Donnerstag, 30. Oktober 2008

Schon wieder Wahlen!!!

28.10.2008

Grundsätzlich fällt die Verantwortung für die kommenden und völlig unnötigen Wahlen auf die sephardisch-haredische Schas-Partei des Rabbi Ovadia Joseph. Sie spielt das Zünglein an der Wage in einem Parlament, das durch das für unser Land unsinnige System der Proporzwahlen, das Land nicht richtig regierbar macht. Doch noch nie war die persönliche Profilierungssucht der Parteien und ihrer Führer so krass zu erkennen, wie heute. Ehud Barak der Arbeitspartei gehört dazu, die Greise und Greisinnen der Rentnerpartei, Zippi Livnis Gegenspieler in der Kadima-Partei Shaul Mofaz, Eli Ishai, Chef der Schas und Sprachrohr seines Rabbi Ovadia Josephs, der die Politik dieser Partei vorschreibt. Sie alle stellen eigene persönliche Aspirationen dem Wohl des Landes voran.

Ich denke, dass die Arbeitspartei auch heute einige viel versprechende Knessetmitglieder und Minister besitzt, meist jüngeren Alters, die jedoch noch immer nicht an älteren Sesselkleber dieser Partei vorbeikommen. Ich denke an Ophir Pines-Paz, Izchak Herzog, an einen Ami Ayalon (zwar ein ganz klein wenig älter), die von Barak, Ben Eliezer und ihresgleichen zurückgebunden werden, teilweise sogar deswegen Ministerposten aufgaben, weil sie sich mit der Politik ihrer Partei nicht mehr identifizieren mochten.

Ich kann es nicht beschwören, doch sieht es so aus, als wäre die linke Meretz, heute die einzige Partei, von der man bisher noch keine Meldungen über Korruption und ähnlichem gehört hat. Meretz hatte in der Vergangenheit einige hervorragende Minister gestellt, wie Yossi Sarid, Yossi Beilin, Shulamit Aloni, die sich jedoch alle von der Politik verabschiedet haben.

Mir fehlt heute eine Persönlichkeit wie Tommy Lapid, der Dinge beim Namen nannte und dessen Partei Schinui in der kurzen Zeit ihrer Existenz einige schöne legislative Erfolge gegen ultraorthodoxe Erpressungspolitik zeitigte. Doch leider ist Tommy tot und seine Partei wurde in den letzten Wahlen in die Wüste geschickt und ist verschwunden.

Der Vorschlag der Vereinigung der Kadima und der Arbeitspartei steht im Raum. Die Letztere ist schon seit langem keine sozialistische Partei mehr, sie ist eine vollwertige Zentrumspartei geworden. Die politischen Begriffe „Links“ und „Rechts“ in Israel haben nichts mehr mit sozialen Anliegen zu tun, sondern sie beziehen sich, nüchtern betrachtet, fast ausschliesslich auf das Verhältnis zur arabische Welt und einem möglichen Frieden sowie auf den Grad religiöser Manifestation. Links nennt sich „Friedenlager“, was auch einen guten Schuss Realismus beinhaltet, Recht sind die Vertreter der Grossisraelideologien, die Westbanksiedler, die religiösen Parteien verschiedener Stufen religiöser Observanz bis hin zu wilden faschistoiden Ideologien extremer Nationalisten und Araberhasser.

Es wird im Volk zurzeit sehr wenig über die kommen Wahlen gesprochen. Man beschäftigt sich vor allem mit dem rauf und runter der Börsen, mit den durch die heutige Wirtschaftskrise gefährdeten Arbeitsplätzen – das obwohl Israel im Vergleich mit den USA und Europa bisher glimpflich davonkommen ist.

Eine öffentliche Diskussion wert ist der Vorschlag einer grossen Koalition der drei Grossparteien Likud, Kadima und Arbeitspartei, die zusammen etwa siebzig Knessetsitze besitzen. Damit könnte einigermassen „bequem“ regiert werden. Diese Lösung würde die kleinen Parteien aus den Machtzentren heraushalten und eine wirklich diesen Namen verdienende Regierungspolitik ermöglichen.

Da ich denke, dass die momentane Situation vor allem von der religiösen Schas-Partei zu verantworten ist, möchte ich mich nachfolgend etwas ausführlicher mit ihr und ihrem Verhalten beschäftigen. Denn nirgends ist politische Korruption, gepaart mit (gewollter?) Ignoranz über politische Fakten so krass ersichtlich, wie bei dieser Partei.

Es ist übrigens interessant zu beobachten, dass die Vertreter der Schas, allen voran ihr Chef Eli Yishai, dieser Tage den Ungeist des rassistischen Verfolgungswahns aus der Flasche gelassen hat. Wieder wird von der Elite, von den Aschkenasen und der vermeintlichen Benachteiligung des sephardischen Bevölkerungsteils Israels geschwafelt – nach dem Motto, dass immer die „Anderen“ schuld am eigenen Versagen sind.

Schas und das Geld

Das israelische Volk muss Zippi Livni dankbar sein. Statt vor der religiösen Schas-Partei einzuknicken, hat sie abgelehnt, sich von dieser erpressen zu lassen. Nur, diese Feststellung muss mit einer Prise Salz genossen werden. Schas wollte 1 Milliarde Schekel für seine hungernden Kinder, in den Verhandlungen ging es am Schluss, so erfuhr ich in der Presse, um 850 Millionen, von Livni als Vergleich vorgeschlagen und von der Schas abgelehnt. Es ging also um eine Milliarde oder nichts. Dass Livnis Angebot immerhin nur 150 Millionen Schekel darunter lag, lässt weniger auf Prinzipientreue als auf politisches Kalkül schliessen. Trotzdem scheint, dass Livni im Land Respekt gewonnen hat. Jetzt werden wir im Februar 2009 Knessetwahlen haben, die 3 Milliarden Schekel kosten werden, das Dreifache des schas’schen Erpressungsversuches.

Eli Ishai, der Schaschef (deren wirklicher Chef der Rabbi Ovadia Joseph ist) hatte noch eine zweite Bedingung für den Eintritt in eine Regierung: eine Teilung Jerusalems dürfe nicht und mit niemandem diskutiert werden, vor allem nicht mit den Palästinensern. Auch dies lehnte Livni ab, diesmal allerdings ohne Gegenangebot, wofür ich sie schätze.

Teilung Jerusalems?

Diese „Teilung“ Jerusalems hat es in sich. Bei weitem nicht alle Nachrichtenkonsumenten, wie auch viele israelische Politiker, verstehen um was es gehen soll, es gibt verschiedene Sichten und Fakten, die vielen nicht präsent sind. Vor allem aber sollte, wer sich damit beschäftigt wissen, was geographisch das heutige völlig israelische, aber nicht völlig jüdische Jerusalem ausmacht, verglichen zum Jerusalem vor dem Siebentagekrieg in 1967.

Image:EastJerusalemMap.jpg

Von 1948, Israels Unabhängigkeitskrieg, bis 1967, dem Sechstagekrieg, war die Stadt durch Mauern und Stacheldraht geteilt. Es gab einen einzigen Durchgang: das Mandelbaumtor. Im Osten - vor allem die Altstadt – gehörte zu Jordanien, der westliche moderne Stadtteil war israelisch. Alle paar Tage wurde ein israelischer Zivilist von einem jordanischen Scharfschützen, meist von den Mauern der Altstadt herab, erschossen. Um das damalige Jerusalem herum lagen palästinensische (damals noch „arabische“) Dörfer wie Shuafat, Beit Janina, Beit Safafa und Teile von Jabel Mukaber, die heute von Jerusalem eingemeindet worden sind und neben neuen jüdischen Quartieren wie Gilo, Neve Ya’akov, Pisgav Ze’ev oder Har Homa das heutige vergrösserte Jerusalems bilden. Es fragt sich, ob Israel tatsächlich daran interessiert sein muss, offiziell unfreiwillige Israelbürger, wie es die Araber Ostjerusalem sein wollen (dass sie inoffiziell aber unheimlich gerne Israelis bleiben möchten, wird unter der Hand zugegeben – eines der Rätsel arabischen Judenhasses, das vielleicht mit dem traditionellen Mangel an Zivilcourage und dem enormen gesellschaftlichen Druck in der arabischen Gesellschaft zu erklären ist, man erinnere sich, wie sie mit vermeintlichen Kollaborateuren umgeht).

Israels Regierung muss sich fragen, ob bei der von ihm vertretenen Weigerung Jerusalem mit dem palästinensischen Staat (wenn immer der kommt) zu teilen, diese „zugewonnenen“ palästinensischen Dörfer oder wenn man will, Quartiere, zu Israel gehören sollen oder nicht.

Schon seit Jahren, wenn immer die „Ewigkeit“ eines israelischen Jerusalems beschwört wird, einem Jerusalem, das exklusiv Israel gehört, schüttle ich den Kopf. Warum muss Jerusalem geteilt werden, warum soll der üble Zustand von vor 1967 wieder hergestellt werden. Wäre es nicht schön, wenn Juden und Palästinenser diese Stadt gemeinsam als Hauptstadt ihres Landes, ohne Mauern, Stacheldraht und Heckenschützen teilen würden. Wir Israelis hätten die Knesset, die Palästinenser würden sich in Ostjerusalem ein eigenes Parlament bauen und ihre Ämter im Ostteil der Stadt errichten. Gemeinsam könnte die Stadt regiert werden, gemeinsam könnte Unrat entsorgt, die Kanalisation erneuert, das Tramsystem, an dem gerade gebaut wird, könnte von Juden und Arabern betrieben und benutzt werden, während im Schulwesen beide Völker ihr jeweils eigenes staatliches Schulprogramm durchführen und es zu echter Bildung, zum Lehren gegenseitigen Respekts und Pluralismus nutzen, statt es, wie die heutigen palästinensischen Schulen, zum Lehren von Judenhass zu missbrauchen – eine Eigenschaft, die wie keine andere im Umgang mit anderen in dieser Ecke der Welt fehlt. Auch hier muss die beiden Seiten eigene Forderung des „Alles oder Nichts“ überwunden werden.

Die Ultra-Orthodoxie

Innerhalb der Ultra-Orthodoxie herrscht nicht nur Zwist zwischen den Höfen der Hassidim, sondern auch Rassismus aschkenasischer (osteuropäischer) Haredim gegenüber sephardischen (orientalen und nordafrikanischen) Juden, ob sie fromm sind oder gar völlig säkular. Sephardische Kinder werden in religiösen Schulen der Aschkenasim möglichst nicht aufgenommen und wenn dazu gerichtlich gezwungen, diskriminiert. Heirat zwischen den zwei Volksteilen wird tunlichst vermieden.

Abschliessend

Es sei denn, die Wähler wenden für einmal Vernunft an und lassen die Kleinparteien aus dem Spiel, werden Schas und die Ultra-Orthodoxen der der aschkenasischen Welt wiederum Zünglein auf der Waage spielen. Alles wie gehabt und zum Nachteil des Landes. Doch wie Ben Gurion vor Jahrzehnten feststellte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Aber ob Wunder oder nicht, solange Politiker, vor allem Knessetabgeordnete, nicht dem Volk, sondern ausschliesslicher ihrer Partei oder ihrem religiösen Oberhaupt verantwortlich sind, so lange wird sich nichts ändern. Nur schon aus diesem Grund ist auf weite Sicht eine Revolution im Wahlsystem unumgänglich. Israel, das keine politisch selbstständige Kantone oder Provinzen besitzt, muss in Wahlkreise eingeteilt werden, in denen sich Kandidaten direkt ihren Wählern stellen müssen. Das hätte erstens den Vorteil, dass jeder Wähler „seinen“ Vertreter kennt und ihn bei Missfallen abwählen kann. Der zweite Vorteil wäre, dass kleine Parteien verschwinden würden, sehr zum Wohle der Demokratie und der Regierbarkeit des Landes. Es gibt einige aktive Vertreter dieses Anliegens im Land, manche wollen das amerikanische, andere sogar das Schweizer System als Muster verwenden. Doch Einzelheiten darüber zu diskutieren, das ist ein Thema für sich.

Montag, 20. Oktober 2008

Ist das Wort “Frieden” zum reinen Gruss verkommen?

15.10.2008

Heute früh las ich in den Internet-Nachrichten folgende Überschrift: „Palästinenser an Strassensperre durch zionistische Soldaten gedemütigt; Terrorangriff verhindert“ (Palestinians humiliated at checkpoint by Zionist soldier; terror attack averted). Zwar heisst der Titel im Original YNET Artikel „Soldaten verhindern Terrorangriff“, aber Avi Isseroff benutzte in seiner Meldung ironisch den internationalen Pressestil, wie er von Journalisten aus dem Ausland so gerne angewendet wird.

