instrumentalisieren ist hanebüchen.  Der Jom Ijun 2013 wird als Verarschungszeremoniell durchgeführt: man zeigt, man ist ja irgendwie Jude.

Diese Aktivitäten haben bis heute den Palästinensern kaum etwas Positives gebracht. Im Gegenteil, die Zahl der palästinensischen Arbeitslosen in Israel, Jehudah und Schomron stieg enorm an. Gleichzeitig sank dort die Kaufkraft und damit die Lebensqualität. Aber,  Israel und uns Juden haben diese Aktivitäten enorm geschadet: der wirtschaftliche Schaden beläuft sich auf einige 100 Millionen US$. Schlimmer, der gesellschaftliche Schaden ist enorm: akademische Boykotte von jüdischen Schülern,  Studenten und Professoren weltweit, dazu ein  weltweiter kultureller Boykott. Ausserhalb Israels werden Juden belästigt und verprügelt. In Frankreich wurden Juden ermordet. In der Schweiz wurde der Grossverteiler Migros mit  Erfolg veranlasst, israelische Waren zu boykottieren.

(Gastbeiträge müssen sich nicht mit der Sicht von Paul Uri Russak decken. Sie wiedergeben ausschliesslich die Sicht des Autors.)

Samstag, 15. Dezember 2012

Zukunftsspekulationen und anderes



Flüchtlinge – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Aus dem Sechstagekrieg habe ich verschiedene Erinnerungen, positive und negative. Eine davon, unblutig doch politisch wichtig, waren die ostwärts fliehenden palästinensischen Flüchtlinge. Es war ein Flüchtlingszug auf den Strassen, ganze Familien, alte Leute und Kinder bewegten sich langsam in Richtung Jordanien. Wir Reservesoldaten hatten Befehl ihnen nicht zu helfen, weder Lebensmittel noch Wasser zu geben. Wer diesen idiotischen Befehl gab, hätte wissen sollen, dass israelische Soldaten, ganz besonders die der Reserve, darauf pfeifen würden. Wir sind bestimmt nicht die einzige Einheit gewesen zu sein, die so handelte. Wir fütterten die Leute, gaben ihnen Wasser und liessen sie im Schatten ruhen. Doch dann zogen sie weiter. Soviel ich weiss sind die meisten dieser Flüchtlinge am Ende in ihre Dörfer zurückgekehrt.

Warum erzähle ich das? Es könnte sich wiederholen, doch diesmal ohne Rückkehr. Die Jahrhundert lange Indoktrination der Palästinenser (früher Araber) zum Judenhass, den sie zwar nicht alle teilen, aber bestenfalls hinter vorgehaltener Hand ablehnen. Wie weit das heute noch so ist, ist schwer abzuschätzen. Wie weit wir linken Israelis naiv sind, ob der palästinensische Hass auf uns so stark ist, wie ihn die palästinensische Führung der islamistischen Hamas oder der leicht weniger offen Israel hassenden Fatah uns zu verstehen geben, darüber kann nur spekuliert werden.
Wenn sogar ein Benny Morris, einer der „neuen Historiker“,  seine Ansichten radikal änderte und für gewisse Linksextremisten zum Verräter wurde, sich mit dem Thema einer endgültigen Vertreibung der Palästinenser beschäftigt, könnte, sollten diese eine dritte Intifada anzetteln, ein eine solche eintreten. Mit extremradikalen Rechtsparteien als Partner, muss damit gerechnet werden. Da mit Schönreden (oder eher Ausreden) ohne Taten durch beide Exponenten Abbas und Nethanyahu wirkliche Gespräche kaum möglich sind, sehen wir einem trostlosen 2013 entgegen.

Der arabische Winter
Meine trüben Prophezeiungen zum „arabischen Frühling“ der innert kurzer Zeit zum arabischen Winter mutiert ist, haben sich bewahrheitet. Den „Frühling“ gibt es nirgends mehr. In Ägypten, wie in allen betroffenen arabischen Ländern, ist tiefster Winter ausgebrochen. Die hier Muslimbrüder (in Ägypten in den zwanziger Jahren gegründete Bewegung des reaktionären Islams, zum dem heute die Hamas gehört) genannten Islamisten, haben sich die Revolution unter den der innert kürzester Zeit Nagel gerissen und damit Voraussagen vieler bestätigt. Wie lange wir noch bis zum Ausbruch eines Bürgerkrieg à la Syrien warten müssen, wird sich zeigen. Hoffnungsvoll positive Voraussagen haben sich, wie wir heute wissen, in der arabischen Welt noch nie bewahrheitet.