Die in diesem Bericht beschriebenen neun Rohrbomben hätten Menschen verletzt und vielleicht auch getötet. Wie der Trennungszaun zwischen Israel und den besetzten Gebieten, beweist dieser Zwischenfall an einer Strassensperre, dass es halt doch eine Berechtigung für dafür gibt, auch wenn sie vielen, wie auch mir, gar nicht gefallen. In unseren gefährlichen Landen haben wir leider nicht die Wahl zwischen Sicherheit und Ästhetik oder, wenn man so will, Verantwortungslosigkeit. Vorläufig noch, bleibt Ästhetik auf Platz zwei. Liebe Gutmenschen, das tut mir wirklich leid!

Der letzte Satz führt nahtlos zu meiner nächsten Mitteilung. Nach langer Überlegung sind Lea und ich der Bewegung „Shalom Ahshav“ (Frieden jetzt) beigetreten. Wir sind weder Blauäugig noch naive Gutmenschen – wer Uris Tagebuch seit längerem liest, wird das bestätigen. Shalom Ahshav beizutreten war gelegentlich ein Thema, aber den letzten Stoss dazu gaben uns die faschistoiden Vorfälle aus Siedlerkreisen der vergangenen Wochen und Tage, über die ich mir auch schriftliche Gedanken gemacht hatte (26/27.9.2008). Kaum jemand stellt sich diesen „Superzionisten“ entgegen, schon gar nicht politische Parteien und ihre Politiker, die, statt das Land trotz den zur Zeit stattfindenden Verhandlungen zur Regierungsbildung, anständig zu regieren, sich auf individuelle Egotrips begeben und dabei das tägliche Geschäft recht- und linksextremen jüdischen und arabischen Mobs überlassen – eine Wertung vorzunehmen, wer dabei schlimmer als der andere ist, erspare ich mir nach dem mehrtägigen Jom Kippur-Aufruhr in Akko, an denen Juden und Araber sich brüderlich mit Steinen, Keulen und Zündhölzern liebkosten.

Zurück zu Shalom Ahshav. Diese Gruppe ist keine Sammlung unbedarfter Gutmenschen, wie als Beispiel Uri Avneris Gush Shalom in Israel oder als anderes Beispiel, die Jüdinnen und Juden für einen gerechten Frieden in Palästina. Zwar gibt es in vielen Ländern Freundesgruppen von Shalom Ahshav, doch das sind eben Freundesgruppen, Sympathisanten. Shalom Ahshav ist eine israelische Organisation, die in Israel lebt und agiert und bestenfalls zu Informations- und Sammelreisen ins Ausland fährt. Shalom Achshav arbeitet vor allem unter den Juden Israels, als hundertprozentig zionistische Organisation vertritt sie nicht Frieden um jeden Preis und nationalen Selbstmord, wie es pazifistische „Friedens“-Extremisten so gerne tun. Die Bewegung vertritt den klassischen humanistischen Zionismus, was leider von den Schreibern und Scheiberinnen von Schlagzeilen über unsere nationalistischen Superpatrioten viel zu wenig wahrgenommen wird. Für mich trifft zu, dass ich auf Grund meiner eigenen Erfahrungen und Aktivitäten mit arabischen Israelis und meiner Ablehnung extremistischen Gedankengutes, ich mich nur soweit für Palästinenser einsetze, wie diese ihre teilweise gerechtfertigten Anliegen friedlich vertreten. Für mich sind arabische Extremisten genau so verbrecherisch wie jüdische – ob politisch links oder rechts ist reine Semantik. Im Einheitsbrei des Terrors und seiner Opfer, auch wenn die Palästinenser in „Punkten“ führen, ist nur massgebend, ob er nicht nur verurteilt, sondern auch bekämpft wird – da führt Israel allein auf weiter Flur, die palästinensische Welt ist noch immer im Stadium des Feierns terroristischer Gewalt gefangen.

Zurück zu Shalom Achshav. Die Organisation beobachtet sehr genau und, im Unterschied zu Betzelem oder Amnesty International, berichtet verlässlich was in den besetzten Gebieten geschieht. Im Unterschied zu den eben genannten Organisationen frönt Shalom Achshav nicht dem Apologetentum und drückt sich politisch oft wunderschön unkorrekt aus. Da ich für palästinensische Aspirationen, ihrem Verhältnis zu Terror und sonstiger Gewalt gegen Juden und ihren eigenen Brüder null Verständnis habe, bin ich der oft ausgesprochenen Meinung, dass wir uns als Juden, nicht so wie unsere Gegner benehmen dürfen – solange wenigstens, wie es die Umstände zulassen. Auch die Palästinenser haben eine Geschichte und diskutable Ansprüche in unserem gemeinsamen Konflikt. Doch solange sie sich nicht von ihren „Alles oder Nichts“ Vorstellungen (eine Sicht, die leider auch unter Juden um sich greift) lösen können, gibt es keine Aussicht auf eine Lösung. Israel gilt nun mal und es ist gut so, als regionale Supermacht – wären wir’s nicht, wären wir schon lange nicht mehr da. Doch Macht verpflichtet, Judentum noch mehr und, ob es die Welt wahrnehmen will oder nicht, wir dürfen uns unter keinen Umständen das politische Benehmen und die mörderische Philosophie rechtextremer Grossisrael-Juden als Vorbild nehmen. Für uns positive Vorbilder dafür gibt es zuhauf, denken wir an Yossi Beilin, Yossi Sarid, die Omas der Machsom Watch, Yeshayahu Leibowitz, an Martin Buber, an den kürzlich verstorbenen Friedensflieger Abie Nathan, auch Shimon Peres gehört dazu und Itzchak Rabin, dem nur seine Ermordung durch einen jüdischen Faschisten, die Enttäuschungen der letzten zehn Jahre ersparten.

Zum Abschluss nochmals die Feststellung Ulrich Sahms: „Die Unfähigkeit der Palästinenser zur Selbstkritik wird sie weiter ins Unglück stürzen.“ Auch wenn in den vergangenen Monaten und Jahren israelische Friedenssucher der denkenden Variante oft nicht mehr weiter wissen, hat das vor allem mit dieser pathologischen palästinensischen Unfähigkeit zu tun.

Montag, 13. Oktober 2008

Liberté, Egalité, Fraternité

13.10.2008

Da soll mir noch einer sagen, in Israel werden die Grundsätze der französischen Revolution nicht ernst genommen. Den letzten Beweis, dass alle israelischen Bürger gleichberechtigt sind wurde kürzlich in Akko geliefert und hält noch immer an. Doch erst eine Einführung zum Thema: zum Yom Kippur in Israel gehört die schöne alte Tradition, dass man an diesem Tag nicht Auto fährt. Man sieht nur Fahrräder, sogar auf der Autobahn. Dieser wundervolle und völlig freiwillige Brauch beruht nicht, wie einige Apologeten behaupten, auf Respekt vor religiösen jüdischen Bräuchen, sondern ausschliesslich auf Angst. Angst vor dem gesteinigt werden. Das ist der Grund, dass ich meine Frau Lea, die keine längere Distanzen zu Fuss gehen kann, schon im Rollstuhl zur Synagoge und dann wieder nach Hause schob, Sie kam jeweils gesund und ausgeruht an, während ich verschwitzt, ausgelaugt und physisch fertig einige Stunden ausruhen musste. Einmal versuchte ich es mit unserem elektrischen Golfmobil für Invalide – es geschah mir nichts, obwohl ich böse Blicke in meinem Rücken fühlte. Das Auto lasse ich aber zu Hause – freiwillig zwar, obwohl ich das Recht auf meiner Seite hätte. Ich muss zugeben, dass ein autofreier Tag etwas für sich hat – aber er muss freiwillig bleiben, solange kein vernünftiges Gesetz ihn vorschreibt. Aber als religiöser Brauch darf er nicht mit Steinen und sonstiger Gewalt durchgesetzt werden. Es ist eine der zahlreichen Feigheiten der säkularen Gesellschaft Israels im Umgang mit fragwürdigen Traditionen, es in den Jahrzehnten des Nachgebens gegenüber religiöser Erpressungen nie die nötige Zivilcourage gefunden zu haben, um solchen totalitären Bräuchen entgegen zu treten.

Am soeben zu Ende gegangenen Yom Kippur ist es in Akko zu einem Eklat gekommen. Akko, die alte romantische Ritterstadt hat knapp 50'000 Einwohner, davon etwa ein Drittel Araber, zwei Drittel Juden. Zusammen mit Haifa galt sie seit Jahrzehnten als Musterstadt des friedlichen Zusammenlebens, eine nicht immer wahre Behauptung. Beide Gruppen haben oft Angst voreinander und es braucht wenig, um gegenseitigen Hass zu produzieren. Beiden ist gemeinsam, dass sie mehrheitlich relativ arm sind. Auf beiden Seiten ist die Zahl ungebildeter, erfolgloser und gewaltbereiter Jugend aus ärmlichen Familien hoch.

Als am vergangenen Yom Kippur ein Araber es wagte, auf dem Weg zu seiner Tochter durch ein jüdisches Quartier zu fahren, flogen Steine auf sein Auto. Leicht verletzt floh er ins Haus seiner Tochter und rief eine Ambulanz. Die Ambulanz wurde ebenfalls mit einem Steinhagel begrüsst, es sollen ihr auch die Reifen durchstochen worden sein. Darauf hin wurden arabische Jugendliche aufgeboten, arabische Politiker schalteten sich umgehend ein und benutzten den Vorfall für ihre eigenen politischen Winkelzüge. Auch heute noch schlagen sich Juden und Araber gegenseitig die Köpfe ein, es gibt Verletzte, zwei Häuser wurden angezündet, Autos ebenso und, das sehe ich als Fehler des Bürgermeisters von Akko, das traditionelle Theaterfestival der Stadt, wurde voreilig abgesagt. Es würde, so sagte der Bürgermeister, ein Festival der Polizei werden und das widerspreche dem Geist dieser Veranstaltung. Durch diese Absage werden vor allem Akkos Araber bestraft, die vom Tourismus leben.

Grundsätzlich finden ich, dass die Mehrzahl der jüdischen Steinewerfer nicht, wie in Jerusalem an früheren steinigen Wochenenden, Talmudstudenten sind, sondern ganz einfach Chaoten, mit und ohne Kippa auf dem Kopf. Vorgebend die Heiligkeit des höchsten jüdischen Feiertages, Yom Kippur, zu verteidigen, werden sie gewalttätig. Es erstaunt, warum sie nicht in ihren Synagogen und Betstuben den Feiertag im Gebet verbringen, statt ihre angebliche jüdische Religiosität am heiligsten Tage des Judentums mit physischer Gewalt zu festigen. Es gibt im Nahen Osten den Begriff „Shabab“, der die arabische männliche Jugend bezeichnet, die mehrheitlich arm, schulisch unterversorgt und sehr empfänglich für die Abartigkeiten jedes religiösen und politischen Extremismus ist. Inzwischen haben wir gelernt, dass es einen ähnlich spiegelbildlich motivierten jüdischen Shabab gibt. In Akko sind die beiden aufeinander geprallt, es soll, so habe ich gelesen, auch ein gewisser „Shababtourismus“ stattfinden, denn noch sind diese Unruhen nicht völlig beendet. Wie nicht anders zu erwarten, haben sich auf beiden Seiten extremistische Politiker eingeschalten und hetzen die zwei Gruppen gegeneinander auf.

Für die Polizei war die Schuldfrage offenbar einfach, das Durchsetzen der öffentlichen Ordnung hingegen weniger. Dem französischen Grundsatz der Egalité entsprechend, hieben sie fair und ausgewogen auf alle Radaubrüder, ob Juden oder Araber, ein und versuchten auf diese Art, Ordnung herzustellen.

Freitag, 10. Oktober 2008

Politischer Aktivismus



9.10.2008

Ich weiss nicht, wo in Amerika diese Tafel steht. Ersichtlich ist einzig, dass es eine jüdische Gemeinde ist – wahrscheinlich eine orthodoxe, da ihr Name in aschkenasischem Hebräisch geschrieben ist (Sholom statt Shalom). Aber diese jüdische Gemeinde nimmt Stellung bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, denn nach den Neujahrswünschen ist ins Deutsche übersetzt zu lesen: „Bitte wählt den Schwarzen“ (Please vote for the „Shvartzeh“ – ein englisch-jiddischer Ausdruck, der unfeinen Art). Diese Tafel ist nicht nur amüsant, sondern sie imponiert, denn das sonst unter Juden in verächtlicher Absicht benutzte Wort „Shvartzeh“, wird hier ins Gegenteil verkehrt und ruft respektvoll zur Stimme für Barrack Obama auf. Auch wenn es vielleicht von einigen politisch korrekten Neurotikern nicht so erkannt wird.

Kann es sein, dass ich nicht genügend Zeitung lese oder Fernsehnachrichten schaue – politisch scheint es in Israel relativ ruhig zu sein. Das unsere neue Ministerpräsidents-Kandidatin daran arbeite eine Regierung aufzustellen, etwas das eigentlich jedermann beschäftigen sollte, stellen das dem Thema Iran und dessen Atomwaffen sowie die Präsidentschaftswahlen der USA die vordergründigen Hauptsorgen dar. Meine aus Amerika stammenden hiesigen Freunde sind geteilter Meinung. Die meisten ziehen McCain vor, da die rassistische, beschämend aus jüdischen Kreisen stammende Propaganda gegen Obama, bei labilen Gemütern zu wirken scheint. Als Bürger der Schweiz und Israels darf ich nicht mitwählen und so halte ich mich aus Diskussionen zu diesem Thema heraus, nur über die oben erwähnte Anti-Obama Lügenpropaganda gebe ich meinen Senf auch ungefragt dazu.

Erwähnenswert sind die Glückwunschtelefone von meinen drusischen und arabischen Freunden zu den Festtagen. Bei den Muslimen habe ich wenigstens Gelegenheit zu Id El-Fitr, dem Abschluss des Ramadans zu gratulieren, bei den Drusen habe ich über ihre religiösen Festtage nicht die geringste Ahnung. Freund Hani hat mir zwar Aufklärung über die Geheimnisse der Drusenreligion versprochen. Wenn es so weit ist, hoffe ich in der Lage zu sein, darüber aufzuklären. Auf jeden Fall denke ich, dass es eigentlich unsinnig sein sollte, freundschaftliche Interaktionen dieser Art zu erwähnen. In einer normalen und gesunden (wenn es das überhaupt gibt) multikulturellen Gesellschaft, müsste dies eine Selbstverständlichkeit sein. Aber in unserer Regionen, in der gegenseitige Furcht und gegenseitiger Hass allzu oft zur Norm gehören, bleibt mir leider keine andere Wahl als darüber zu schreiben.

Sonntag, 28. September 2008

Faschismus, da und dort (2)

27.9.2008

Das Thema Faschismus unserer Region beschäftigt mich weiterhin. Meine Bemerkungen zum israelischen Faschismus wurde vor zwei Tagen akzentuiert, durch eine Rohrbombe, die Ze’ev Sternhell in Jerusalem vor die Haustür gelegt wurde und ihn leicht verletzte. Sternhell ist Professor an der Hebräischen Universität und Fachmann für Rassismus und Faschismus. Seine Gedanken sind denen von Yeshaiyahu Leibowitz nicht unähnlich, der die Besiedelung der Westbank und die Herrschaft übe die dortigen Palästinenser als das Grundübel israelischer Politik sah. Ich weiss nicht, ob Sternhell Mitglied der Friedensbewegung „Schalom Achshav“ (Frieden jetzt) ist, deren Generalsekretär Yariv Oppenheimer eine Morddrohung erhielt, in der Form eines Preises von über einer Million Schekel für seinen Kopf. Selbstverständlich versuchen sämtliche Politiker der politischen Rechten sich gegenseitig mit ihren Verurteilungen des Mordversuchs und der Morddrohung zu überbieten, doch kaufe ich diese nicht allen ab.

Es muss festgestellt werden, dass politischen Morde, Mordversuche und Gewalttaten in Israel fast ausschliesslich aus der rechten faschistoiden Politszene kommen, während die politisch Linken und die politische Mitte, meist ihre Opfer sind. Dazu zähle ich auch gewalttätige Anarchisten, die sich als linke Friedensengel empfinden, denn das Etikett politisch „Links“, das sich neben dem zarten und feinfühligen Josef Stalin auch europäische Demonstrationstouristen und Chaoten (ich denke hier an Schweizer 1. Mai-Umzüge oder an Durban I) zulegten, darf nicht zum Persilschein für politische Gewalt verkommen.

Durch die Aktivitäten und die Ideologie der extremistischen Siedlerbewegung von heute werden die politischen Fundamente unseres Staates untergraben. Die Prioritäten, von ihren Rabbinern vorgegeben, sind Herrschaft über Land, eine fundamentalistische Auslegung der Bibel und die Ablehnung des heutigen Staates Israel. Begriffe wie Demokratie, freie Gesellschaft, Meinungsvielfalt und Pluralismus kommen in dieser Ideologie nicht vor. Aus diesem Grunde ist für mich dieser höchst unzionistische jüdische Extremismus eine weit grössere Gefahr für unser Land, als die arabische und iranische Bedrohung.

Wenn in Israel Demokratie und freie Gesellschaft untergraben werden, wenn das Sozialwerk Israel weiter demontiert wird und einem blindwütigen Raubtierkapitalismus Platz macht, der mit der humanistischen Tradition der Gründergenerationen nichts mehr gemein hat, dann werden wir eines Tages aufwachen und einen jüdischen Staat vorfinden, dessen Verteidigung sich nicht lohnt – auch nicht mit der feinsten Armee des Mittleren Ostens.

Samstag, 27. September 2008

Faschismus - bei denen und bei uns

26.9.2008

Auf den Tagebucheintrag vom 12.9.2008 zum Thema fehlender Empathie von Seiten ausländischer Kommentatoren und selbstzufriedenen Bürgern der westlichen Welt, schrieb mir der Journalist Ulrich Sahm: „Die Unfähigkeit der Palästinenser zur Selbstkritik wird sie weiter ins Unglück stürzen. Das macht mir mehr Sorge als die Lage Israels“.

Das liegt auf der Hand und ich habe zu diesem Thema auch schon geschrieben, wenn auch anders. Ich nenne das die Weigerung der Palästinenser und der arabischen Welt für sich Verantwortung zu übernehmen und stattdessen Israel, die USA und den gesamten Westen als Sündenböcke für eigene Unfähigkeiten zu anzuklagen. Ulrich Sahm phrasiert das schlicht eleganter. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist die Vorbedingung um Selbstverantwortung zu übernehmen.

Übrigens: ich habe in meinem Blog begonnen, neben Buchempfehlungen auch Links zu Websites und Blog aufzulisten. Ulrich Sahms Website ist auch dabei, man kann, neben politischem, auch übers Kochen schlau werden. Eine umfassende Rezeptsammlung hilft dabei.
Es gibt, im Moment wenigstens, sogar noch wichtigeres als kochen. Viel lesen wir über den „Islamofaschismus“, mit dem seit wenigen Jahren der Jihadismus und seine dem Hass und Terror auf Juden und andere Vertreter westlicher Lebensart frönenden Anhänger bezeichnet werden. Da sich dieser Beschäftigung nachgehende Muslime (und ihre westlichen Apologeten) sich durch Worte und Taten als Erben des Nationalsozialismus betrachten, hat diese Bezeichnung eine gewisse Logik. Es ist dieser Islamofaschismus, durch den sich das palästinensische Volk von der Erfüllung seines berechtigten Anliegens, einen eigenen palästinensischen Staat zu errichten, so weit entfernt hat, dass eben dieses Anliegen von seiner Legitimation verliert. Für den Rest der arabischen Welt, deren Schuld am Los der Palästinenser ungleich grösser ist als die Israels und der Palästinenser selbst, haben nicht einmal diese „Legitimität“ für ihren weltweiten Terror. Im Endeffekt ist dieser Zustand das Resultat von Ulrich Sahms Feststellung arabischer Unfähigkeit zur Selbstkritik.

Doch einen jüdischen „Faschismus“ gibt es auch. Man denke an den Mörder Itzhak Rabins, an Herrn Dr. Goldstein, der in Hebron neunundzwanzig betende Araber umbrachte, nur weil sie eben Araber waren, man denke an den Mord an Emil Grünzweig, Mitglied von Schalom Achshav, der an einer Demonstration vor vielen Jahren durch jüdische Rechtsextremisten ermordet worden war, man denke an die vielen palästinensischen Familien in der Westbank, die beim Olivenernten von jüdischen Siedlungsfanatikern angegriffen, verprügelt, verletzt und getötet worden sind, an die Morde an palästinensischen Arbeitern, an die Angriffe auf Polizei und Armee der sich vom Staat losgesagten Hügeljugend, die israelische Sicherheitskräfte als Feinde sehen und sich entsprechend benehmen und anderen Vorkommnissen dieser Art, die unserer Gesellschaft und dem jüdischen Staat keine Ehre machen. Das sind keine Taten einzelner durchgedrehter Juden, sondern dahinter stehen extremistische Rabbiner, Ideologen und Politiker, die mit ihren mittelalterlichen Ansichten und Bestrebungen mit dem humanistischen Zionismus der Gründerväter rein gar nichts mehr zu tun haben. Sie sind auf einen fahrenden Zug aufgesprungen und versuchen mit Gewalt seine Richtung zu ändern, den Rückwärtsgang einzulegen.

Im Gegensatz zur palästinensischen und arabischen Welt verurteilt die grosse Mehrheit der Israelis eigene faschistische Phänomene, tanzt nach Morden nicht in den Strassen und verteilt zur Feier keine Bonbons. Israel erhebt den Anspruch ethisch über der fanatisierten islamischen Welt zu stehen – der israelische Faschismus ist dem abträglich.

Zum Thema gehört eine Geschichte, die sich im Barzilai Spital in Ashkelon abspielt. Ich verfolgte eine Reportage darüber in den heutigen Fernsehnachrichten. Im Barzilai liegt seit einigen Monaten eine Frau nach einer Hirnblutung im Koma. Sie ist Mutter zweier Söhne und vor zwei Tagen wurde ihr dritter Sohn mittels Kaiserschnitt geboren. Diese Frau kommt aus Gaza, ist geborene Bulgarin und hatte einen Palästinenser aus Gaza geheiratet. Wie unendlich viele palästinensische Kranke wurde sie zur Pflege nach Israel gebracht. Ihr Zustand ist hoffnungslos, sie vegetiert, doch wird sie im Koma gehalten, um die Schwangerschaft zu Ende zu führen. Ihr Mann kommt täglich aus Gaza zu ihr, bringt manchmal die zwei grossen Söhne mit und hofft, dass ein Wunder geschieht und seine Frau erwacht. Gestern kam der Bruder der Patientin aus Bulgarien angereist, um seine Schwester zu sehen. Der Vater kann seinen neuen Sohn sehen – er liegt noch im Brutkasten – sein Händchen halten und sich freuen. Eine Freude, die von Trauer überschattet ist, denn er weiss, dass seine Frau kaum noch lange am Leben erhalten werden kann.

Solche Situationen gibt es auf der ganzen Welt. Doch Israel wird vorgeworfen Menschenrechte zu verletzen, Gaza auszuhungern und dessen Einwohnern das Überleben zu erschweren. Diese Lügenpropaganda, über die ich schon in meinem Tagebucheintrag vom 28.8.2008 geschrieben habe, könnte durch Berichte wie der vorliegende, entkräftet werden, doch habe ich von diesem Drama erst im Fernsehen erfahren – in der gedruckten Presse fand ich darüber nichts.

Freitag, 12. September 2008

Der Götz von Berlichingen und die fehlende Empathie

12.9.2008

Vor kurzem war ich in Jerusalem an einer Pressekonferenz um einem Vortrag des palästinensischen Ministerpräsidenten zuzuhören. Er kam nicht, sondern delegierte seinen Aussenminister, der seines Chefs Worte vorlesen sollte, was er auch tat. Davon ist nichts berichtenswert, es war das übliche palästinensische Gejammer und die ebenso übliche Ablehnung jeder Verantwortung für alles eigenes Tun und dessen Folgen. Etwas interessanter waren Antworten auf Fragen aus dem Publikum. Neben sachlichem wurden auch Fragen wie etwa „Was denkt seine Exzellenz der Herr Aussenminister über die in der arabischen Welt herrschende Gewalt, in der sich weit mehr Araber gegenseitig umbringen, als in den gesamten rund hundert Jahren des jüdisch-arabischen Konflikt Menschen umgekommen sind?“. Der Zweck der Frage war wohl, die Gewalttätigkeit der arabischen Kultur anzusprechen, die viele Juden vor einem Frieden zwischen Palästina und Israel zögern lässt. „Das hat mit der Lösung des Problems nichts zu tun“, war die kurze Antwort. Ich wollte ihn fragen, was er zum offiziellen Judenhass, der in arabischen Schulen gelehrt und in der palästinensischen und arabischen Gesellschaft lauthals vorgelebt wird, zu sagen habe. Vielleicht ahnte David Kimche, Organisator und Moderator des Anlasses, diese unbequeme Frage – ich wurde nicht aufgefordert, sie zu stellen. Dafür durfte mein Freund Roger Guth vorschlagen, den schweizerischen Föderalismus als mögliches Modell zu berücksichtigen, ein Vorschlag der höflich abgewiesen wurde.

"Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!" Diese feinen Worte hat der Goethe dem Götz von Berlichingen in den Mund gelegt – vielleicht hat dieser sie auch tatsächlich gesprochen. Das Zitat kommt mir immer dann in den Sinn, wenn ich lese oder höre, wie Aussenstehende Israel zum nationalen Selbstmord überreden wollen. Wie fast alle Israelis (Juden und Araber) wollen wir Frieden, denn ein normal denkender und funktionierender Mensch im israelischen Kulturkreis – so wie ich diesen kenne – zieht vor, seine Energien auf einen friedlichen Alltag auszurichten, seine Kinder friedlich und ohne Hassideologien zu erziehen, seinen Geschäften nachzugehen, in Nachbarsländern seine Ferien zu verbringen und dort Freunde zu haben, statt sich dauernd mit Kriegen, Terror, Hass und Gewalt aus eben diesen Nachbarländern auseinandersetzen zu müssen, um Väter und Söhne an der Front zu bangen und Kriegsopfer zu begraben, von denen es, über die vergangenen sechzig Jahre gesehen, fast so viele gab wie Verkehrsopfer. Oder wie für viele, jahrelangen Militärdienst leisten zu müssen, der die Produktivität des Staates enorm behindert, denn es sind ja gerade die besten unserer Bürger, die sich davor nicht drücken.

Leider gibt es aber auch in Israel gemeingefährliche Ideologen und Spinner, die die Zeiten biblischer Mythen, ein Grossisrael, das es nie wirklich gegeben hat, einen Halachastaat, ähnlich dem Shariastaat islamischer Jihadisten einführen wollen und denen für diese Ziele jedes Mittel recht ist. Araberhass und Gewalt bis zu Mord an unseren Minderheiten gehört zu ihrem Repertoire. Aber sie werden von der Mehrheit der Israelis und der Regierung abgelehnt und bestraft. Die Schlimmsten sitzen wegen Mordes an arabischen Bauern und Arbeitern im Zuchthaus. Auch diese Spinner haben ihre Fans, ihre Zahl hat durch den alles pervertierenden arabisch-palästinensischen Hass auf uns Juden eher zugenommen, denn er gibt ihnen einen weiteren Vorwand für ihr übles Tun. Doch noch sind sie eine Minderheit im Land.

Nicht das erste Mal schreibe ich von der fehlenden Empathie westlicher Kreise für die Lage Israels und seiner Menschen. Israels sieben Millionen Bürgern stehen heute etwa 300 Millionen Araber (in zehn Jahren werden es rund 400 Millionen sein) oder wenn wir wollen, 1,61 Milliarden Muslime gegenüber. Trotzdem wird Israel zum Goliath empor stilisiert und unsere lieben Feinde zum David. Militärisch ist Israel stark, anders wäre es schon lange weggefegt. Doch sein erfolgreiches Überleben, so denke ich, hat vor allem mit Motivation zu tun. Es ist diese Motivation, die wenn darauf ankommt, intelligente Kriegsführung erzeugt und die überragende persönliche Motivation des einzelnen israelischen Soldaten, die Kriege gewonnen hat. Sogar der nicht gerade erfolgreiche Krieg im Sommer 2006 hat letzteres wieder demonstriert – wie in früheren Kriegen, nahmen im Ausland lebende israelische Reservesoldaten den ersten Flug nach Israel, um an der Verteidigung ihres Landes teilzunehmen, motiviert durch ein tiefes Verantwortungsgefühl, das sich bis heute nicht verflüchtigt hat. Ich erlebte dieses Phänomen schon in 1967 und in 1973. Es war das Wissen, dass es keinen anderen Weg zu Überleben gibt und alles getan werden muss um zu gewinnen. Flächenmässig wenig mehr als halb so gross wie die kleine Schweiz, hinter sich das Meer, vor sich die unendliche Weite der arabischen Welt und deren Feindschaft, kann sich Israel nirgends zurückziehen. Es ist die überragende Motivation des israelischen Volkes, die der künstlichen, real nicht existierenden Motivation der arabischen Armeen entgegensteht und so überlebt. Es gibt die zweifelhafte Motivation der Jihadisten, der Hamas, Hisbollah and anderen zu töten, doch diese Motivation ist religiös, basiert ausschliesslich auf Hass, Todeskult, Rassismus und Antisemitismus und hat mit dem Überleben weder des Einzelnen oder eines ganzen Volkes nicht das Geringste zu tun. Sie sind ein starker Störfaktor des täglichen Lebens, morden aus Überzeugung nicht nur Israelis, doch grundsätzlich bilden sie für Israels Existenz keine existenzielle Gefahr. Nur, hier wieder die fehlende Empathie – wenn Israel sich wehrt, dann wird ihm dies Übel genommen, es wird sogar der „Überreaktion“ angeklagt. Vielen Israelis denken dann tief in ihrem Innern die feinfühligen Worte des Götz von Berlichingen oder ähnliches. Manche sprechen es auch aus. Dann spricht der wohlwollende Israelkritiker vom arroganten Israeli. Weil ihm eben jene Empathie fehlt, welche für die armen palästinensisch-arabischen „Widerstandkämpfer“ und Jihadisten bei jedem Terror-Versteher und Gutmenschen vorhanden ist.

Freitag, 5. September 2008

Der Patriotismus des drusischen Restaurateurs

5.9.2008

Als Vorspeise ein kleiner Hinweis auf eine neue Vorschrift der Armeeführung an die Soldaten der Strassensperren in den besetzten Gebieten. Der Muslime wichtigster Feiertag, der einen Monat dauernde Ramadan, begann am 1. September. Während dem Ramadan dürfen die Gläubigen von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang weder essen, trinken noch rauchen. Die Soldatinnen und Soldaten der Strassensperren wurden angewiesen, bei Anwesenheit von Palästinensern aus Respekt für deren religiöse Observanz ebenfalls nicht zu essen, zu trinken und zu rauchen. Muslime sind während dieser Fastenzeit ganz besonders reizbar und die Armee will darauf Rücksicht nehmen, obwohl Nichtmuslime vom Ramadan nicht betroffen sind. Interessanterweise las ich diesen Hinweis auf der Website der palästinensischen Ma’an News Agency.

Diese Woche wurden Lea und ich von Hani und Seham Hasisi ins Restaurant „Lev HaKfar“ (Herz des Dorfes) ausgeführt. Es liegt im Touristen und Auswärtigen wenig bekannten historischen Teil von Daliat Al-Carmel (heute heisst es eigentlich zusammen mit dem eingemeindeten Ussefiya amerikanisiert „Carmel City“), einem Quartier, das mit seinen sauberen und engen Gassen romantisch wirkt. Lev HaKfar ist als Restaurant guter arabisch-drusischer Durchschnitt, seine Salate sind sehr gut, doch in Umm El-Fahm isst man allgemein besser. Aber – und das ist der grosse und einmalige Unterschied – neben dem Restaurant des Betriebes befindet sich ein gemütlicher Salon mit Polstersesseln, Sofa, den üblichen Kissen und Matratzen auf dem Boden, Tischchen und Tischen sowie unzähligen Fotos an den Wänden. Die Fotos zeigen meist den Beizer Safa und seine Frau mit den VIPs und gewöhnlichen Leuten, die sein Etablissement schon besucht haben. In diesem Salon wird Kaffee serviert, zusammen mit Gebäck und Früchten. Soweit so gut. Das wirklich Spezielle des Lev HaKfar ist die jahrlange Tradition, wöchentlich jeden Montag Gruppen israelischer Soldaten einzuladen, jedes Mal zwischen dreissig und sechzig, wie Safa sagte. Sie werden verpflegt, es wird ein fünfzehnminütiger Film über die drusische Kampfeinheit der israelischen Armee gezeigt, sie treffen lokale junge Leute und sollen sich zu Hause fühlen. Dies sei sein persönlicher Beitrag zur gemeinsamen und friedlichen, ja gar freundschaftlichen Existenz zwischen der jüdischen Mehrheit des Landes und seinen Minderheiten. Diese Einladungen sind völlig frei und die eingeladenen Soldatinnen und Soldaten seien seine Gäste. Denn die Armee sei auch seine Armee und der Staat sei auch sein Staat. Das gefürchtete Herev Batallion (Schwert-Batallion), die drusische Einheit der Armee gehöre dem ganzen Staat. Dazu möchte ich allerdings hinzufügen, dass drusische Soldaten in allen Einheit zu finden sind, als Soldaten und als Offiziere.

Solche Ansichten möchte ich auch im muslimischen Umm El-Fahm hören, werde dazu jedoch noch lange warten müssen. Zwar merken die Araber Umm El-Fahms langsam, dass sie statt jammern, besser sich selbst helfen sollten. Mein Freund Said Abu-Shakra steht ihnen fast schon aufdringlich als Beispiel täglich vor der Nase. Die Drusen haben das schon früher gemerkt und internalisiert, auch wenn ihre Kultur und ihre Tradition sich westliche „Eigenheiten“ wie Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, erst noch erarbeiten müssen. Dazu ein Beispiel, das Seham Hasisi erzählte, als ich sie fragte, ob sie gelegentlich in ein drusisches Bethaus gehe, von denen ich einige in der Altstadt gesehen hatte. Genau so wie bei uns Juden, den Muslims und Christen ist traditionelle Religion zum Stolperstein und Hindernis jeglicher Weiterentwicklung geworden. Seham antwortete, es sei ihr verboten ein Bethaus zu besuchen, denn sie lebe keinen religiösen Lebensstil. Sie müsste dazu erst den Scheich um Einwilligung bitten, der ihr als erstes den Führerschein wegnehmen würde, sie zwänge das traditionelle schwarze Kleid und den weissen Schleier der drusischen Frau zu tragen, keinen Beruf zu erlernen und bestenfalls als Putzfrau zu arbeiten. Die Sitten scheinen streng zu sein – auch in Saudi Arabien ist Frauen das Autofahren und einiges anderes verboten und wird vom Staat und seinen Sittenpolizisten durchgesetzt. In Israel kann das höchsten der Ehemann tun – ob es vorkommt, könnte ich bestenfalls raten und das will ich nicht. Doch immer wieder erlebe ich Überraschungen, wie den Patriotismus von Safa, dem drusischen Beizer. Dessen Frau noch immer ein schwarzes Kleid und weisses Kopftuch trägt. Patriotismus hat halt mit Frauenemanzipation wenig zu tun.

Sonntag, 31. August 2008

Lynn Hasisi und die wilden Weiber des Friedens


Wie für meine Enkelin Hadass beginnt am kommenden Montag die 12. Klasse, die Maturaklasse der israelischen Schulen, auch für Lynn. Sie besucht die Mittelschule des Kibbuz Ein Hashofet. Wir sind mit ihren Eltern befreundet, sitzen alle paar Wochen mit ihnen und Lynn bei einem guten Essen und interessanten Diskussionen in unserer Stube.

Lynn erzählte von ihrer Polenreise, die von den Schulen für Elftklässler organisiert wird, um den Schülern den Schoa zu vermitteln. Diese Reisen finden seit Jahrzehnten statt, sind zu einer Industrie geworden und werden manchmal auf eine Art durchgeführt, die mir nicht gefällt, wie nationalistisches Gehabe mit zu vielen Fahnen, einseitigem Reiseprogramm, das ausschliesslich auf die nazistische Vernichtungsindustrie konzentriert, ohne geschichtliche Hintergründe zu vermitteln, ohne den jüdischen Widerstand in den Konzentrationslagern und bei den Partisanen zu erwähnen, ohne die jüdische Kultur von einst und das nichtjüdische Polen von heute zu besprechen und letztlich, ohne Kontakt zu den Polen und Polinnen von heute zu suchen oder gar mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Das Besondere dieser Reise ist die Tatsache, dass Lynn keine Jüdin sondern Drusin ist, deren Eltern ihr eine fortschrittliche Schulausbildung vermitteln wollen, modern, israelisch und vor allem einer freien Gesellschaft entsprechend. Deshalb geht sie in eine Kibbuzschule. Mit Lynn zu sprechen ist ein Erlebnis, ein Vergnügen, das ich gerne und wiederholt auskoste. Ihr Hebräisch ist das einer Sabra, es ist nicht der geringste arabische Akzent zu hören, sie spricht spontan, hat eigene moderne Ansichten und scheut sich nicht, diese ins Gespräch einfliessen zu lassen. In vielem erinnert sie mich an meinen Enkel Jonathan, dem politisierenden Jugendbundleiter, der vor drei Wochen zusammen mit seinem Gar’in (Kerngruppe) in die Rekrutenschule einrückte. Bei den Drusen herrscht Militärpflicht, doch nicht für Mädchen und deshalb, so sagte sie, sei sie die erste Drusin, die den freiwilligen zweijährigen Zivildienst absolvieren werde. Das ist zwar nicht die Armee, doch auch so wird sie die erste Drusin sein, die diesen freiwilligen Dienst tut, genauso wie sie die erste Drusin war, die sich der für Juden (mehr oder weniger) obligaten Polenreise anschloss.