 
Obenstehendes Bild schreiender islamistischer Eiferer in Kairo lehrt das Fürchten. Ob diese Schriften schwingenden Muslime lesen oder gar schreiben können, darf man bezweifeln. Bestenfalls haben sie den Koran auswendig gelernt. Die Hälfte aller Männer Ägyptens sind Analphabeten, bei den Frauen sind es etwa siebzig Prozent. Das entspricht etwa dem arabischen Durchschnitt, in dem nur „unsere“ Palästinenser der besetzten Gebiete und Gaza besser dastehen. Damit kann man weder moderne demokratische Politik noch wirtschaftlichen Erfolg erzielen. Welcher oben gezeigter gestandenen ägyptischen Männer hat schon Karl Marx oder Marcuse gelesen, um nur eine bescheidene Frage zu stellen. 
 
Journal 21

Möglicherweise habe ich eine masochistische Ader. Ich schreibe gerne Artikel im Journal21 und ebenso gerne Kommentare zu Artikel anderer Autoren. Ich werde als Antwort mit Kommentaren eingedeckt, die von antisemitischem Dreck bis zu gelegentlichen Zustimmungen reichen. Neu ist das für mich nicht. Gemeinsam ist allen Dreckwerfern, dass sie das anonym tun. Mit anderen Worten, sie nehmen Meinungsfreiheit war, um sich dahinter feige zu verstecken. Das hat mit mir gar nichts zu tun – es zeigt höchstens, wie sich Feiglinge hinter eben dieser Meinungsfreiheit austoben. Sie würden, so wurde dieses Verhalten schon begründet, sonst bedroht – telefonisch oder eben durch Stellungnamen anderer. Mir kommen die Tränen. Gemeinsam ist all diesen Werfern eigenen Drecks, dass sie nie auf die Themen meiner Artikel oder Kommentare eingehen, sondern persönlich werden. Das reicht von Lügen, sachlichen Verdrehungen bis hin zu persönlichen Unterstellungen und Verleumdungen rassistischer Art. Nur mit Humor hat’s noch keiner versucht.
 
Natürlich beschäftigt mich das, doch spornt es an weiterzumachen. Diese Erfahrung ist für mich nicht neu. Seit ich über Israel und verwandtes schreibe, bin ich damit konfrontiert. Aber das Feld diesen Miesmachern, Lügnern und Antisemiten zu überlassen kommt für mich nicht in Frage. Immerhin habe ich den Vorteil in Israel zu leben und nicht in der Schweiz. So komme ich nicht in Versuchung diese Idioten finden zu wollen (was durchaus möglich ist) und ihnen meine Faust auf die Nase zu pflanzen. 

Wow, das tut gut!

Dienstag, 4. Dezember 2012

Die Rede, die Bibi nie gehalten hat

 

Binyamin Netanyahu ist nicht mutig, sondern feige. Sonst hätte er sich von Beginn an für einen palästinensischen Staat eingesetzt – mit eindeutigen Bedingungen - in Hinblick auf Israels Sicherheit, versteht sich – statt sich in der UNO lächerlich zu machen. Nur um klar zu stellen: ich bin dieser Meinung schon seit langer Zeit, nicht erst seit Abbas sich darum bemüht, Präsident eines wirklichen Staates zu werden. Zwar ist Palästina auch heute, nach Abbas‘ „erfolgreichen“ Bemühungen, noch lange kein wirklicher Staat, sondern eine imaginäres Gebilde, das ohne weltweites Schnorren auch weiterhin nicht überleben könnte. Es ginge auch ohne Schnorrerei, aber dann müsste sich der Charakter der palästinensischen Führung, sei es Fatah oder Hamas völlig ändern – Ehrlichkeit statt Korruption, religiöse Freiheit statt hasserfülltem Fundamentalismus, Bildung statt auswendig lernen, Menschenrechte statt religiöser oder militärischer Diktatur, Aufbau statt Krieg und vor allem Respekt für andere! Davon sind Palästinenser und auch fast alle anderen Araber noch weit entfernt.

Was Abbas jetzt auf dem Papier erhalten hat, ändert nichts für sein Volk, mögen sie feiern und sich an grundloser Glückseligkeit besaufen. Netanyahu hat sich für die kommenden Knessetwahlen eine Fraktion zusammengestellt, die kaum noch mehr rechtsextremistisch sein könnte und vielen Bürger sogar Furcht einflösst. Er entfernte sich damit noch weiter von der politische Mitte des Landes und da die Arbeitspartei sich, gemäss Parteipräsidentin Shelley Yacimovitz keine linke sozialdemokratische Partei mehr sein soll, sondern eine des politischen Zentrums, sieht sich das Land sieht sich Israel heute von den Träumen seiner Gründerväter so weit entfernt, das sich diese – inklusive Menachem Begin – in ihren Gräbern mit Turbinengeschwindigkeit umdrehen.