Auf dem Flug nach Polen sass sie zusammen mit dem mitreisenden Zeitzeugen, einem Holocaustüberlebenden, der mit den Jugendlichen bei diesen Reisen mitfährt und ihnen vor Ort seine Erlebnisse erzählt. Es wäre seine dreizehnte Polenreise als Zeitzeuge gewesen und es werde ihm mit jeder Reise schwierigen, seine Erinnerungen den jungen Menschen zu erklären, hatte er ihr erzählt. Er sei fast vom Sitz gefallen, als er erfuhr, dass Lynn keine Jüdin, sondern Drusin sei. Seiner Meinung nach, sei es wohl das erste Mal, dass ein nichtjüdischer Schüler als Mitglied einer jüdischen Schule mitreise.

Die Reise sei sehr streng gewesen, nach den Besuchen von Konzentrationslagern, ehemaligen Ghettos, Museen und ähnlichem sei die Gruppe jeden Abend zusammen gesessen, habe die Erlebnisse des Tages besprochen, Revue passieren lassen und abschliessend versucht, Lehren abzuleiten. Um zehn Uhr seien alle schon im Bett gewesen, um elf Uhr war Licht aus. Das hörte sich ganz anders an, als ich es in der Zeitung gelesen und wie es mir mein Enkel Adam nach seiner Reise erklärt hatte. Man habe keine polnischen Juden, keine polnische Nichtjuden getroffen, Gespräche mit diesen waren nicht im Programm vorgesehen gewesen. Fahnen habe man keine getragen, nur einmal, bei einer Feier, seien zwei kleine Fähnchen gehalten worden. Immerhin, nie seien die Teilnehmer abends in einer Bar herumgehangen und alkoholisiert ins Hotel zurückgekehrt. Das könnte der Einfluss der Kibbuzschule sein, in der vielleicht noch die Regeln des Jugendbundes Haschomer Hazair hochgehalten werden. Lynns Eindrücke und Empfindungen waren fast physisch fühlbar. Die Besuche in Auschwitz und bei der Rampe von Birkenau, in KZ Maydanek, im Ghetto von Lodz und ähnlichen Orten sind ihr unter die Haut gegangen. Das Wissen um die schiere Zahl der Opfer, der industrielle Massenmord, die Anlagen dazu und die Öfen mit den hohen Kaminen hätten sie geschüttelt. Sie erzählte von dem kleinen Jungen, der jemanden im KZ fragte wo seine Eltern seien. Man habe auf den Rauch, der aus den Kaminen quoll gezeigt und gesagt: „Siehst du den Rauch? Das sind sie“.

Dazu ist zu bemerken, dass Hani, Lynns Vater, vor Jahren versuchte einen drusischen Verein zu gründen um israelischen Minderheiten den Holocaust nahe zu bringen. Er bat mich um Hilfe, wir druckten Flugblätter und hielten lange Sitzungen ab, bei denen mein Freund Adam Teller, Geschichtsprofessor an der Universität Haifa (Geschichte der polnischen Juden ist sein Fach) teilnahmen. Hani musste leider aufgeben, nicht, weil er sich mit drusischen Judenhassern, die es auch gibt, auseinandersetzen musste, sondern weil jüdische Holocaustprofis in ihm eine Konkurrenz sahen und sich verweigerten. Da ohne Juden der Holocaust einem unwissenden Publikum kaum erklärt werden kann, verlor Hani den Mut. Doch gute Freunde sind wir geblieben.

Wir waren heute in der Galerie in Umm El-Fahm. Zufällig war eine Gruppe jüdisch-russischer „Frauen für den Frieden“ anwesend und wir schlossen uns ihnen beim Gespräch mit Said Abu-Shakra an. Anschliessend zeigte ich meiner Frau Lea und unserer Freundin Aviva die fotografische Ausstellung über die Geschichte der Stadt (mein Tagebucheintrag 30.6.3008). Die Frauen für den Frieden waren da und wir betrachteten die die gleichen Bilder. Auf einem Schwarzweissfoto von 1948 war ein primitives Haus aus Lehm zu sehen, vor dem einige arabische Männer und israelische Soldaten zu sehen waren. Auf dem Haus war eine kleine weisse Fahne mit einem handgezeichneten, aber schwer zu erkennenden Davidstern zu sehen. „Das stört mich“, erklärten einige dieser Damen ungefragt. Auf einem anderen Foto war ein Jeep mit israelischen Offizieren zu sehen – alles aus dem Jahr 1948. „Die hassen wir!“, riefen dieselben Damen des Friedens. Als ich sie milde auf die Tatsache aufmerksam machte, dass in 1948 die Palästinenser und arabische Staaten das soeben geborene Israel angegriffen hätten und dass der daraus entstandene Krieg zwischen Israel und der arabischen Welt ausschliesslich deshalb entstanden sei und ebenso ausschliesslich das palästinensische Flüchtlingsproblem kreiert habe, wurde ich hysterisch angeschrieen: „Was du bist auch so einer, der die Besetzung unterstützt.“ Aviva zog mich weg und erklärte mir, dass man mit solchen Fanatikerinnen nicht vernünftig reden kann und besser jedem Gespräch aus dem Wege gehe. Das magische Wort „Besetzung“, mit dem jedes Argument erschlagen werden kann, ist zwar erst nach dem Sechstagekrieg in 1967 entstanden und ist mit der Eroberung der Westbank verbunden – eine Eroberung, die nur durch den Eintritt Jordaniens in diesen Krieg ausgelöst wurde. In 1967 hatten nicht einmal unsere eigenen jüdischen Spinner Eroberungsgelüste. Doch verbunden mit dem Unabhängigkeitskrieg von1948 ist dieses Wort schlicht die prinzipielle Ablehnung des jüdischen Staats. Dann wurde mir gesagt, dass beim betrachten der Bilder klar werde, dass Israels Araber ihren Lebensstil verloren hätten. Ich weiss nicht wie die Gedanken dieser Tanten funktioniert, sie meinen wohl den Lebensstil der Lehmhäuser, der Vielweiberei, dem Analphabetentum, der Abhängigkeit von ihren Feudalherren. Ich bin ratlos, wie sich jüdische Frauen dafür verwenden können, denn es geht um ihr eigenes Überleben und kann doch nicht aus der verantwortungslosen und verlogenen Ideologie entstanden sein, die bei sogenannten „Friedensgruppen“ in der Schweiz, in Europa und in den USA zu finden ist und eigentlich Israel zum nationalen Selbstmord bewegen will. Das Benehmen dieser Damen ist seltsam.

Strassensperren in der Westbank

24.4.2007

(Dieser Tagebucheintrag ist schon weit über ein Jahr alt, aber so aktuell wie dann. Deshalb finde ich, das er einen Platz im Blog verdient)

Ich bin zurzeit in Diskussionen verwickelt. Es geht um Israels Besetzung der Westbank – den Gazastreifen sind wir ja dank Arik Scharon losgeworden – und das Verhalten dort, besonders im Zusammenhang mit Strassensperren und der „Mauer“, wie der Sicherheitszaun, zu 94% aus Draht bestehend, genannt wird. Bevor ich mich in diesem Tagebucheintrag darüber auslasse, finde ich es richtig, meine Stellung zum Thema Besetzung seit 1967 ein für alle Mal zu präsentieren, obwohl das eigentlich für meine lesenden Freunde unnötig sein sollte. Sie wissen, was ich denke.1. Ich bin der Meinung, dass wir in der Westbank nichts zu suchen haben. Nach dem Sechstagekrieg wurde die Westbank wie auch Gaza, als Pfand für Frieden betrachtet, bis Rabbiner Levinger im Dezember 1975 in Sebastia bei Hebron, mit Tricks und Lügen die in diese Sache schwache israelische Regierung und die Armee hinters Licht führte und den Grundstein für das Siedlerwesen (oder Unwesen) legte. Heute sollen bereit 400'000 jüdische Siedler in der Westbank leben, die offizielle Zahl ist etwa 250'000.2. Ich bin der Meinung, dass der Sicherheitszaun eine Notwendigkeit ist, der statistisch bewiesen eine Menge israelischer Leben gerettet hat. Seit er besteht sind Terrorattentate ganz selten geworden. So lange bis nicht ein verlässlicher Frieden mit Israels Nachbarn besteht, wird dieser Zaun bestehen bleiben. Dass er nicht auf der Grünen Linie geführt wurde, ist ein Schönheitsfehler, der korrigiert werden muss und zum Teil schon korrigiert worden ist. Der Verlauf des Zaunes ist jedoch weit weniger wichtig, wie das Retten menschlichen Lebens vor palästinensischem Terror.3. Ich bin der Meinung, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Strassensperren in der Westbank heute überflüssig sind. Es gibt genügend unbewachte Strassen und Wege für Fahrzeuge und Fussgänger, die Palästinensern ermöglichen, ihr Ziel unkontrolliert zu erreichen. Alle Betroffenen wissen das, sie werden und wurden von der Presse fotografiert. Deshalb sind diese Strassensperren heute nichts anderes als ein bewusstes Schikanieren palästinensischer Zivilisten. Je nach Charakter oder ideologischer Überzeugung der einzelnen Offiziere und Soldaten, kann das gemäss Vorschrift geschehen oder Einzelne lassen ihren lädierten Charakter walten. Wir wissen, dass seit sehr langer Zeit in der Westbank keine Terroristen in Strassensperren erwischt worden sind. Die Tatsache, dass es noch immer zu langen Schlangen vor diesen Kontrollposten kommt, hat mit der politischen Lethargie der palästinensischen Bevölkerung zu tun, die auch bei vielen israelischen Arabern im politischen Leben zu beobachten ist. Israels Armee kann froh sein, dass es in der palästinensischen und arabischen Welt keinen Gandhi gibt, der die Menschen überredet, Konflikte prinzipiell gewaltlos zu lösen. Man stelle sich vor, wie einige hundert palästinensische Zivilisten als Gruppe singend auf eine Strassensperre zugehen würden, mit dem Ziel diese ohne Gewalt und friedlich zu durchqueren. Würden israelische Soldaten auf Kinder, Frauen und andere Zivilisten schiessen? Ich bin überzeugt, dass sie es nicht tun könnten, nicht tun würden. Ich wäre froh, mich hier zu irren, aber Gandhis gibt es in der arabischen Gesellschaft nicht, einer Gesellschaft in der nur Lethargie oder extreme Gewaltbereitschaft die Norm sind.4. Israels gegenwärtige Regierung ist, obwohl es einige gute Leute darunter hat, als Gesamtes gesehen eine völlige Katastrophe. Olmert und Peretz hätten nach dem Misserfolg des zweiten Libanonkrieges sofort zurücktreten müssen, doch fehlt ihnen dazu das demokratische Verständnis und der Sinn für persönliche Verantwortung. Der iranischen Bedrohung der arabischen Welt (dazu gehören wir wenigsten gemäss klar verkündeten iranischen Absichten) haben wir zu verdanken, dass arabische Regierungen einzulenken scheinen und Israel Friedensverhandlungen anbieten. Ein ungeheurer Wandel seit den drei Neins von Khartum vor vierzig Jahren, mit seinen „keine Anerkennung, keine Verhandlungen, keinen Frieden“ mit Israel. Obwohl Olmert nach einem Kick in den Hintern aus den USA und Europa, äusserst zögerlich und mit Ausflüchten und Vorbedingungen reagiert. Ich denke, dass noch nie seit Staatsgründung, Israel so nahe war, mit der arabischen Welt ins Gespräch über Frieden, Normalisierung und schlussendlich gemeinsamer Stellung gegenüber der iranischen Bedrohung zu kommen. Es scheint, dass das für Israel abschreckende Thema der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge kein Stolperstein zu sein braucht, denn vor kurzem ist eine saudische Stellungnahme, ganz im Sinne Israels, durch Memri der nichtarabischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, in dem die bisherige Sicht der ausschliesslichen Schuld Israels an diesem Drama mehr als nur relativiert wird. Da es in der arabischen Welt keine eigentliche Pressefreiheit gibt, bin ich überzeugt, dass dieser Artikel mit behördlicher Bewilligung und Unterstützung publiziert worden ist. Auch deshalb ist zu hoffen, dass unser famoser Premierminister, die ausgestreckte arabische Hand ergreift und ohne Vorbedingungen zu Gesprächen bereit sein wird. Sesselkleben und Angst haben machen keinen Staatsmann. Durch eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Verhandlungsangebot der Araber, unter Führung Saudi Arabiens und ernsthaften Gesprächen könnte, entgegen bisherigen Erwartungen, aus Olmert vielleicht doch noch ein richtiger Premierminister werden.Meine Diskussion, am Anfang dieses Tagebucheintrages erwähnt, findet mit einem Freund statt, der sich auf einzelne nicht immer schöne Phänomene der israelischen Politik in den besetzten Gebieten konzentriert und darüber die Sicht fürs Ganze und die Sicht auf die Hintergründe israelischen Tuns verloren hat. Das sind die Strassensperren und der Sicherheitszaun, der Israel vor Terroristen schützt. Die Damen der „Machsom Watch“, die täglich an den Strassensperren das Geschehen beobachten, berichten und manchmal sogar helfend eingreifen, tun das nicht nur aus humanitären Gründen, sondern weil sie gegen die Besetzung der Westbank und gegen das Beherrschen eines anderen Volkes durch Israel sind. Dafür verdienen sie viel Respekt. Aber auch sie wissen warum diese Strassensperren erstellt worden sind und sie wissen inzwischen auch, dass diese Strassensperren, wie ich weiter oben schrieb, zum grössten Teil Ihrer Aufgabe entwachsen sind. Viele wissen es, nur die israelische Regierung hat das noch nicht begriffen. Ganz allgemein befremdet mich zu sehen, wie sich Aussenstehende auf irgendeinen Schwachpunkt Israels stürzen und versteifen, als ob er sämtliche und zum grössten Teil beträchtliche Leistungen des Staates Israel repräsentieren würde.

Dienstag, 5. August 2008

Wahrnehmung?

4.8.2008

Die arabische Welt sollte mit ihrem öffentlichen und offiziellen Judenhass der westlichen Welt und den Paragonen des Antirassismus und der Menschenrechte genau so ins Auge stechen, wie es in den Dreissiger und Vierziger Jahren die Naziideologie, die in ihrer damaligen Form als Vorbild ihrer heutigen Vertreter, dem politischen Islam, gesehen und benutzt wird, hätte tun sollen. Arabischer Antisemitismus der heutigen Tage führt nahtlos in Stil und Aussage die Naziideologie fort, als deren Erbe sich die islamische Welt betrachtet. Zwar gibt es wenige, im Westen lebende Muslime und Araber, die sich dagegen aussprechen und sich schämen, doch Führer arabischer Staaten und Terrorfunktionäre sprechen in bewährter Manier in Englisch und anderen westlichen Sprachen das schiere Gegenteile dessen aus, was in arabischer Sprache in der arabischen Presse, in den Moscheen, in den Schulen und in den Parlamenten in Judenhass gesagt und gelehrt wird. In der Hamas Charta (http://usahm.info/Dokumente/Hamasdeu.htm) sind die Ziele der Hamas klar und deutlich beschrieben, so klar wie damals in Hitlers Bestseller „Mein Kampf“. . Mühelos ist es heute möglich solches und anderes im Original oder in Übersetzung zu lesen und zu sehen – Memri macht’s möglich. Es lohnt sich in diesem Website etwas zu wühlen.
Ein hervorragend recherchiertes und auch vom Laien relativ einfach zu lesendes Buch zum Thema ist „Djihad und Judenhass“ von Matthias Küntzel (ça ira-Verlag, Freiburg, 2003) Auf 184 Seiten inklusive Anmerkungen und Index legt Küntzel den Hintergrund, beginnend mit Hassan Al-Banna, dem Begründer der Muslimbrüderschaft, der Mitte der 1920er Jahre diese erste jihadistische Bewegung begründete, die schon damals einen extrem reaktionären Islam entwickelte, der in der bisher extremsten Form von den Taliban in Afghanistan ausgelebt wird. Al-Banna gründete eine populistische Bewegung, die vieles, was von totalitären Gruppen der modernen Zeit, wie die Nazis, der osteuropäische Kommunismus Lenins, Stalins und Mao Zedongs früherer Zeit betrieben wurde und heute von der Hisbollah, Hamas, Castros Kuba und Chavez’ Venezuela und anderen betrieben wird, ablehnte, aber, so sehe ich es, in einer religiös statt ideologisch verbrämter Form weiterführt. Darin wird das Volk arm gehalten, aber mit dem Notwendigsten wie Kindergärten, Kliniken, Schulen, Lebensmitteln am Leben gehalten und damit von diesen Organisationen oder dem von diesen vertretenen Staat in eine Abhängigkeit getrieben, von der sich die Meisten nicht befreien könne oder wollen.

Im Jihadismus von Al-Banna sind die Dogmen der Rechtlosigkeit und Unterwerfung der Frau, die Ablehnung der Demokratie und die Staatsführung gemäss Sharia, dem islamischen Recht, die rabiate Ablehnung alles westlichen, als sinnlich gesehenen zu finden. Küntzel beschreibt das so: „………… ist doch zumindest zu konstatieren, dass die Muslimbrüder ihre eigenen libidinösen Wünsche und Träume auf die Welt der Ungläubigen projizieren. Projektion ist eine Abwehr, in der das Subjekt dem anderen Gefühle und Wünsche, die es ablehnt oder in sich verleugnet, unterstellt. Folgerichtig musste sich die Aggression, mit der die Muslimbrüder die eigenen sinnlichen Bedürfnisse verleugneten, als Hass gegen „westliche Dekadenz“ und „jüdische Sittenlosigkeit“ austoben, bestand doch die einzig erlaubte Annäherung and das verbotene Begehren und das begehrte Verbotene darin, es zu zerstören.“ (Seite 20). Ähnliches ist uns aus extrem religiösen christlichen und jüdischen Kreisen auch bekannt, doch nicht in diesem, in diesem masslosen psychotischen Hass, der alles nicht in sein Schema passende tötet.

Al-Bannas Jihadismus als Reaktion auf den Versuch der ägyptischen Frauen, sich 1923 als gleichberechtigte Menschen der Gesellschaft durchzusetzen (mindestens zum Teil beeinflusst durch die säkulare Revolution im selben Jahr, der bis anhin muslimischen Türkei durch Mustafa Kemal, der sagte: „Nichts in unserer Religion verlangt, dass Frauen den Männern unterlegen sein müssten“, rechtliche Gleichstellung verordnete und als erster den Schleier verbot) (S. 21). Obwohl 1928 gegründet, erreichte die Mitgliederzahl der Muslimbrüder Ägyptens erst 1948 500'000 Mitglieder, wurden dann aber vom „sozialistischen“ Gamal Nasser aufgelöst und heute von Mubarak unterdrückt – doch heute sind sie die mächtigste Gruppierung der Palästinenser (Hamas) und im Libanon (Hisbollah, wenn auch als Schiiten) und gefährliche Störfaktoren in Algerien, Pakistan und Afghanistan, sowie mindestens ideologisch in Saudiarabien vertreten. Al-Banna wurde im Februar 1949, erst 43 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seines Einflusses, ermordet.

Die Muslimbrüder lehnten anfänglich den Rassismus der Nationalsozialisten ab, doch heute wird in der arabisch-muslimischen Welt ein Antisemitismus praktiziert, der sich, man sehe sich die antijüdischen Zeichnungen in der Presse an, man lese die extremen judenhassenden Texte in Schulen und Medien, höre sich auch Aussagen von Funktionären politischer Parteien und Berufsverbänden an –nahtlos an den „Stürmer“, der Parteipostille der Nationalsozialisten an, als dessen Erben sich der heutige Jihadimus sieht.. Diese These wird geschichtlich durch die Kollaboration des palästinensischen Muftis Hadj Amin Al-Husseini von Jerusalem in den Kriegsjahren belegt, als er für Nazideutschland eine Muslimdivision aufstellte und bei Hitler ein meist gern gesehener Gast war.
Vier von den Muslimbrüdern als Neuerungen deklarierte Auslegungen des Korans, möchte ich hier nennen:

1. Der kulturelle Kampf gegen sinnlichen und „materialistischen“ Westen, gegen westliche Dekadenz und jüdische Sittenlosigkeit.
2. Die Wiederherstellung patriarchalischer Dominanz und die Abkehr von erreichten Frauenrechten.
3. Nicht nur der formalisierte Judenhass, sondern auch der eine grosse Vorteil, den Jihadisten heute mehr denn je ausspielen, ist die Todeskultur, gegen die die freie Welt noch kein Mittel gefunden hat. Al-Banna schrieb dazu in 1938 das Buch „Die Todesindustrie“. Unter dem Titel „Kunst des Todes“ schrieb er in einem Leitartikel über die „Todesindustrie“, nämlich darüber wie man edel stirbt. Was wir heute in unserer Region und anderen Teilen der Welt täglich am Fernsehen mitverfolgen, fand in den 40er Jahren schon in Kairo statt.
4. Den Jihad (Anstrengung) für materielle und soziale Ziele lehnte die Brüderschaft schon damals als Verstoss gegen den Koran ab. Jihad sei der Kampf gegen das absolut Böse und das seien die Juden.

Die ideologische Grundlage dieses von Al-Banna ideologisch verfeinerten Jihadismus wurde in den Schriften des Sayyed Qutb unterstützt, dessen überbordender Judenhass den heutigen jihadistischen Judenhass gewaltig beeinflusst. Qutb wurde 1966 wegen seinen Schriften als Aufrührer in Kairo gehängt.

Ich empfehle Matthias Küntzels Buch, das in klarer Sprache darlegt, wie der islamische Judenhass nicht durch soziale Ursachen und Hintergründe ausgelöst worden ist. Die wohlmeinenden Gutmenschen des Westens der heutigen Tage, die so inniglich an dieser Mär hängen und ausschliesslich daran die Hintergründe von terroristische Massenmorde, Terroraktivitäten, Frauenunterdrückung und Hass der Moderne und anderem durch arabische und islamische Gruppierungen verschiedener Couleur sehen, wird der Spiegel ihrer Dummheit vorgehalten. Ob das bei ideologisch so sehr festgenagelten Kreisen etwas hilft, das darf bezweifelt werden.

Montag, 28. Juli 2008

Der Austausch 2

17.7.2008
Obwohl mit dem „Austausch“ einverstanden kommt mir das grosse Kotzen. Deshalb mache ich es mir hier leicht und zitiere hier einen Abschnitt aus dem Blog „Lizas Welt“ von heute mit dem Titel „Die Fratze der Barbarei“:

„Neben der Gewissheit der Familien Regev und Goldwasser über das Schicksal ihrer Söhne“ – die heute beerdigt werden – „ist die eindrucksvolle Bestätigung der Niederträchtigkeit ihrer islamistischen Feinde das einzig Positive, was sich über den ‚Gefangenenaustausch’, der keiner ist, sagen lässt“, resümierte Claudio Casula. „Was lernen wir also aus diesem faulen Handel? Dass Israel gut daran täte, bei nächster sich bietender Gelegenheit die heute hämisch grinsende Visage Nasrallahs in den Staub zu drücken – und die seiner Horden gleich mit.“ So müsse der jüdische Staat auch in Gaza verfahren, wenn dem ebenfalls entführten und von der Hamas gefangen gehaltenen Gilad Shalit etwas zustoße. In einer zivilisierten Welt sei für Barbaren wie Hizbollah und Hamas kein Platz, schloss Casula. Das Weblog Letters from Rungholt ergänzte: „Natürlich mag es im palästinensischen Volk Menschen geben, mit denen wir einen Friedensprozess führen könnten, die ähnliche Ziele haben wie wir. Nur: Wo sind sie? Wo hört man ihre Meinung? Wenn es sie gibt, ist ihre Einstellung jedenfalls lebensgefährlich, und sie behalten sie für sich. Die große Masse der arabischen Welt ist trunken von Hass gegen uns. Nichts, was Israel getan oder angeblich getan hat, rechtfertigt diesen Hass.“

Dem schliesse ich mich voll an, auch den Aussagen von Rungholt. Was bleibt, sind nur noch tapfere Entscheide einer starken israelischen Regierung.

Donnerstag, 17. Juli 2008

Der "Austausch"

16.7.2008

Bei jedem, mit dem ich heute spreche, fühle ich einen Zorn, eine Wut, die ich schon lange nicht mehr erlebt habe. Diese zornigen Israelis sind nicht etwa die üblichen Araberhasser vom Dienst, nationalistische Siedlertypen, Kahanisten oder andere dieser Zunft. Es sind normale, vernünftige Leute mit liberalen Ansichten über Israels Existenz im Mittleren Osten, über den Umgang mit unseren arabischen Bürgern, den Palästinensern und der arabischen Welt ganz allgemein. Die Wut richtet sich gegen Olmert und seine Regierung, die es wieder einmal zuliess, israelische Leichenteile gegen islamische Kindermörder auszutauschen. Einen Teil dieser Wut teile ich. Doch meine Wut richtet sich nicht auf Olmert, sondern auf die arabischen Terrorbanden.