Netanyahu's missed opportunity

By Shlomo Avineri (Haaretz, Dec. 04, 2012)

How Netanyahu might have responded to Abbas: 'You have already come a long way, Mr. President. In the name of the people of Israel, in all their diversity, I would like to congratulate you.'
Following is the speech that the prime minister of Israel should have delivered at the UN General Assembly after Palestinian Authority President Mahmoud Abbas' address:

"I would like to congratulate the president of the Palestinian Authority on the courageous step you took. In coming to the UN General Assembly seeking recognition of Palestine as a nonmember state, you have embarked on the path toward a historic compromise between the Jewish national movement - Zionism - and the Palestinian national movement.
"We are looking toward the future, but we cannot ignore history. How much pain and suffering would have been avoided, for both peoples, had the Palestinian movement accepted the United Nations' partition plan on November 29, 1947, rather than 65 years later. Instead, the Palestinian national movement and the Arab League waged war not only against Israel, but also against the UN decision.
"Had the Palestinian movement accepted the idea of two states for two peoples back then, as we did, the war of 1948, which you call the Nakba, would not have taken place. The refugee problem would not have been created, tens of thousands of soldiers and civilians on both sides would not have been killed, the Arab countries would not have gotten entangled in war, and on May 15, 1948, two states would have been established on the territory of the British Mandate: Israel and Palestine, one alongside the other.

"Moreover, had the PLO leadership heeded the call of Egyptian President Anwar Sadat and joined him in his historic visit to Jerusalem in 1977, it would have been possible, in the atmosphere of reconciliation that prevailed, to begin to resolve the conflict between our two national movements.
"But we are looking toward the future. I know that there are many points of disagreement between us, and because of these we have failed to reach an agreement until now. But with an honest desire for peace and with the international recognition you have now received, these disagreements can be resolved by negotiations between us. I therefore call on you, sir, the president of the Palestinian Authority, and your entourage, to join me on my plane and return to the Middle East together. Over the long flight, we will be able to clarify between us a few of the principles ahead of the negotiations. At Ben-Gurion International Airport you will be welcomed like royalty, just like Sadat - the first person who had the courage to accept the historical reality of the existence of a Jewish state in the Middle East. Israel responded accordingly, and with a far-reaching willingness to compromise.

"I propose that we travel together from the airport to the Knesset. In the name of the Knesset and in the name of all the people of Israel, I invite you to bring a message of peace and reconciliation to your nation and mine. It is clear to me that, just as the Israeli public saw Sadat as a messenger of peace and reconciliation, that is how they will see you. Because it is the people of Israel - not the countries of the world - whom you must convince that you have chosen a path of reconciliation and compromise after so many years of animosity and refusal.
"I have no illusions that the path will be easy. The problems we face are complex, and they are not limited to territorial issues. But from the moment it becomes clear both to us and to you that each side accepts the legitimacy of the other, there will be an opening for reconciliation, even if it is difficult and complicated to get there.

"You have already come a long way, Mr. President. In the name of the people of Israel, in all their diversity, I would like to congratulate you. Let us say clearly and unequivocally that there is room for two states in our region: the Jewish nation-state and the Palestinian nation-state. The key is in our hands - in your hand, Mr. President."
This speech, of course, was not delivered. Because that would require courage, wisdom and a Zionism that combines vision with realism - the Zionism of David Ben-Gurion, who led the way to Israel's independence by accepting the partition plan, and of Menachem Begin, who welcomed Sadat to Jerusalem even as he gave up all of Sinai. How painful it is to realize that these qualities, which guarantee these two leaders a place in history, are so lacking in the prime minister of Israel today.
Shlomo Avineri, der Autor dieses Artikels im heutigen Haaretz, ist einer der vernünftigsten Männer in Israel. Er weiss genau, dass auch wenn Bibi obige Ansprache gehalten hätte, Abbas die darin enthaltende Aufforderung kaum aufgegriffen hätte, denn ein Sadat, der über seinen eigenen Schatten springt, ist er nicht. Abbas ist sich kaum klar, dass das Palästina, das man ihm vor wenigen Tagen „geschenkt“ hat, nur einen Bruchteil der Grösse besitzt, die die Palästinenser, hätten sie Resolution 181 in 1948 angenommen, erhalten hätten. Sukzessiv, in jeder späteren Verhandlung, Camp David und Taba mit Barak und Clinton oder das beinahe hundertprozentige Angebot von Ehud Olmert, waren geschrumpfte Versionen davon. Uns allen ist bekannt, ob man es glauben will oder nicht, dass es für sie nur eine akzeptierbare Version des Staates Palästina gibt, nämlich vom Jordan (oder noch östlicher) bis zum Mittelmeer, möglichst judenfrei.
Aber dennoch hätte Bibi eine Rede im vorgeschlagenen Stile halten müssen und Mahmud Abbas die Hand bieten, einem wirklichen, erfolgsversprechenden Staat Palästina auf die Füsse zu helfen. Wäre Abbas über seinen eigenen Schatten gesprungen hätten beide, Israel und Palästina gewonnen, eine win-win Situation wäre entstanden. Hätte Abbas abgelehnt, würde Israel heute nicht als „Friedensverweigerer“ dastehen. Schade. Für einmal gilt Abba Ebans bekannter Ausspruch in abgeänderter Form: „die Palästinenser würden keine Chance verpassen eine Chance zu verpassen“ für Israel.