In israelischen Gefängnissen sitzen, meines Wissens, etwa elftausend gefangene Araber. Darunter sind Palästinenser aus der Westbank und Gaza, Libanesen, Jordanier und andere. Die meisten sitzen dort, weil sie Terror ausgeübt haben. Vom Massen- und Kindermörder, verhinderten Selbstmordattentäter, vom politischen Strippenzieher der andere losschickt um seine üblen Ideen auszuführen. Einige sitzen aus zweifelhaften Gründen, denen die israelische Justiz noch nicht auf den Grund gekommen ist. Aber alle werden vom Roten Kreuz besucht und ihre Haft von dieser überwacht, Freunde und Familienbesuche finden statt – kurz, offiziell ist bekannt wo sie sich befinden und wie es ihnen geht.

Ganz anders steht es mit israelischen Gefangenen in arabischer Gefangenschaft, vor allem Gefangene der Hamas und der Hisbollah. Besuche sind keine gestattet, nicht einmal vom Roten Kreuz. Niemand weiss ob sie überhaupt leben und wo. Weder Hamas noch Hisbollah geben Informationen über ihren Zustand bekannt, Israels in Gefangenschaft geratenen Soldaten werden als Schachfiguren zynisch gegenüber Israel und der Welt ausgespielt, ihre Familien verhöhnt – die gesamte unmenschliche Philosophie islamistischer (ob islamisch oder islamistische spielt inzwischen keine Rolle mehr, da synonym) Menschen- und Lebensverachtung wird ausgespielt – für die ganze Welt zu sehen. Ob von dieser aber wahrgenommen, ist eine andere Frage. Diese offene Diskrepanz des menschlichen Niveaus liegt für jeden sichtbar vor.

Heute wurden die (vermutlichen) Leichenteile von Ehud Goldwasser und Eldad Regev an der UNO-Grenzstation Rosh Hanikra gegen einen der übelsten Mörder in der Geschichte des Landes, dem Drusen Samir Kuntar, ausgetauscht. Obwohl libanesischer Druse, brachte er es fertig im Namen Allahs drei Menschen umzubringen, dabei ein dreijähriges Mädchen, dem er den Kopf an einer Wand zerschlug. Das war vor dreissig Jahren. Heute kam er frei und wird im Libanon als Held gefeiert. Reue zeigt er keine, er will mit seiner Tätigkeit fortfahren, dort wo er vor dreissig Jahren aufgehört hat. Diese Demonstration menschlicher und religiöser Bösartigkeit sollte eigentlich bei jedem anständigen Menschen Brechreiz auslösen – wie weit dies geschehen wird, werden wir vielleicht in den kommenden Tagen in der Presse verfolgen können. Soll die Jüdischkeit seiner Opfer ihn zum Helden der arabischen Welt stempeln? Abu Mazen, unser Möchtegernfriedenpartner, gratulierte Kuntar ebenso, wie andere Mitglieder der PA. Es wird, so die Presse, nicht ausgeschlossen, dass in den besetzten Gebieten und Gaza ebenso gefeiert wird, wie im Libanon. Mein drusischer Freund Hani, meinte, der damals sechzehnjährige Kuntar, sei derselben Hirnwäsche unterzogen worden, wie die meisten anderen Terroristen, die vor allem auf Judenhass getrimmt, sämtliche natürlichen menschlichen Hemmung verlieren und sich als Erben nazistischen Judenhassens sehend, entsprechend aufführen. Das hat Geschichte, die noch vor der Gründung Israels begonnen hatte.

Mein Eindruck ist, dass die Mehrheit des Volkes sich gegen den Regierungsentscheid zum Gefangenenaustausch gewendet hat. Der Zorn ist tief und beruht fast ausschliesslich auf Emotionen. Emotionen allein sind billig, doch sollten sie geachtet und zur Kenntnis genommen werden. Die Witwe von Kuntars Opfern hingegen sagte öffentlich aus, dass sie nichts gegen die Auslieferung des Mörders ihrer Familie hätte. Kuntar sei nicht ihr persönlicher Gefangener und der Regierung stehe es frei, mit ihm zu tun, was dem Interesse des Landes nütze. Solche menschlichte Grösse ist auch in Israel selten zu finden, doch sie besteht. Genau so wie sie bei palästinensischen und jüdischen Familien zu finden ist, die Organe ihrer durch die Armee irrtümlich getöteten Kinder an jüdische und arabische Kranke freigaben. (Ein faszinierendes Thema, das einen separaten Artikel verdient). Diese menschliche Grösse ist zu beobachten, wenn Familienangehörige von Opfern beider Seiten, sich versöhnlich verständigen und statt Hass zu pflegen, Verständigung fördernde Aktivitäten aufnehmen.

Von nur von wenigen realisiert ist die Tatsache, dass Hisbollahs Hass gegen Israel rein ideologisch-religiöser Natur ist. Hisbollah ist eine libanesische Organisation des schiitischen Islams. Ansprüche auf Land, wie palästinensische Terrorbanden anmelden können, haben sie keine, denn aus religiöser Überzeugung töten sie Juden weil sie Juden sind und Juden nicht in dieser Region leben oder gar einen eigenen Staat haben dürfen. Das ist die Motivation Hisbollahs, gestützt durch seine Sponsoren, dem Iran der Mullahs und deren Ahmedinejad, die sie im Libanon vertreten, assistiert von Syrien.

Dienstag, 1. Juli 2008

Die Geschichtsträchtigkeit des arabischen Israeli



Neben dem im letzten Tagebucheintrag besprochenen Tauschgeschäft mit Hisbollah und Hamas gibt es dieser Tage ein weiteres Thema, das aber von Presse und Regierung diskreter behandelt wird. Es geht um zwei miteinander verflochtene Gesetze, die, falls von der Knesset angenommen, Israel plötzlich in einen rassistischen Staat verwandeln würde, das Wort Apartheid wäre dann nicht mehr so völlig deplatziert wie bisher. Es geht, kurz gesagt, darum, unseren arabischen Mitbürgern die Ehe mit palästinensischen Bürgern aus der Westbank, Gaza oder andern arabischen Ländern zu verweigern – vordergründig aus Gründen der Sicherheit. Als hätten wir keinen Shin Beth, die sich seit Jahrzehnten erfolgreich um Sicherheit des Landes vor Mord und Terror aus palästinensischen und anderen Kreisen kümmert. Der damit verbundene zweite Gesetzesentwurf, würde dem Innenministerium, einer ohnehin traditionell religiös-rassistischen Behörde, völlige rechtliche Unabhängigkeit verschaffen – seine Entscheidungen könnten nicht mehr vor Gericht angefochten werden. Es gibt Leute, zu denen ich mich zähle, denen solchen Bedrohungen demokratischer Grundsätze aufs Gemüt schlagen, Der Versuch diese Problematik offen zu legen findet gar nicht immer Beifall.

Zu obigem direkt verbunden sehe ich die gestern eröffnete Photoausstellung in unserer Kunstgalerie in Umm El-Fahm. Das Thema ist die Geschichte Umm El-Fahms und seiner Region, dem Wadi Ara, photographisch dokumentiert seit 1903. Ich sehe diese Ausstellung, als bisher wichtigstes Unterfangen der Galerie. Es sind rund 450 Bilder mit dazugehörigen Legenden zu sehen, aus aller Welt zusammengetragenen und vor allem durch das von Said Abu-Shakra ins Leben gerufene Archiv arabischer Geschichte, das, geleitet von Dr. Mustafa Kabha und seinen jüdischen und arabischen Mitarbeitern in Freizeitarbeit schon eine enorme Arbeit geleistet hat. Die Ausstellung wurde vom Kurator Guy Raz eingerichtet und bleibt bis Dezember 2008 geöffnet.

Der Eindruck, den diese Ausstellung vermittelt, ist friedfertig und unbedrohlich, ich selbst sehe sie als versöhnlich. Diese Feststellung, so deplatziert sie auch klingen mag, muss gemacht werden, denn es gibt noch immer viele jüdische Israelis, denen jede arabische Aktivität und Initiative verdächtig ist. Die Ausstellung stellt höchsten bestehende Vorurteile in Frage, wie etwa den uralten Slogan „Ein Land ohne Volk, für ein Volk ohne Land“, das in den Urzeiten des politischen Zionismus im Trend lag, zwar von Theodor Herzl abgelehnt worden ist, aber inzwischen nur noch von rechtsextremer Seite gelegentlich hervor geschleppt wird – als gäbe es keine wirklichen Argumente für den jüdischen Staat.


Es ist zu sehen, wie Umm El-Fahm vor der Staatsgründung in 1944 aussah, es wird bildlich dokumentiert wie die heutige Autobahn durchs Wadi Ara als Kamelweg in 1925, als ungeteerte Landstrasse in 1935, bis zum ersten Ausbau durch die israelische Regierung in 1962 und als heute vierspurige Autobahn und Hauptverkehrsader in den Norden des Landes entstanden ist.
Es gibt Bilder, oder ganze Wände davon, die mir unter die Haut gingen. Wie zum Beispiel Familienbilder, zum Teil mehrere Generation alt, darunter sogar eine muslimische „Ktuba“, einen Ehevertrag.
Die Ausstellung ist in sich geschlossene Räume unterteilt in
Themen wie Familien, Konflikte damals und heute, alte Menschen, Kinder, Besuche der militärischen Behörden in den Jahren der militärischen Administration dieser Region Israels (1948 bis 1966), Arbeit damals und heute, es gibt Bilder „freundschaftlicher“ Besuche (jüdischer)
Palmachsoldaten in 1948, es gibt Bilder arabischer Aufrührer und deren Anführer aus der britischen Mandatszeit, Sportklubs (vor allem Fussball, hauptsächlich seit 1948).


Der deutsche Journalist Ulrich W. Sahm fasste aus seiner Sicht die Ausstellung im N-TV zusammen. Hier der Link dazu.

Zusammenfassend werden an dieser historischen Ausstellung Mythen aus vorisraelischer Zeit, als die damals noch nicht Palästinenser genannten Araber fröhlich ihrer Arbeit nachgingen, unter Olivenbäumen rasteten und Kaffee tranken, friedfertig mit einander umgingen und gegen niemanden auch nur die geringsten Animositäten hegten, widerlegt. Das nostalgisch verfälschte Vorgaukeln einer früheren Romantik (zugegebenermassen auch in anderen Kulturen zu finden), von Apologeten der palästinensischen Sache wie beispielsweise Sumaya Farhat-Naser in bestem Deutsch unter die Gläubigen gebracht, wird hier fotografisch nicht nur in Frage gestellt, sondern widerlegt.
Wie hat sich das arabische Leben vor und seit dem Entstehen Israel entwickelt? Hier eine kleine Auswahl:
· Dem grassierenden Analphabetismus (ganz besonders unter Frauen) hat die israelische Schulpflicht ein Ende gesetzt. Nur noch ältere Generationen sind noch davon betroffen.
· Statt auf dem Land im feudalen Westen lebender Grossgrundbesitzer, der sein Land dem jüdischen Nationalfonds verkaufte und so seine für ihn als eine Art Leibeigene schuftenden Fellachen um ihr Einkommen brachte – denn Besitz hatten sie ja keinen – studieren viele Araber, lernen Berufe und haben selbständige Existenzen. Industrien, auch High Tech, haben in der hiesigen arabischen Gesellschaft Einzug gehalten.
· Arabische Israelis besitzen heute den mit grossem Abstand höchsten Lebensstandard aller Araber im Mittleren Osten, nicht nur materiell, sondern vor allem auch sozial, durch das Leben in einer freien Gesellschaft, statt in einer in der arabischen Welt üblichen Gesellschaft der Angst (Society of fear).
· Arabische Israelis nehmen als Teil der freien israelischen Gesellschaft an staatlichen Diskurs teil, auch wenn sie traditionell noch nicht völlig demokratische Gepflogenheiten verstehen. Ihre Politiker sehen sich grösstenteils noch als Vertreter der muslimischen Umma, statt als Vertreter ihrer Wähler.
· Dem Clansystem der Grossfamilien (Chamullah) geht, wenn auch sehr langsam, der Schnauf aus. Sehr langsam werden die autoritären Bindungen innerhalb der Grossfamilie schwächer, Söhne (und gelegentlich auch Töchter) ziehen es heute vor, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht den Eltern oder dem Clanältesten hörig zu bleiben. Selbständigkeit hält Einzug, was aber kein Grund sein muss, das Familienleben grundsätzlich zu beeinträchtigen.

Trotzdem ist etwas geblieben, das uns Westlern mit unserem Kult fürs Jungsein und dem wirtschaftlichen (ausser als Konsumentensegment) und gesellschaftlichen Abschreiben ältere Menschen leider verloren gegangen ist, nämlich Höflichkeit und Respekt vor Eltern und älteren Mitmenschen.

Parallel zur oben beschriebenen Ausstellung werden in den Räumen der Kinderkunstschule photographische Arbeiten einer Gruppe junger arabischer Damen, die eine Ausbildung als Sozialwissenschaftlerinnen im Beit Berl College absolvierten. Die sieben klassenbesten Mädchen dieser Abschlussklasse drücken ihre Empfindungen als arabische Töchter in der Form grossformatiger Photographien aus. Im Katalog dieser kleinen Präsentation „Open Mind“, in Deutsch etwa mit „Aufgeschlossener Geist“ zu übersetzen). In diesem schmalen Büchlein sind Dinge zu lesen, die man aus traditioneller arabischer Feder nicht erwartet, schon gar nicht aus der Feder von Frauen.

Maysa Abu Ammar (21 Jahre)


Mit einer Offenheit sondergleichen wird die gesellschaftliche Stellung der arabisch-palästinensischen Frau beschrieben, die Erziehung zum Schweigen, zur Unterwürfigkeit gegenüber Männern (und sei es der eigene Bruder), denen all das gestattet ist, das der Frau verboten wird, ihre Reinheit als Repräsentantin der „Familienehre“, das Fehlen sexueller Information durch die Mütter and andere, mit der offenen israelischen Gesellschaft nicht zu vereinbarende Tabus arabischer Traditionen bis hin zur Beschneidung muslimischer Frauen, die unter palästinensischen Frauen durch die Bücher von Ayaan Hirsi Ali thematisiert worden ist. Maysa fragt wie eine islamische Gesellschaft Mädchen so behandeln könne. Instruktiv sind die Gedanken der Mädchen zur Heirat. Alle Sieben entwarfen Inserate, in denen ein Ehemann gesucht wird und das inserierende Mädchen sich selbst beschreibt und sein Vorstellungen bekannt gibt. Ein Teil der Inserate wurde im Namen der Eltern entworfen. So beschreibt sich Maysa im Inserat ihrer Eltern als gut erzogen, höflich, respektvoll, religiös und schön. Sie sucht einen ebenso religiösen jungen Mann, respektvoll, gut erzogen und gut etabliert. In ihrem eigenen Inserat steht hingegen: Sunni Muslim Mädchen sucht einen passenden Mann für sich selbst. Sie sei arabische muslimische Palästinenserin, gut gebildet, gut aussehend, ambitiös, religiös, unabhängig, modern und es würde ihr nichts ausmachen, in einem anderen Land zu leben. Maysa will einen respektvollen, verständnisvollen, religiösen, hart arbeitenden, offenen jungen Partner. Passende Anfragen an …..

Nadia Abu Muck (20 Jahre)

Nadia sucht einen hochgebildeten, gut aussehenden, grossen jungen Mann bis 26 Jahre alt, der gerne reist, konservativ und respektvoll zu anderen ist. Rawid beschreibt sich als Muslima, gebildet und schöne palästinensische Lady, in Israel lebend und 20 Jahre alt. Sie sucht einen Arzt bis 34 Jahre alt, der sie unterstützt und ihre Studien weiterführen lässt. Marwa sucht einen liebenden und sorgenden Mann für ein muslimisches Mädchen. Der Bräutigam soll aufgeschlossen sein und Marwa so akzeptieren, wie sie ist. Er soll sie zum Weiterführen ihres Studiums und zur Arbeit ausserhalb des Hauses ermuntern. Der gutaussehende Kandidat soll nicht älter als 25 Jahre alt und Muslim sein sowie einen respektvollen Job besitzen. Ein guter Familien „Background“ ist auch wichtig. Das waren einige Beispiele.

Respekt ist ein Hauptkriterium, die Angst ihr Studium nicht weiterführen zu dürfen ein weiteres. Der Eindruck, den diese sieben Mädchen vermitteln ist (Maysa vielleicht ausgenommen), durch das Fenster ihrer Ausbildung in einem jüdischen College, die Freiheiten einer offenen Gesellschaft gesehen und ein Stück weit erfahren zu haben. Nun wollen sie in den Genuss dieser Freiheit kommen ohne auf der anderen Seite auf die Sicherheit ihrer eigenen familiären Traditionen zu verzichten, vor allen aus Angst vor der weiten Welt, denke ich. Doch sie sind ein Beweis der von mir weiter oben vertretenen These der langsamen Auflösung der traditionellen palästinensischen Grossfamilie.


Diese Ausstellung ist eine Reise nach Umm El-Fahm wert.

Freitag, 27. Juni 2008

Gemischte Gefühle

27.6.2008

Der ist von Ruben Mechanicus und passt so schön zum Ende dieses Tagebucheintrags:

Eine Krähe sass auf einem Baum und tat den ganzen Tag nichts. Ein kleiner Hase sah die Krähe und fragte sie: "Kann ich mich auch so hinsetzen und den ganzen Tag nichts tun?" Die Krähe gab zur Antwort: "Sicher, warum denn nicht." So setzte sich der kleine Hase auf den Boden unter der Krähe und ruhte. Plötzlich kam ein Fuchs, sprang auf den kleinen Hasen und frass ihn. Management Lektion: Um herumzusitzen und nichts zu tun, musst du sehr, sehr weit oben sitzen!

Nun zur Sache:

„Morgen“, wann immer das sein soll, werde der Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah stattfinden. Die zwei Soldaten Regev und Goldwasser sollen gegen einen arabischen Massenmörder namens Samir Kuntar, der in Nahariyas eine Familie zerstörte – zum Teil ideologisch stilgerecht auf Naziart, einem vierjährigen Kind den Kopf gegen die Wand schmetternd. Kuntar, in typisch israelischer Weichherzigkeit, durfte im Gefängnis heiraten und im Fernstudium einen B.A. erwerben. Als Gegenleistung hat er nun verkündet, dass er nach einer möglichen Freilassung seine Terrorkarriere wieder aufnehmen werde. Neben Kuntar sollen noch einige libanesische Gefangene gegen die zwei Soldaten ausgetauscht werden. Das heutige Tauschgeschäft ist buchhalterisch besser als das letzte, als 450 arabische Terroristen gegen ein paar tote Israelis, beziehungsweise deren noch vorhandenen Körperteile und einen israelischen Drogenhändler ausgetauscht worden sind. Vergessen wir nicht den gefangenen Soldaten Gilad Shalit, der irgendwo in Gaza in einem Keller gefangen gehalten wird (so wird berichtet) und um den heute mit der Hamas ebenso gefeilscht wird, wie mit den Hisbollah um die zwei Reservesoldaten Regev und Goldwasser.

Aber man muss sich fragen: ist es richtig, einen verurteilten blutdürstigen Terroristen wie Samir Kuntar freizusetzen, um zwei israelische Soldaten zu befreien? Soldaten, die vielleicht nicht mehr leben. Ich denke, es ist ein notwendiges Übel dies zu tun, jedoch unter der klaren Bedingung, dass Goldwasser und Regev lebend zu ihren Familien zurückkehren. Aber niemand weiss, ob die Beiden noch leben, denn im Gegensatz zu in Israel gefangenen Terroristen, die von ihren Familien und vom Roten Kreuz Familien besucht werden, weiss bei Gefangenen der Hisbollah und anderen Terrororganisationen niemand, ob sie überhaupt noch leben, wo sie sind, wie es ihnen geht, denn niemand darf sie besuchen. Deshalb kann es ohne weiteres sein, dass beim „morgigen“ Gefangenenaustausch ein quietschlebendiger Massenmörder und seine Kumpane gegen Leichenteile getauscht werden.

Israel ist, Ausnahmen in heimischen Extremistenkreisen ausgenommen, nicht in der Lage sich wie seine jihadistischen Feinde Hamas, Hisbollah, Ahmedinejad und andere, zu benehmen. Terror ist, im Gegensatz zu muslimischen Staaten, nicht integraler Teil des israelischen Regierungsprogramms. Im Gegensatz zum Jihadismus, heute tonangebend in der muslimischen Welt, lieben wir das Leben und nicht den Tod. Für Märtyrer haben wir wenig übrig, für solche, die den Tod für sich und andere suchen noch weniger.
Auch heute wissen wir nicht, wie die Verhandlungen und Abkommen mit der Hamas im Süden und der Hisbollah im Norden enden werden. Die Familien der drei entführten Soldaten haben die Medien und das Gericht eingeschaltet, sie fühlen sich von der Regierung verraten und ignoriert.

Noch selten fühlte sich das israelische Volk innerlich so zerrissen und von Zweifeln geplagt. Ist es richtig mit der Hamas einen Waffenstillstand zu vereinbaren, der es ihr erlaubt in Ruhe ihr Waffenarsenal auszubauen und ihre Unterdrückungsmechanismen gegen die eigene Bevölkerung, dazu gehören auch etwas dreitausend Christen, deren Kirchen und Bücher verbrannt und die im Namen Allahs auch ermordet und verprügelt worden sind, zu perfektionieren?

Wir werden den Eindruck nicht los, dass unsere Regierungsmitglieder die heutige Situation für ihre persönlichen Ziele missbrauchen. Die Regierung schwankt und wird vielleicht zusammenbrechen. Sogar innerhalb der Regierungsparteien sind die persönlichen Positionskämpfe derart unverschämt, dass die Interessen des Staates und seiner Bürger dabei vergessen gehen.

Ohne die Fussball Europameisterschaft in der Schweiz, in Österreich und im Fernsehen könnte man verzweifeln.

Samstag, 14. Juni 2008

Ein Lichtblick aus Kibbuz Nir Elijahu

14.6.2008

Es wurde bekannt gegeben, der Kibbuz Nir Elijahu habe eine muslimische Araberin als Mitglied aufgenommen. Das ist ein erstmaliges und hoffentlich nicht einmaliges Ereignis dieser Art, denn in einen Kibbuz wird nicht einfach jeder aufgenommen, der gerne möchte, sondern nur Menschen, die von einer Aufnahmekommission erst geprüft und dann der Kibbuzversammlung vorgeschlagen werden. Im Falle von Anal Carmiya, arabische Krankenschwester und Mutter zweier Kinder, ging das problemlos, Amal's Kinder gingen im Kibbuz zur Schule und vor einigen Jahren wurde sie dort als Krankenschwester angestellt. Man kannte sie und Kibbuzmitglieder sind mit ihr befreundet. Obwohl Neta Be’eri, ein Fachfrau über Bevölkerungswachstum und Entwicklung der Kibbuzbewegung, es bestreitet, ist dieser Akt eine symbolische Demonstration, die so sehe ich es, vor allem gegen den jüdisch-religiösen Extremismus gerichtet ist. Da mit Ausnahme der wenigen religiösen Kibbuzim, die Kibbuzbewegung sekulären Ursprungs ist, früher dem Marxismus frönte (das ist völlig wohlwollend gemeint), zeigt eben die Kibbuzbewegung damit auf, dass die heutige Kibbuzidee, obwohl von Juden geschaffen, für alle Menschen guten Willens eine alternative Lebensart anbietet. Die uralte Idee der „Avoda Ivrit“ (jüdische Arbeit), einem Leitmotiv der frühen Pioniere, ist schon lange tot, wurde jedoch in den heutigen Tagen von rassistischen, nationalistischen und religiösen Kreisen in Israel in einem neuen Kontext übernommen, in dem jede Art des Zusammenlebens mit Arabern torpediert werden soll. Aus eben diesen Kreisen wird der Kibbuz wegen Amal Carmiya’s Aufnahme als Vollmitglied angriffen, ihm sogar „Jüdischkeit“ abgesprochen. „Die Kibbuzmitglieder stimmten für Amal den Menschen, nicht für Amal die Araberin. Von dieser Sicht sind leider noch viele jüdische Israelis entfernt, denen es gar nicht gefällt, dass, wieder einmal die Kibbuzbewegung zeigt, wie man als nichtreligiöser Israeli ein weitaus besserer Jude sein kann, als unser Gegenstück zur Hamas und ähnlichem Gesindel, den religiösen und/oder nationalistischen Hassern aus eigener Küche. Vielleicht, so Neta Be’eri, bestimmt unbewusst in Anlehnung an bekannte antijüdische Mythen (z.B. siehe Emanuel Hurwitz: „Bocksfuss, Schwanz und Hörner“): „Wenn Leute realisieren werden, dass Araber keine Hörner haben, wird unser Beispiel Schule machen.“